14 Januar 2021

Das Arschloch ist das Virus selbst!

Bäume, Wolken und ein Gewässer

Stellt euch Mal folgende – von mir absolut frei erfundene – Aussagen vor:

„Hättest du nicht mit deinem Kind gekuschelt, nachdem es einen absolut schrecklichen Tag in der Schule hatte und dich an die Regeln, die derzeit in der Pandemie gelten, gehalten, dann hättest du dich auch nicht mit Covid-19 infizieren können!“

Mein krankes Hirn

oder:

„Hättest du dich doch nur die letzten 10 Monate komplett in deiner Wohnung isoliert, jeden sozialen Kontakt vermieden und dir deine Einkäufe nur zu Vollmond liefern lassen, dann würden wir dich jetzt hier nicht ….“

Mein noch kränkeres Hirn

Nein, die zweite Aussage denke ich jetzt nicht weiter und ja, es ist ein absolut seltsamer Einsteig in einen Blogartikel, aber nachdem ich die Kommentare gelesen habe, die unter folgendem Erfahrungsbericht(Link klicken) zu finden waren, der von einer Person geschrieben wurde, die sich mit Covid-19 infiziert hat, verzweifle ich an dieser Welt schon wieder ein wenig mehr!

Ich halte diese Erfahrungsberichte für wichtig, ich halte sie für eine Bereicherung und ich wünschte mir sehr viel mehr davon. Doch solange es Menschen gibt, die hier die Schuld an der Infektion individualisieren möchten und damit jegliche Kritik an den Staat und seine Institutionen abschmettern wollen, dann wird es diese Berichte nicht geben, dann werden wir viele wichtige Hinweise nicht erhalten, viele Dinge, aus denen wir lernen könnten, die uns sogar besser durch eine eigene Erkrankung führen könnten. Doch wenn hier wieder ein persönliches Versagen herbeiphantasiert wird, weil es kann ja nur krank werden, wer sich nicht zu hundert Prozent an die Regeln gehalten hat, wird die Scham der Menschen verhindern, dass diese über ihre eigene Erkrankung schreiben!

Keiner von uns hat sich in den letzten Monaten zu hundert Prozent an die Regeln gehalten, keiner von uns ist bis hierhin fehlerfrei durch die Pandemie gegangen. Jeder von uns hat sich Situationen ausgesetzt, bei denen wir uns hätten infizieren können. Ich glaube nicht, dass es Menschen gibt, die ihre Kontakte zu anderen Menschen auf null runtergefahren haben. Der Mensch ist ein soziales Wesen, er bleibt es auch in einer Pandemie und somit besteht immer die Gefahr, sich zu infizieren! Deswegen ist eine Infektion auch nicht die Frage der persönlichen Schuld, zumindest dann nicht, wenn sich die Person so weit wie möglich an alle Regeln hält. Bei Personen, die den Virus und die Pandemie noch immer abstreiten, ist eine andere Bewertung durchaus möglich, aber um die geht es hier nicht.

Von der App bis zur Impfung – alles absolut scheiße!

Wann hören wir auf, aus dieser Pandemie einen Wettbewerb zu machen? Wann hören wir auf, aus jedem kleinen Fehler einen Elefanten zu machen, weil wir persönlich ja soviel besser sind und das alles anders gemacht hätten? Ja, genau darauf spiele ich mit meiner Zwischenüberschrift an! Keiner von uns hat wirklich Erfahrungen mit einer Massenimpfung, niemand hat sich vorher Gedanken über eine App gemacht, die eine datenschutzfreundliche Kontaktverfolgung ermöglicht, aber wenn ich so in meinen Filterblasen unterwegs bin, dann scheint es jeder besser zu können.

Nehmen wir die Impfung: Klar wurden und werden Fehler gemacht, aber abgesehen davon, wie viele Menschen hätten denn bis heute schon geimpft sein müssen, damit die Impfstrategie nicht Scheiße wäre? Einige scheinen zu meinen, dass der Impfstoff in unendlicher Menge zur Verfügung steht und die Regierung einfach nur hätte mehr kaufen müssen, damit wir jetzt schon sehr viel weiter wären mit der Impfung. Dabei steht er nicht unendlich zur Verfügung, dabei ist er jetzt schon ungerecht verteilt und es wird auf dieser Welt Menschen geben, die noch zwei oder drei Jahre auf eine Impfung warten müssen. Darüber müssen wir reden, nicht über die paar Fehler, die in den vergangenen Wochen gemacht wurden. Fehler, die jetzt gemacht werden, optimieren den Impfverlauf in den nächsten Monaten, in denen dann auch ausreichend Impfstoff zur Verfügung steht, sie gehören zum Lernprozess, den wir alle in dieser Pandemie durchlaufen und sie bereichern unseren Erfahrungsschatz.

Wenn wir uns also über etwas aufregen wollen, dann muss es das unsolidarische Patentrecht sein, welches verhindert, dass der Impfstoff jetzt einfach in ärmeren Ländern selbst produziert wird, ohne das hohe Lizenzkosten anfallen. Oder über das kapitalistische System an sich, wodurch auch in der Krise wieder die profitieren, die schon vorher immer profitiert haben und die, die vorher schon abgehängt waren, noch weiter abgehängt werden.

Jetzt bin ich aber irgendwie abgeschweift, war ich doch eigentlich bei den Kommentaren, die versuchen berechtigte Kritik zu unterbinden, indem sie irgendeine individuelle Schuld konstruieren. Hört doch einfach auf damit, nehmt Erfahrungsberichte über die Krankheit mit, freut euch darüber, wenn Menschen sich trauen, über ihre Erkrankung zu schreiben, weil das unseren Wissensschatz erweitert, weil es euch bereichert, es Handlungsempfehlungen gibt und ihr ganz einfach wisst, was auf euch zukommen könnte, wenn ihr dann selbst betroffen seid! Das Arschloch ist nicht die Person, die an dem Virus erkrankt, das Arschloch ist das Virus selbst!

12 Januar 2021

FFP2-Masken – 12.01.2021

Baumreihe

Die Corona-Pandemie zeigt immer deutlicher, dass die Politik Menschen mit geringen Einkommen in ihren Maßnahmen einfach nicht mitdenkt. Seit Monaten verweigert der Bund Menschen, die im Hartz4-Bezug sind, einen Corona-Mehrbedarf, der aber dringend nötig wäre, da andere Hilfsangebote nur noch eingeschränkt zur Verfügung stehen – ebenfalls wegen der Pandemie. Jetzt kommt Bayern und führt die Pflicht ein, im öffentlichen Nahverkehr und im Einzelhandel FFP2-Masken zu tragen. Die Idee mag ja nicht schlecht sein, da hierdurch auch der Eigenschutz erhöht wird, aber erneut wird davon ausgegangen, dass sich alle Menschen diese Masken leisten können. Dem ist aber nicht so!

