11 Juli 2021

Lebens-ABC: J wie Joggen

Bild mit der Aufschrift "Joggen"

Das Lebens-ABC geht mit dem Buchstaben „J“ weiter und da kann natürlich nur Joggen kommen. Ihr seid nicht wirklich überrascht, oder?

Fangen wir doch einfach damit an, dass ich lange Zeit Sport gehasst habe. Ich bin schon immer gerne Fahrrad gefahren, das war es dann aber auch schon. Ich muss also nicht erwähnen, dass ich eigentlich total unsportlich war und es durchaus auch immer noch bin und meine ersten Laufversuche habe ich 2004/2005 bei der Bundeswehr gemacht. Nicht unbedingt freiwillig, denn die Laufrunde war freitags vor Dienstschluss Pflicht, doch so wirklich was abgewinnen konnte ich dem damals noch nicht viel. Das Ganze wurde dann durch eine Verletzung, die ich mir bei irgendeiner anderen Übung im Wald zugezogen hatte, erst einmal unterbrochen, was auch das Ende meiner Zeit bei der Bundeswehr war.

Nachdem mein Fuß wieder okay war, fing ich langsam wieder an mit dem Joggen. Ich weiß nicht wirklich, warum ich das gemacht habe, aber anscheinend war da bei der Bundeswehr doch irgendwie ein Funken hängen geblieben, der sich jetzt langsam ausbreitete. Allerdings lief ich da noch nicht regelmäßig, öfter lagen mehrere Wochen zwischen den Läufen und Aufzeichnungen habe ich keine geführt. Deswegen kann ich auch nicht wirklich genau sagen, wann ich mit dem Joggen so richtig begonnen habe.

Am 23.09.2007 habe ich dann damit begonnen, meine Laufeinheiten aufzuzeichnen, damals habe ich noch geschätzt, wie lang meine Runde ungefähr war, weswegen die Aufzeichnung damals eher ungenau war, was die Kilometerzahl angeht, aber die Zeit habe ich damals genau erfasst. Das war dann auch der Zeitraum, ab dem ich regelmäßig gelaufen bin und ich nicht mehrere Wochen Pause zwischen den Joggingeinheiten gemacht habe.

An der Abendschule, an der ich damals mein Abitur nachgeholt habe, hing dann irgendwann ein Aushang für einen Volkslauf und weil ich dachte, dass das eventuell eine gute Idee ist, habe ich mich für diesen Volkslauf angemeldet und bin da für die Abendschule gestartet. Es war spannend, hat auch ziemlich viel Spaß gemacht, auch wenn ich von unserer Gruppe wohl einer der Letzten war, der ins Ziel kam. Dieser erste Volkslauf hat mich dem Laufen noch näher gebracht. Nicht unbedingt, weil ich Gewinnen wollte, sondern weil der Zieleinlauf doch immer etwas Schönes mit sich bringt. Das war dann auch der Anfang meiner Volkslaufkarriere, dank der ich auch meinen Laufpartner und Freund Bernd kennengelernt habe, wobei ich das selbst gar nicht so mitbekommen habe, aber er schrieb mich dann irgendwann per Mail an, ob wir nicht gemeinsam unser Lauftraining machen wollten. Das war im Jahr 2009 nach dem Kreuzberger Viertelmarathon. Seither haben wir unser Training bis zum Beginn der Pandemie gemeinsam gestaltet, haben in den ersten Jahren auch viele Volksläufe gemeinsam besucht und sind auch mit dem Fahrrad viel durch Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern gefahren. Schon deswegen ist das Joggen inzwischen ein fester Bestandteil meines Lebens.

Wahrscheinlich hätte ich auch den Lutz nie virtuell kennengelernt, wenn ich nicht mit dem Joggen begonnen hätte und viele schöne Erlebnisse, die mir das Joggen gebracht hat, hätte ich auch nicht erlebt. Und ganz ehrlich, so ein paar Laufabenteuer warten auch noch auf mich.

Joggen hat mein Leben bereichert. Nicht nur das Laufen selbst, sondern auch die vielen Dinge, die rund um das Laufen passiert sind, möchte ich nicht vermissen. Mit 20 hätte ich euch wohl für verrückt erklärt, wenn ihr mir das erzählt hättet, mit 30 war ich dann schon vom Laufvirus infiziert und inzwischen gehört das Joggen schon über 13 Jahre zu meinem Leben dazu.

Okay, die Pandemie ist derzeit ein wenig schwierig. Aufgrund der Einnahmesituation bin ich jetzt seit Anfang 2021 ohne Laufschuhe und somit auch ohne Lauftraining, aber das ist nur ein kleiner Dämpfer und ich bin mir sicher, dass ich auch 2021 ein paar Kilometer Laufen werde, bis dahin muss jetzt erst einmal das Wandern und das Radfahren dabei helfen, fit zu bleiben.

Das Lebens-ABC ist eine Idee aus einem Schreibratgeber. Es hilft dabei, dass eigene Leben zu fassen, es greifbar zu machen, mehr über sich selbst zu lernen und damit auch zu erfahren, was einem im Leben wirklich wichtig ist. Natürlich ist es auch eine Schreibübung und es übt darin, sich selbst zu beobachten.

22 Juni 2021

22.06.2021: Erstimpfung, eine Woche danach …

Weltzeituhr am Alexanderplatz in Berlin

Meine Impfung ist jetzt knapp eine Woche her und ich bin ja ziemlich enttäuscht! Auf Twitter und Mastodon habe ich von den vielen Nachwirkungen gelesen, durch die die Leute sogar teilweise für drei Tage arbeitsunfähig waren. Ich hatte mir letzte Woche Mittwoch schon ausgemalt, wie schön ich über die Impfung jammern werde, nur weil das ja irgendwie dazu gehört und dann? Dann war da die letzten sechs Tage so überhaupt nichts! Ein paar Schmerzen im Arm, ja, aber nichts, was mich irgendwie an irgendwas gehindert hätte, nicht mal am Einkaufsbeutel tragen. Tatsächlich war die Hitze der letzten Tage sehr viel anstrengender, auch wenn die ebenso keinerlei körperliche Einschränkungen hervorruft, aber dennoch ist diese ganze Hitze, die die Klamotten dauerhaft feucht hält, wenn diese am Körper getragen werden, einfach nur unangenehm.

