12 Oktober 2021

12.10.2021: Was damals war, ist heut nicht mehr!

Lernen

Seit 2002 schreibe ich ins Internet. Damals waren es noch Chats, Foren und Gemeinschaften – wie die Plattform, wo ich meine Gedichte veröffentlichen durfte – heute sind es mehr Blogs und soziale Netzwerke und Gedichte schreibe ich nur noch selten. 19 Jahre sind das, vielleicht sogar schon 20 und wenn ich all das noch einmal lesen dürfte, würde ich mich wahrscheinlich fragen, was ich damals für ein Idiot war. Ich brauche eigentlich nur 12 Jahre hier in meinem Blog zurückgehen, und würde so in eine Gedankenwelt einer anderen Person tauchen, obwohl die Texte und Gedanken von mir sind. Wahrscheinlich würde ich auch Texte, die ich vor fünf Jahren geschrieben habe, heute nicht mehr so schreiben, ganz einfach, weil ich mich als Mensch weiterentwickelt habe, ich neue Erfahrungen in meine Gedankenwelt eingebaut, meine Ansichten und Meinungen weiterentwickelt habe.

Ich schreibe das, weil gerade eine Kampagne gegen Sarah-Lee Heinrich läuft, in der ihr alte Tweets vorgeworfen werden, um ihre noch junge politische Karriere zu zerstören. Tweets von vor sechs Jahren, Tweets von einer unreflektierten wütenden Jugendlichen, die damals 14 oder 15 war. Inzwischen ist sie sechs Jahre älter, reflektierter und sie gesteht sogar ein, dass die Tweets von damals falsch waren. Das ist schon viel wert in einer Welt, in der Menschen Probleme damit haben, Fehler einzugestehen und die Frage muss erlaubt sein, ob es wirklich ein Fehler war, den wir ihr vorwerfen können, oder ob es nicht einfach zur Entwicklung dazu gehört. Immerhin wächst sie in einer Gesellschaft auf, die geprägt ist von Rassismus, Diskriminierung und Antisemitismus! Und ja, sie wächst auf, weil sie sich in ihrem Leben ständig weiterentwickelt und diese Entwicklung nicht einfach irgendwann endet!

Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Menschen erst mit 18 die volle Geschäftsfähigkeit erreichen, wo bestimmte Dinge sogar erst mit 21 erlaubt sind und wo sogar das Jugendstrafrecht bis zum vollendeten 21 Lebensjahr Anwendung finden kann, wenn die Entwicklung der Person noch nicht so weit ist, wie wir sie von einem Erwachsenen erwarten. Volles Wahlrecht gibt es erst mit 18, ebenso den Führerschein und auch die Entscheidungsmacht der Erziehungsberechtigten fällt erst mit dem 18. Lebensjahr. Viele von denen, die jetzt gegen die junge Politikerin hetzen, finden diese Einschränkungen super, erklären dir in Diskussionen über das Wahlrecht, warum 18-Jährige eigentlich noch viel zu jung zum Wählen sind, wollen jetzt aber, dass eine 14-Jährige damals schon so reflektiert war, dass sie sich der Tragweite ihrer Tweets bewusst war! Das ist ein Widerspruch.

Entweder sind Menschen unter 18 noch nicht reif genug, damit die Einschränkungen und Diskriminierungen, die sie erfahren, gerechtfertigt sind, oder sie sind reif genug, dann sollten aber auch sofort alle Einschränkungen wegfallen, dann sollten auch Menschen unter 18 Jahren zum Beispiel das volle Wahlrecht erhalten.

Es geht aber gar nicht um Logik, es geht darum, einem jungen Menschen das Leben zu zerstören, sie aus der Öffentlichkeit zu drängen, ihr ihre Stimme zu nehmen, sie unsichtbar zu machen. Wäre es nur um ihre damaligen Aussagen gegangen, wäre das Thema nicht so hochgekocht, weil sie – wie schon erwähnt – die Tweets von damals selbst als Fehler ansieht. Das hätte in einer kurzen, sachlichen Diskussion geklärt werden können, wenn denn wirklich noch Unklarheiten bestanden. Und ja, gegen eine sachliche Auseinandersetzung spricht überhaupt nichts, aber Morddrohungen und Anfeindungen sind halt keine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema!

Was bin ich glücklich, dass ich mit 14 noch kein Internet hatte! Was bin ich glücklich, dass meine Aussagen von damals nicht wirklich dokumentiert sind, wobei das sicher verdammt spannend wäre, meine Entwicklung von damals bis heute noch einmal nachzuverfolgen, und eigentlich ist es schade, dass so was – obwohl es heute möglich wäre – immer zu einem Nachteil werden kann. Klar, ein Tagebuch könnte das auch dokumentieren, aber es ist halt schon etwas anderes, seine Gedanken nur für sich selbst zu sortieren oder damit in einen öffentlichen Diskurs zu gehen.

Ich wäre nicht da, wo ich heute bin, wenn ich 2002 nicht damit angefangen hätte, das Internet vollzuschreiben und ich halte es für wichtig, auch mal unreflektiert Wut rauslassen zu dürfen, ohne daran zu denken, dass das in sechs Jahren vielleicht ein Nachteil sein könnte. Nur so ist Platz da, um über diese Wut nachzudenken, sie zu greifen, sie zu reflektieren und sich dadurch weiterzuentwickeln. Sollte es dann fünf Jahre später noch Klärungsbedarf geben, wäre das auf einer sachlichen Ebene durchaus möglich, aber solche Tweets oder Texte dann herauszuholen, nur um einen Menschen anzufeinden, um ihn aus der Öffentlichkeit zu drängen, ist absolut unangebracht!

