2 Januar 2021

Neue Normalität? – 02.01.2021

Baumreihe

Es reden viele von der neuen Normalität. Einer neuen Normalität, die wir nach der Pandemie haben werden! Darunter vorstellen kann ich mir nicht viel, weiß nicht, was diese neue Normalität sein soll. Wenn ich frage, dann gibt es auch keine wirklichen Antworten darauf, weil dieses neue Normal wohl noch nicht fassbar ist. Vielmehr sind es wohl die Wünsche einiger, die sie in die Zukunft nach der Pandemie projizieren, weil sie jetzt in der Pandemie greifbar sind. Doch die Pandemie wird nicht ausreichen, um diese Veränderungen nachhaltig in der Gesellschaft zu verankern!

Festhalten am Alten

In den letzten Monate konnten wir sehen, wie schwer sich die Politik tut, irgendwo vom Standard abzuweichen. Klar, es gab Einschränkungen in Bereichen, die die Politik anscheinend für nicht so wichtig hält. Der private Bereich wurde möglichst weit runtergefahren, aber schon bei den Schulen konnten wir sehen, wie wenig Einfallsreich die Politik ist, wie sehr sie am eingeübten Verhalten festhält und dieses für das einzig sinnvolle Verhalten hält. Es geht der Politik nicht um die Chancengleichheit der Schüler*innen, auch wenn diese gern auf diese verweist, wenn sie ihre Entscheidungen begründen muss. Chancengleichheit gab es in diesem System schon vor der Pandemie nicht, Schüler*innen wurden abgehängt, weil die Eltern nicht die finanziellen Möglichkeiten hatten, um diese zu fördern! Das hat sich in der Pandemie nicht geändert und so ist dies auch ein sehr schwaches Argument, um die Präsenzpflicht in Schulen zu verteidigen.

Klar, Eltern sind keine ausgebildeten Lehrer und ja, es gibt Eltern, bei denen gibt es so große Bildungslücken, dass sie ihre Kinder nicht ausreichend unterstützen können, aber wenn wir die digitale Infrastruktur an Schulen nicht über Jahrzehnte vernachlässigt hätten, dann wäre vieles auch per Onlineunterricht möglich gewesen. Dass das nicht innerhalb eines Jahres aufgeholt werden kann, ist ebenso klar, aber es hätte digitale Konzepte geben können, die zumindest eine Wahlfreiheit hätten schaffen können. Kinder und Jugendliche, bei denen es möglich gewesen wäre, wären dann einfach zu Hause geblieben und hätten Onlineunterricht erhalten, gleichzeitig wären aber die Schulen als geschützte Lernräume für Schüler*innen offen gehalten wurden, die eben nicht von zu Hause aus lernen hätten können. Das hätte eine Chancengleichheit sichern können, hätte sogar ermöglicht, dass sich die Lehrer*innen in den Schulen intensiver um die anwesenden Schüler*innen hätten kümmern können. Doch den Sommer 2020 hat die Politik verstreichen lassen, hat die relativ ruhige Phase nicht genutzt, um die zweite Welle – die von allen Experten vorhergesagt wurde – vorzubereiten. Und nein, ständiges Lüften ist hier keine gute Vorbereitung, wenn dann hätte eventuell Geld in Luftfilter investiert werden müssen, aber das wurde ja lieber in die Lufthansa gesteckt, aber das ist ein anderes Thema.

Thema ist immer noch die neue Normalität, die ich nicht sehe, die ich mir nicht vorstellen kann. Ein weiteres Beispiel dafür sind Unternehmen, die ihren Mitarbeitern – dort wo es möglich war und ist – das Recht auf Home-Office verweigert haben und weiterhin verweigern. Die Politik wollte dieses Recht schaffen, hat das aber bis jetzt nicht hinbekommen und muss deswegen die Unternehmer*innen ganz lieb darum bitten, dass diese ihren Mitarbeitern diese Möglichkeit schaffen. Das Arbeiten in Großraumbüros hilft natürlich extrem dabei, die Kontakte zu anderen Menschen zu vermindern, um so die Übertragung des Virus zu verhindern.