In Haushalten mit niedrigem Einkommen – Hartz4-Empfänger mit einbezogen – sind die Einnahmen meist schon fest verplant für Miete, Strom, Heizung und Nahrungsmittel. Jede zusätzliche Ausgabe bedeutet, dass irgendwo anders gespart werden muss, im schlimmsten Fall also bei den Lebensmitteln. Politiker haben dies anscheinend noch immer nicht verstanden! Oder doch, sie haben es verstanden, es ist ihnen aber absolut egal. Klar, FFP2-Masken kosten derzeit „nur“ 3,- Euro das Stück, aber diese drei Euro fehlen dann eben bei der Nahrung, ist halt nur ein ganzes Brot mit etwas Wurstaufschnitt, oder das Kilo Äpfel, was dann eben wegfällt …

Ja, ich habe diese Diskussion tatsächlich schon häufiger geführt und dann kommt halt, dass die halt weniger Rauchen sollen, weil hier das Vorurteil besteht, dass jeder Mensch, der ein niedriges Einkommen hat, raucht. Dasselbe gilt ebenso für Alkohol, oder es kommen die Experten, die Mal drei Monate mit Hartz4 überleben mussten und daraus eine Erzählung für das ganze Leben machen. Ich weiß also, dass viele wieder versuchen werden, diesen Umstand mit irgendwelchen Argumenten wegzudiskutieren. Allerdings weiß ich auch, dass sich dieser Umstand nicht wegdiskutieren lässt!

Um es noch einmal anzumerken: Es geht hier nicht nur um Menschen, die derzeit im Hartz4-Bezug stehen, es geht um Rentner*innen, es geht um Arbeiter*innen im Niedriglohnsektor, es geht um Alleinerziehende, es geht also um all die Menschen, die weit unter dem durchschnittlichen Einkommen eines Bundesbürgers liegen und die nicht einfach so Mal 90,- Euro im Monat für FFP2-Masken übrig haben!

Natürlich kann diese Summe auch wieder runtergerechnet werden, aber diese Menschen haben eben auch nicht die 10,- Euro oder 3,- Euro, es ist einfach kein Budget da für Mehrausgaben! Die Alltagsmasken, also der Mund-Nasen-Schutz, konnte durch viele Menschen noch kostengünstige selbst hergestellt werden, dies fällt bei FFP2-Masken komplett weg. Hinzu kommt, dass die Preise für die FFP2-Masken stark steigen werden, wenn sich mehr Bundesländer für eine Pflicht zum Tragen von FFP2-Masken entscheiden. Dann wäre die obere Rechnung eh obsolet, weil wir dann nicht mehr von 3,- Euro pro Stück sprechen werden, sondern von 10,- Euro oder mehr.

Wenn die Politik also schon für mehr Eigenschutz sorgen will, dann muss sie auch an die nötige finanzielle Unterstützung für einkommensarme Menschen denken! Dazu gehört ein ordentlicher Aufschlag bei Hartz4-Empfängern und ebenso Ausgleichszahlungen an Menschen mit geringen Einkommen. Das ist übrigens die Gruppe, die auch so schon eine niedrigere Lebenserwartung hat. Wenn diese jetzt nicht unterstützt wird, indem sie mehr Geld erhält, wird sich das auch in der Pandemie widerspiegeln. Davon, diesen Menschen die Masken kostenlos zur Verfügung zu stellen, um keinen finanziellen Ausgleich schaffen zu müssen, halte ich übrigens nicht viel, weil hier dann wieder so knapp kalkuliert wird, dass es nicht für alle Menschen reichen wird.

Unsolidarisches Verhalten

Dass die Politik zu FFP2-Masken übergehen muss, um den Eigenschutz der Menschen zu erhöhen, liegt übrigens auch im unsolidarischen Verhalten einiger Menschen. Menschen, die die Maske unter der Nase tragen mussten, wenn sie diese denn überhaupt getragen haben, weil sie sich in ihrer Freiheit sosehr eingeschränkt fühlten! Dass sie dadurch allerdings eher die Freiheiten von Menschen mit niedrigem Einkommen noch mehr beschneiden, ist diesen Menschen absolut egal, da es nur um das eigene Ego geht!

5 Januar 2021

Bye Bye Studium – 05.01.2021

Studienbrief

Das Jahr 2021 liegt vor uns und es wird ein Jahr sein, in welchem Träume beerdigt werden. Die Corona-Pandemie macht Schlussstriche notwendig, auch weil die Politik es nicht schafft, alte Pfade zu verlassen und neue zu betreten. Aber, um das auch gleich am Anfang zu erwähnen, es ist natürlich nicht nur die Pandemie schuld, es gibt viele Faktoren, die dazu führen, dass Träume beerdigt werden müssen. In meinem Fall wird es jetzt das Studium sein, welches sein Ende findet.

Bye Bye Studium bye bye

Sind wir ehrlich, ich halte eh schon viel zu lange an diesem Traum fest, acht Jahre sind es inzwischen. Hauptgrund, warum es jetzt schon so lange dauert, ist natürlich die finanzielle Situation. Wenn du niemanden im Rücken hast, der dir im Notfall auch Mal finanzielle Löcher stopfen kann und du selbst auch keinen großen finanziellen Spielraum hast, dann ist es echt schwer, sich auf das Studium zu konzentrieren. Ich glaube auch, dass das ein Hauptgrund ist, warum so viele Arbeiter*innenkinder spätestens beim Studium scheitern. Immerhin brechen 1/3 der Arbeiter*innenkinder, die es bis zu einem Studium schaffen, dieses ab. Um es kurz zu erwähnen: ich gehöre zu den 21 Prozent der Arbeiter*innenkinder, die überhaupt ein Studium begonnen haben. Bei Akademikerkindern schaffen es 74 Prozent ein Studium zu beginnen und nur 15 Prozent brechen das Studium ab. Einfach um hier einmal den Vergleich zu schaffen.