Kleine Anmerkung:

Mir ist durchaus bewusst, dass der Artikel sehr an der Oberfläche bleibt und es durchaus gute Gründe geben kann, weswegen ältere Texte und Gedanken auch in einer aktuellen Kritik als Unterbau verwendet werden. Eine Weiterentwicklung einer Person muss ja nicht immer in eine positive Richtung gehen. Und ja, wir sollten auch Antisemitismus nicht einfach unter den Tisch kehren mit Aussagen wie: „Sie ist erst 14!“, aber wenn zwischen Aussage und Kritik eine Zeitspanne von mehreren Jahren liegt, dann muss halt immer auch geschaut werden, ob sich ein Mensch in dieser Zeit weiterentwickelt hat. Deswegen schrieb ich auch oben, dass eine sachliche Diskussion immer möglich sein sollte, auch wenn die Texte schon älter sind.

23 September 2021

Ich war dann doch wählen

Auf dem Bild ist eine Tasse mit Gesicht zu sehen und fünf verschiedene Wahlplakate

Ich war dann jetzt doch wählen! Nicht, weil ihr mich davon überzeugt hättet, dass das Wählen irgendwas bringt, sondern weil ich heute sehr aggressiv wurde, als sich kurzzeitig andeutete, dass ich am Sonntag nicht einmal die theoretische Möglichkeit hätte, an der Wahl teilzunehmen. Ich werde nämlich am Wahlwochenende arbeiten, hatte mir aber die Möglichkeit offen gelassen, gleich zur Öffnung der Wahllokale doch meine Kreuze machen zu können. Die Möglichkeit verschwand heute für einen kurzen Augenblick und ich war ziemlich sauer darüber.

Wenn mich das jetzt schon sauer macht, wie hätte ich dann die nächsten vier beziehungsweise fünf Jahre damit leben sollen? Also bin ich heute spontan ins zuständige Wahlamt gegangen und habe dort meine Stimmen abgegeben. Mit großer Wahrscheinlichkeit habe ich sogar gültig gewählt, zumindest dann, wenn ich nicht doch irgendwo aus Versehen zwei Kreuze in einer Spalte gemacht habe.

Ich habe mich mit meiner Zweitstimmer übrigens nicht für eine der Parteien entschieden, die derzeit im Bundestag beziehungsweise im Abgeordnetenhaus von Berlin sitzen. Das wird einige ärgern, besonders dann, wenn jetzt am Sonntag doch die CDU/CSU knapp gewinnen sollte, aber ich halte nicht viel vom taktischen Wählen. Wenn ich eine Partei wähle, dann weil ich ihr vertraue oder weil ich zumindest bereit bin, ihr einen Vertrauensvorschuss zu geben. Ebenfalls muss diese Wahl mit meinen Grundsätzen, Einstellungen, Werten und roten Linien zusammenpassen. Das trifft in dieser Gesamtheit auf keine der Parteien zu, die im Bundestag oder im Abgeordnetenhaus vertreten sind.

Natürlich ist mir bewusst, dass sich meine Entscheidung auch darauf auswirken kann, wer am Ende regiert. Aber wenn es weiterhin eine konservative Mehrheit gibt, dann sind hier die Wählenden eben dieser konservativen Parteien in der Verantwortung, ebenso wie die Parteien selbst, die nämlich dafür verantwortlich sind, wenn Wählende kein Vertrauen in diese haben.

Natürlich werden es sich die Parteien wieder einfach machen, werden – wenn der Politikwechsel scheitert – die Wähler*innen von Kleinstparteien wieder in der Verantwortung sehen. Sollte der Politikwechsel gelingen, dann werden die Wählenden der Kleinstparteien dafür verantwortlich sein, dass die Parteien in den Koalitionsverhandlungen nur schlechte Kompromisse machen werden. Was nicht angesprochen werden wird, ist die Verantwortung der Parteien selbst, der Vertrauensverlust, die schlechte Politik, die miesen Kompromisse, die verpasste Chance, 2013 schon eine Rot-Rot-Grüne Regierung zu bilden.

Egal, wenn es nach der Wahl einen Schuldigen braucht, mache ich das als Wähler einer Kleinstpartei gerne. Ich kann mich aber nach der Wahl weiterhin im Spiegel anschauen, weil ich nicht aus taktischen Gründen irgendeine Partei gewählt habe, sondern eine Partei, der ich mit gutem Gewissen einen gewissen Vertrauensvorschuss geben konnte.

7 September 2021

07.09.2021: Diskutiert mit mir

Auswertung zum Wahlkompass

Die Wahl rückt immer näher. Es könnte mir egal sein, denn ich habe mich entschlossen, dieses Jahr nicht zur Wahl zu gehen. Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht, was die vielen Texte, die ich zur Wahl und zur Demokratie in den letzten Wochen geschrieben habe, beweisen. Seit ich wählen darf, war ich bisher immer wählen. Ich kenne die Argumente, die für eine Wahl sprechen, habe selbst genügend Texte dazu geschrieben oder im Podcast darüber gesprochen. Deswegen bringt es nicht viel, wenn ihr mir jetzt auf Twitter mit genau diesen Argumenten kommt, um mich doch davon zu überzeugen, zur Wahl zu gehen.

Ihr dürft es versuchen und ich würde es auch spannend finden, eure Argumente zu hören. Doch das funktioniert nur, wenn ihr dabei auch auf meine Argumente eingeht, wenn ihr euch mit meinen Gedanken beschäftigt, ihr meine Texte lest. Die allgemeinen Argumente, die kenne ich schon und wenn die mich noch überzeugen würden, dann würde ich zur Wahl gehen, oder meint ihr nicht?

