30 März 2021

30.03.2021: Nächtliche Ausgangssperren

Ich habe im letzten Jahr einiges gelernt, habe an einigen Stellen meine Meinung zu Covid-19 und die Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung anpassen müssen, habe mich auch immer an alle Auflagen und Maßnahmen gehalten, die eingeführt wurden. Eine Maßnahme jedoch lehne ich schon seit dem Beginn der Pandemie ab und bisher konnte mich auch keiner davon überzeugen, warum diese notwendig sein sollte. Ich rede von nächtlichen Ausgangssperren, die es in einigen Bundesländern schon gab oder gibt.

Nächtliche Ausgangssperren: wo ist der Sinn versteckt?

Kontaktbeschränkungen, Reisebeschränkungen und Masken, alles irgendwie sinnvoll, aber nachts in der Wohnung hocken? Ist das Virus in der Nacht ansteckender? Was spricht gegen nächtliche Sparziergänge, wenn die Kontaktbeschränkungen eingehalten werden? Zum Teil vielleicht sogar nur in der Nacht eingehalten werden können, weil da bedeutend weniger Menschen unterwegs sind, weil eh alles geschlossen ist? Es ergibt keinen Sinn für mich! Es trifft die, die sich an die Maßnahmen und Vorgaben halten, die aber in der Nacht ihre Zeit gefunden haben, um sich Angstfrei draußen zu bewegen, weil sie in der Nacht die Wege für sich haben und die Begegnungen mit anderen Menschen minimiert sind.

Ich glaube nicht daran, dass sich Menschen, die sich jetzt schon nicht an die Kontaktbeschränkungen halten, durch eine nächtliche Ausgangssperre davon abhalten lassen, sich mit anderen Menschen auf ein Bier zu treffen. Die machen das dann halt nicht mehr draußen an der frischen Luft, sondern in geschlossenen Räumen: Wohnungen, Garagen oder Kellern. Dadurch steigt die Gefahr der Ansteckung noch einmal und ich weiß nicht, ob dies das Ziel einer Maßnahme sein sollte.

Sinnvolle Maßnahme oder nur autoritärer Machtbeweis?

Vielmehr scheint es mir, dass der Staat mit solchen Maßnahmen seine Macht beweisen will. Ich finde es eh erschreckend, wie autoritär unsere Gesellschaft noch immer eingestellt ist. Wie wenig selbstbestimmt wir als Menschen Entscheidungen treffen können, weil wir lieber auf eine starke Führung setzen, die uns sagt, was wir zu tun haben, anstatt kollektiv in einer starken demokratischen Gesellschaft die Entscheidungen zu treffen. Wir suchen uns dann lieber Einzelpersonen, denen wir unsere Entscheidungen anvertrauen, obwohl das gar nicht deren Aufgabe wäre. Aber okay, eine Gesellschaft, die in autoritäre Institutionen gezwängt ist, Institutionen wie Familie und Schule, ist halt noch nicht weit genug, um auf autoritäre Führungspersonen zu verzichten.

Und dann die Wirtschaft …

Noch interessanter wird es allerdings dann, wenn Maßnahmen – wie in Berlin zum Beispiel die beschlossene Home-Office-Pflicht – als Misstrauensvotum gegen die Wirtschaft betitelt werden, die gesamten anderen Maßnahmen aber nicht als Misstrauensvotum gegen die Bevölkerung. Überlegen sich die zuständigen Menschen eigentlich vorher, was sie so von sich geben oder meinen die das wirklich so? Ist die Pflicht, zumindest einen Teil der Menschen endlich ins Home-Office zu schicken, nicht sogar die sinnvollere Maßnahme? Sinnvoller, als Menschen in der Nacht in ihre Wohnung zu sperren? Und sollte ein Jahr Pandemie nicht auch genügend Vertrauen gewesen sein, welches die Wirtschaft nicht genutzt hat, um die Menschen zu schützen und ihnen das Arbeiten im Home-Office zu ermöglichen?

Natürlich ist das eine Einschränkung, aber die Pandemie ist nun einmal eine Zeit, in der wir uns einschränken müssen. Es gibt genügend Menschen, die seit einem Jahr kein Geld mehr verdienen, die ihre Existenz aufgeben mussten, die sich nach der Pandemie vollkommen neu erfinden müssen. Da ist die Einschränkung, die Menschen im Home-Office arbeiten zu lassen, meiner Meinung nach immer noch kein wirkliches Misstrauen, sondern eine Schutzmaßnahme, die schon längst durch die Wirtschaft selbst hätte umgesetzt werden müssen! Und wer jammert, dass das jetzt alles sehr kurzfristig ist: Nein, ist es nicht, wir haben jetzt ein Jahr lang Pandemie! Letztes Jahr um diese Zeit hätte ich dieses Argument gelten lassen, jetzt ist es aber kein Argument mehr, jetzt ist es nur noch eine Frechheit.

Wir sind jetzt ein Jahr lang in der Pandemie und wir haben uns ein Jahr lang als Gesellschaft nicht weiterentwickelt. Viele sehen ja Krisen immer wieder als Chancen, um eine gesellschaftliche Entwicklung anzustoßen, die Pandemie gehört eindeutig nicht zu diesen Krisen. Die Wirtschaft steht weiterhin über allem, arme Menschen werden im Stich gelassen, genauso wie ärmere Länder und Kontinente. Der nationale Egoismus nimmt noch weiter zu, Eigentum – in Form von Patenten – wird weiterhin höher bewertet als die Gesundheit und das Leben von vielen Milliarden Menschen und ein wirklicher Wandel hin zu einer kooperativen Welt ist weiterhin nicht in Sicht. Aber Menschen nachts in der Wohnung einsperren, das wird wahrscheinlich genau die Maßnahme sein, die uns sicher aus dieser Pandemie führen wird.

19 März 2021

19.03.2021: Nur nicht bewegen …!