Ich habe es jetzt ja einige Jahre versucht und leider war es bei mir so, dass ich durch die ständige Sorge darum, all meine Rechnungen und Fixkosten zu bezahlen, blockiert war. Ich konnte mich nicht auf das Studium konzentrieren, konnte mich nicht auf das Lernen einlassen, weil da immer die Gedanken im Weg waren, wie ich die nächsten Monate finanziell über die Runden komme. Erschwerend hinzu kam natürlich, dass ich mein Studium in einem Alter begonnen habe, in welchem ich weder Zugang zum Bafög hatte, noch konnte ich die günstige Krankenversicherung für Studierende in Anspruch nehmen, was die Fixkosten monatlich natürlich deutlich erhöhte. Dann kommt noch hinzu, dass ein Student auch keinen Anspruch auf Hartz4 hat, was meiner Meinung nach die größte Fehlkonstruktion in unserem System ist! Aber okay, am Ende jammert dann die Wirtschaft halt wieder über fehlende Fachkräfte und das Versagen wird individualisiert.

Bei mir kommt dann als zusätzliches Problem hinzu, dass ich mein Geld als Solo-Selbstständiger verdient habe und weiterhin verdiene – wobei derzeit verdiene ich kein Geld, weil wir die Pandemie haben. Davor habe ich mir immer eingeredet, dass ich jetzt einfach ein ordentliches finanzielles Polster aufbauen muss, um mich dann auf mein Studium zu konzentrieren. Jetzt sind auch diese Einnahmen weg und wie schon erwähnt, der Zugang zu Hartz4 ist auch nicht gegeben, sonst würde ich jetzt die Zeit halt wirklich nutzen, um mich mit meinem Studium zu beschäftigen.

Keine Person, die an einem glaubt

Ein weiterer Faktor, der zum Scheitern führt, ist das Fehlen von – zumindest – einer Person, die an einem glaubt. Jemand, der einen unterstützt, einen Motiviert und der daran glaubt, dass du dein Ziel erreichen kannst und wirst. Ich bin inzwischen überzeugt, dass du als Arbeiter*innenkind genau so eine Person brauchst, damit du auch durch schwierige Zeiten kommst, du irgendwoher die Motivation bekommst, um dein Ziel zu erreichen. Kommt aus deinem Umfeld immer nur die Frage, wann du denn endlich Geld verdienen willst – was die meisten Arbeiter*innenkinder ja durchaus auch während des Studiums tun – hilft das nicht wirklich. Ebenso hilft die Frage nicht, wann du denn endlich fertig bist und ob sich das überhaupt noch lohnt! Das demotiviert, das bringt Selbstzweifel und ist eine zweite Blockade, die du so schnell nicht loswirst!

Wenn du – der das hier gerade liest – ein Arbeiter*innenkind bist und studieren willst, such dir unbedingt eine Person, die dich auf deinem Weg unterstützt, die dich motiviert, die an dich glaubt und mit der du reden kannst, wenn es Mal nicht so gut läuft. Damit hast du viel gewonnen und die Wahrscheinlichkeit, dass du das Studium schaffst, steigt enorm an!

Individueller Faktor

Dann kam noch ein individueller Faktor bei mir hinzu. 2016 hat mich der Selbstmord meines Neffen total aus der Bahn geworfen! Es ist dann nicht einfach weitermachen wie davor! Ich habe mich damals in meinen Auftrag gestürzt, den ich da gerade neu an Land gezogen habe, habe mich damit abgelenkt und hatte dann knapp 2 Jahre gar keine Zeit für mein Studium, weil ich mich mit meinem Auftrag abgelenkt habe und als diese Ablenkung dann weg war, war das Motivationsloch noch tiefer! Ich kämpfe noch heute damit, aus diesem wieder herauszukommen und glaubt mir, die Pandemie ist in diesem Kampf nicht wirklich hilfreich!

Jetzt bin ich an dem Punkt, wo ich mich entscheiden muss, weil ich entweder an meinem Studium festhalten kann, dadurch aber den Zugang zu Hartz4 verbaue oder ich meine finanzielle Absicherung durch Hartz4 ermögliche, dafür aber mein Studium fallen lasse. Da wir in einem kapitalistischen System leben, ist die Entscheidung nicht wirklich meine, sie ist vorgegeben, weil die Politik auch in dieser Zeit nicht die alten Pfade verlassen will, um sich auf neue gesellschaftliche Pfade zu begeben.

2 Januar 2021

Neue Normalität? – 02.01.2021

Baumreihe

Es reden viele von der neuen Normalität. Einer neuen Normalität, die wir nach der Pandemie haben werden! Darunter vorstellen kann ich mir nicht viel, weiß nicht, was diese neue Normalität sein soll. Wenn ich frage, dann gibt es auch keine wirklichen Antworten darauf, weil dieses neue Normal wohl noch nicht fassbar ist. Vielmehr sind es wohl die Wünsche einiger, die sie in die Zukunft nach der Pandemie projizieren, weil sie jetzt in der Pandemie greifbar sind. Doch die Pandemie wird nicht ausreichen, um diese Veränderungen nachhaltig in der Gesellschaft zu verankern!

Festhalten am Alten

In den letzten Monate konnten wir sehen, wie schwer sich die Politik tut, irgendwo vom Standard abzuweichen. Klar, es gab Einschränkungen in Bereichen, die die Politik anscheinend für nicht so wichtig hält. Der private Bereich wurde möglichst weit runtergefahren, aber schon bei den Schulen konnten wir sehen, wie wenig Einfallsreich die Politik ist, wie sehr sie am eingeübten Verhalten festhält und dieses für das einzig sinnvolle Verhalten hält. Es geht der Politik nicht um die Chancengleichheit der Schüler*innen, auch wenn diese gern auf diese verweist, wenn sie ihre Entscheidungen begründen muss. Chancengleichheit gab es in diesem System schon vor der Pandemie nicht, Schüler*innen wurden abgehängt, weil die Eltern nicht die finanziellen Möglichkeiten hatten, um diese zu fördern! Das hat sich in der Pandemie nicht geändert und so ist dies auch ein sehr schwaches Argument, um die Präsenzpflicht in Schulen zu verteidigen.