Veränderungen wären möglich gewesen

Sicher hätte die Pandemie für Veränderungen in der Gesellschaft genutzt werden können, hätte die Gesellschaft nach der Pandemie eine andere Normalität leben können, aber das ist eben nicht geschehen und wird auch nicht geschehen, solange wir ständig konservative Parteien mit alten Ideen in die Regierungsverantwortung wählen – und ja, damit meine ich auch die SPD und die Grünen! Wir hätten ein BGE einführen und erproben können, dafür wäre die Pandemie genau der richtige Zeitpunkt gewesen. Wir hätten die Lufthansa verstaatlichen können, um diese dann auf Klimaschutz ausrichten zu können und es gibt noch so viel mehr, was wir in dieser Pandemie hätten machen können, um die Gesellschaft auf eine nachhaltige, Umwelt- und Klimaschonende Lebensweise umzustellen, aber diese Möglichkeiten haben wir nicht genutzt.

Und um die Veränderungen, die es gab, wird jetzt schon wieder gekämpft. Die vielen neuen Radwege zum Beispiel, die während der Pandemie entstanden sind, sollen möglichst schnell wieder verschwinden, damit die Autofahrer*innen ihren Platz wiederbekommen, der ihnen – ohne Grund – zugestanden wird. Welche neue Normalität soll es also nach der Pandemie geben?

Ist damit etwa gemeint, dass wir uns daran gewöhnen müssen, dass viele Orte des kulturellen Lebens für immer verloren sind? Dass das Café um der Ecke nach der Pandemie nicht mehr da ist, die Treffpunkte im Kiez verloren sind? Ist das die neue Normalität, von der alle reden? Eine Normalität mit weniger sozialen Kontakten, weil die kulturelle Infrastruktur verschwunden ist? Die Pandemie bedeutet doch derzeit eher, dass viele Kämpfe um Freiräume und kulturelle Treffpunkte verloren gehen, weil die Pandemie die kulturellen Angebote als erstes gefressen hat. Sie hat aber bisher keine großen Veränderungen in unserem Wirtschaftssystem bewirkt, keine Abkehr vom Kapitalismus, kein Umdenken bei der Profitgier! Gewinnmaximierung steht immer noch vor dem Gemeinwohl, Ausbeutung immer noch vor der Solidarität.

Ich sehe sie nicht!

Ich sehe die neue Normalität nicht. Ich sehe die alte Normalität, die einfach fortsetzt, was schon vor der Pandemie lief. Der Unterschied wird sein, dass viele Kämpfe, die vor der Pandemie noch mit der Aussicht auf Erfolg geführt wurden, nach der Pandemie verloren sind und mit diesen Kämpfen dann auch viele Freiräume, die der Gesellschaft fehlen werden und die neu erkämpft werden müssen. Wenn das mit neuer Normalität gemeint ist, dann möchte ich die eigentlich gar nicht haben, dann freue ich mich darauf auch nicht, dann verstehe ich auch nicht, warum einige das als Chance sehen.

25 November 2020

Das gesellschaftliche Hamsterrad und die Pandemie

Baumreihe

Es ist gerade spannend zu sehen, wie sich Politiker*innen immer weiter in ihrem Hamsterrad drehen, aus dem sie nicht herauskommen, weil das bedeuten würde, dass gesellschaftliche Konzepte auf den Prüfstand müssten. Konzepte, die wir jetzt Jahrzehnte so gelebt haben, weil es einfach so schön einfach ist und die wir nur nicht antasten dürfen, weil es halt schon immer so war!