Zwei schlafende Katzen auf der Couch

Da sitzen sie wieder und beobachten mich. Dabei ist es erst kurz nach drei Uhr in der Nacht und jeder normale Mensch würde jetzt schlafen, es sei denn, er arbeitet um diese Zeit. Ich arbeite nicht um diese Zeit, ich liege im Bett und versuche, mich so wenig wie möglich zu bewegen. Am besten gar nicht bewegen, denn jede Bewegung könnte eine Bewegung zu viel sein und den Angriff herbeiführen, den ich verhindern möchte. Es ist schließlich erst kurz nach drei und vor dem Fenster herrscht noch die Dunkelheit, die den beiden Beobachtern aber total egal ist, denn die warten darauf, dass ich mich bewege!

Und natürlich bewege ich mich! Das ist gar nicht zu verhindern, weil ich wach bin, weil mir verschiedene Körperteile wehtun, wenn ich mich nicht bewege und weil es einfach unbequem wird mit der Zeit. Darauf haben die beiden Beobachter nur gewartet, nun wissen sie, dass ich wach bin, der Angriff kann also beginnen.

Langsam schleichen sich die beiden an mein Bett heran, gehen verschiedene Wege, um mich von beiden Seiten gleichzeitig zu belagern, dann springt der eine Angreifer miauend auf mein Bett und kurz danach der andere. Beide sind sich noch nicht so sicher, was sie denn so genau wollen, aber Streicheleinheiten wären für den Anfang schon ganz gut. Danach wäre es aber noch sehr viel besser, wenn ich aufstehe und für die Beiden etwas zu fressen organisieren könnte. Schließlich haben sie ja schon ein paar Stunden gewartet und nun wäre es doch langsam wieder Zeit für frisches Futter! Und außerdem würden die Beiden gerne einmal in der Küche nach dem Rechten sehen, immerhin war dort jetzt auch schon längere Zeit die Tür zu und es könnte sich in den letzten Stunden ja was verändert haben.

Nachdem alle Wünsche erfüllt sind, wäre es für die beiden Angreifer eigentlich auch ganz schön, wenn ganz schnell wieder das Licht ausgemacht werden könnte, schließlich wollen die beiden jetzt schlafen und da stört das Licht schon ein wenig. Streicheln? Um diese Zeit? Niemals! Ich soll doch endlich mal ins Bett gehen, normale Menschen schlafen schließlich um diese Zeit, es sei denn, dieser muss um diese Uhrzeit arbeiten, aber das wäre ja bei mir nicht der Fall.

7 Februar 2021

Datenschutz für mündige Menschen?

Bild von der Demo "Unteilbar" in Berlin

Datenschutz und die Einstellungen der Bürger*innen dazu, empfinde ich immer wieder als ein sehr seltsames Thema. Das Grundrecht auf die informationelle Selbstbestimmung ist ja eigentlich ein Abwehrrecht gegenüber den Staat und sich dann auf den Staat zu verlassen, wenn es um die Spielregeln beim Datenschutz geht, ist schon ziemlich merkwürdig. Wir verlangen hier, dass der Staat – beziehungsweise die Politik – hier die Spielregeln bestimmt, mit denen er sich selbst verbietet, sich an unseren Daten zu bedienen. Dass das nicht funktioniert, zeigt die ewige Diskussion über die Vorratsdatenspeicherung oder die Verknüpfung von verschiedenen staatlichen Datenbanken, die mithilfe einer eindeutigen ID gelingen soll. Der Staat kann uns also nur dabei helfen, unsere Grundrechte gegenüber anderen Akteuren – zum Beispiel Unternehmen – durchzusetzen und auch dort sollten wir auf der Hut sein, was der Staat dort alles regelt und ob das wirklich immer zu unserem Vorteil ist.

Datenschutz und Privacy sind wichtige Themen, jedoch finde ich es schwierig, immer wieder nach Verboten durch die Politik zu rufen. Diese Kultur, die da gepflegt und mit der DSGVO auch umgesetzt wurde, ist eine Kultur der Entmündigung der Menschen. Und Entmündigung macht bequem, weil wir uns dann nicht mehr mit den wichtigen Themen auseinandersetzen, weil wir verlernen, eigene Entscheidungen zu treffen. Natürlich muss der Gesetzgeber einen Rahmen erlassen, der für Unternehmen und auch für den Staat bindend ist, aber jeder Mensch sollte schon bewusst handeln und entscheiden können, was er zulassen möchte und was nicht. Das ginge einfacher, wenn die Datenschutzregeln schon festlegt werden könnten, bevor die Webseite besucht wird und die Entscheidung nicht erst auf der Webseite getroffen werden muss. Eine DSGVO, die hier Standards festgeschrieben hätte, die von Unternehmen und Staat umgesetzt und eingehalten werden müssten und die einfach in die Zugangssoftware zum Internet – also im Browser – integriert wurden wären, welche dann jeder Mensch einmalig festlegt, wenn er den Browser zum ersten Mal startet, wäre hier ein sehr viel besserer Weg gewesen. Weg von Verboten und hin zu Menschen, die selbstbestimmt ihre Entscheidungen treffen. 

WhatsApp wird hier ja immer als Beispiel gebracht, aber muss ich den Service wirklich gleich Verbieten oder wäre die sinnvollere Option nicht die, dass wir bei jedem Telefonbucheintrag vorher festlegen könnten, ob dieser für andere Apps – also nicht nur für WhatsApp – freigegeben wird oder nicht? Wäre das nicht der sinnvollere Weg, der das Internet nicht unnötig komplizierter macht, als es sein müsste? Keks-Banner wären Geschichte, Datenschutzerklärungen könnten sehr viel kürzer ausfallen und verständlicher werden, das Surfen im Internet wäre tatsächlich wieder bequemer möglich, auch in dem Bewusstsein, dass ich genau weiß, welche Daten die Webseiten nutzen dürfen und welche nicht. Beim Beispiel WhatsApp könnte ich so sogar die Datenschutzpräferenzen aller meiner Kontakte achten und respektieren.