Ich habe vor drei Monaten mit dem Text „Geht wählen oder lasst es!“ angefangen. Da habe ich aufgeschrieben, warum ich dieses Jahr nicht zur Wahl gehen werde. Es gab einen kleinen Kommentar auf diesen Artikel, aber keine Diskussion um die aufgeschriebenen Gedanken. Diesen Text habe ich danach in jeder Diskussion zum Thema erwähnt, in der Hoffnung, dass ihr auf die Inhalte eingeht. Es ist nicht passiert, im Gegenteil, es kamen weiterhin nur die Argumente, die schon seit Jahrzehnten kommen, wenn jemand erzählt, dass er nicht zur Wahl geht. Es gab sogar eine Person, die mir nahegelegt hat, nach China, Nordkorea oder in ein anderes Land zu gehen, wo es keine freien Wahlen gibt, wenn ich auf mein Recht verzichten möchte.

Ganz ehrlich, wie oft habe ich in meinem Leben schon gehört, dass ich doch in diese Länder gehen soll, wenn mir unsere Demokratie, unsere Gesellschaft, und/oder unser Kapitalismus nicht gefällt? Viel zu oft! Es ist das letzte Argument, wenn die inhaltliche Auseinandersetzung nicht so funktioniert, wie es sich die Person gegenüber vorstellt. Damit ist allerdings fast nie gemeint, dass die Gegenseite sich mit den Argumenten auseinandersetzt, die ich in die Diskussion einbringe, sondern nur ich soll mich inhaltlich mit den Argumenten der Gegenseite auseinandersetzen.

Das ist schon der erste Punkt, an dem unsere Demokratie krankt. Wir gehen nicht auf die Inhalte des Gegenübers ein, wir wollen unsere Standpunkte durchdrücken und wenn das nicht funktioniert, dann kommen halt Scheinargumente ins Spiel. Ich meine damit nicht, dass wir mit jeder Person diskutieren müssen, es gibt Personengruppen, mit denen kannst du nicht diskutieren, weil sie bereits ein geschlossenes Weltbild haben, weil sie nicht bereit sind, sich mit anderen Inhalten zu beschäftigen. Aber genau das ist die Grundlage einer Demokratie und wenn wir Demokraten sein wollen, dann müssen wir auch offen sein, uns mit den Inhalten und Gedanken anderer Menschen zu beschäftigen. Nur so kann das mit dem Diskutieren und dem Austausch von Argumenten funktionieren.

Mir ist bewusst, dass das Internet eine Flut an Informationen liefert, dass wir die Informationen sortieren müssen, damit wir mit der Flut der Informationen überhaupt umgehen können. Dass da ein Blog wie meiner, in dem ich nur meine persönlichen Gedanken und Kurzgeschichten teile, untergeht und kaum interessiert, ist mir deswegen auch bewusst. Wenn ich allerdings in einer Diskussion dann einen Text teile, dann wäre es schön, wenn sich die Person, die mit mir diskutieren möchte, auch die Zeit nimmt, um diesen Text zu lesen. Es sind ja meist keine Romane, es dauert meist keine fünf Minuten, um sich mit dem Text auseinanderzusetzen.

Es sind noch einige Tage bis zur Wahl und ich bin weiterhin offen für eure Argumente. Vielleicht ist ja das Argument dabei, welches mich dann doch überzeugt, am Wahlsonntag zur Wahl zu gehen.

Links

6 August 2021

06.08.2021: Umfrage – Sind Impfanreize der richtige Weg?

Verkostung bei Meta Mate Berlin

Impfanreize sind derzeit in aller Munde. Bratwürste gegen Impfung, Geld, Gutscheine, alles wird derzeit in die Diskussion geworfen, um die Impfbereitschaft und somit die Impfquote zu erhöhen. Persönlich habe ich nichts gegen Impf-Grillfeste, wenn das dazu beiträgt, Menschen von der Impfung zu überzeugen. Ich hätte auch nichts gegen andere Impfanreize, auch wenn es für mich natürlich unverständlich ist, dass der Schutz der eigenen Gesundheit und eventuell sogar des eigenen Lebens oder des Lebens eines Familienmitgliedes nicht schon Gegenleistung genug ist. Aber wenn wir durch Impfanreize die Impfquote auf über 80 Prozent bringen können, dann sollten wir die Chance nutzen. Meine Meinung!

Wir sollten halt nicht vergessen, dass unsere Gesellschaft kapitalistisch erzogen ist und für viele bedeutet das eben, dass sie eine greifbare Gegenleistung brauchen, um zu einer Handlung bewegt zu werden. Das wird aber nur ein Teil der Erklärung sein, ein anderer Teil ist, dass für Menschen und Familien mit geringen Einkommen der Anreiz eine warme Mahlzeit zu bekommen, durchaus die Entscheidungsfindung beeinflussen kann, unabhängig von der kapitalistischen Prägung.

Okay, genug der (Vor)Worte, jetzt zur Umfrage: Sind Impfanreize der richtige Weg?

Sind Impfanreize der richtige Weg?

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11 Juli 2021

Lebens-ABC: J wie Joggen

Bild mit der Aufschrift "Joggen"

Das Lebens-ABC geht mit dem Buchstaben „J“ weiter und da kann natürlich nur Joggen kommen. Ihr seid nicht wirklich überrascht, oder?

Fangen wir doch einfach damit an, dass ich lange Zeit Sport gehasst habe. Ich bin schon immer gerne Fahrrad gefahren, das war es dann aber auch schon. Ich muss also nicht erwähnen, dass ich eigentlich total unsportlich war und es durchaus auch immer noch bin und meine ersten Laufversuche habe ich 2004/2005 bei der Bundeswehr gemacht. Nicht unbedingt freiwillig, denn die Laufrunde war freitags vor Dienstschluss Pflicht, doch so wirklich was abgewinnen konnte ich dem damals noch nicht viel. Das Ganze wurde dann durch eine Verletzung, die ich mir bei irgendeiner anderen Übung im Wald zugezogen hatte, erst einmal unterbrochen, was auch das Ende meiner Zeit bei der Bundeswehr war.