Da müssen Schüler*innen weiter in die Schule, weil es eben wichtig ist, dass sie in die Schule gehen. Sonst wären ja die Eltern plötzlich gebunden, könnten nicht mehr die volle Zeit ihrer Arbeit nachgehen und das würde ja der Wirtschaft schaden. Und überhaupt, die Kinder müssen doch in die Schule, müssen doch soziale Kontakte haben und Lernen geht halt nicht anders! Am Nachmittag allerdings, also in ihrer Freizeit, da müssen sie soziale Kontakte dann unbedingt vermeiden, muss ja jeder seine Opfer bringen in der Pandemie. Kurz gesagt: Vormittags in der Schule schön anstecken und Nachmittags dann den Virus im Haushalt verteilen! Wobei, in der Schule steckt sich ja keiner an, passiert ja alles woanders und überhaupt … ach lassen wir das.

Es gab ja nicht den Sommer, in dem wir Modelle hätten entwickeln können, die jetzt den Druck herausnehmen würden. Digitale Konzepte, die den Schüler*innen zumindest eine Wahlmöglichkeit hätten geben können. Aber dann könnte sich ja am Ende vielleicht herausstellen, dass das System der Schulpflicht gar nicht notwendig ist und es durch das Recht auf Lernen ersetzt werden könnte.

Wo ich das Thema gerade anspreche: Ein Recht auf Lernen könnte auch Schüler*innen aus einkommensschwachen Haushalten davor schützen, dass das Job-Center plötzlich der Meinung ist, dass diese kein Abitur brauchen, sondern lieber arbeiten gehen sollen. Aber das ist ein anderes Thema, welches halt immer wieder Mal aufkommt, aber niemanden wirklich interessiert. Warum sollten Jugendliche aus Hartz4-Haushalten auch dieselben Chancen haben wie andere?

Zurück zu den Schulen. Das Problem sind ja nicht nur die fehlenden digitalen Konzepte, das Problem ist ja auch der Datenschutz. Ja, Datenschutz ist wichtig, aber es muss möglich sein, dass das Internet weiterhin als Kommunikationskanal genutzt werden kann und es muss auch möglich sein, dieses riesige Wissensnetz als Lernplattform einzusetzen. Wenn Eltern das allerdings nicht möchten, dann nutzt das beste digitale Konzept nichts! Ja, nicht nur Politiker drehen sich im Hamsterrad, auch viele andere Menschen sind darin gefangen, kommen einfach nicht raus, haben Angst vor dem Neuen und halten am Alten fest, weil das halt schon immer so war!

Nicht Wirtschaft, sondern Menschen retten

Der nächste Punkt ist dann weiterhin das BGE. Menschen brauchen – gerade in der Pandemie – ein sicheres Einkommen! Damit ist sehr viel mehr Menschen geholfen, als mit den 9 Milliarden Euro, die an die Lufthansa gegangen sind. Die Wirtschaft sollte ein Konstrukt sein, dass dem Menschen zu einem guten Leben verhilft. Derzeit ist es aber ein Konstrukt, was für viele Menschen ein gutes Leben unmöglich macht, weil es die Lebensgrundlagen zerstört und Mensch, Tier und Natur ausbeutet. Darum müssen jetzt auch die Schulen offen bleiben, damit diese Wirtschaft weiterhin Wohlstand für wenige schafft. Wäre es nicht so, dann müssten wir die Wirtschaft nicht retten, weil wir sie einfach herunterfahren könnten und sie dann – nach der Pandemie – ohne Schäden wieder hochfahren könnten.

Wären Wohn- und Geschäftsräume nicht dazu da, um anderen Menschen Renditen zu bringen, wären sie also in gesellschaftlicher Hand, könnte die Gesellschaft jetzt entscheiden, dass sie für einen gewissen Zeitraum auf die zu zahlenden Mieten verzichtet. Genauso sieht es bei Strom, Telekommunikation und anderen wirtschaftlichen Bereichen aus, bei denen wir als Gesellschaft einfach hätten auf Einnahmen verzichten können, damit alle gut durch die Pandemie kommen. Dann hätte es danach einfach weiter gehen können, dann bräuchte jetzt keiner Angst haben, durch die Pandemie seine Existenz zu verlieren!