Klar, Eltern sind keine ausgebildeten Lehrer und ja, es gibt Eltern, bei denen gibt es so große Bildungslücken, dass sie ihre Kinder nicht ausreichend unterstützen können, aber wenn wir die digitale Infrastruktur an Schulen nicht über Jahrzehnte vernachlässigt hätten, dann wäre vieles auch per Onlineunterricht möglich gewesen. Dass das nicht innerhalb eines Jahres aufgeholt werden kann, ist ebenso klar, aber es hätte digitale Konzepte geben können, die zumindest eine Wahlfreiheit hätten schaffen können. Kinder und Jugendliche, bei denen es möglich gewesen wäre, wären dann einfach zu Hause geblieben und hätten Onlineunterricht erhalten, gleichzeitig wären aber die Schulen als geschützte Lernräume für Schüler*innen offen gehalten wurden, die eben nicht von zu Hause aus lernen hätten können. Das hätte eine Chancengleichheit sichern können, hätte sogar ermöglicht, dass sich die Lehrer*innen in den Schulen intensiver um die anwesenden Schüler*innen hätten kümmern können. Doch den Sommer 2020 hat die Politik verstreichen lassen, hat die relativ ruhige Phase nicht genutzt, um die zweite Welle – die von allen Experten vorhergesagt wurde – vorzubereiten. Und nein, ständiges Lüften ist hier keine gute Vorbereitung, wenn dann hätte eventuell Geld in Luftfilter investiert werden müssen, aber das wurde ja lieber in die Lufthansa gesteckt, aber das ist ein anderes Thema.

Thema ist immer noch die neue Normalität, die ich nicht sehe, die ich mir nicht vorstellen kann. Ein weiteres Beispiel dafür sind Unternehmen, die ihren Mitarbeitern – dort wo es möglich war und ist – das Recht auf Home-Office verweigert haben und weiterhin verweigern. Die Politik wollte dieses Recht schaffen, hat das aber bis jetzt nicht hinbekommen und muss deswegen die Unternehmer*innen ganz lieb darum bitten, dass diese ihren Mitarbeitern diese Möglichkeit schaffen. Das Arbeiten in Großraumbüros hilft natürlich extrem dabei, die Kontakte zu anderen Menschen zu vermindern, um so die Übertragung des Virus zu verhindern.

Veränderungen wären möglich gewesen

Sicher hätte die Pandemie für Veränderungen in der Gesellschaft genutzt werden können, hätte die Gesellschaft nach der Pandemie eine andere Normalität leben können, aber das ist eben nicht geschehen und wird auch nicht geschehen, solange wir ständig konservative Parteien mit alten Ideen in die Regierungsverantwortung wählen – und ja, damit meine ich auch die SPD und die Grünen! Wir hätten ein BGE einführen und erproben können, dafür wäre die Pandemie genau der richtige Zeitpunkt gewesen. Wir hätten die Lufthansa verstaatlichen können, um diese dann auf Klimaschutz ausrichten zu können und es gibt noch so viel mehr, was wir in dieser Pandemie hätten machen können, um die Gesellschaft auf eine nachhaltige, Umwelt- und Klimaschonende Lebensweise umzustellen, aber diese Möglichkeiten haben wir nicht genutzt.

Und um die Veränderungen, die es gab, wird jetzt schon wieder gekämpft. Die vielen neuen Radwege zum Beispiel, die während der Pandemie entstanden sind, sollen möglichst schnell wieder verschwinden, damit die Autofahrer*innen ihren Platz wiederbekommen, der ihnen – ohne Grund – zugestanden wird. Welche neue Normalität soll es also nach der Pandemie geben?

Ist damit etwa gemeint, dass wir uns daran gewöhnen müssen, dass viele Orte des kulturellen Lebens für immer verloren sind? Dass das Café um der Ecke nach der Pandemie nicht mehr da ist, die Treffpunkte im Kiez verloren sind? Ist das die neue Normalität, von der alle reden? Eine Normalität mit weniger sozialen Kontakten, weil die kulturelle Infrastruktur verschwunden ist? Die Pandemie bedeutet doch derzeit eher, dass viele Kämpfe um Freiräume und kulturelle Treffpunkte verloren gehen, weil die Pandemie die kulturellen Angebote als erstes gefressen hat. Sie hat aber bisher keine großen Veränderungen in unserem Wirtschaftssystem bewirkt, keine Abkehr vom Kapitalismus, kein Umdenken bei der Profitgier! Gewinnmaximierung steht immer noch vor dem Gemeinwohl, Ausbeutung immer noch vor der Solidarität.

Ich sehe sie nicht!

Ich sehe die neue Normalität nicht. Ich sehe die alte Normalität, die einfach fortsetzt, was schon vor der Pandemie lief. Der Unterschied wird sein, dass viele Kämpfe, die vor der Pandemie noch mit der Aussicht auf Erfolg geführt wurden, nach der Pandemie verloren sind und mit diesen Kämpfen dann auch viele Freiräume, die der Gesellschaft fehlen werden und die neu erkämpft werden müssen. Wenn das mit neuer Normalität gemeint ist, dann möchte ich die eigentlich gar nicht haben, dann freue ich mich darauf auch nicht, dann verstehe ich auch nicht, warum einige das als Chance sehen.

27 Dezember 2020

Eine stille Weihnacht – 27.12.2020

Draußen fährt irgendwo die Polizei, die Feuerwehr oder ein Krankenwagen mit Blaulicht und Sirene durch die Gegend. Die Welt dreht sich also weiter, es gibt weiterhin Leid, Krankheit und Verbrechen, ganz viel Leid in Moria zum Beispiel, wo Menschen von Ratten angeknabbert werden, weil sie nicht genügend geschützt sind, wo sie aufeinander hocken in Schlamm und immer mit der Gefahr leben, dass der Virus zusätzliches Leid bringt oder das Raubtier Mensch sich auf andere menschliche Opfer stürzt. Die Welt dreht sich also weiter, wenn auch ein wenig stiller als die vielen Jahre zuvor.

Stiller waren dieses Jahr auch die Weihnachtsfeiertage! Der Besuch, der sonst jedes Jahr kommt, war dieses Jahr ausgeladen. Nicht aus Bosheit, nicht, weil es Streit gab, sondern um die Gesundheit zu schützen. So ist es in diesem Jahr, so wird es auch im nächsten Jahr noch eine ganze Zeit lang sein. Doch so steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es in der Zukunft noch viele laute Weihnachtsfeiertage mit der ganzen Familie gibt, so steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass wir den Virus nicht weiter verteilen und dadurch Leben retten. Das ist auch ein Wert, an den wir uns festhalten können, weil dadurch viele Menschen in den nächsten Jahren noch Feste halten können.

