27 November 2018

Sook Pedroza – Kurzgeschichte

Sook Pedroza sitzt an einem Fenster. Sook Pedroza sitzt dort, weil sie durch dieses Fenster Menschen beobachtet, durch die sie daran gehindert wird das zu tun, was sie tun will. Sie beobachtet die Menschen, die hektisch etwas tun, die zumindest so tun, als ob sie hektisch etwas tun. Wahrscheinlich, so denkt sich Sook Pedroza, denken diese Menschen, dass sie etwas Wichtiges tun, etwas, was für diese Gesellschaft von belang ist. Dabei igeln sie sich nur in ihre Arbeit ein, heften hier ein Blatt Papier in einen Ordner, kopieren dort etwas für den Vorgesetzten und sind stets darauf bedacht, dass die Kollegen ja keinerlei Vorteile erhalten, die sie selbst nicht bekommen. Natürlich sind sie stets freundlich zueinander, aber dem anderen mehr gönnen tut keiner. Sook stellt sich diese Menschen in einem Hamsterrad vor. Sie laufen und laufen, manchmal schneller, dann wieder langsamer, aber keiner von ihnen kommt überhaupt vom Fleck.

Sook Pedroza sitzt in einem Café. Sie trinkt einen Cappuccino und beobachtet Menschen, die ständig auf einen Bildschirm starren. Mal ist der Bildschirm größer, mal ist er kleiner. Mal hat er eine richtige Tastatur, mal nur eine virtuelle Tastatur auf dem Bildschirm. Die Menschen, die sie beobachtet, arbeiten. Sie denken, dass ihre Arbeit wirklich wichtig ist. Sie glauben da wirklich dran und vielleicht hilft ihre Dienstleistung auch wirklich einigen Menschen dabei, ihre individuellen Ziele zu erreichen. Sook Pedroza möchte die Arbeit, die diese Menschen erbringen, auch gar nicht kleiner machen, aber sie versteht nicht, warum diese Menschen soviel Energie in Dienstleistungen stecken, die nur ihren Chef reich machen, wenn sie denn überhaupt jemanden reich machen.

Sook Pedroza schaut aus dem Fenster des Cafés und beobachtet die Männer von der Müllabfuhr, die wirklich nur Männer sind, weil in ihrer Stadt noch keine Müllfrauen eingestellt werden. Sie beobachtet, wie diese Männer all den Müll abholen, der eigentlich nicht nötig wäre, der aber in einer Wohlstandsgesellschaft zwangsläufig auftritt und der die Umwelt zerstört, obwohl auch das nicht nötig wäre. Natürlich ist ihre Arbeit wichtig, denkt sich Sook, denn wenn diese Menschen den Müll nicht abholen würden, den diese Wohlstandsgesellschaft produziert, dann würde diese Gesellschaft darin ertrinken. Aber vielleicht ertrinkt sie ja dennoch in diesem Müll, unmerklich, weil der Müll immer mehr wird und er die Natur vergiftet.

Sook Pedroza hat eigentlich nichts gegen arbeitende Menschen. Sie erträgt es nur nicht, dass diese Menschen die Arbeit in den Mittelpunkt ihres Lebens stellen. Sie ärgert sich, dass diese Menschen sich über ihre Arbeit definieren, sie ihren sozialen Status von ihrer geleisteten Arbeit abhängig machen. Sook ist sich sicher, dass die Arbeit nur ein notwendiges Übel sein sollte. Sie sollte nicht dazu da sein, um einige wenige Menschen reich zu machen, sie sollte nicht zur Ausbeutung dienen, sondern dazu, dass jeder Mensch ein lebenswertes Leben leben kann. Ein Leben ohne wirkliche Zwänge oder zumindest mit einem Minimum an Zwängen.

Sook Pedroza wird von all diesen arbeitenden Menschen daran gehindert selbst erfolgreich zu sein. Sie muss sich mit dem zufriedengeben, was andere Menschen ihr zugestehen. Dabei möchte sie die Welt besser machen, möchte ihr Wissen und Können einsetzen, um die Solidarität groß zu machen. Doch all die arbeitenden Individualisten hindern sie daran, all die Menschen, die nur ihren eigenen Vorteil sehen und die im Wettbewerb untereinander sind. Im Hamsterrad des Wettbewerbs, aus dem sie nicht herauskommen. All die arbeitenden Menschen, die nicht sehen, dass sie zusammen mehr erreichen könnten, dass die Solidarität nicht nur ein Wort sein muss, sondern das sie ein Wert für eine neue Gesellschaft sein könnte. Eine Gesellschaft, die Sook Pedroza gerne errichten würde zusammen mit all diesen Menschen, durch die sie derzeit noch daran gehindert wird.