Ich habe also die letzten sechs Tage auf Kopfschmerzen gewartet, auf einen bewegungsunfähigen Arm, zumindest aber auf ein wenig Fieber, es kam aber nichts! Ich kann mit all dem also nicht angeben, kann nicht über meinen heldenhaften Umgang mit all den Nebenwirkungen berichten, weil es sie einfach nicht gab. So muss ich die Hoffnung dann also wohl auf die zweite Impfung richten, vielleicht bekomme ich durch diese ja noch eine Heldenerzählung hin, die ich meinen Nichten und Neffen dann später einmal erzählen kann!

Und wenn nicht? Dann ist auch gut! Ich hatte ja tatsächlich noch nie Probleme mit Impfungen. Ich kann zwar die Nadeln nicht sehen, schaue also lieber die Wand an oder die Decke, aber ansonsten war bisher immer alles gut und wenn das so bleibt, dann ist das noch viel besser als irgendeine Heldenerzählung vom Fieberkrampf, der mich drei Tage lang ans Bett fesselte – fesselt ein Fieberkrampf einen ans Bett? Und notfalls, wenn Heldenerzählungen doch cool werden, dann kann ich mir ja ein paar Nachwirkungen von Twitter klauen, mixe das ganze noch mit Horrorerzählungen von Impfgegnern und Querdenkern und erzähle das dann, in der Hoffnung, dass niemand diesen Blogartikel hier liest 😉 …

18 Juni 2021

18.06.2021: Das sind nur zwei Tassen Kaffee im Monat

Papptrinkbecher

Kennt ihr eigentlich die Floskel „Das sind nur zwei Tassen Kaffee.“, wenn ihr mal wieder die Ankündigung einer Preiserhöhung bekommt? Oder wenn ein Unternehmen zeigen möchte, wie günstig das Produkt eigentlich ist und es euch mit dieser Aussage zum Kauf überreden will? Mir geht der Spruch extrem auf die Nerven, weil dieser Spruch immer von einem Kunden ausgeht, der sich regelmäßig eine Tasse Kaffee für 3,- Euro leistet und der wahrscheinlich nicht einmal auf diesen Kaffee verzichten muss, wenn er sich jetzt noch dieses neue Produkt gönnt oder er die Preiserhöhung akzeptiert. Und wenn Kund*innen das dann nicht können, wenn sie ihren Vertrag dann kündigen, dann ist das Unverständnis groß, immerhin sind es doch nur zwei Tassen Kaffee im Monat!

Was bei diesem Vergleich immer untergeht, ist, dass es für einige Menschen sogar schon sechs Tassen Kaffee sind, weil sie sich ihren Becher Kaffee früh beim Bäcker holen und der dort nur 1,- Euro kostet. Für andere sind diese „zwei Tassen Kaffee“ dann sogar schon zwei Packungen Kaffee, weil sie sich ihren Kaffee für Unterwegs zu Hause zubereiten, da es dort einfach günstiger ist, und dann gibt es noch Menschen, die sich gar keinen Kaffee leisten können, weil sie diese 6,- Euro eher in gesunde Lebensmittel für die Familie investieren und sie diese nicht einfach einsparen können, nur weil ein Unternehmen meint, dass die 6,- Euro ja eigentlich nur zwei eingesparte Tassen Kaffee im Monat währen!

Klar, Preiserhöhungen lassen sich nicht immer vermeiden, aber die Überheblichkeit, die diese Floskel mit sich bringt und die Menschen mit geringen Einkommen regelmäßig verzweifeln lässt, die lässt sich vermeiden! Es sind eben nicht immer nur zwei Tassen Kaffee, die da eingespart werden müssen, manchmal sind es zwei Kilogramm Äpfel, die dann nicht mehr gekauft werden können oder sechs günstige Brote, zwei Mittagessen weniger für das Kind in der Schule, ein Zoobesuch weniger für das Kind und so weiter. Ich könnte die Liste weiter ausführen, nur würde es mich immer wütender machen, wenn ich das tun würde. Was für den einen zwei Tassen Kaffee im Monat sind, ist für den anderen eine warme Mahlzeit für die Familie (bei Nudeln mit Tomatensoße) und auf diese warme Mahlzeit kann die Familie dann nicht einfach mal verzichten!

Es wäre so schön, wenn Unternehmen das einfach beachten und sie nicht versuchen, Preiserhöhungen kleinzureden. Für die einen ist das wahrscheinlich wirklich kein Geld, denen fällt es wahrscheinlich nicht einmal auf, dass sie jetzt 6,- Euro weniger haben, für die anderen sind die 6,- Euro aber ein riesiger Verlust, der bedeutet, dass in anderen Lebensbereichen wieder gespart werden muss. Es sei denn, das Produkt, welches eine Preiserhöhung erfährt, kann selbst eingespart werden, dann ist am Ende vielleicht wirklich das Geld für zwei Tassen Kaffee für je 3,- Euro im Monat übrig!

8 Juni 2021

08.06.2021: Alles ist politisch!

„Politik interessiert mich nicht, ich bin ein total unpolitischer Mensch!“, wer kennt sie nicht, diese Aussage? Wer hat nicht einen Menschen in seiner Verwandtschaft oder in seinem Freundeskreis, der von sich behauptet, dass er oder sie total unpolitisch ist? Persönlich muss ich immer schmunzeln, wenn ich diese Aussage höre, denn viele unserer Handlungen, unserer Meinungen und unserer Entscheidungen sind politisch, haben politische Dimensionen, die uns zwar nicht immer bewusst sind, die dadurch aber nicht verschwinden. Ich schmunzle auch deswegen, weil von derselben Person dann zwei Sätze später politische Positionen bezogen werden, die ganz klar als diese zu erkennen sind. Für mich gibt es keine unpolitischen Menschen und fast jede Entscheidung, die ein Mensch trifft, ist Politik.