Weihnachten ist ja eh ein Fest der Besinnlichkeit und Besinnung findet sich leichter, wenn es in der Wohnung nicht ganz so laut ist. Stille ist auch Mal ganz angenehm und sich treffen, mit der Familie Zeit verbringen, das geht auch ohne Weihnachtsfest. Machen wir halt ein Impffest, wenn alle ihre Impfung gegen den Virus erhalten haben und feiern dann, dass wir die Pandemie überstanden haben. Viele Familien können das nicht mehr, viele Familien haben Menschen – Freunde, Bekannte – verloren und werden mit dieser neuen Realität ihr restliches Leben klarkommen müssen. Das war schon immer so! Schon immer sind Menschen gestorben, doch der Virus macht es noch einmal sichtbarer und dadurch auch greifbarer. Eine stille Weihnacht hingegen wird schnell verblassen und durch viele schöne zukünftige Momente überstrahlt werden.

Eine stille Weihnacht ist dann doch auch Mal ganz angenehm, um zur Ruhe zu kommen!

11 Dezember 2020

Mal wieder das Thema Armut …

Geld

Leute, ich gebe es auf! Es hört mir eh keine zu und wenn mir Mal wer zuhört, dann kommt die Antwort, dass ich das doch gar nicht so sehen kann, weil ist halt nicht so schlimm. Doch, verdammt noch Mal, ich kann es so sehen, weil ich es selbst erlebt habe! Und nein, ich will nicht in andere Länder schauen, in denen die Armut noch viel schlimmer ist. Ja, es gibt sie, es gibt Länder, wo Menschen verhungern, weil WIR verdammt noch einmal nichts an unserem Wirtschaftssystem ändern wollen und weil WIR auch nichts von unserem Wohlstand abgeben möchten! Ganz im Gegenteil, unser Wohlstand basiert zu großen Teilen auf der Ausbeutung dieser Länder, also hört verdammt noch einmal auf damit, mich auf diese Länder hinzuweisen, solange ihr nicht bereit seid anzuerkennen, dass wir ein Teil des Problems sind!

Aber okay, fangen wir noch einmal von vorne an, weil Armut ist ja immer individuell und dafür kann ja kein anderer was. Sollen die sich halt in der Schule Mal ein wenig mehr anstrengen, dann schaffen sie es auch, die Armut hinter sich zu lassen! Genau, sie sollen sich in der Schule anstrengen, in der sie, weil sie sich bestimmte Statussymbole nicht leisten können, wegen ihrer Armut gemobbt werden. Sie sollen also an dem Ort gute Leistungen bringen, vor dem sie teilweise Angst haben, weil sie sich dort nicht mehr hintrauen und deswegen lieber zu Hause bleiben und den Unterricht schwänzen. Wo sie, wenn sie doch regelmäßig da sind, regelmäßig lernen müssen, dass ihre Beurteilung auch vom gesellschaftlichen Stand geprägt ist und sie halt im schlimmsten Fall nur eine Empfehlung für die Hauptschule bekommen, obwohl sie durchaus mehr leisten könnten. An diesem Ort sollen die sich dann mehr anstrengen, um der Armut zu entkommen?

Habe ich schon einmal erwähnt, dass ich eigentlich Koch werden wollte? Das war schon im Kindergarten mein Traumberuf, aber ich hatte da nie eine Chance. Warum? Weil ich mir die Ausrüstung gar nicht leisten konnte, die ich aber schon bei jedem Praktikum hätte haben sollen. Jetzt kommen sicher gleich wieder die, die mir sagen, dass das schon irgendwie gegangen wäre, ich nur halt an der richtigen Stelle hätte nach Unterstützung fragen müssen. Denkt ihr doch gerade, oder? Und ja, ihr habt bestimmt recht, irgendwo hätte es sicher Unterstützung gegeben, irgendwo hätte sich ein gebrauchtes Messerset auftreiben lassen, irgendwer hätte sicher auch die andere Berufskleidung bezahlt. Nur es ist immer wieder ein neuer Kampf, es fühlt sich immer wieder genauso scheiße an, um alles betteln zu müssen, um eventuell irgendwo Mal eine Chance zu bekommen! Ich habe dann eine kaufmännische Ausbildung gemacht, weil die Zugangskosten einfach geringer waren.

Ich kann übrigens Gedanken lesen: Ihr denkt gerade, dass ich die Schuld nur bei den anderen suche, weil ich versuche, hier gesellschaftliche Zusammenhänge zu beschreiben. Natürlich habe ich die Fehler selbst gemacht, habe mir Chancen verbaut, habe Türen für immer verschlossen. Natürlich, aber es gibt halt immer auch eine gesellschaftliche Komponente. Die Angst zur Schule zu gehen ist nicht eine individuelle Schuld, sich bestimmte Dinge nicht leisten zu können auch nicht! Das spielt halt immer mit rein, auch wenn das natürlich keiner hören will.

Zu günstige Lebensmittel?

Wenn ihr dann Menschen verurteilt, die sich halt wirklich nur das billigste Fleisch leisten können, die sich wahrscheinlich nicht einmal das kaufen, was sie gerne essen würden, sondern das, was sie sich leisten können, dann ist das auch immer wieder heftig zu lesen. Nein, die Ausrede, dass ihr ja die anderen meint, die gilt dann einfach nicht. Natürlich kaufen auch Menschen günstige Lebensmittel, die sich eigentlich teurere Lebensmittel leisten könnten, aber ganz ehrlich, auch das hängt mit unserem Wirtschaftssystem zusammen. Ein System, welches immer neue Bedürfnisse weckt und bei dem sich Menschen immer wieder neu entscheiden müssen, wie sie ihre finanziellen Mittel aufteilen wollen. Wenn diese dann bei Lebensmitteln sparen können und dies auch tun, dann kann ich auch diese Entscheidung verstehen, auch wenn es natürlich kontraproduktiv ist!

Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt, und doch gibt es viele Hunderttausende Menschen, die sich ihre Lebensmittel von den Tafeln holen müssen! Menschen, die ohne diese gespendeten Lebensmittel überhaupt keine Chance hätten, sich Nahrung und eine Wohnung leisten zu können. Da muss ich mich nicht über Menschen lustig machen, die günstige Lebensmittel kaufen, auch wenn die Herstellung dieser Lebensmittel unter katastrophalen Zuständen passiert. Wahrscheinlich habe ich schon viel zu oft erwähnt, dass wir eine Verbesserung in diesen Bereichen nur hinbekommen, wenn wir es schaffen, dass jeder Mensch auf dieser Erde – also nicht nur in Deutschland – ein vernünftiges, lebenswertes Leben mit positiven Zukunftsperspektiven führen kann. Das wird im Kapitalismus nicht möglich sein, da Kapitalismus auf Ausbeutung aufbaut, aber solange wir im Kapitalismus leben, muss irgendwie jeder überleben können und das halt notfalls auch, indem er viel zu günstige Lebensmittel kauft.