Eine solche Wirtschaft haben wir aber nicht, hatten wir vor der Pandemie nicht und hätten wir jetzt in der Pandemie auch nicht erreichen können, aber wir hätten ein BGE einführen können! Habe ich jetzt schon oft genug geschrieben, hier im Blog, auf Twitter, überall, wo ich regelmäßig schreibe. Haben wir auch nicht gemacht und damit wieder eine Chance verpasst, die Gesellschaft insgesamt solidarischer zu organisieren.

Da hätten wir dann schon ein weiteres gesellschaftliches Konstrukt angefasst, nämlich das Konstrukt der Erwerbsarbeit. Oje, Erwerbsarbeit, Schulpflicht, was denn noch?

Vielleicht generell die repräsentative Demokratie? Nein, ich will keine Diktatur! Allerdings will ich demokratische gesellschaftliche Institutionen! Eine demokratische Wirtschaft, eine demokratische Institution Schule und vieles mehr. Werde ich wahrscheinlich nie erleben, weil wir uns immer weiter in unserem Hamsterrad drehen, weil es morgen noch so ist, weil es immer schon so war.

22 April 2020

Egoistisch oder demokratisch?

Wer vor Gericht geht, um dort prüfen zu lassen, ob die Einschränkung seiner Grundrechte verhältnismäßig ist, ist nicht egoistisch! Diesen Satz will ich jetzt schon längere Zeit loswerden, schon deswegen, weil er eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Es ist nicht Egoistisch Ausgangsbeschränkungen überprüfen zu lassen, es ist wichtig für eine Demokratie, dass dies möglich ist und dass jederzeit die Entscheidungen von Politikern überprüft werden können. Nur so können wir verhindern, dass solch eine Krise dazu genutzt wird, die Demokratie und die Freiheitsrechte zu beschränken.

Aber Demokratie scheint eh nur etwas für fröhliche und glückliche Zeiten zu sein, denn wenn ich mich so an Diskussionen und Tweets der letzten Wochen erinnere, scheint in solchen Krisen, wie wir sie jetzt haben, die Flucht zu Autoritäten die bequemere Option zu sein. Wenn Politiker nicht mehr als Autorität taugen, dann werden halt Wissenschaftler zu solchen Autoritäten erklärt. Unterschiedliche Meinungen sind dann nicht mehr zulässig, unterschiedliche Einschätzungen einfach nur problematisch und alles, was nicht ins Weltbild der eigenen Autorität passt, ist gleich eine Verschwörungstheorie und kann mit einer schönen Grafik, die schnell am eigenen Computer erstellt wird, widerlegt werden. Eigene Auswege aufzeigen, sich Gedanken machen, sich mit den Schattenseiten der jetzigen Einschränkungen auseinandersetzen, ist nicht notwendig, die Wissenschaft wird schon die Lösung präsentieren.

Eine demokratische Gesellschaft braucht die Wissenschaft, um Entscheidungen treffen zu können. Sie braucht aber keine Autoritäten, sondern sie braucht Wissen, sie braucht Einschätzungen und Entscheidungshilfen, um dann die richtigen und ausgewogenen Maßnahmen zu treffen. Ich bin zutiefst überzeugt, dass solche Entscheidungsprozesse sogar zu einer sehr viel größeren Akzeptanz solcher Maßnahmen in der Bevölkerung führen und dass diese dann auch länger durchhaltbar sind, eben weil jeder einzelne Mensch in eine solche Entscheidungsfindung eingebunden ist und eben alle Aspekte betrachtet werden.