Natürlich ist es eine persönliche Entscheidung, wenn ich mich morgens auf mein Fahrrad setze und damit zur Arbeit fahre, es ist aber gleichzeitig auch eine Entscheidung, die das Gemeinwesen betrifft, denn durch meine Fahrt mit dem Rad entlaste ich meine Umwelt von CO2-Emissionen und weil ich noch etwas für meine Gesundheit mache, entlaste ich damit auch das Gesundheitssystem. Ich könnte mich auch dazu entscheiden, mit dem Auto zu fahren, würde dadurch aber CO2 Ausstoßen und so die Luft verschmutzen, die nicht mir gehört, sondern der gesamten Gesellschaft.

Ein anderes Beispiel ist der Kaffee, den ich auf dem Weg zur Arbeit trinke. Auch hier kann ich die persönliche Entscheidung treffen, einen Mehrwegbecher zu benutzen oder auf einen Einwegbecher zurückzugreifen. Und auch mit dieser Entscheidung beeinflusse ich nicht nur meinen individuellen, sondern auch den gesellschaftlichen Raum. Ich verschwende Ressourcen oder ich schone sie, meine persönliche Entscheidung, die auch wieder eine politische Dimension einnimmt.

Ich könnte an dieser Stelle noch mehr Beispiele bringen, zum Beispiel die Mülltrennung und Müllvermeidung, die Entscheidung für Einweg- oder Mehrwegprodukte, Vorurteile gegenüber anderen Menschen und vieles mehr. Dinge, die bewusst und unbewusst laufen, mit denen wir aber die Gesellschaft an sich formen, dazu gehört auch die Ausgestaltung der eigenen Familie und vieles mehr. Politik, das sind all die persönlichen Entscheidungen, die nicht nur eine Wirkung auf den individuellen Raum, sondern auch auf den gesellschaftlichen Raum entfalten. Aber nicht nur die, denn Politik steckt auch in unseren Werten und Überzeugungen, Politik steckt natürlich auch in Parteien und Gesetzen, also in allem, was sich auf unser Leben und auf das Leben all der anderen Menschen auf dieser Welt auswirkt.

Politik ist für mich also die Wechselwirkung all unserer Werte, unserer Entscheidungen und unserer Weltanschauung. Jedes Vorurteil ist Politik, weil es eine – meist negative – Wechselwirkung auf andere Menschen hat. Jede Beziehung ist Politik, jede Freundschaft.

Wenn von meinen Verwandten oder Freunden also jemand sagt, dass er unpolitisch wäre, antworte ich meist mit einem Grinsen, denn selbst diese Aussage ist in ihrer Wechselwirkung zur Gesellschaft schon wieder politisch, auch wenn sie vielleicht nur Ausdruck von einer gleichgültigen Einstellung zur aktuellen Politik ist.

Dieser Artikel ist meine Antwort auf die Reflexionsfragen zum Online-MOOC “Einführung in die Politikwissenschaft“, der durch die oncampus GmbH angeboten wird. Ich sammel die Texte auch hier im Blog, damit sie nicht in den unweiten des Internets verloren gehen.

2 Juni 2021

02.06.2021: Ein Stück Papier

Auf dem Bild ist ein Absatz aus einem anderen Blogartikel zu sehen.

In meinem Lebens-ABC-Artikel „I wie Impetus“ habe ich in einem kurzen Abschnitt eine Begebenheit aus dem Jahr 2001 erwähnt. Es war kein Nebensatz, aber häufig sind es die kleinen Nebensätze, die kaum Beachtung finden, obwohl sie eine lange Periode eines Lebens prägen können. Dieser kleine Nebensatz bei mir war die Empfehlung einer Pädagogin, die mich in einem Grundausbildungslehrgang ein Jahr lang begleitete und mir in einem entscheidenden Augenblick meines Lebens half, indem sie an meine Fähigkeiten glaubte und die mir dadurch die Tür zu meiner Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel öffnete.

Wenn ich heute über meine Ausbildung spreche, dann spreche ich nicht wirklich darüber, dass sich mir dadurch eine Welt voll mit Möglichkeiten eröffnete. Ich werte sie sogar manchmal ab, weil ich im Kontext der Ausbildung auch immer erzähle, dass ich eigentlich Koch werden wollte und ich diese Ausbildung nur gemacht habe, weil ich als Koch keinen Ausbildungsbetrieb gefunden habe. In Wirklichkeit war diese Ausbildung aber meine größte Chance, die Türen, die zu diesem Zeitpunkt verschlossen waren, weit zu öffnen. Türen, die ich selbst verschlossen habe, weil ich die Schule nie so ernst genommen habe, wie ich sie hätte nehmen sollen, weil die Schule für mich ein Angstort und kein Lernort war und weil es dort eigentlich auch keine Menschen gab, die wirklich an mich geglaubt haben, hauptsächlich aber, weil ich selbst den leichteren Weg gegangen bin und der hieß, dem Angstort Schule fernbleiben. Ich könnte hier jetzt sogar behaupten, dass ich eigentlich gar kein so schlechter Schüler war, weil ich nur noch die beiden letzten Zeugnisse aus dieser Zeit besitze, aber da ich meine Potenziale nicht genutzt habe, brachte mir das nicht wirklich was!

Der Wendepunkt in meinem Leben war dann tatsächlich der Grundausbildungslehrgang, den ich zwischen 2000 und 2001 machte und vor allem dieses Stück Papier, welches mir die Tür zu meiner Ausbildung öffnete. Hätte die Pädagogin damals nicht an mich geglaubt, hätte sie mir nicht bestätigt, dass mein Leistungsniveau in Deutsch auf dem Level ist, welches als Mindestvoraussetzung für die Ausbildung gesetzt war, dann hätte sich mein Leben komplett anders entwickelt. Wahrscheinlich hätte ich nie eine Ausbildung gemacht, hätte mich mit Aushilfsjobs über Wasser gehalten oder wäre sogar ganz in Hartz4 abgerutscht. Das hätte passieren können, wenn die Person nicht an meine Fähigkeiten geglaubt hätte.