Und Fleisch ist hier jetzt nur ein Beispiel, damit mir jetzt niemand kommt und sagt, dass die Menschen dann halt auf Fleisch verzichten müssen. Dasselbe gilt für viele andere Lebensmittel auch, bei vielen anderen Lebensmitteln sind die Zustände auch nicht besser. Erntehelfer, die nicht einmal den Mindestlohn bekommen, Kleinbauern, die von ihrer Arbeit kaum leben können und vieles mehr. Überall gilt, dass die Preise für Lebensmittel wohl deutlich steigen müssten, damit die Erzeuger auch fair am Gewinn beteiligt werden könnten. Dabei müssen aber halt auch die Menschen mit gedacht werden, die in Armut leben oder von Armut bedroht sind.

Arm dran? Selbst schuld? Warum du dein Schicksal nicht selbst in der Hand hast. | Der rote Faden
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Also gar nichts tun?

Doch! Aber nicht immer gegen Menschen, die dafür nicht wirklich was können. Die Ausbeutung von Natur, Tier und Mensch werden wir nur dann überwinden können, wenn wir den Kapitalismus überwinden. Das wird ein langer Weg, denn als Erstes müssen wir die Gesellschaft radikal demokratisieren. Die Wirtschaft, die Schule, jeder Lebensbereich, jede Institution muss radikal demokratisiert sein, damit Entscheidungen zum Umbau der Gesellschaft getroffen werden können. Bis dahin können wir sicher Verbesserungen erreichen und es ist natürlich auch weiterhin wichtig und notwendig die Missstände aufzuzeigen, aber wer mit dem Finger auf Menschen zeigt, die sich bestimmte Lebensweisen (noch) nicht leisten können, der wird diese Menschen nicht als Partner im Kampf gegen die Missstände gewinnen können. Dasselbe gilt für Kleidung, für Elektroartikel und für alle anderen Konsumgüter.

8 Dezember 2020

Lebens-ABC: H wie Hartz4

Hartz4 begleitet mich wie ein Schatten. Ich diskutiere nicht nur gerne mit anderen darüber, ich musste auch schon selbst damit leben und es ist nicht so romantisch, wie es einige Menschen gerne darstellen. Hartz4 ist ein Fluch, isoliert, lässt einen mit der ständigen Angst leben, plötzlich ohne eine finanzielle Absicherung dazustehen, weil einem ein kleiner Fehler unterlaufen ist. Okay, diese Sorge wurde jetzt etwas abgemildert, da es keine Sanktionen von 100 Prozent mehr geben darf, aber es gibt weiterhin Sanktionen und auch diese können einem auch noch die letzte Würde nehmen, die Mensch noch hat.

Ich weiß, viele haben ihr Bild von Hartz4-Empfänger*innen. Bei den meisten ist es nicht positiv, wird durch all das geprägt, was in den Medien so über Menschen in Hartz4 Bezug so erzählt wird, weil meistens die Negativbeispiele gezeigt werden, die es auch gibt, die aber nicht die Regel sind. Überhaupt sollte unsere Gesellschaft auch ein Recht auf Faulheit aushalten können, gibt es eh nicht genügend Erwerbsarbeit für alle Menschen!

Hartz4 hat nur vordergründig etwas mit Hilfsleistungen zu tun. Vielmehr ist es ein reines Repressionssystem, welches nicht nur Menschen betrifft, die aktuell Hartz4 erhalten, sondern auch Menschen, die in schlecht bezahlten Arbeitsverhältnissen stecken, sich aber nicht trauen, sich zu organisieren, um etwas gegen die schlechte Bezahlung zu machen, weil sie Angst davor haben, dadurch ihren Job zu verlieren und in Hartz4 zu rutschen. Es ist ein System, welches Grundrechte einschränkt und Menschen in den Niedriglohnsektor zwängt, ohne eine wirkliche Wahl zu haben und ohne die Chance zu haben, seine Lohnvorstellungen durchzusetzen.

Natürlich weiß ich, dass es Menschen gibt, die der Meinung sind, dass sie lieber für 3,- Euro die Stunde arbeiten gehen, als sich in die Abhängigkeit von Hartz4 zu begeben. Das erzählen diese Menschen aber meist aus einer Position heraus, in der ein scheinbar sicheres Arbeitsverhältnis besteht und dieses auch vernünftig bezahlt wird. Dass sie damit beweisen, dass das Hartz4-System ein System der Angst und Entwürdigung ist, ist diesen Menschen wahrscheinlich nicht einmal bewusst, aber mit ihrer Angst in Hartz4 zu rutschen, mit ihrer Bereitschaft das auch dadurch zu verhindern, indem sie einen Job annehmen würden, in welchem sie nur ein paar Euro die Stunde verdienen, zeigen sie, dass auch sie Angst vor diesem entwürdigenden System haben.

Hartz4 begleitet mich wie ein Schatten, und auch wenn ich in den letzten Jahren kein Hartz4 erhalten habe, so hatte ich nie wirklich viel Geld zur Verfügung. Ich habe es mit meiner Selbstständigkeit verdient, aber Luxusbedürfnisse konnte ich damit nie erfüllen. Einfach Mal ein Buch kaufen ist genauso unmöglich wie eine ordentliche Altersvorsorge. Es ist schwer, wirklich da unten raus zu kommen, auch wenn ich gerade nicht in Bezug stehe. Jede Krise kann dazu führen, dass ich Träume beerdigen muss, um mich wieder in das Repressionssystem begeben zu können.

Das Lebens-ABC ist eine Idee aus einem Schreibratgeber. Es hilft dabei, dass eigene Leben zu fassen, es greifbar zu machen, mehr über sich selbst zu lernen und damit auch zu erfahren, was einem im Leben wirklich wichtig ist. Natürlich ist es auch eine Schreibübung und es übt darin, sich selbst zu beobachten.