Nachdem mein Fuß wieder okay war, fing ich langsam wieder an mit dem Joggen. Ich weiß nicht wirklich, warum ich das gemacht habe, aber anscheinend war da bei der Bundeswehr doch irgendwie ein Funken hängen geblieben, der sich jetzt langsam ausbreitete. Allerdings lief ich da noch nicht regelmäßig, öfter lagen mehrere Wochen zwischen den Läufen und Aufzeichnungen habe ich keine geführt. Deswegen kann ich auch nicht wirklich genau sagen, wann ich mit dem Joggen so richtig begonnen habe.

Am 23.09.2007 habe ich dann damit begonnen, meine Laufeinheiten aufzuzeichnen, damals habe ich noch geschätzt, wie lang meine Runde ungefähr war, weswegen die Aufzeichnung damals eher ungenau war, was die Kilometerzahl angeht, aber die Zeit habe ich damals genau erfasst. Das war dann auch der Zeitraum, ab dem ich regelmäßig gelaufen bin und ich nicht mehrere Wochen Pause zwischen den Joggingeinheiten gemacht habe.

An der Abendschule, an der ich damals mein Abitur nachgeholt habe, hing dann irgendwann ein Aushang für einen Volkslauf und weil ich dachte, dass das eventuell eine gute Idee ist, habe ich mich für diesen Volkslauf angemeldet und bin da für die Abendschule gestartet. Es war spannend, hat auch ziemlich viel Spaß gemacht, auch wenn ich von unserer Gruppe wohl einer der Letzten war, der ins Ziel kam. Dieser erste Volkslauf hat mich dem Laufen noch näher gebracht. Nicht unbedingt, weil ich Gewinnen wollte, sondern weil der Zieleinlauf doch immer etwas Schönes mit sich bringt. Das war dann auch der Anfang meiner Volkslaufkarriere, dank der ich auch meinen Laufpartner und Freund Bernd kennengelernt habe, wobei ich das selbst gar nicht so mitbekommen habe, aber er schrieb mich dann irgendwann per Mail an, ob wir nicht gemeinsam unser Lauftraining machen wollten. Das war im Jahr 2009 nach dem Kreuzberger Viertelmarathon. Seither haben wir unser Training bis zum Beginn der Pandemie gemeinsam gestaltet, haben in den ersten Jahren auch viele Volksläufe gemeinsam besucht und sind auch mit dem Fahrrad viel durch Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern gefahren. Schon deswegen ist das Joggen inzwischen ein fester Bestandteil meines Lebens.

Wahrscheinlich hätte ich auch den Lutz nie virtuell kennengelernt, wenn ich nicht mit dem Joggen begonnen hätte und viele schöne Erlebnisse, die mir das Joggen gebracht hat, hätte ich auch nicht erlebt. Und ganz ehrlich, so ein paar Laufabenteuer warten auch noch auf mich.

Joggen hat mein Leben bereichert. Nicht nur das Laufen selbst, sondern auch die vielen Dinge, die rund um das Laufen passiert sind, möchte ich nicht vermissen. Mit 20 hätte ich euch wohl für verrückt erklärt, wenn ihr mir das erzählt hättet, mit 30 war ich dann schon vom Laufvirus infiziert und inzwischen gehört das Joggen schon über 13 Jahre zu meinem Leben dazu.

Okay, die Pandemie ist derzeit ein wenig schwierig. Aufgrund der Einnahmesituation bin ich jetzt seit Anfang 2021 ohne Laufschuhe und somit auch ohne Lauftraining, aber das ist nur ein kleiner Dämpfer und ich bin mir sicher, dass ich auch 2021 ein paar Kilometer Laufen werde, bis dahin muss jetzt erst einmal das Wandern und das Radfahren dabei helfen, fit zu bleiben.

Das Lebens-ABC ist eine Idee aus einem Schreibratgeber. Es hilft dabei, dass eigene Leben zu fassen, es greifbar zu machen, mehr über sich selbst zu lernen und damit auch zu erfahren, was einem im Leben wirklich wichtig ist. Natürlich ist es auch eine Schreibübung und es übt darin, sich selbst zu beobachten.

22 Juni 2021

22.06.2021: Erstimpfung, eine Woche danach …

Weltzeituhr am Alexanderplatz in Berlin

Meine Impfung ist jetzt knapp eine Woche her und ich bin ja ziemlich enttäuscht! Auf Twitter und Mastodon habe ich von den vielen Nachwirkungen gelesen, durch die die Leute sogar teilweise für drei Tage arbeitsunfähig waren. Ich hatte mir letzte Woche Mittwoch schon ausgemalt, wie schön ich über die Impfung jammern werde, nur weil das ja irgendwie dazu gehört und dann? Dann war da die letzten sechs Tage so überhaupt nichts! Ein paar Schmerzen im Arm, ja, aber nichts, was mich irgendwie an irgendwas gehindert hätte, nicht mal am Einkaufsbeutel tragen. Tatsächlich war die Hitze der letzten Tage sehr viel anstrengender, auch wenn die ebenso keinerlei körperliche Einschränkungen hervorruft, aber dennoch ist diese ganze Hitze, die die Klamotten dauerhaft feucht hält, wenn diese am Körper getragen werden, einfach nur unangenehm.