Tatsächlich habe ich dann auch in den sechs Halbjahren, die meine Ausbildung dauerte, sechsmal die Note 3 in Deutsch auf dem Zeugnis bekommen, also die Note, die als Mindestzugangsvoraussetzung für die Ausbildung galt. Stellt euch vor, welche Note ich hätte haben können, wenn meine Rechtschreibung und Grammatik damals nicht so grauenvoll gewesen wäre! Ausdruck, das Verstehen von Texten und auch Lesen waren nie wirklich ein Problem, aber Rechtschreibung und Grammatik versauten mir so einige Noten, und zwar nicht nur im Fach Deutsch.

Ohne diesen einen Zettel, diesem Brief, den die Pädagogin an das Oberstufenzentrum geschrieben hat, hätte ich wohl auch nie meinen Realschulabschluss bekommen – so hieß der Abschluss damals noch – und ich hätte auch nie mein Abitur nachholen können. All diese Türen wurden mir durch eine Person eröffnet, die einfach so Vertrauen in meine Fähigkeiten hatte, ein Vertrauen, welches mir selbst damals fehlte, nachdem ich bis zu diesem Punkt in meinem Leben nicht wirklich viel auf die Reihe gebracht hatte.

Okay, mein Leben ist auch heute noch ein Chaos, aber doch ein wunderschönes Chaos, auch wenn ich auf den anderen sozialen Kanälen immer mal wieder jammere, weil es ein wunderschönes Chaos am Rande des Existenzminimums ist, aber wo würde ich stehen, wenn ich diese Pädagogin nie getroffen hätte? Was würde ich heute machen? Wahrscheinlich hätte ich schon längst aufgegeben! Nein, wenn ich so überlege, dann möchte ich mir gar nicht vorstellen, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich diesen Menschen nicht getroffen hätte. Viel interessanter wäre es zu wissen, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich diesen Menschen schon sehr viel früher getroffen hätte, aber auch das ist eigentlich unwichtig, denn wichtig ist, dass ich diesen Menschen überhaupt getroffen habe!

Es ist so traurig zu wissen, dass es viele Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene gibt, die diesen Menschen nie treffen, die es auch nicht aus eigener Kraft schaffen, den Wendepunkt im Leben herbeizuführen und die so nie die Chance bekommen, ihre Potenziale zu entfalten und zu nutzen. Es ist so schade, dass Schule immer noch ein Angstort für einige Schüler*innen ist, weil sie dort keine positiven Erfahrungen sammeln können, weil es dort niemanden gibt, der an sie glaubt, der sie unterstützt, der sie in die richtige Richtung stupst. Wäre es nicht schön, wenn es für alle diesen einen Zettel geben würde, der das Leben in eine positive Richtung dreht?

Ich habe die Person, die mir damals all die Türen geöffnet hat, heute in einem sozialen Netzwerk gefunden und ich musste ihr sofort eine längere Nachricht schreiben, einfach, um mich zu bedanken, auch wenn es schon 20 Jahre her ist, auch wenn es etwas ist, was andere wahrscheinlich schon längst vergessen hätten, aber für mich war es tatsächlich der Wendepunkt im Leben, der mir so viel ermöglicht hat. Dafür musste ich einfach noch einmal Danke sagen, auch weil ich damals ja nicht wusste, wie wertvoll diese Person für mein weiteres Leben war.

Wie sieht es denn bei euch aus? Hattet ihr auch so einen Menschen, der euer Leben in eine positive Richtung gestupst hat, der an euch geglaubt hat, der ein Grundvertrauen in eure Fähigkeiten hatte? Wenn ja, schreibt doch auch darüber, gerne hier in den Kommentaren oder in eurem Blog. Vielleicht ist ja so ein Blogartikel dann das Stück Papier, welches das Leben eines anderen Menschen ändert, die Inspiration für ein Umdenken.

1 Juni 2021

Lebens-ABC: I wie Impetus

Impetus, laut Wörterbuch ist das ein anderes Wort für Anstoß, Antrieb oder Schwung. Das passt irgendwie zu meinem Leben, außerdem ist es auch ein schönes Wort! Derzeit fehlt dieser Impetus ein wenig in meinem Leben, wobei „derzeit“ untertrieben ist, denn eigentlich fehlt er seit 2010. Wer hier schon länger mitliest, weiß, dass ich in diesem Jahr meine Abiturprüfungen bestanden habe. Seither blieben wirkliche Erfolge aus, also Erfolge, die durch irgendeinen Abschluss belegt sind.

Zwischen den Jahren 2000 bis 2010 hatte ich viel Impetus. 2000 war der erste Anstoß, den ich gebraucht habe, der Grundausbildungslehrgang, den ich damals vom Jobcenter aus machen musste. Wobei es ziemliches Glück war, denn dort lernte ich eine Pädagogin kennen, die mir dabei half, meine schulische Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel zu bekommen. Ohne diese Pädagogin wäre ich damals an meiner Deutschnote gescheitert, die 1999 in mein Abschlusszeugnis geschrieben wurde. Ja, meine Rechtschreibung und Grammatik waren mies, was hier im Blog auch noch zu bestaunen ist, aber mein Ausdruck, meine Leserführung und alles, was in so einem Aufsatz bewertet wurde, war damals schon okay, nur die Rechtschreibung und mein unregelmäßiger Schulbesuch haben mir damals so ein wenig das Genick gebrochen. Die Pädagogin konnte mir aber bestätigen, dass meine Deutschleistungen durchaus auf dem Niveau der Mindestnote waren, die für den Zugang zur schulischen Ausbildung notwendig war und so eröffnete sich mir die Möglichkeit, eine Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel zu absolvieren.