5 Dezember 2020

53 Prozent der Warn-App-Nutzer mit positivem Ergebnis teilen dieses in der App!

Screen von der Corona-Warn-App

Leute, ich muss euch sagen, dass ich gestern ziemlich geschockt war! Ich habe mir Mal wieder die Statistiken zur Corona-App angesehen und musste feststellen, dass die App immer noch nicht so weit verbreitet ist, wie sie sollte. Derzeit gibt es wohl rund 23,5 Millionen Downloads. Damit hätten gerade einmal 1/4 der in Deutschland lebenden Menschen die App installiert, aber selbst das stimmt nicht, weil von den Downloads ja noch nicht auf die aktive Nutzung geschlossen werden kann und wenn dann noch Menschen in der Zwischenzeit ein neues Smartphone gekauft haben und auf diesem die App neu installierten, dann fällt die Zahl noch einmal.

Aber das ist es gar nicht, was mich so geschockt hat, auch wenn es mich enttäuscht, weil die APP eigentlich die einzig wirkliche Möglichkeit ist, um Infektionsketten zu unterbrechen. Wir können uns zwar der Illusion hingeben, dass die Gesundheitsämter all den Menschen hinterhertelefonieren könnten, die mit einem infizierten Kontakt hatten, aber das ist unmöglich und bindet die Ressourcen, die für andere Tätigkeiten wichtig wären! Geschockt war ich davon, dass von den 174.998 potenziell teilbaren Testergebnissen, die im Zeitraum vom 01. September 2020 bis zum 02. Dezember 2020 verifiziert wurden und positiv waren, nur 95.340 (54 Prozent) tatsächlich geteilt wurden. 46 Prozent haben sich entschieden, die eventuellen Kontakte, die per App gesammelt wurden, nicht darüber zu informieren, dass sie ein positives Testergebnis hatten. 46 Prozent haben die Möglichkeit nicht genutzt, um eventuelle Infektionsketten zu durchbrechen und ich frage mich: warum?

Dass die App auf Freiwilligkeit basiert ist wichtig, sonst würden die Menschen diese ablehnen und gar nicht nutzen, aber wenn ich die App nutze, warum informiere ich dann nicht die Menschen, die ich eventuell angesteckt habe? Das passiert ja anonym, es weiß also keiner, wer da positiv getestet wurde. Es bestünde für diesen Menschen aber die Chance, sich selbst in Quarantäne zu begeben, sich testen zu lassen und damit Infektionsketten zu beenden.

Ist es die Angst vor einer drohenden Stigmatisierung? Wenn ja, ist es nicht traurig, dass wir in unserer modernen Gesellschaft noch Angst davor haben müssen? Es ist ein Virus, den kann jeder bekommen, egal wie vorsichtig er oder sie ist! Deswegen ist es wichtig, damit offen umzugehen, denn eine verschwiegene Infektion bringt niemanden weiter und kann am Ende sogar dazu führen, dass da draußen Menschen unnötig sterben! Wenn 46 Prozent ihre positiven Ergebnisse nicht teilen, dann werden die Zahlen nicht sinken, dann werden die noch weiter explodieren und unsere Freiheiten werden weiter eingeschränkt bleiben, bis eine gewisse Impfquote erreicht wurde, wollen wir das wirklich?

Wenn ich dann heute auf Twitter beim Spreeblick noch lese, dass sich einige Labore die Freiheit herausnehmen und eigenständige entscheiden, keinen Code für die Warn-App zu generieren, weil sie diese für nicht sinnvoll halten, dann werde ich tatsächlich richtig sauer. So wird das nichts! So werden wir in eine Situation kommen, wo die Ärzt*innen entscheiden müssen, welche Patienten Leben dürfen und welche nicht! Wollen wir da wirklich hinkommen, ist das wirklich weniger schlimm, als eine unsichere Bluetooth-Schnittstelle oder die Angst, dass der Datenschutz nicht gegeben ist?

23 November 2020

Gut, es ist ein Jammerjahr!

Bäume, Wolken und ein Gewässer

Das Jahr neigt sich langsam seinem Ende zu, noch ein paar Wochen hat es, dann ist Schluss. Die Zeit rennt und die Zeit fühlt sich so verloren an, weil die letzten Monate mich nicht weiter gebracht haben. Jeder Schritt nach vorne bedeute gleichzeitig wieder Stillstand, immer wenn es wieder aufwärts ging, lauerte an der nächsten Ecke schon wieder das Tal und das macht einen dann doch fertig! Es hilft aber nichts, es muss ja irgendwie weitergehen, nein, es geht irgendwie weiter, auch wenn ich in den letzten Monaten schon häufiger alles hinwerfen wollte. Dieser Krampf, dieses von Monat zu Monat denken, weil es auf dem Konto einfach keine Rücklage mehr gibt und das Ziel einfach nur ist, zumindest die laufenden Kosten irgendwie weiterhin zahlen zu können, macht einen irre und nicht die Möglichkeit zu haben, notfalls halt Hartz4 zu beantragen, noch sehr viel mehr.

Irgendwie bin ich jetzt bis November gekommen. Wie genau, weiß ich auch nicht, aber bis hierhin konnte ich irgendwie alles bezahlen, was bezahlt werden musste und das, obwohl ich schon seit August damit rechne, dass ich das nicht mehr schaffe! Geholfen haben mir da natürlich auch die beiden Spenden bei meiner gofundme-Kampagne und ein paar kleinere Aufträge, die ich in den letzten Monaten dann doch hatte. Hilfen vom Staat habe ich nicht bekommen, auch wenn sich die Politiker immer wieder damit rühmen, dass den Solo-Selbstständigen doch so geholfen wurde. Ich schrieb es glaube schon, dass mir die bisherigen Hilfen, die es gegeben hätte, nicht wirklich etwas gebracht hätten, weil ich das Geld nicht hätte ausgeben dürfen und irgendwie scheint es mir, dass durch die Hilfen die Ungleichheiten in der Gesellschaft nur vergrößert wurden, weil gefühlt die reichsten Menschen um den Betrag der Hilfen reicher geworden sind in der Krise.

Ich bin weiterhin der Meinung, dass ein BGE mehr gebracht hätte, aber dagegen hat sich ja die sozialdemokratische Partei Deutschlands sehr gut gewehrt, weil sie die Menschen lieber in Hartz4 sehen will, wo sie mit Repressionen die Menschen klein halten kann. Hat schon einmal wer ausgerechnet, wie viel BGE hätte ausgezahlt werden können, wenn all die Hilfen, die ausgeschüttet werden sollten, in diese Idee geflossen wären? Mir hätte es jedenfalls viele schlaflose Nächte und uns allen wahrscheinlich ein paar Querdenker erspart, weil zumindest eine finanzielle Absicherung bestanden hätte, mit der die Existenz hätte gesichert werden können. Aber okay, wo kämen wir denn hin, wenn wir die Krise genutzt hätten, um neue Konzepte auszuprobieren? Könnte ja passieren, dass die Bekämpfung der Pandemie nachher noch gelingt, weil die Menschen einfach zu Hause bleiben!