Ich habe also die letzten sechs Tage auf Kopfschmerzen gewartet, auf einen bewegungsunfähigen Arm, zumindest aber auf ein wenig Fieber, es kam aber nichts! Ich kann mit all dem also nicht angeben, kann nicht über meinen heldenhaften Umgang mit all den Nebenwirkungen berichten, weil es sie einfach nicht gab. So muss ich die Hoffnung dann also wohl auf die zweite Impfung richten, vielleicht bekomme ich durch diese ja noch eine Heldenerzählung hin, die ich meinen Nichten und Neffen dann später einmal erzählen kann!

Und wenn nicht? Dann ist auch gut! Ich hatte ja tatsächlich noch nie Probleme mit Impfungen. Ich kann zwar die Nadeln nicht sehen, schaue also lieber die Wand an oder die Decke, aber ansonsten war bisher immer alles gut und wenn das so bleibt, dann ist das noch viel besser als irgendeine Heldenerzählung vom Fieberkrampf, der mich drei Tage lang ans Bett fesselte – fesselt ein Fieberkrampf einen ans Bett? Und notfalls, wenn Heldenerzählungen doch cool werden, dann kann ich mir ja ein paar Nachwirkungen von Twitter klauen, mixe das ganze noch mit Horrorerzählungen von Impfgegnern und Querdenkern und erzähle das dann, in der Hoffnung, dass niemand diesen Blogartikel hier liest 😉 …

18 Juni 2021

18.06.2021: Das sind nur zwei Tassen Kaffee im Monat

Papptrinkbecher

Kennt ihr eigentlich die Floskel „Das sind nur zwei Tassen Kaffee.“, wenn ihr mal wieder die Ankündigung einer Preiserhöhung bekommt? Oder wenn ein Unternehmen zeigen möchte, wie günstig das Produkt eigentlich ist und es euch mit dieser Aussage zum Kauf überreden will? Mir geht der Spruch extrem auf die Nerven, weil dieser Spruch immer von einem Kunden ausgeht, der sich regelmäßig eine Tasse Kaffee für 3,- Euro leistet und der wahrscheinlich nicht einmal auf diesen Kaffee verzichten muss, wenn er sich jetzt noch dieses neue Produkt gönnt oder er die Preiserhöhung akzeptiert. Und wenn Kund*innen das dann nicht können, wenn sie ihren Vertrag dann kündigen, dann ist das Unverständnis groß, immerhin sind es doch nur zwei Tassen Kaffee im Monat!

Was bei diesem Vergleich immer untergeht, ist, dass es für einige Menschen sogar schon sechs Tassen Kaffee sind, weil sie sich ihren Becher Kaffee früh beim Bäcker holen und der dort nur 1,- Euro kostet. Für andere sind diese „zwei Tassen Kaffee“ dann sogar schon zwei Packungen Kaffee, weil sie sich ihren Kaffee für Unterwegs zu Hause zubereiten, da es dort einfach günstiger ist, und dann gibt es noch Menschen, die sich gar keinen Kaffee leisten können, weil sie diese 6,- Euro eher in gesunde Lebensmittel für die Familie investieren und sie diese nicht einfach einsparen können, nur weil ein Unternehmen meint, dass die 6,- Euro ja eigentlich nur zwei eingesparte Tassen Kaffee im Monat währen!

Klar, Preiserhöhungen lassen sich nicht immer vermeiden, aber die Überheblichkeit, die diese Floskel mit sich bringt und die Menschen mit geringen Einkommen regelmäßig verzweifeln lässt, die lässt sich vermeiden! Es sind eben nicht immer nur zwei Tassen Kaffee, die da eingespart werden müssen, manchmal sind es zwei Kilogramm Äpfel, die dann nicht mehr gekauft werden können oder sechs günstige Brote, zwei Mittagessen weniger für das Kind in der Schule, ein Zoobesuch weniger für das Kind und so weiter. Ich könnte die Liste weiter ausführen, nur würde es mich immer wütender machen, wenn ich das tun würde. Was für den einen zwei Tassen Kaffee im Monat sind, ist für den anderen eine warme Mahlzeit für die Familie (bei Nudeln mit Tomatensoße) und auf diese warme Mahlzeit kann die Familie dann nicht einfach mal verzichten!

Es wäre so schön, wenn Unternehmen das einfach beachten und sie nicht versuchen, Preiserhöhungen kleinzureden. Für die einen ist das wahrscheinlich wirklich kein Geld, denen fällt es wahrscheinlich nicht einmal auf, dass sie jetzt 6,- Euro weniger haben, für die anderen sind die 6,- Euro aber ein riesiger Verlust, der bedeutet, dass in anderen Lebensbereichen wieder gespart werden muss. Es sei denn, das Produkt, welches eine Preiserhöhung erfährt, kann selbst eingespart werden, dann ist am Ende vielleicht wirklich das Geld für zwei Tassen Kaffee für je 3,- Euro im Monat übrig!

8 Juni 2021

08.06.2021: Alles ist politisch!

„Politik interessiert mich nicht, ich bin ein total unpolitischer Mensch!“, wer kennt sie nicht, diese Aussage? Wer hat nicht einen Menschen in seiner Verwandtschaft oder in seinem Freundeskreis, der von sich behauptet, dass er oder sie total unpolitisch ist? Persönlich muss ich immer schmunzeln, wenn ich diese Aussage höre, denn viele unserer Handlungen, unserer Meinungen und unserer Entscheidungen sind politisch, haben politische Dimensionen, die uns zwar nicht immer bewusst sind, die dadurch aber nicht verschwinden. Ich schmunzle auch deswegen, weil von derselben Person dann zwei Sätze später politische Positionen bezogen werden, die ganz klar als diese zu erkennen sind. Für mich gibt es keine unpolitischen Menschen und fast jede Entscheidung, die ein Mensch trifft, ist Politik.