Das war natürlich Antrieb genug, diese Chance auch zu nutzen. Dieser Impetus führte dazu, dass ich 2002, also nach dem ersten Ausbildungsjahr, meinen mittleren Schulabschluss erreichte, und zwar mit einer Durchschnittsnote von 1,8, was für mich ein absoluter Erfolg war. Zugeben muss ich hier, dass der erste Versuch, den ich ebenfalls im Rahmen des Grundausbildungslehrganges bei einer Nichtschülerprüfung getätigt hatte, gründlich in die Hose ging. Einen zweiten Versuch hätte ich noch machen können, aber wenn ich den wieder nicht bestanden hätte, wäre der Weg zur mittleren Reife verschlossen gewesen und dieses Risiko wollte ich nicht eingehen. Musste ich zum Glück auch nicht, da sich mir durch meine schulische Ausbildung die Chance auf den mittleren Schulabschluss eröffnete, was noch einmal zusätzlich Schwung gab, um mich ordentlich anzustrengen! Ich hatte übrigens Glück, dass ich 1999 noch keine Abschlussprüfungen schreiben musste, um einen Schulabschluss zu bekommen. Es wurden nur bestimmte Anforderungen an die Noten gestellt, um einen bestimmten Schulabschluss zu erreichen – meine Noten reichten damals aus, um den erweiterten Hauptschulabschluss zu erhalten. Deswegen war es auch mein erster Versuch, den Realschulabschluss in der Nichtschülerprüfung zu erreichen, wobei es wahrscheinlich auch der erste Versuch gewesen wäre, wenn es damals schon eine Prüfung gegeben hätte, weil ich mit meinen Fehlzeiten und den daraus resultierenden schlechten Noten (Unentschuldigtes Fehlen = Note 6 für die Stunde) gar nicht die Zulassung zur MSA-Prüfung bekommen hätte. Ich halte übrigens nicht viel davon, dass es für solch eine wichtige Sache – und der Schulabschluss ist nun einmal wichtig für das weitere Leben – nur zwei Versuche gibt, aber das ist ein anderes Thema.

Der mittlere Schulabschluss im Jahr 2002 gab mir dann den notwendigen Impetus, um auch meine Berufsausbildung selbst im Jahr 2004 erfolgreich zu beenden, was mir gleichzeitig auch neue Wege eröffnete, denn nur diese beiden Voraussetzungen ermöglichten es mir, dass ich mein Abitur nachholen konnte. Vorher – in den Jahren 2004 und 2005 – musste ich allerdings erst einmal ein kleines Loch durchleben, denn meine Zeit bei der Bundeswehr war nicht wirklich erfolgreich. Neuen Schwung brachte dann meine Schwester, die mir 2006 von der Möglichkeit erzählte, dass ich das Abitur am Abendgymnasium machen könnte. Das war mir bis dahin nicht bewusst, hat mich aber vor dem Fehler bewahrt, auch das Abitur als Nichtschülerprüfung ablegen zu wollen – ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das nicht geschafft hätte.

Ich nahm 2006 also alle meine Unterlagen, weil ich mir nicht sicher war, ob ich die Voraussetzungen komplett erfülle, und ging damit ins Sekretariat des Abendgymnasiums und bekam dann kurze Zeit später die Mitteilung, dass das der Fall ist und ich in den halbjährigen Vorkurs aufgenommen wurde. Der verlief tatsächlich auch ziemlich erfolgreich und so kam ich ohne Probleme in die Einführungsphase, wo es dann einen kleinen Rückschritt gab, weil ich mir selbst nicht mehr zugetraut habe, dass ich das Abitur schaffen könnte. Ich meldete mich also zum Halbjahr vom Abendgymnasium ab, um mir selbst erst einmal bewusst zu werden, ob ich das wirklich machen will. Ich weiß gar nicht, was der Impetus war, der mich dann davon überzeugte, mich doch wieder anzumelden, sodass ich dann im Jahr 2007 wieder mit der Einführungsphase begann und diese – bis auf Deutsch – auch ziemlich gut abschloss. Damit kam ich dann auch in die Qualifikationsphase, wo ich mich auch in Deutsch wieder steigern konnte, wobei das wahrscheinlich auch an den Lehrer*innen lag, die ich in dieser Phase bekam. Meine mündliche Deutschprüfung habe ich dann übrigens mit 11 Punkten bestanden, was ich so nie erwartet hätte.

2010 habe ich dann also meine Abiprüfungen bestanden und seitdem ist die Luft irgendwie raus. Ja, ich habe mich dann 2012 an der Fernuniversität in Hagen eingeschrieben, aber es fehlte von Anfang an der Antrieb, sodass ich das Studium nie beendet habe und der ist bis jetzt auch nicht wirklich wieder eingekehrt. Es ist zwar nicht so, dass ich in den letzten elf Jahren nichts gemacht hätte, im Gegenteil, ich habe viele neue und interessante Dinge ausprobiert, aber es ist nichts Greifbares, nichts, was ich irgendwie nachweisen könnte. So langsam wird es also Zeit für neuen Impetus, es braucht neuen Schwung in meinem Leben, etwas, was mich wieder Antreibt und was mir einen Anstoß gibt, mich wieder neu zu erfinden.

21 April 2021

21.04.2021: Pandemiebeobachtungen

Bäume, Wolken und ein Gewässer

Ein paar Monate haben wir jetzt ja schon die Pandemie und ich bin immer wieder erstaunt über die Beobachtungen, die ich mache, wenn ich dann draußen unterwegs bin. Sei es an der Ampel, am Eisladen, auf den Spielplätzen – an denen ich vorbeikomme – oder generell auf dem Gehweg. Auch in der Kaufhalle ist es mitunter schwierig, die Mitmenschen zu verstehen. Öfter Frage ich mich, ob die Menschen wirklich noch nicht verstanden haben, dass wir uns derzeit in einer Pandemie befinden oder ob es wirklich der Egoismus ist, der die Menschen treibt.

An der Ampel

Ich fahre gerne Fahrrad und während der Pandemie nutze ich es noch öfter, doch sobald ich mit dem Fahrrad an einer roten Ampel halten muss, ich bleibe da ja tatsächlich stehen, wird mir sehr mulmig. Wenn ich mit Abstand zur Person vor mir stehen bleibe, dann ist das tatsächlich keine Einladung für die Radfahrer*innen nach mir, sich noch in diese Lücke zu drängeln. Vielmehr möchte ich den Abstand einhalten, der in der derzeitigen Pandemie geboten ist.