Im Übrigen halte ich auch nichts davon, dass es de facto eigentlich eine Altersgrenze für das Internet gibt. Das Internet ist ein riesiger Wissenspool und jeder – also auch Kinder – sollten den Zugang zu diesem Wissenspool nutzen können. Aber so, wie wir Kindern und Jugendlichen den Zugang zu politischen und demokratischen Entscheidungsräumen verwehren, genauso wollen wir ihnen den Zugang zu diesem Wissensraum verschließen. Gerade bei Kindern und Jugendlichen ist schön der autoritäre Charakter unserer Gesellschaft zu beobachten und meine Frage ist da immer, wie aus Menschen, die in der Familie und in der autoritären Institution Schule autoritären Entscheidungen ausgesetzt sind, bei denen sie keine Mitspracherechte haben, überhaupt zu demokratischen Menschen erzogen werden sollen. Genauso Frage ich mich beim Internet, wie diese Menschen einen selbstbewussten und selbstbestimmten Umgang mit dem Wissensraum Internet erlernen sollen, wenn sie bis zu einem bestimmten Alter ausgeschlossen werden, beziehungsweise darauf hoffen müssen, dass die Eltern die Chancen erkennen und sie so den Zugang erhalten. 

Datenschutz ist ein schönes Feld um zu beobachten, wie Autoritär unsere Gesellschaft doch noch geprägt ist. Wir verlassen uns darauf, dass wir von Politik und Staat beschützt werden, wollen unsere Entscheidungen in der Gewissheit treffen, dass der Staat sich für uns Regeln überlegt hat, die die negativen Aspekte unserer Entscheidungen, die wir nicht mitgedacht haben, abfedern. Das macht uns bequem, das hält uns davon ab, uns mit Themen wie die Verschlüsselung von Daten nachzudenken. Ist ja reglementiert und deswegen kann ich halt eine Postkarte – also eine E-Mail – durch das Internet schicken, obwohl die Möglichkeit, diese E-Mail in einen Briefumschlag zu stecken, durchaus gegeben und auch kein Hexenwerk mehr ist. Klar, es kostet Zeit, sich damit auseinanderzusetzen und sich die Informationen zu besorgen, aber wir sollten uns die Zeit einfach nehmen, so wie wir uns für eine demokratische Gesellschaft generell sehr viel mehr Zeit nehmen sollten, um unsere Demokratie weiterzuentwickeln und um so die Entscheidungs- und Mitgestaltungsräume zu erweitern.

Dieser Artikel ist meine Antwort auf die Reflexionsfragen zum Online-MOOC “Anstand im Netz”, der durch die virtuelle Hochschule Bayern (vhb) angeboten wird.

31 Januar 2021

Lebenszeit sinnvoll nutzen …

„Die Lebenszeit sinnvoll nutzen“, diesen Satz höre ich immer wieder und ich frage mich, was das eigentlich bedeuten soll. Woher weiß ich denn, dass ich gerade meine Lebenszeit sinnvoll nutze? Und was ist mit den vielen Tätigkeiten, die ich erledigen muss, um überleben zu können? Sind auch diese Tätigkeiten sinnvoll genutzte Lebenszeit, obwohl sich mir der Sinn dieser Tätigkeiten nicht wirklich ergibt? Auf der anderen Seite wird das Leben im Internet, die Zeit, die in sozialen Netzwerken verbracht wird oder auf anderen Seiten, als verschwendete Zeit gebrandmarkt. Ist das wirklich verschwendete Zeit?

Sind wir nicht vielleicht ein wenig vorschnell, wenn wir bestimmte Tätigkeiten als sinnvoll einstufen und andere als Verschwendung von Zeit? Wer setzt dafür die Norm? Die Gesellschaft, die Wirtschaft, die Politik oder vielleicht doch jeder für sich selbst? Und wenn jeder für sich selbst die Norm setzt und selbst entscheidet, was er mit seiner Zeit macht, könnte dann nicht eigentlich nur fremdbestimmte Zeit verschwendet sein? Also die Zeit der Lohnarbeit zum Beispiel, in der ich Aufgaben erledigen muss, die mir von einer anderen Person vorgegeben werden?

Kann der Mensch in unserer Gesellschaft dann überhaupt seine Zeit sinnvoll nutzen oder ist das nicht gerade durch den Aufbau unserer Gesellschaft unmöglich, weil ein großer Teil der Zeit durch Fremdeinflüsse verbracht wird? Ich bin da gerade ein wenig Ideenlos und vielleicht könnt ihr ja einfach ein paar Kommentare hier lassen, die mir Klarheit bringen.

28 Januar 2021

Meine digitale Mediengeschichte

Bild Wissen sammeln, Zeichnung.

Das Internet und ich, die Geschichte hat irgendwann 1998 angefangen. Damals noch nicht so wirklich schnell, da ich nur einen Amiga 2000 hatte, was die Übertragung noch einmal ordentlich ausgebremst hat. Ja, es gab damals schon einen Internetbrowser für den Amiga, aber das Aufrufen von Webseiten hat ewig gedauert, was also nicht wirklich Spaß gemacht hat.

Richtig los mit den neuen Medien ging es dann so 2001/2002, als ich die Foren und Chats für mich entdeckte. 2004 startete ich dann meinen ersten Blog, nachdem ich durch eine Zeitschrift darauf aufmerksam wurde. Allerdings war ich damals nicht wirklich gefestigt, sodass der Blog ziemlich schnell von mir wieder gelöscht wurde. Im selben Jahr startete ich meine Literaturseite, die einem Blog schon nahekam, aber auf einfache HTML-Dateien basierte. Später zog ich mit der Seite auf ein CMS um, wo es leichter für mich war, meine Buchbesprechungen zu veröffentlichen. Nebenbei war ich weiterhin in Foren unterwegs, wo die Kommunikation mit anderen Menschen viel Spaß machte. Super war damals, dass die Diskussionen immer wieder nachgelesen werden konnten und sich so auch die Möglichkeit ergab, sich mit seinen eigenen Argumenten später noch einmal zu beschäftigen und Widersprüche zu finden, was mich generell sehr viel weiter brachte.