Gut, es ist ein Jammerjahr. Da muss nicht nur ich durch, da müssen wir alle durch. Nur gehen mir langsam die Ideen aus, denn ohne Geld ist es halt so ziemlich unmöglich, irgendwelche Ideen umzusetzen. Aber okay, irgendwie wird auch diese Woche wieder vergehen und vielleicht schaffe ich es auch diesen Monat wieder, irgendwie genug zu verdienen, um die laufenden Kosten zu bezahlen. Ich glaube derzeit nicht daran, aber selbst wenn nicht, muss es ja irgendwie weiter gehen. Ich lasse mich überraschen!

18 Oktober 2020

Lebens-ABC: F wie Fahrrad

Beim Buchstaben F kommt mir natürlich sofort das Fahrrad in den Sinn. Ich muss zugeben, dass ich erst ziemlich spät das Fahrradfahren gelernt habe, mit 10 oder 11 Jahren, kurz bevor es zur praktischen Fahrradführerschein-Prüfung kommen sollte. An der habe ich allerdings nie teilgenommen, weil ich am Tag der Prüfung immer noch viel zu unsicher unterwegs war und ich somit die Praxis wohl nie geschafft hätte – mal abgesehen davon, dass ich auch Links und Rechts nicht auseinanderhalten konnte, was mir auch heute noch Probleme macht, weswegen ich damals wohl auch deswegen so ziemlich durchgefallen wäre. Heute kenne ich da zum Glück die L-Regel, die mir – wenn ich wieder einmal unsicher bin – hilft, Links und Rechts zu unterscheiden. Es gelingt mir aber doch inzwischen immer häufiger, es auch ohne die L-Regel hinzubekommen, nur als Beifahrer im Auto versage ich da immer noch regelmäßig.

Irgendwann konnte ich dann aber Rad fahren, hatte es raus und irgendwann hatte ich dann auch ein BMX. Um es gleich zu sagen, mit dem, wofür ein BMX eigentlich gedacht war, hatte ich nichts am Hut, ich bin damit ganz normal gefahren und es war absolut cool, diese neue Mobilität nutzen zu können. Weniger cool war, dass ich mir regelmäßig meine Felgen zerstört habe, einmal bei einem Kontakt mit einem LKW, der zum Glück nur ein kaputtes Vorderrad zur Folge hatte, dann bei der Kollision mit einem anderen Radfahrer, welche ebenfalls mein Vorderrad zerstörte, oder auch ganz einfach Stürze, die zu Achten in meinen Felgen führten.

Das war für mich immer ärgerlich, denn wenn etwas an meinem Rad kaputt war, bedeutete das, dass ich längere Zeit auf diese Art von Mobilität verzichten musste, da das Geld fehlte, um sofort wieder Ersatz zu kaufen.

Dennoch ist das Fahrrad bis heute meine liebste Form der Mobilität geblieben, auch wenn ich 2010 – damals noch ohne Fahrradhelm – sehr viel Glück hatte. Auf meinem Weg zur Mathe-Abi-Prüfung holte mich eine Autofahrerin vom Rad, nachdem sie mir die Vorfahrt genommen hatte. Geschockt waren wir beide, wobei ich eher ziemlich verärgert war, weil ich es eilig hatte, weil ich zu meiner Abi-Prüfung wollte, aber die Geschichte könnt ihr hier nachlesen. Das Rad, welches damals zu Schrott ging, hatte mir mein Laufpartner Bernd geschenkt und ich liebte das Fahrrad und würde damit wahrscheinlich heute noch durch die Gegend fahren, wenn der Unfall nicht gewesen wäre.

Mein jetziges Fahrrad fand dann 2014 den Weg zu mir. Dieses wurde mir von meiner Oma gesponsert und wurde von Bernd und mir ausgesucht. Inzwischen fahre ich damit seit sechs Jahren unfallfrei durch die Stadt, immer mit Helm, immer mit sehr viel Vorsicht und mit einer ziemlich defensiven Fahrweise. Vorher war ich eigentlich auch schon ein vorsichtiger Fahrer, hatte aber Vertrauen in die anderen Verkehrsteilnehmer und ging deswegen auch davon aus, dass mir niemand die Vorfahrt nehmen würde, was sich nach dem Unfall 2010 aber deutlich geändert hat.

Im ersten Jahr nach dem Unfall bin ich dann gar kein Rad gefahren, ich hatte tatsächlich erst einmal die Schnauze voll, doch dann kam die Sehnsucht und mit der Sehnsucht kam Nextbike. Mit Nextbike habe ich dann wieder größere Touren gemacht, die größte Tour war dabei natürlich die Tour nach Mecklenburg-Vorpommern, die mir Nextbike damals ermöglicht hat.

Inzwischen habe ich auch einen Fahrradanhänger und ganz ehrlich, mehr braucht es in einer Großstadt wie Berlin gar nicht! Selbst auf dem Land könnte ich mir vorstellen, mit einem Rad – vielleicht mit einem Lastenrad – gut ausgerüstet zu sein, wobei es da natürlich darauf ankommt, wieweit die nächste Einkaufsmöglichkeit entfernt ist.

Das Fahrrad gehört also so ziemlich zu meinem Leben dazu! Ein eigenes Auto hatte ich bisher nicht. Wenn ich denn doch einmal ein Auto brauche, nutze ich Carsharing-Angebote und bin da dann immer schon gestresst, wenn ich 30 Minuten brauche, um einen Parkplatz zu finden. Autos sind einfach nicht meine Welt, sind nicht meine Form der Fortbewegung und solange ich mit dem Fahrrad fahren kann, wird es immer das Verkehrsmittel meiner Wahl sein.

Das Lebens-ABC ist eine Idee aus einem Schreibratgeber. Es hilft dabei, dass eigene Leben zu fassen, es greifbar zu machen, mehr über sich selbst zu lernen und damit auch zu erfahren, was einem im Leben wirklich wichtig ist. Natürlich ist es auch eine Schreibübung und es übt darin, sich selbst zu beobachten.