Ganz ehrlich, ich finde es schon ohne Pandemie nervig, wenn sich Radfahrer*innen noch irgendwo ganz vorne an die Ampel drängen müssen, aber ist der Zeitgewinn in einer Pandemie wirklich wichtiger, als die Minimierung des Infektionsrisikos? Es nervt, besonders wenn die Leute dann direkt neben dir anhalten und es so aussieht, als ob sie kuscheln wollen. Ist es wirklich so schlimm, jetzt ein wenig Abstand zu halten, auch mit dem Rad?

Allerdings geht es mir als Fußgänger ja oft nicht besser, auch da halten die Menschen keinen Abstand an der Ampel, machen einfach weiter, als ob es die Pandemie nicht gibt und stellen sich in jede Lücke, die sich irgendwie ergibt. Nicht immer, aber doch sooft, dass es mir unangenehm auffällt.

Vor dem Eisladen

Ich gönne jedem sein Eis, auch wenn ich die Schlangen vor einem Eisladen schon vor der Pandemie nie wirklich verstanden habe. Aber okay, wenn ein Eisladen das beste Eis im Kiez anbietet, dann sollen die Menschen gerne in einer Schlange davor stehen, ich habe da persönlich kein Problem mit, nicht einmal jetzt in der Pandemie. Jedoch stehen diese Schlangen meist auf dem Gehweg, auf dem auch noch andere Menschen, die kein Eis möchten, laufen. Deswegen verstehe ich es absolut nicht, dass viele Menschen, die in diesen Schlangen stehen, derzeit keine Maske auf dem Gesicht haben. Nein, der Abstand zum Vordermensch oder zur Person dahinter kann nicht immer eingehalten werden, deswegen sollte es doch in der Pandemie nicht so schwer sein, sich sein Eis zu kaufen und gleichzeitig das Infektionsrisiko zu minimieren. Ich rede hier nicht einmal von einer FFP2-Maske, es würde ja schon ausreichen, wenn die Menschen in der Schlange eine Stoffmaske auf hätten. Es ist aber nicht der Fall und dabei ist das jetzt schon der zweite Frühling, den wir in einer Pandemiesituation erleben.

Auf dem Spielplatz

Gut, auf dem Spielplatz ist das Maskentragen für Kinder nicht das, was ich verlange, aber einige Spielplätze sind weiterhin so voll wie vor der Pandemie. Klar, Kinder sollen spielen, sie brauchen diese Abwechslung, aber auch das sollte irgendwie pandemiegerecht gemacht werden. Wobei ich hier gar nicht den Eltern die Schuld gebe, sondern eher der Politik.

In meiner Welt hätten sich die Kinder während der Pandemie ein paar feste Kontakte gesucht, mit denen sie sich uneingeschränkt hätten treffen können. Dadurch wäre die Nachverfolgung der Kontakte leichter geworden, wenn sich eine Familie infiziert hätte und auch das Argument, welches permanent gegen Schulschließungen vorgebracht wird, wäre weggefallen, denn die Schüler*innen hätten ihre sozialen Kontakte.

Viel spannendere wären aber die weiteren Möglichkeiten gewesen, denn diese Schüler*innen hätten Lerngruppen bilden können, die dann gemeinsam den Lernstoff durchgearbeitet hätten. Dadurch hätten sich auch Entlastungen für die Eltern ergeben, da diese Lerngruppen gemeinsam an einem Ort hätten lernen können. Natürlich hätten sich die Eltern hier absprechen müssen, wann wo gelernt wird, aber es hätten sich halt auch Freiräume für alle Elternteile ergeben, die es ohne die Lerngruppen eben nicht gab.

Der Vorteil, der mich wieder zu den Spielplätzen zurückbringt, wäre aber auch gewesen, dass diese Gruppen gemeinsame Ausflüge in das Umland hätten unternehmen können, wodurch die Spielplätze in den Städten weniger voll gewesen wären und so auch Kinder und Jugendliche einen größeren Infektionsschutz hätten genießen können, deren Familien finanziell nicht in der Lage sind, mit ihren Kindern ständig Ausflüge in weniger belebte Gebiete zu machen.

Okay, in meiner Welt wären die gefühlten sozialen Kontakte höher, was ja eigentlich kontraproduktiv in der Pandemie ist, aber es wären permanent die Kontakte in den Schulen weggefallen, ebenso wie die Kontakte auf dem Weg hin zur Schule und auf dem Weg von der Schule nach Hause. Aber ich bin kein Wissenschaftler und vielleicht ist diese Idee auch totaler Unfug, lasst deswegen gerne eure Gedanken in den Kommentaren da.

Auf dem Gehweg

Wir waren vorhin schon einmal auf dem Gehweg, als ich vom Eisladen sprach, aber es gibt Menschen, die benutzen den Gehweg so, dass sie das Abstandhalten unmöglich machen. Ich habe deswegen schon öfter die Straßenseite gewechselt, einfach um die Risikokontakte so gering wie möglich zu halten. Ist es denn wirklich so schwer, während der Pandemie, nicht in der Mitte des Gehweges zu laufen, wenn Menschen auf einen zu kommen? Ich meine, wenn der Gehweg leer ist, ist es ja überhaupt kein Problem, aber wenn ich andere Menschen sehe und wenn ich sehe, dass die versuchen den Abstand zu vergrößern, dann sollte ich doch dabei helfen und ebenfalls den Abstand vergrößern? Gefühlt ist es aber so, dass da Leute dann extra noch näher ran kommen und du Angst haben musst, dass die mit dir kuscheln wollen. Warum?

In der Kaufhalle

Mein Horrorort ist ja derzeit die Kaufhalle. Da gehen Leute mit einer Maske vor dem Gesicht rein, doch sobald das Personal außer Sichtweite ist, wandert diese unter das Kinn. Hallo? Aber okay, die Mehrheit hält sich daran, die Maske richtig zu tragen und gegen die, die es nicht tun, kannst du derzeit halt nicht viel machen, weil sich einige von denen ja auf einer Mission wähnen.