2006 fing ich dann an, mein Abitur auf dem Abendgymnasium nachzuholen, was nicht viel mit den neuen Medien zu tun hat, aber nach einem kleinen Tief und einer Auszeit machte ich mich 2007 auf den Weg zum Abitur und nutzte hierfür ab 2008 einen weiteren Blog, um dort das Gelernte zu reflektieren und so mein Wissen zu festigen. Was als Lernblog begann, ist heute mein persönlicher Blog, in dem ich alle Gedanken und Erlebnisse von mir einfange. Und er hat sicher auch dazu beigetragen, dass ich im Jahr 2010 mein Abitur dann auch in der Tasche hatte.

Ebenfalls 2008 entdeckte ich dann die sozialen Netzwerke. Es begann mit Twitter, wo ich mich registrierte, um einer anderen Buchbloggerin zu folgen. Durch das geweckte Interesse ging es dann weiter zu Facebook. Wirklich datensparsam bin ich auf beiden Plattformen nicht, was für mich kein Problem ist, weil ich mir so ziemlich bewusst bin, dass das später auch gegen mich verwendet werden könnte. Allerdings stehe ich zu meinen Meinungen und zu meinen Entwicklungen über die vielen Jahre und finde es spannend, meine früheren Ichs dort immer wiederzuentdecken und meine Entwicklung zu verfolgen. In den letzten 12 Jahren kamen dann noch viele andere soziale Netzwerke hinzu, die alle ihren Reiz haben oder hatten und die alle dazu beigetragen haben, meinen Blick auf die Welt zu erweitern. Instagram, Google+ und wie die Netzwerke alle hießen, darunter auch dezentrale Netzwerke wie Mastodon und Diaspora.

Und ich bin weiterhin neugierig auf die Welt, auf die Menschen, die in ihr leben, auf die vielen neuen Ansätze für digitale Medien und soziale Netzwerke, vermisse aber schon die Foren von damals, mit denen ich in diese Welt eingetaucht bin. Vielleicht kommen die irgendwann Mal wieder, aber wenn nicht, sind die vielen anderen digitalen Netzwerke und Medien ja auch gut genug, um Zeit zu verschwenden.

Dieser Artikel ist meine Antwort auf die Reflexionsfragen zum Online-MOOC “Anstand im Netz”, der durch die virtuelle Hochschule Bayern (vhb) angeboten wird.

14 Januar 2021

Das Arschloch ist das Virus selbst!

Bäume, Wolken und ein Gewässer

Stellt euch Mal folgende – von mir absolut frei erfundene – Aussagen vor:

„Hättest du nicht mit deinem Kind gekuschelt, nachdem es einen absolut schrecklichen Tag in der Schule hatte und dich an die Regeln, die derzeit in der Pandemie gelten, gehalten, dann hättest du dich auch nicht mit Covid-19 infizieren können!“

Mein krankes Hirn

oder:

„Hättest du dich doch nur die letzten 10 Monate komplett in deiner Wohnung isoliert, jeden sozialen Kontakt vermieden und dir deine Einkäufe nur zu Vollmond liefern lassen, dann würden wir dich jetzt hier nicht ….“

Mein noch kränkeres Hirn

Nein, die zweite Aussage denke ich jetzt nicht weiter und ja, es ist ein absolut seltsamer Einsteig in einen Blogartikel, aber nachdem ich die Kommentare gelesen habe, die unter folgendem Erfahrungsbericht(Link klicken) zu finden waren, der von einer Person geschrieben wurde, die sich mit Covid-19 infiziert hat, verzweifle ich an dieser Welt schon wieder ein wenig mehr!

Ich halte diese Erfahrungsberichte für wichtig, ich halte sie für eine Bereicherung und ich wünschte mir sehr viel mehr davon. Doch solange es Menschen gibt, die hier die Schuld an der Infektion individualisieren möchten und damit jegliche Kritik an den Staat und seine Institutionen abschmettern wollen, dann wird es diese Berichte nicht geben, dann werden wir viele wichtige Hinweise nicht erhalten, viele Dinge, aus denen wir lernen könnten, die uns sogar besser durch eine eigene Erkrankung führen könnten. Doch wenn hier wieder ein persönliches Versagen herbeiphantasiert wird, weil es kann ja nur krank werden, wer sich nicht zu hundert Prozent an die Regeln gehalten hat, wird die Scham der Menschen verhindern, dass diese über ihre eigene Erkrankung schreiben!

Keiner von uns hat sich in den letzten Monaten zu hundert Prozent an die Regeln gehalten, keiner von uns ist bis hierhin fehlerfrei durch die Pandemie gegangen. Jeder von uns hat sich Situationen ausgesetzt, bei denen wir uns hätten infizieren können. Ich glaube nicht, dass es Menschen gibt, die ihre Kontakte zu anderen Menschen auf null runtergefahren haben. Der Mensch ist ein soziales Wesen, er bleibt es auch in einer Pandemie und somit besteht immer die Gefahr, sich zu infizieren! Deswegen ist eine Infektion auch nicht die Frage der persönlichen Schuld, zumindest dann nicht, wenn sich die Person so weit wie möglich an alle Regeln hält. Bei Personen, die den Virus und die Pandemie noch immer abstreiten, ist eine andere Bewertung durchaus möglich, aber um die geht es hier nicht.

Von der App bis zur Impfung – alles absolut scheiße!