Wenn ich mir die sozialen Medien so ansehe, habe ich das Gefühl, dass viele sich überhaupt nicht die Mühe machen, sich mit anderen Aspekten zu beschäftigen. Da wird die Ausweitung der Kontaktsperren gefordert, ohne zu beachten, dass diese auch für viele Menschen mit negativen Folgen verbunden sind. Es wird vergessen, dass der Mensch ein soziales Wesen ist, dass diese sozialen Kontakte für viele sehr wichtig sind, um psychisch Gesund zu bleiben. Wer eine gute soziale Beziehung führt, wer die physische Isolation mit einem anderen Menschen oder der eigenen Familie durchstehen kann, mag dies nicht verstehen, aber er muss zumindest versuchen sich einzufühlen, muss versuchen die vielen Schattierungen und die vielen Farben zu sehen und das Schwarz-Weiß-Denken ablegen. In dieser Krise geht es eben nicht nur darum, dass wir die Leben der Menschen in der Risikogruppe retten, sondern es geht auch darum das Leben der Menschen zu retten, die durch diese Krise und die unbekannte Isolation in Depressionen verfallen, oder die schon vorher in einer waren und diese nur durch physische Kontakte durchgestanden haben.

Es gibt Menschen, die sind mit den besten Absichten in diese Phase gegangen. Menschen, die sich an die Regeln halten wollen, die aber an eine psychische Grenze kommen, die einfach wieder physischen Kontakt zu anderen Menschen brauchen, weil sie sonst durchdrehen. Die sind nicht egoistisch, die haben es einfach nicht gelernt, solange Distanz zu halten. Oder ist es egoistisch nicht Lesen zu können, weil es nie eine Möglichkeit gab, Lesen zu lernen?

Die Krise zeigt mir, dass wir als Gesellschaft noch viele Dinge lernen müssen. Wir müssen autoritäre Denkweisen überwinden, müssen demokratische Denkweisen etablieren, müssen Institutionen demokratisieren und wir müssen noch etwas machen: Wir müssen die Überlebensgrundlage der Menschen unabhängig von der Wirtschaft machen. Die Menschen müssen selbst entscheiden können, ob die Arbeit, die sie machen, in einer solchen Krise notwendig ist oder nicht. Sie müssen in der Lage sein, dieser Entscheidung dann auch Taten folgen zu lassen, indem sie die Arbeit einstellen, ohne in Existenznot zu geraten. Dies wird nur gelingen, wenn das Einkommen unabhängig von der Erwerbstätigkeit ist. Ein bedingungsloses Grundeinkommen wird eine Grundvoraussetzung sein, um unsere immer noch autoritäre Gesellschaft in eine demokratische Gesellschaft zu verwandeln.

Ein weiteres Beispiel sind die Schulen. In einer demokratischen Gesellschaft sollten auch Schulen Orte der Demokratie sein. Schüler*Innen brauchen Mitspracherechte, sie müssen Mitentscheiden dürfen, wie es in einer solchen Krise weitergehen kann. Wie soll eine Gesellschaft zu einer demokratischen Gesellschaft werden, wenn die Kinder und Jugendlichen auf Autoritäten getrimmt werden? Es kann so nicht gelingen, weshalb hier ein grundlegender Hebel zu sehen ist, um unsere Gesellschaft zu transformieren.

29 März 2019

Sie

Wie gerne würde sie jetzt in diesen Muffin beißen. Sie konnte die warme Schokolade, die sich im inneren des Muffins befand, riechen und es lief ihr das Wasser im Munde zusammen. Täglich lief sie an diesem Café vorbei, täglich konnte sie das frische Gebäck riechen, der Dampf von heißen Kaffee stieg ihr in die Nase. Doch es fehlte ihr das Geld! Sie konnte sich ja nicht einmal eine Wohnung leisten und wenn doch einmal Geld übrig war, dann nutzte sie dies lieber für eine Nacht in einer Unterkunft. Doch oft blieb ihr das verwehrt, nur die öffentliche Dusche konnte sie sich regelmäßig leisten. Darauf achtete sie, denn wenn sie schon finanziell in Armut lebte, wollte sie nicht auch noch in soziale Armut verfallen, wollte die Kontakte nicht verlieren, sich nicht schämen müssen, wenn sie alte Freunde und Bekannte traf. Freunde und Bekannte, die nicht wussten, dass sie schon längere Zeit keine Wohnung mehr hatte und auch ihren Job war sie schon lange Zeit los.