Was aber noch sehr viel mehr nervt, sind die Menschen, die meinen, an der Kasse kuscheln zu müssen. Ich habe ja irgendwie sehr stark das Gefühl, dass die Menschen inzwischen sehr kuschelbedürftig sind und dieses auf der Straße, an der Ampel oder halt an der Kasse ausleben wollen. An der Kasse tragen die meisten ja zumindest eine Maske, aber es ist halt nicht angemessen in einer Pandemie. Wobei ich es schon vor der Pandemie gehasst habe, wenn die Menschen sich viel zu nah hinter einen stellen, als ob dadurch die Wartezeit verringert werden könnte. Ich glaube allerdings nicht, dass das einen Zeitgewinn an der Kasse bringt, es sei denn, die Person davor rennt schreiend weg, aber soweit bin ich dann doch noch nicht.

Wie sieht es denn bei euch aus? Kennt ihr die Situationen, die ich versuche zu beschreiben oder bin ich einfach zu sensibel?

7 Februar 2021

Datenschutz für mündige Menschen?

Bild von der Demo "Unteilbar" in Berlin

Datenschutz und die Einstellungen der Bürger*innen dazu, empfinde ich immer wieder als ein sehr seltsames Thema. Das Grundrecht auf die informationelle Selbstbestimmung ist ja eigentlich ein Abwehrrecht gegenüber den Staat und sich dann auf den Staat zu verlassen, wenn es um die Spielregeln beim Datenschutz geht, ist schon ziemlich merkwürdig. Wir verlangen hier, dass der Staat – beziehungsweise die Politik – hier die Spielregeln bestimmt, mit denen er sich selbst verbietet, sich an unseren Daten zu bedienen. Dass das nicht funktioniert, zeigt die ewige Diskussion über die Vorratsdatenspeicherung oder die Verknüpfung von verschiedenen staatlichen Datenbanken, die mithilfe einer eindeutigen ID gelingen soll. Der Staat kann uns also nur dabei helfen, unsere Grundrechte gegenüber anderen Akteuren – zum Beispiel Unternehmen – durchzusetzen und auch dort sollten wir auf der Hut sein, was der Staat dort alles regelt und ob das wirklich immer zu unserem Vorteil ist.

Datenschutz und Privacy sind wichtige Themen, jedoch finde ich es schwierig, immer wieder nach Verboten durch die Politik zu rufen. Diese Kultur, die da gepflegt und mit der DSGVO auch umgesetzt wurde, ist eine Kultur der Entmündigung der Menschen. Und Entmündigung macht bequem, weil wir uns dann nicht mehr mit den wichtigen Themen auseinandersetzen, weil wir verlernen, eigene Entscheidungen zu treffen. Natürlich muss der Gesetzgeber einen Rahmen erlassen, der für Unternehmen und auch für den Staat bindend ist, aber jeder Mensch sollte schon bewusst handeln und entscheiden können, was er zulassen möchte und was nicht. Das ginge einfacher, wenn die Datenschutzregeln schon festlegt werden könnten, bevor die Webseite besucht wird und die Entscheidung nicht erst auf der Webseite getroffen werden muss. Eine DSGVO, die hier Standards festgeschrieben hätte, die von Unternehmen und Staat umgesetzt und eingehalten werden müssten und die einfach in die Zugangssoftware zum Internet – also im Browser – integriert wurden wären, welche dann jeder Mensch einmalig festlegt, wenn er den Browser zum ersten Mal startet, wäre hier ein sehr viel besserer Weg gewesen. Weg von Verboten und hin zu Menschen, die selbstbestimmt ihre Entscheidungen treffen. 

WhatsApp wird hier ja immer als Beispiel gebracht, aber muss ich den Service wirklich gleich Verbieten oder wäre die sinnvollere Option nicht die, dass wir bei jedem Telefonbucheintrag vorher festlegen könnten, ob dieser für andere Apps – also nicht nur für WhatsApp – freigegeben wird oder nicht? Wäre das nicht der sinnvollere Weg, der das Internet nicht unnötig komplizierter macht, als es sein müsste? Keks-Banner wären Geschichte, Datenschutzerklärungen könnten sehr viel kürzer ausfallen und verständlicher werden, das Surfen im Internet wäre tatsächlich wieder bequemer möglich, auch in dem Bewusstsein, dass ich genau weiß, welche Daten die Webseiten nutzen dürfen und welche nicht. Beim Beispiel WhatsApp könnte ich so sogar die Datenschutzpräferenzen aller meiner Kontakte achten und respektieren.

Im Übrigen halte ich auch nichts davon, dass es de facto eigentlich eine Altersgrenze für das Internet gibt. Das Internet ist ein riesiger Wissenspool und jeder – also auch Kinder – sollten den Zugang zu diesem Wissenspool nutzen können. Aber so, wie wir Kindern und Jugendlichen den Zugang zu politischen und demokratischen Entscheidungsräumen verwehren, genauso wollen wir ihnen den Zugang zu diesem Wissensraum verschließen. Gerade bei Kindern und Jugendlichen ist schön der autoritäre Charakter unserer Gesellschaft zu beobachten und meine Frage ist da immer, wie aus Menschen, die in der Familie und in der autoritären Institution Schule autoritären Entscheidungen ausgesetzt sind, bei denen sie keine Mitspracherechte haben, überhaupt zu demokratischen Menschen erzogen werden sollen. Genauso Frage ich mich beim Internet, wie diese Menschen einen selbstbewussten und selbstbestimmten Umgang mit dem Wissensraum Internet erlernen sollen, wenn sie bis zu einem bestimmten Alter ausgeschlossen werden, beziehungsweise darauf hoffen müssen, dass die Eltern die Chancen erkennen und sie so den Zugang erhalten. 

Datenschutz ist ein schönes Feld um zu beobachten, wie Autoritär unsere Gesellschaft doch noch geprägt ist. Wir verlassen uns darauf, dass wir von Politik und Staat beschützt werden, wollen unsere Entscheidungen in der Gewissheit treffen, dass der Staat sich für uns Regeln überlegt hat, die die negativen Aspekte unserer Entscheidungen, die wir nicht mitgedacht haben, abfedern. Das macht uns bequem, das hält uns davon ab, uns mit Themen wie die Verschlüsselung von Daten nachzudenken. Ist ja reglementiert und deswegen kann ich halt eine Postkarte – also eine E-Mail – durch das Internet schicken, obwohl die Möglichkeit, diese E-Mail in einen Briefumschlag zu stecken, durchaus gegeben und auch kein Hexenwerk mehr ist. Klar, es kostet Zeit, sich damit auseinanderzusetzen und sich die Informationen zu besorgen, aber wir sollten uns die Zeit einfach nehmen, so wie wir uns für eine demokratische Gesellschaft generell sehr viel mehr Zeit nehmen sollten, um unsere Demokratie weiterzuentwickeln und um so die Entscheidungs- und Mitgestaltungsräume zu erweitern.