Wann hören wir auf, aus dieser Pandemie einen Wettbewerb zu machen? Wann hören wir auf, aus jedem kleinen Fehler einen Elefanten zu machen, weil wir persönlich ja soviel besser sind und das alles anders gemacht hätten? Ja, genau darauf spiele ich mit meiner Zwischenüberschrift an! Keiner von uns hat wirklich Erfahrungen mit einer Massenimpfung, niemand hat sich vorher Gedanken über eine App gemacht, die eine datenschutzfreundliche Kontaktverfolgung ermöglicht, aber wenn ich so in meinen Filterblasen unterwegs bin, dann scheint es jeder besser zu können.

Nehmen wir die Impfung: Klar wurden und werden Fehler gemacht, aber abgesehen davon, wie viele Menschen hätten denn bis heute schon geimpft sein müssen, damit die Impfstrategie nicht Scheiße wäre? Einige scheinen zu meinen, dass der Impfstoff in unendlicher Menge zur Verfügung steht und die Regierung einfach nur hätte mehr kaufen müssen, damit wir jetzt schon sehr viel weiter wären mit der Impfung. Dabei steht er nicht unendlich zur Verfügung, dabei ist er jetzt schon ungerecht verteilt und es wird auf dieser Welt Menschen geben, die noch zwei oder drei Jahre auf eine Impfung warten müssen. Darüber müssen wir reden, nicht über die paar Fehler, die in den vergangenen Wochen gemacht wurden. Fehler, die jetzt gemacht werden, optimieren den Impfverlauf in den nächsten Monaten, in denen dann auch ausreichend Impfstoff zur Verfügung steht, sie gehören zum Lernprozess, den wir alle in dieser Pandemie durchlaufen und sie bereichern unseren Erfahrungsschatz.

Wenn wir uns also über etwas aufregen wollen, dann muss es das unsolidarische Patentrecht sein, welches verhindert, dass der Impfstoff jetzt einfach in ärmeren Ländern selbst produziert wird, ohne das hohe Lizenzkosten anfallen. Oder über das kapitalistische System an sich, wodurch auch in der Krise wieder die profitieren, die schon vorher immer profitiert haben und die, die vorher schon abgehängt waren, noch weiter abgehängt werden.

Jetzt bin ich aber irgendwie abgeschweift, war ich doch eigentlich bei den Kommentaren, die versuchen berechtigte Kritik zu unterbinden, indem sie irgendeine individuelle Schuld konstruieren. Hört doch einfach auf damit, nehmt Erfahrungsberichte über die Krankheit mit, freut euch darüber, wenn Menschen sich trauen, über ihre Erkrankung zu schreiben, weil das unseren Wissensschatz erweitert, weil es euch bereichert, es Handlungsempfehlungen gibt und ihr ganz einfach wisst, was auf euch zukommen könnte, wenn ihr dann selbst betroffen seid! Das Arschloch ist nicht die Person, die an dem Virus erkrankt, das Arschloch ist das Virus selbst!

12 Januar 2021

FFP2-Masken – 12.01.2021

Baumreihe

Die Corona-Pandemie zeigt immer deutlicher, dass die Politik Menschen mit geringen Einkommen in ihren Maßnahmen einfach nicht mitdenkt. Seit Monaten verweigert der Bund Menschen, die im Hartz4-Bezug sind, einen Corona-Mehrbedarf, der aber dringend nötig wäre, da andere Hilfsangebote nur noch eingeschränkt zur Verfügung stehen – ebenfalls wegen der Pandemie. Jetzt kommt Bayern und führt die Pflicht ein, im öffentlichen Nahverkehr und im Einzelhandel FFP2-Masken zu tragen. Die Idee mag ja nicht schlecht sein, da hierdurch auch der Eigenschutz erhöht wird, aber erneut wird davon ausgegangen, dass sich alle Menschen diese Masken leisten können. Dem ist aber nicht so!

In Haushalten mit niedrigem Einkommen – Hartz4-Empfänger mit einbezogen – sind die Einnahmen meist schon fest verplant für Miete, Strom, Heizung und Nahrungsmittel. Jede zusätzliche Ausgabe bedeutet, dass irgendwo anders gespart werden muss, im schlimmsten Fall also bei den Lebensmitteln. Politiker haben dies anscheinend noch immer nicht verstanden! Oder doch, sie haben es verstanden, es ist ihnen aber absolut egal. Klar, FFP2-Masken kosten derzeit „nur“ 3,- Euro das Stück, aber diese drei Euro fehlen dann eben bei der Nahrung, ist halt nur ein ganzes Brot mit etwas Wurstaufschnitt, oder das Kilo Äpfel, was dann eben wegfällt …

Ja, ich habe diese Diskussion tatsächlich schon häufiger geführt und dann kommt halt, dass die halt weniger Rauchen sollen, weil hier das Vorurteil besteht, dass jeder Mensch, der ein niedriges Einkommen hat, raucht. Dasselbe gilt ebenso für Alkohol, oder es kommen die Experten, die Mal drei Monate mit Hartz4 überleben mussten und daraus eine Erzählung für das ganze Leben machen. Ich weiß also, dass viele wieder versuchen werden, diesen Umstand mit irgendwelchen Argumenten wegzudiskutieren. Allerdings weiß ich auch, dass sich dieser Umstand nicht wegdiskutieren lässt!

Um es noch einmal anzumerken: Es geht hier nicht nur um Menschen, die derzeit im Hartz4-Bezug stehen, es geht um Rentner*innen, es geht um Arbeiter*innen im Niedriglohnsektor, es geht um Alleinerziehende, es geht also um all die Menschen, die weit unter dem durchschnittlichen Einkommen eines Bundesbürgers liegen und die nicht einfach so Mal 90,- Euro im Monat für FFP2-Masken übrig haben!