Irgendwann fiel sie sogar durch das soziale Netz, es fing damit an, dass die Wohnung zu groß war und das Amt sie nicht mehr bezahlen wollte. Doch es gab keine kleinere Wohnung für sie. Es gab keine Wohnung, die sie sich leisten konnte. Die hohen Mieten, die Schikane vom Amt und der Verlust ihrer Arbeit, all das führte dazu, dass ihr Glaube an diese Gesellschaft verdorben wurde. Sie glaubte nicht mehr daran, dass es hier wirklich um den Menschen geht, es ging nur noch ums Kapital, um den fiktiven Glauben an eine höhere Macht, nur das diese höhere Macht nicht Gott war, sondern die Märkte.

Ihrem früheren Arbeitgeber ging es gut. Es gab eigentlich keinen Grund für ihre Entlassung. Die Einnahmen stimmten, die Auftragsbücher waren voll, doch sie war überflüssig. Dabei sollte in dieser Welt kein Mensch überflüssig sein!

Dieser Beitrag gehört zu abc.etüden. Da ich das Projekt spannend finde und es auch eine gute  Schreibübung ist, werde ich dort regelmäßig teilnehmen.

6 Juni 2012

Fachkräftemangel? Ach leckt mich doch…

Fachkräftemangel – ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie mir dieses Wort langsam auf den Keks geht. Fachkräftemangel, dieses verdammte Wort höre ich schon seit meiner Ausbildung, und die habe ich im Jahr 2004 beendet, also vor 8 Jahren. Dennoch gibt es ihn immer noch, den Fachkräftemangel. Aber warum?

Es gibt so viele Arbeitslose, mehrere Millionen, da werden doch wohl ein paar Tausend dabei sein, die entweder qualifiziert genug sind, um eine Fachausbildung zu bekommen, oder die schlau genug sind, um durch Weiterbildungen und Ausbildungen qualifiziert zu werden. Warum wurde es nicht gemacht? Wahrscheinlich um das Bild vom faulen Hartz4-Empfänger aufrecht zu erhalten, der nicht einmal in der Lage ist die Bundeskanzlerin zu erkennen. Ob wir wohl immer noch Fachkräftemangel hätten, wenn die Millionen die in sinnlose Bewerbungstraining-Maßnahmen gesteckt wurden, in die Ausbildung, oder in die Schulbildung der Arbeitslosen gesteckt wurden wäre? Wenn man willigen Arbeitslosen dabei geholfen hätte, einen vernünftigen Schulabschluss nachzuholen? Ich glaube, dann hätten wir diesen Fachkräftemangel nicht mehr, dann wären die Stellen besetzt und wir müssten nicht jammern.

Ich weiß selbst, wie schwer es war, die drei Jahre zu finanzieren, in welchen ich mein Abitur auf der Abendschule nachgeholt habe. Das kann verbessert werden, die Arbeitsagenturen könnten mit diesen Schulen zusammenarbeiten, sie könnten den Arbeitslosen weniger Steine in den Weg legen, wenn diese ihren Schulabschluss nachholen möchten. Aber das wäre wohl zu einfach, zu einfach für den Staat und zu teuer für die Unternehmen.
Denn auch die Unternehmen könnten sich ihre Fachkräfte ausbilden. Dafür müssten sie Geld in die Hand nehmen, damit die Ausbildungswilligen das Studium leisten können. Aber wozu sollte man das tun, wenn im Ausland die Fachkräfte ja schon ausgebildet wurden, und sie somit sofort und kostengünstig für die deutsche Wirtschaft zur Verfügung stehen?