Natürlich ist es eine persönliche Entscheidung, wenn ich mich morgens auf mein Fahrrad setze und damit zur Arbeit fahre, es ist aber gleichzeitig auch eine Entscheidung, die das Gemeinwesen betrifft, denn durch meine Fahrt mit dem Rad entlaste ich meine Umwelt von CO2-Emissionen und weil ich noch etwas für meine Gesundheit mache, entlaste ich damit auch das Gesundheitssystem. Ich könnte mich auch dazu entscheiden, mit dem Auto zu fahren, würde dadurch aber CO2 Ausstoßen und so die Luft verschmutzen, die nicht mir gehört, sondern der gesamten Gesellschaft.

Ein anderes Beispiel ist der Kaffee, den ich auf dem Weg zur Arbeit trinke. Auch hier kann ich die persönliche Entscheidung treffen, einen Mehrwegbecher zu benutzen oder auf einen Einwegbecher zurückzugreifen. Und auch mit dieser Entscheidung beeinflusse ich nicht nur meinen individuellen, sondern auch den gesellschaftlichen Raum. Ich verschwende Ressourcen oder ich schone sie, meine persönliche Entscheidung, die auch wieder eine politische Dimension einnimmt.

Ich könnte an dieser Stelle noch mehr Beispiele bringen, zum Beispiel die Mülltrennung und Müllvermeidung, die Entscheidung für Einweg- oder Mehrwegprodukte, Vorurteile gegenüber anderen Menschen und vieles mehr. Dinge, die bewusst und unbewusst laufen, mit denen wir aber die Gesellschaft an sich formen, dazu gehört auch die Ausgestaltung der eigenen Familie und vieles mehr. Politik, das sind all die persönlichen Entscheidungen, die nicht nur eine Wirkung auf den individuellen Raum, sondern auch auf den gesellschaftlichen Raum entfalten. Aber nicht nur die, denn Politik steckt auch in unseren Werten und Überzeugungen, Politik steckt natürlich auch in Parteien und Gesetzen, also in allem, was sich auf unser Leben und auf das Leben all der anderen Menschen auf dieser Welt auswirkt.

Politik ist für mich also die Wechselwirkung all unserer Werte, unserer Entscheidungen und unserer Weltanschauung. Jedes Vorurteil ist Politik, weil es eine – meist negative – Wechselwirkung auf andere Menschen hat. Jede Beziehung ist Politik, jede Freundschaft.

Wenn von meinen Verwandten oder Freunden also jemand sagt, dass er unpolitisch wäre, antworte ich meist mit einem Grinsen, denn selbst diese Aussage ist in ihrer Wechselwirkung zur Gesellschaft schon wieder politisch, auch wenn sie vielleicht nur Ausdruck von einer gleichgültigen Einstellung zur aktuellen Politik ist.

Dieser Artikel ist meine Antwort auf die Reflexionsfragen zum Online-MOOC „Einführung in die Politikwissenschaft„, der durch die oncampus GmbH angeboten wird. Ich sammel die Texte auch hier im Blog, damit sie nicht in den unweiten des Internets verloren gehen.

2 Juni 2021

02.06.2021: Ein Stück Papier

Auf dem Bild ist ein Absatz aus einem anderen Blogartikel zu sehen.

In meinem Lebens-ABC-Artikel „I wie Impetus“ habe ich in einem kurzen Abschnitt eine Begebenheit aus dem Jahr 2001 erwähnt. Es war kein Nebensatz, aber häufig sind es die kleinen Nebensätze, die kaum Beachtung finden, obwohl sie eine lange Periode eines Lebens prägen können. Dieser kleine Nebensatz bei mir war die Empfehlung einer Pädagogin, die mich in einem Grundausbildungslehrgang ein Jahr lang begleitete und mir in einem entscheidenden Augenblick meines Lebens half, indem sie an meine Fähigkeiten glaubte und die mir dadurch die Tür zu meiner Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel öffnete.

Wenn ich heute über meine Ausbildung spreche, dann spreche ich nicht wirklich darüber, dass sich mir dadurch eine Welt voll mit Möglichkeiten eröffnete. Ich werte sie sogar manchmal ab, weil ich im Kontext der Ausbildung auch immer erzähle, dass ich eigentlich Koch werden wollte und ich diese Ausbildung nur gemacht habe, weil ich als Koch keinen Ausbildungsbetrieb gefunden habe. In Wirklichkeit war diese Ausbildung aber meine größte Chance, die Türen, die zu diesem Zeitpunkt verschlossen waren, weit zu öffnen. Türen, die ich selbst verschlossen habe, weil ich die Schule nie so ernst genommen habe, wie ich sie hätte nehmen sollen, weil die Schule für mich ein Angstort und kein Lernort war und weil es dort eigentlich auch keine Menschen gab, die wirklich an mich geglaubt haben, hauptsächlich aber, weil ich selbst den leichteren Weg gegangen bin und der hieß, dem Angstort Schule fernbleiben. Ich könnte hier jetzt sogar behaupten, dass ich eigentlich gar kein so schlechter Schüler war, weil ich nur noch die beiden letzten Zeugnisse aus dieser Zeit besitze, aber da ich meine Potenziale nicht genutzt habe, brachte mir das nicht wirklich was!