Natürlich kann diese Summe auch wieder runtergerechnet werden, aber diese Menschen haben eben auch nicht die 10,- Euro oder 3,- Euro, es ist einfach kein Budget da für Mehrausgaben! Die Alltagsmasken, also der Mund-Nasen-Schutz, konnte durch viele Menschen noch kostengünstige selbst hergestellt werden, dies fällt bei FFP2-Masken komplett weg. Hinzu kommt, dass die Preise für die FFP2-Masken stark steigen werden, wenn sich mehr Bundesländer für eine Pflicht zum Tragen von FFP2-Masken entscheiden. Dann wäre die obere Rechnung eh obsolet, weil wir dann nicht mehr von 3,- Euro pro Stück sprechen werden, sondern von 10,- Euro oder mehr.

Wenn die Politik also schon für mehr Eigenschutz sorgen will, dann muss sie auch an die nötige finanzielle Unterstützung für einkommensarme Menschen denken! Dazu gehört ein ordentlicher Aufschlag bei Hartz4-Empfängern und ebenso Ausgleichszahlungen an Menschen mit geringen Einkommen. Das ist übrigens die Gruppe, die auch so schon eine niedrigere Lebenserwartung hat. Wenn diese jetzt nicht unterstützt wird, indem sie mehr Geld erhält, wird sich das auch in der Pandemie widerspiegeln. Davon, diesen Menschen die Masken kostenlos zur Verfügung zu stellen, um keinen finanziellen Ausgleich schaffen zu müssen, halte ich übrigens nicht viel, weil hier dann wieder so knapp kalkuliert wird, dass es nicht für alle Menschen reichen wird.

Unsolidarisches Verhalten

Dass die Politik zu FFP2-Masken übergehen muss, um den Eigenschutz der Menschen zu erhöhen, liegt übrigens auch im unsolidarischen Verhalten einiger Menschen. Menschen, die die Maske unter der Nase tragen mussten, wenn sie diese denn überhaupt getragen haben, weil sie sich in ihrer Freiheit sosehr eingeschränkt fühlten! Dass sie dadurch allerdings eher die Freiheiten von Menschen mit niedrigem Einkommen noch mehr beschneiden, ist diesen Menschen absolut egal, da es nur um das eigene Ego geht!

5 Januar 2021

Bye Bye Studium – 05.01.2021

Studienbrief

Das Jahr 2021 liegt vor uns und es wird ein Jahr sein, in welchem Träume beerdigt werden. Die Corona-Pandemie macht Schlussstriche notwendig, auch weil die Politik es nicht schafft, alte Pfade zu verlassen und neue zu betreten. Aber, um das auch gleich am Anfang zu erwähnen, es ist natürlich nicht nur die Pandemie schuld, es gibt viele Faktoren, die dazu führen, dass Träume beerdigt werden müssen. In meinem Fall wird es jetzt das Studium sein, welches sein Ende findet.

Bye Bye Studium bye bye

Sind wir ehrlich, ich halte eh schon viel zu lange an diesem Traum fest, acht Jahre sind es inzwischen. Hauptgrund, warum es jetzt schon so lange dauert, ist natürlich die finanzielle Situation. Wenn du niemanden im Rücken hast, der dir im Notfall auch Mal finanzielle Löcher stopfen kann und du selbst auch keinen großen finanziellen Spielraum hast, dann ist es echt schwer, sich auf das Studium zu konzentrieren. Ich glaube auch, dass das ein Hauptgrund ist, warum so viele Arbeiter*innenkinder spätestens beim Studium scheitern. Immerhin brechen 1/3 der Arbeiter*innenkinder, die es bis zu einem Studium schaffen, dieses ab. Um es kurz zu erwähnen: ich gehöre zu den 21 Prozent der Arbeiter*innenkinder, die überhaupt ein Studium begonnen haben. Bei Akademikerkindern schaffen es 74 Prozent ein Studium zu beginnen und nur 15 Prozent brechen das Studium ab. Einfach um hier einmal den Vergleich zu schaffen.

Ich habe es jetzt ja einige Jahre versucht und leider war es bei mir so, dass ich durch die ständige Sorge darum, all meine Rechnungen und Fixkosten zu bezahlen, blockiert war. Ich konnte mich nicht auf das Studium konzentrieren, konnte mich nicht auf das Lernen einlassen, weil da immer die Gedanken im Weg waren, wie ich die nächsten Monate finanziell über die Runden komme. Erschwerend hinzu kam natürlich, dass ich mein Studium in einem Alter begonnen habe, in welchem ich weder Zugang zum Bafög hatte, noch konnte ich die günstige Krankenversicherung für Studierende in Anspruch nehmen, was die Fixkosten monatlich natürlich deutlich erhöhte. Dann kommt noch hinzu, dass ein Student auch keinen Anspruch auf Hartz4 hat, was meiner Meinung nach die größte Fehlkonstruktion in unserem System ist! Aber okay, am Ende jammert dann die Wirtschaft halt wieder über fehlende Fachkräfte und das Versagen wird individualisiert.

Bei mir kommt dann als zusätzliches Problem hinzu, dass ich mein Geld als Solo-Selbstständiger verdient habe und weiterhin verdiene – wobei derzeit verdiene ich kein Geld, weil wir die Pandemie haben. Davor habe ich mir immer eingeredet, dass ich jetzt einfach ein ordentliches finanzielles Polster aufbauen muss, um mich dann auf mein Studium zu konzentrieren. Jetzt sind auch diese Einnahmen weg und wie schon erwähnt, der Zugang zu Hartz4 ist auch nicht gegeben, sonst würde ich jetzt die Zeit halt wirklich nutzen, um mich mit meinem Studium zu beschäftigen.