Ach so, ich vergaß, die meisten Arbeitslosen sind zu doof. Es ist gar nicht möglich diese auszubilden, denn die Gehirne sind einfach viel zu klein. Ach ja, und außerdem trinken die meisten ja schon morgens um acht die dritte Flasche Bier und machen sich ihre erste Flasche Wodka auf. Ich habe also überhaupt nichts gesagt, diese Menschen sind verloren, sie sind es nicht wert ausgebildet zu werden, sie haben gar keine Chance verdient, um zu beweisen, dass sie durchaus in der Lage sind, eine Ausbildung zur Fachkraft zu überstehen.

Ach, was rege ich mich eigentlich auf. Liebe Leser, wir brauchen Fachkräfte, begebt euch in die Ausbildungslager in Thailand, damit ihr hier dann eine Chance auf Arbeit habt.

17 April 2012

Kostenfaktor Lebenserwartung….

Steigendes Lebensalter kostet Billionen“ – das habe ich gerade als Überschrift über einen „Welt“-Artikel gelesen. Den Artikel selbst habe ich nicht gelesen, aber mir reicht schon die Überschrift, damit sich Unbehagen in mir ausbreitet.

Die steigende Lebenserwartung der Menschen wird nicht als etwas Positives gesehen, sondern nur als Kostenfaktor in unserem System. Und alles was Kosten verursacht, ist eigentlich erst einmal etwas Negatives, denn es mindert den Gewinn. Im Grunde bedeutet das, das wir uns dafür schämen müssten, dass wir älter werden. Jeder der nicht mit 65 stirbt, ist einfach nur noch ein Kostenfaktor und somit eine Belastung für unsere Gesellschaft, jedenfalls könnte man so argumentieren, wenn man diese Überschriften immer liest.

Dass wir es aber eigentlich als etwas Positives sehen müssten, dass wir immer älter werden, das scheint in unserer Gesellschaft noch nicht angekommen zu sein. Sicher folgen daraus auch Krankheiten, die bisher noch nicht sooft aufgetreten sind, aber dafür gibt es ja die Forschung, die ja auch viele Arbeitsplätze sichert. Und die Forschung ist ja dazu da, um die Lebensqualität aller Menschen zu verbessern, oder um das Wissen der Menschheit zu erhöhen. Sie ist nur in zweiter Linie dazu da, um Gewinne zu erzielen, auch wenn viele das anscheinend nicht verstehen. Für viele ist Forschung etwas, was am Ende einen Profit in die Kassen irgendwelcher Unternehmen spülen muss. Alles was diesen Zweck nicht erfüllt, wird eben nicht erforscht, auch wenn dadurch Krankheiten verhindert werden könnten, die durch die höhere Lebenserwartung entstehen, und die dadurch höhere Kosten für die Gesellschaft bedeuten.

Wir sollten uns irgendwann bewusstwerden, dass die Wirtschaft für die Menschen da ist, und nicht die Menschen für die Wirtschaft. Wenn uns das klar wird, dann wird uns auch bewusst, dass der Mensch nicht als Kostenfaktor gesehen werden kann, sondern dass alles darauf hinausläuft, die Lebensqualität für Mensch und Tier zu erhöhen. Ein Gesundheitssystem sollte zum Beispiel nicht nur darauf achten, dass die Kosten möglichst gering sind, sondern das auch die Qualität für den Menschen noch gegeben ist und das es keine Zweiklassen-Medizin gibt. So ist es aber nicht, denn auch das Gesundheitssystem ist auf ein Maximum an Profit optimiert, obwohl das Gesundheitssystem eigentlich nur kostendeckend arbeiten müsste. Das gilt auch für das Pflegesystem und für viele andere Systeme, welche die Lebensqualität der Menschen erhöhen.

Ich würde mich darüber freuen, wenn die Überschriften zum Thema Lebensalter in Zukunft nur noch positiv wären. Wie wäre es zum Beispiel mit: „Steigende Lebenserwartung bringt mehr Zeit, um die Welt zu entdecken.“?