Der Wendepunkt in meinem Leben war dann tatsächlich der Grundausbildungslehrgang, den ich zwischen 2000 und 2001 machte und vor allem dieses Stück Papier, welches mir die Tür zu meiner Ausbildung öffnete. Hätte die Pädagogin damals nicht an mich geglaubt, hätte sie mir nicht bestätigt, dass mein Leistungsniveau in Deutsch auf dem Level ist, welches als Mindestvoraussetzung für die Ausbildung gesetzt war, dann hätte sich mein Leben komplett anders entwickelt. Wahrscheinlich hätte ich nie eine Ausbildung gemacht, hätte mich mit Aushilfsjobs über Wasser gehalten oder wäre sogar ganz in Hartz4 abgerutscht. Das hätte passieren können, wenn die Person nicht an meine Fähigkeiten geglaubt hätte.

Tatsächlich habe ich dann auch in den sechs Halbjahren, die meine Ausbildung dauerte, sechsmal die Note 3 in Deutsch auf dem Zeugnis bekommen, also die Note, die als Mindestzugangsvoraussetzung für die Ausbildung galt. Stellt euch vor, welche Note ich hätte haben können, wenn meine Rechtschreibung und Grammatik damals nicht so grauenvoll gewesen wäre! Ausdruck, das Verstehen von Texten und auch Lesen waren nie wirklich ein Problem, aber Rechtschreibung und Grammatik versauten mir so einige Noten, und zwar nicht nur im Fach Deutsch.

Ohne diesen einen Zettel, diesem Brief, den die Pädagogin an das Oberstufenzentrum geschrieben hat, hätte ich wohl auch nie meinen Realschulabschluss bekommen – so hieß der Abschluss damals noch – und ich hätte auch nie mein Abitur nachholen können. All diese Türen wurden mir durch eine Person eröffnet, die einfach so Vertrauen in meine Fähigkeiten hatte, ein Vertrauen, welches mir selbst damals fehlte, nachdem ich bis zu diesem Punkt in meinem Leben nicht wirklich viel auf die Reihe gebracht hatte.

Okay, mein Leben ist auch heute noch ein Chaos, aber doch ein wunderschönes Chaos, auch wenn ich auf den anderen sozialen Kanälen immer mal wieder jammere, weil es ein wunderschönes Chaos am Rande des Existenzminimums ist, aber wo würde ich stehen, wenn ich diese Pädagogin nie getroffen hätte? Was würde ich heute machen? Wahrscheinlich hätte ich schon längst aufgegeben! Nein, wenn ich so überlege, dann möchte ich mir gar nicht vorstellen, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich diesen Menschen nicht getroffen hätte. Viel interessanter wäre es zu wissen, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich diesen Menschen schon sehr viel früher getroffen hätte, aber auch das ist eigentlich unwichtig, denn wichtig ist, dass ich diesen Menschen überhaupt getroffen habe!

Es ist so traurig zu wissen, dass es viele Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene gibt, die diesen Menschen nie treffen, die es auch nicht aus eigener Kraft schaffen, den Wendepunkt im Leben herbeizuführen und die so nie die Chance bekommen, ihre Potenziale zu entfalten und zu nutzen. Es ist so schade, dass Schule immer noch ein Angstort für einige Schüler*innen ist, weil sie dort keine positiven Erfahrungen sammeln können, weil es dort niemanden gibt, der an sie glaubt, der sie unterstützt, der sie in die richtige Richtung stupst. Wäre es nicht schön, wenn es für alle diesen einen Zettel geben würde, der das Leben in eine positive Richtung dreht?

Ich habe die Person, die mir damals all die Türen geöffnet hat, heute in einem sozialen Netzwerk gefunden und ich musste ihr sofort eine längere Nachricht schreiben, einfach, um mich zu bedanken, auch wenn es schon 20 Jahre her ist, auch wenn es etwas ist, was andere wahrscheinlich schon längst vergessen hätten, aber für mich war es tatsächlich der Wendepunkt im Leben, der mir so viel ermöglicht hat. Dafür musste ich einfach noch einmal Danke sagen, auch weil ich damals ja nicht wusste, wie wertvoll diese Person für mein weiteres Leben war.

Wie sieht es denn bei euch aus? Hattet ihr auch so einen Menschen, der euer Leben in eine positive Richtung gestupst hat, der an euch geglaubt hat, der ein Grundvertrauen in eure Fähigkeiten hatte? Wenn ja, schreibt doch auch darüber, gerne hier in den Kommentaren oder in eurem Blog. Vielleicht ist ja so ein Blogartikel dann das Stück Papier, welches das Leben eines anderen Menschen ändert, die Inspiration für ein Umdenken.

1 Juni 2021

Lebens-ABC: I wie Impetus

Impetus, laut Wörterbuch ist das ein anderes Wort für Anstoß, Antrieb oder Schwung. Das passt irgendwie zu meinem Leben, außerdem ist es auch ein schönes Wort! Derzeit fehlt dieser Impetus ein wenig in meinem Leben, wobei „derzeit“ untertrieben ist, denn eigentlich fehlt er seit 2010. Wer hier schon länger mitliest, weiß, dass ich in diesem Jahr meine Abiturprüfungen bestanden habe. Seither blieben wirkliche Erfolge aus, also Erfolge, die durch irgendeinen Abschluss belegt sind.

Zwischen den Jahren 2000 bis 2010 hatte ich viel Impetus. 2000 war der erste Anstoß, den ich gebraucht habe, der Grundausbildungslehrgang, den ich damals vom Jobcenter aus machen musste. Wobei es ziemliches Glück war, denn dort lernte ich eine Pädagogin kennen, die mir dabei half, meine schulische Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel zu bekommen. Ohne diese Pädagogin wäre ich damals an meiner Deutschnote gescheitert, die 1999 in mein Abschlusszeugnis geschrieben wurde. Ja, meine Rechtschreibung und Grammatik waren mies, was hier im Blog auch noch zu bestaunen ist, aber mein Ausdruck, meine Leserführung und alles, was in so einem Aufsatz bewertet wurde, war damals schon okay, nur die Rechtschreibung und mein unregelmäßiger Schulbesuch haben mir damals so ein wenig das Genick gebrochen. Die Pädagogin konnte mir aber bestätigen, dass meine Deutschleistungen durchaus auf dem Niveau der Mindestnote waren, die für den Zugang zur schulischen Ausbildung notwendig war und so eröffnete sich mir die Möglichkeit, eine Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel zu absolvieren.