Keine Person, die an einem glaubt

Ein weiterer Faktor, der zum Scheitern führt, ist das Fehlen von – zumindest – einer Person, die an einem glaubt. Jemand, der einen unterstützt, einen Motiviert und der daran glaubt, dass du dein Ziel erreichen kannst und wirst. Ich bin inzwischen überzeugt, dass du als Arbeiter*innenkind genau so eine Person brauchst, damit du auch durch schwierige Zeiten kommst, du irgendwoher die Motivation bekommst, um dein Ziel zu erreichen. Kommt aus deinem Umfeld immer nur die Frage, wann du denn endlich Geld verdienen willst – was die meisten Arbeiter*innenkinder ja durchaus auch während des Studiums tun – hilft das nicht wirklich. Ebenso hilft die Frage nicht, wann du denn endlich fertig bist und ob sich das überhaupt noch lohnt! Das demotiviert, das bringt Selbstzweifel und ist eine zweite Blockade, die du so schnell nicht loswirst!

Wenn du – der das hier gerade liest – ein Arbeiter*innenkind bist und studieren willst, such dir unbedingt eine Person, die dich auf deinem Weg unterstützt, die dich motiviert, die an dich glaubt und mit der du reden kannst, wenn es Mal nicht so gut läuft. Damit hast du viel gewonnen und die Wahrscheinlichkeit, dass du das Studium schaffst, steigt enorm an!

Individueller Faktor

Dann kam noch ein individueller Faktor bei mir hinzu. 2016 hat mich der Selbstmord meines Neffen total aus der Bahn geworfen! Es ist dann nicht einfach weitermachen wie davor! Ich habe mich damals in meinen Auftrag gestürzt, den ich da gerade neu an Land gezogen habe, habe mich damit abgelenkt und hatte dann knapp 2 Jahre gar keine Zeit für mein Studium, weil ich mich mit meinem Auftrag abgelenkt habe und als diese Ablenkung dann weg war, war das Motivationsloch noch tiefer! Ich kämpfe noch heute damit, aus diesem wieder herauszukommen und glaubt mir, die Pandemie ist in diesem Kampf nicht wirklich hilfreich!

Jetzt bin ich an dem Punkt, wo ich mich entscheiden muss, weil ich entweder an meinem Studium festhalten kann, dadurch aber den Zugang zu Hartz4 verbaue oder ich meine finanzielle Absicherung durch Hartz4 ermögliche, dafür aber mein Studium fallen lasse. Da wir in einem kapitalistischen System leben, ist die Entscheidung nicht wirklich meine, sie ist vorgegeben, weil die Politik auch in dieser Zeit nicht die alten Pfade verlassen will, um sich auf neue gesellschaftliche Pfade zu begeben.

2 Januar 2021

Neue Normalität? – 02.01.2021

Baumreihe

Es reden viele von der neuen Normalität. Einer neuen Normalität, die wir nach der Pandemie haben werden! Darunter vorstellen kann ich mir nicht viel, weiß nicht, was diese neue Normalität sein soll. Wenn ich frage, dann gibt es auch keine wirklichen Antworten darauf, weil dieses neue Normal wohl noch nicht fassbar ist. Vielmehr sind es wohl die Wünsche einiger, die sie in die Zukunft nach der Pandemie projizieren, weil sie jetzt in der Pandemie greifbar sind. Doch die Pandemie wird nicht ausreichen, um diese Veränderungen nachhaltig in der Gesellschaft zu verankern!

Festhalten am Alten

In den letzten Monate konnten wir sehen, wie schwer sich die Politik tut, irgendwo vom Standard abzuweichen. Klar, es gab Einschränkungen in Bereichen, die die Politik anscheinend für nicht so wichtig hält. Der private Bereich wurde möglichst weit runtergefahren, aber schon bei den Schulen konnten wir sehen, wie wenig Einfallsreich die Politik ist, wie sehr sie am eingeübten Verhalten festhält und dieses für das einzig sinnvolle Verhalten hält. Es geht der Politik nicht um die Chancengleichheit der Schüler*innen, auch wenn diese gern auf diese verweist, wenn sie ihre Entscheidungen begründen muss. Chancengleichheit gab es in diesem System schon vor der Pandemie nicht, Schüler*innen wurden abgehängt, weil die Eltern nicht die finanziellen Möglichkeiten hatten, um diese zu fördern! Das hat sich in der Pandemie nicht geändert und so ist dies auch ein sehr schwaches Argument, um die Präsenzpflicht in Schulen zu verteidigen.

Klar, Eltern sind keine ausgebildeten Lehrer und ja, es gibt Eltern, bei denen gibt es so große Bildungslücken, dass sie ihre Kinder nicht ausreichend unterstützen können, aber wenn wir die digitale Infrastruktur an Schulen nicht über Jahrzehnte vernachlässigt hätten, dann wäre vieles auch per Onlineunterricht möglich gewesen. Dass das nicht innerhalb eines Jahres aufgeholt werden kann, ist ebenso klar, aber es hätte digitale Konzepte geben können, die zumindest eine Wahlfreiheit hätten schaffen können. Kinder und Jugendliche, bei denen es möglich gewesen wäre, wären dann einfach zu Hause geblieben und hätten Onlineunterricht erhalten, gleichzeitig wären aber die Schulen als geschützte Lernräume für Schüler*innen offen gehalten wurden, die eben nicht von zu Hause aus lernen hätten können. Das hätte eine Chancengleichheit sichern können, hätte sogar ermöglicht, dass sich die Lehrer*innen in den Schulen intensiver um die anwesenden Schüler*innen hätten kümmern können. Doch den Sommer 2020 hat die Politik verstreichen lassen, hat die relativ ruhige Phase nicht genutzt, um die zweite Welle – die von allen Experten vorhergesagt wurde – vorzubereiten. Und nein, ständiges Lüften ist hier keine gute Vorbereitung, wenn dann hätte eventuell Geld in Luftfilter investiert werden müssen, aber das wurde ja lieber in die Lufthansa gesteckt, aber das ist ein anderes Thema.