31 Januar 2021

Lebenszeit sinnvoll nutzen …

„Die Lebenszeit sinnvoll nutzen“, diesen Satz höre ich immer wieder und ich frage mich, was das eigentlich bedeuten soll. Woher weiß ich denn, dass ich gerade meine Lebenszeit sinnvoll nutze? Und was ist mit den vielen Tätigkeiten, die ich erledigen muss, um überleben zu können? Sind auch diese Tätigkeiten sinnvoll genutzte Lebenszeit, obwohl sich mir der Sinn dieser Tätigkeiten nicht wirklich ergibt? Auf der anderen Seite wird das Leben im Internet, die Zeit, die in sozialen Netzwerken verbracht wird oder auf anderen Seiten, als verschwendete Zeit gebrandmarkt. Ist das wirklich verschwendete Zeit?

Sind wir nicht vielleicht ein wenig vorschnell, wenn wir bestimmte Tätigkeiten als sinnvoll einstufen und andere als Verschwendung von Zeit? Wer setzt dafür die Norm? Die Gesellschaft, die Wirtschaft, die Politik oder vielleicht doch jeder für sich selbst? Und wenn jeder für sich selbst die Norm setzt und selbst entscheidet, was er mit seiner Zeit macht, könnte dann nicht eigentlich nur fremdbestimmte Zeit verschwendet sein? Also die Zeit der Lohnarbeit zum Beispiel, in der ich Aufgaben erledigen muss, die mir von einer anderen Person vorgegeben werden?

Kann der Mensch in unserer Gesellschaft dann überhaupt seine Zeit sinnvoll nutzen oder ist das nicht gerade durch den Aufbau unserer Gesellschaft unmöglich, weil ein großer Teil der Zeit durch Fremdeinflüsse verbracht wird? Ich bin da gerade ein wenig Ideenlos und vielleicht könnt ihr ja einfach ein paar Kommentare hier lassen, die mir Klarheit bringen.

28 Januar 2021

Meine digitale Mediengeschichte

Bild Wissen sammeln, Zeichnung.

Das Internet und ich, die Geschichte hat irgendwann 1998 angefangen. Damals noch nicht so wirklich schnell, da ich nur einen Amiga 2000 hatte, was die Übertragung noch einmal ordentlich ausgebremst hat. Ja, es gab damals schon einen Internetbrowser für den Amiga, aber das Aufrufen von Webseiten hat ewig gedauert, was also nicht wirklich Spaß gemacht hat.

Richtig los mit den neuen Medien ging es dann so 2001/2002, als ich die Foren und Chats für mich entdeckte. 2004 startete ich dann meinen ersten Blog, nachdem ich durch eine Zeitschrift darauf aufmerksam wurde. Allerdings war ich damals nicht wirklich gefestigt, sodass der Blog ziemlich schnell von mir wieder gelöscht wurde. Im selben Jahr startete ich meine Literaturseite, die einem Blog schon nahekam, aber auf einfache HTML-Dateien basierte. Später zog ich mit der Seite auf ein CMS um, wo es leichter für mich war, meine Buchbesprechungen zu veröffentlichen. Nebenbei war ich weiterhin in Foren unterwegs, wo die Kommunikation mit anderen Menschen viel Spaß machte. Super war damals, dass die Diskussionen immer wieder nachgelesen werden konnten und sich so auch die Möglichkeit ergab, sich mit seinen eigenen Argumenten später noch einmal zu beschäftigen und Widersprüche zu finden, was mich generell sehr viel weiter brachte.

2006 fing ich dann an, mein Abitur auf dem Abendgymnasium nachzuholen, was nicht viel mit den neuen Medien zu tun hat, aber nach einem kleinen Tief und einer Auszeit machte ich mich 2007 auf den Weg zum Abitur und nutzte hierfür ab 2008 einen weiteren Blog, um dort das Gelernte zu reflektieren und so mein Wissen zu festigen. Was als Lernblog begann, ist heute mein persönlicher Blog, in dem ich alle Gedanken und Erlebnisse von mir einfange. Und er hat sicher auch dazu beigetragen, dass ich im Jahr 2010 mein Abitur dann auch in der Tasche hatte.

Ebenfalls 2008 entdeckte ich dann die sozialen Netzwerke. Es begann mit Twitter, wo ich mich registrierte, um einer anderen Buchbloggerin zu folgen. Durch das geweckte Interesse ging es dann weiter zu Facebook. Wirklich datensparsam bin ich auf beiden Plattformen nicht, was für mich kein Problem ist, weil ich mir so ziemlich bewusst bin, dass das später auch gegen mich verwendet werden könnte. Allerdings stehe ich zu meinen Meinungen und zu meinen Entwicklungen über die vielen Jahre und finde es spannend, meine früheren Ichs dort immer wiederzuentdecken und meine Entwicklung zu verfolgen. In den letzten 12 Jahren kamen dann noch viele andere soziale Netzwerke hinzu, die alle ihren Reiz haben oder hatten und die alle dazu beigetragen haben, meinen Blick auf die Welt zu erweitern. Instagram, Google+ und wie die Netzwerke alle hießen, darunter auch dezentrale Netzwerke wie Mastodon und Diaspora.

Und ich bin weiterhin neugierig auf die Welt, auf die Menschen, die in ihr leben, auf die vielen neuen Ansätze für digitale Medien und soziale Netzwerke, vermisse aber schon die Foren von damals, mit denen ich in diese Welt eingetaucht bin. Vielleicht kommen die irgendwann Mal wieder, aber wenn nicht, sind die vielen anderen digitalen Netzwerke und Medien ja auch gut genug, um Zeit zu verschwenden.