Das war natürlich Antrieb genug, diese Chance auch zu nutzen. Dieser Impetus führte dazu, dass ich 2002, also nach dem ersten Ausbildungsjahr, meinen mittleren Schulabschluss erreichte, und zwar mit einer Durchschnittsnote von 1,8, was für mich ein absoluter Erfolg war. Zugeben muss ich hier, dass der erste Versuch, den ich ebenfalls im Rahmen des Grundausbildungslehrganges bei einer Nichtschülerprüfung getätigt hatte, gründlich in die Hose ging. Einen zweiten Versuch hätte ich noch machen können, aber wenn ich den wieder nicht bestanden hätte, wäre der Weg zur mittleren Reife verschlossen gewesen und dieses Risiko wollte ich nicht eingehen. Musste ich zum Glück auch nicht, da sich mir durch meine schulische Ausbildung die Chance auf den mittleren Schulabschluss eröffnete, was noch einmal zusätzlich Schwung gab, um mich ordentlich anzustrengen! Ich hatte übrigens Glück, dass ich 1999 noch keine Abschlussprüfungen schreiben musste, um einen Schulabschluss zu bekommen. Es wurden nur bestimmte Anforderungen an die Noten gestellt, um einen bestimmten Schulabschluss zu erreichen – meine Noten reichten damals aus, um den erweiterten Hauptschulabschluss zu erhalten. Deswegen war es auch mein erster Versuch, den Realschulabschluss in der Nichtschülerprüfung zu erreichen, wobei es wahrscheinlich auch der erste Versuch gewesen wäre, wenn es damals schon eine Prüfung gegeben hätte, weil ich mit meinen Fehlzeiten und den daraus resultierenden schlechten Noten (Unentschuldigtes Fehlen = Note 6 für die Stunde) gar nicht die Zulassung zur MSA-Prüfung bekommen hätte. Ich halte übrigens nicht viel davon, dass es für solch eine wichtige Sache – und der Schulabschluss ist nun einmal wichtig für das weitere Leben – nur zwei Versuche gibt, aber das ist ein anderes Thema.

Der mittlere Schulabschluss im Jahr 2002 gab mir dann den notwendigen Impetus, um auch meine Berufsausbildung selbst im Jahr 2004 erfolgreich zu beenden, was mir gleichzeitig auch neue Wege eröffnete, denn nur diese beiden Voraussetzungen ermöglichten es mir, dass ich mein Abitur nachholen konnte. Vorher – in den Jahren 2004 und 2005 – musste ich allerdings erst einmal ein kleines Loch durchleben, denn meine Zeit bei der Bundeswehr war nicht wirklich erfolgreich. Neuen Schwung brachte dann meine Schwester, die mir 2006 von der Möglichkeit erzählte, dass ich das Abitur am Abendgymnasium machen könnte. Das war mir bis dahin nicht bewusst, hat mich aber vor dem Fehler bewahrt, auch das Abitur als Nichtschülerprüfung ablegen zu wollen – ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das nicht geschafft hätte.

Ich nahm 2006 also alle meine Unterlagen, weil ich mir nicht sicher war, ob ich die Voraussetzungen komplett erfülle, und ging damit ins Sekretariat des Abendgymnasiums und bekam dann kurze Zeit später die Mitteilung, dass das der Fall ist und ich in den halbjährigen Vorkurs aufgenommen wurde. Der verlief tatsächlich auch ziemlich erfolgreich und so kam ich ohne Probleme in die Einführungsphase, wo es dann einen kleinen Rückschritt gab, weil ich mir selbst nicht mehr zugetraut habe, dass ich das Abitur schaffen könnte. Ich meldete mich also zum Halbjahr vom Abendgymnasium ab, um mir selbst erst einmal bewusst zu werden, ob ich das wirklich machen will. Ich weiß gar nicht, was der Impetus war, der mich dann davon überzeugte, mich doch wieder anzumelden, sodass ich dann im Jahr 2007 wieder mit der Einführungsphase begann und diese – bis auf Deutsch – auch ziemlich gut abschloss. Damit kam ich dann auch in die Qualifikationsphase, wo ich mich auch in Deutsch wieder steigern konnte, wobei das wahrscheinlich auch an den Lehrer*innen lag, die ich in dieser Phase bekam. Meine mündliche Deutschprüfung habe ich dann übrigens mit 11 Punkten bestanden, was ich so nie erwartet hätte.

2010 habe ich dann also meine Abiprüfungen bestanden und seitdem ist die Luft irgendwie raus. Ja, ich habe mich dann 2012 an der Fernuniversität in Hagen eingeschrieben, aber es fehlte von Anfang an der Antrieb, sodass ich das Studium nie beendet habe und der ist bis jetzt auch nicht wirklich wieder eingekehrt. Es ist zwar nicht so, dass ich in den letzten elf Jahren nichts gemacht hätte, im Gegenteil, ich habe viele neue und interessante Dinge ausprobiert, aber es ist nichts Greifbares, nichts, was ich irgendwie nachweisen könnte. So langsam wird es also Zeit für neuen Impetus, es braucht neuen Schwung in meinem Leben, etwas, was mich wieder Antreibt und was mir einen Anstoß gibt, mich wieder neu zu erfinden.