Thema ist immer noch die neue Normalität, die ich nicht sehe, die ich mir nicht vorstellen kann. Ein weiteres Beispiel dafür sind Unternehmen, die ihren Mitarbeitern – dort wo es möglich war und ist – das Recht auf Home-Office verweigert haben und weiterhin verweigern. Die Politik wollte dieses Recht schaffen, hat das aber bis jetzt nicht hinbekommen und muss deswegen die Unternehmer*innen ganz lieb darum bitten, dass diese ihren Mitarbeitern diese Möglichkeit schaffen. Das Arbeiten in Großraumbüros hilft natürlich extrem dabei, die Kontakte zu anderen Menschen zu vermindern, um so die Übertragung des Virus zu verhindern.

Veränderungen wären möglich gewesen

Sicher hätte die Pandemie für Veränderungen in der Gesellschaft genutzt werden können, hätte die Gesellschaft nach der Pandemie eine andere Normalität leben können, aber das ist eben nicht geschehen und wird auch nicht geschehen, solange wir ständig konservative Parteien mit alten Ideen in die Regierungsverantwortung wählen – und ja, damit meine ich auch die SPD und die Grünen! Wir hätten ein BGE einführen und erproben können, dafür wäre die Pandemie genau der richtige Zeitpunkt gewesen. Wir hätten die Lufthansa verstaatlichen können, um diese dann auf Klimaschutz ausrichten zu können und es gibt noch so viel mehr, was wir in dieser Pandemie hätten machen können, um die Gesellschaft auf eine nachhaltige, Umwelt- und Klimaschonende Lebensweise umzustellen, aber diese Möglichkeiten haben wir nicht genutzt.

Und um die Veränderungen, die es gab, wird jetzt schon wieder gekämpft. Die vielen neuen Radwege zum Beispiel, die während der Pandemie entstanden sind, sollen möglichst schnell wieder verschwinden, damit die Autofahrer*innen ihren Platz wiederbekommen, der ihnen – ohne Grund – zugestanden wird. Welche neue Normalität soll es also nach der Pandemie geben?

Ist damit etwa gemeint, dass wir uns daran gewöhnen müssen, dass viele Orte des kulturellen Lebens für immer verloren sind? Dass das Café um der Ecke nach der Pandemie nicht mehr da ist, die Treffpunkte im Kiez verloren sind? Ist das die neue Normalität, von der alle reden? Eine Normalität mit weniger sozialen Kontakten, weil die kulturelle Infrastruktur verschwunden ist? Die Pandemie bedeutet doch derzeit eher, dass viele Kämpfe um Freiräume und kulturelle Treffpunkte verloren gehen, weil die Pandemie die kulturellen Angebote als erstes gefressen hat. Sie hat aber bisher keine großen Veränderungen in unserem Wirtschaftssystem bewirkt, keine Abkehr vom Kapitalismus, kein Umdenken bei der Profitgier! Gewinnmaximierung steht immer noch vor dem Gemeinwohl, Ausbeutung immer noch vor der Solidarität.

Ich sehe sie nicht!

Ich sehe die neue Normalität nicht. Ich sehe die alte Normalität, die einfach fortsetzt, was schon vor der Pandemie lief. Der Unterschied wird sein, dass viele Kämpfe, die vor der Pandemie noch mit der Aussicht auf Erfolg geführt wurden, nach der Pandemie verloren sind und mit diesen Kämpfen dann auch viele Freiräume, die der Gesellschaft fehlen werden und die neu erkämpft werden müssen. Wenn das mit neuer Normalität gemeint ist, dann möchte ich die eigentlich gar nicht haben, dann freue ich mich darauf auch nicht, dann verstehe ich auch nicht, warum einige das als Chance sehen.

27 Dezember 2020

Eine stille Weihnacht – 27.12.2020

Draußen fährt irgendwo die Polizei, die Feuerwehr oder ein Krankenwagen mit Blaulicht und Sirene durch die Gegend. Die Welt dreht sich also weiter, es gibt weiterhin Leid, Krankheit und Verbrechen, ganz viel Leid in Moria zum Beispiel, wo Menschen von Ratten angeknabbert werden, weil sie nicht genügend geschützt sind, wo sie aufeinander hocken in Schlamm und immer mit der Gefahr leben, dass der Virus zusätzliches Leid bringt oder das Raubtier Mensch sich auf andere menschliche Opfer stürzt. Die Welt dreht sich also weiter, wenn auch ein wenig stiller als die vielen Jahre zuvor.

Stiller waren dieses Jahr auch die Weihnachtsfeiertage! Der Besuch, der sonst jedes Jahr kommt, war dieses Jahr ausgeladen. Nicht aus Bosheit, nicht, weil es Streit gab, sondern um die Gesundheit zu schützen. So ist es in diesem Jahr, so wird es auch im nächsten Jahr noch eine ganze Zeit lang sein. Doch so steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es in der Zukunft noch viele laute Weihnachtsfeiertage mit der ganzen Familie gibt, so steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass wir den Virus nicht weiter verteilen und dadurch Leben retten. Das ist auch ein Wert, an den wir uns festhalten können, weil dadurch viele Menschen in den nächsten Jahren noch Feste halten können.

Weihnachten ist ja eh ein Fest der Besinnlichkeit und Besinnung findet sich leichter, wenn es in der Wohnung nicht ganz so laut ist. Stille ist auch Mal ganz angenehm und sich treffen, mit der Familie Zeit verbringen, das geht auch ohne Weihnachtsfest. Machen wir halt ein Impffest, wenn alle ihre Impfung gegen den Virus erhalten haben und feiern dann, dass wir die Pandemie überstanden haben. Viele Familien können das nicht mehr, viele Familien haben Menschen – Freunde, Bekannte – verloren und werden mit dieser neuen Realität ihr restliches Leben klarkommen müssen. Das war schon immer so! Schon immer sind Menschen gestorben, doch der Virus macht es noch einmal sichtbarer und dadurch auch greifbarer. Eine stille Weihnacht hingegen wird schnell verblassen und durch viele schöne zukünftige Momente überstrahlt werden.

Eine stille Weihnacht ist dann doch auch Mal ganz angenehm, um zur Ruhe zu kommen!