23 August 2018

Kurzgeschichte: Volksurteile

„Hallo und herzlich Willkommen zur wöchentlichen Show der Volksverurteilungen. In den nächsten 120 Minuten werden wir ihnen wieder drei straffällig gewordene Personen vorstellen und am Ende haben sie und ihr gesundes Volksrechtsempfinden es wieder in der Hand, per Telefonvoting die gerechten Urteile für diese Personen zu fällen. Natürlich gibt es auch wieder was zu Gewinnen. Unter allen Anrufern verlosen wir wieder ein Auto der Marke „Volksdoof“ im Werte von 35.000,- Euro. …“

Wie langweilig muss es Freitagsabends doch gewesen sein, als straffällig gewordene Personen noch von Richtern verurteilt wurden. Damals, als es noch Gerichte gab, die Urteile gefällt haben, die nicht dem gesunden Volksrechtsempfinden entsprachen. Es war ein regelrechter Glücksfall, als der Staat damals illegal eine Abschiebung durchführte und den Willen des Gerichts nicht achtete. Damals kristallisierte sich das gesunde Volksrechtsempfinden heraus. Den Bürgern war egal, ob das Gericht hier einen Rechtsbruch sah oder nicht, immerhin wurde ein Gefährder abgeschoben und da war es doch egal, ob eigene Werte mit Füßen getreten wurden, weil der Person am Zielort Folter drohte. Diese Einstellung des Volkes gefiel einigen Politikern so gut, dass sie auf die Idee kamen, dass Gerichte überflüssig wären, da doch das Volk der viel bessere Richter wäre. Daraufhin fingen diese Politiker an, immer mehr Gerichtsurteile anzuzweifeln. Irgendwann, die nötige Mehrheit war inzwischen davon überzeugt, wurde dann ein Gesetz erlassen, welches Gerichte abschaffte und dafür das gesunde Volksrechtsempfinden einführte. Um dieses abzufragen, wurde eine Fernsehsendung eingeführt, in der kurz über die straffällig gewordene Person und dessen Straftat berichtet wurde und danach durfte dann per Telefonvoting sowohl über Schuld oder Unschuld entschieden werden wie natürlich auch über das Strafmaß selbst.

Nun ist es leider so, dass das gesunde Volksrechtsempfinden in den meisten Fällen nicht von der Straftat abhängt, sondern allein von der Sympathie, die dem Angeklagten vom Volke entgegengebracht wird. Da kann ein Mörder schon mal ungestraft davon kommen, wenn er denn nur genügend sympathische Argumente für sein Handeln vortragen kann. Auf der anderen Seite kann es aber auch schon mal lebenslänglich werden, wenn der Angeklagte die falschen Schuhe trägt, obwohl er nur einen Apfel geklaut hat, weil er Hunger hatte.

Es ist also mal wieder Freitag. Ich sitze hier und muss jetzt selbst gute Argumente vorbringen, um zu erklären, warum ich die Tat, die mir zur Last gelegt wird, begangen habe. Noch viel schlimmer, ich muss das Publikum von meiner Unschuld überzeugen, denn gute Argumente für eine Tat zu finden, die ich gar nicht begangen habe, ist schon ziemlich schwer. Und noch viel schwerer ist es, die richtige Kleidung und das richtige Auftreten zu finden, um beim Publikum genügend Sympathiepunkte zu sammeln.

Aus Spaß habe ich einmal nachgelesen, welche Strafe mich damals erwartet hätte, als es noch Richter gab, die an Gerichten nach Abwägung aller Fakten ein Urteil gefällt haben. Ich wäre wohl mit einer Geldstrafe davon gekommen, wenn ich den Richter nicht von meiner Unschuld hätte überzeugen können. Das wäre damals ziemlich sicher gewesen. Dank dem Volksrechtsempfinden ist heute aber auch eine lebenslange Haft möglich und das nur, weil Politiker damals die Gewaltenteilung anzweifelten, weil ihnen ein Gerichtsurteil nicht so genehm war.

20 Dezember 2017

Blog Adventskalender 2017 – 20.Söckchen

Immer, wenn sich bei mir eine Socke vom Blog Adventskalender befindet, schreibe ich eine Kurzgeschichte für euch. Dieses Jahr habe ich lange überlegt und erst heute Nacht auf dem Heimweg von einer Weihnachtsfeier kam mir die Idee für die diesjährige Kurzgeschichte. Deswegen muss ich euch heute mit einem Entwurf dieser Geschichte überraschen, was ihr an der ein oder anderen Stelle beim lesen wahrscheinlich bemerken werdet. Die Protagonistin der Geschichte ist dabei nicht neu, es gab bereits eine Kurzgeschichte mit ihr auf diesem Blog. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und noch vier entspannte Tage bis Heiligabend.

Am Ende war mir nur noch kalt. Ich schwamm und schwamm doch überall war nur Wasser. Kaltes Wasser. Salziges Wasser. Und dann war das Wasser komplett um mich herum. Unten nur Dunkelheit und oben das Licht, dass sich im Wasser brach. Und dann nur noch schwarz. Schwarz und kalt.

Als ich aufwachte, lag ich in einem großen Bett. Ich hatte einen roten Schlafanzug an und lag in einem warmen weichen Bett. Wo war ich? Wurde ich doch noch gerettet, oder bin ich im tiefen Meer, irgendwo zwischen Afrika und Europa, ertrunken? Ja, ich war auf dem Meer, ich wollte nach Europa, doch dann ging mein Boot unter. Daran kann ich mich erinnern. Auch daran, dass mich am Ende die Kraft verließ. Ja, ich musste gestorben sein und dieses Bett hier, dass befindet sich bestimmt auf einer riesigen Wolke.

Ich stand auf und ging zum Fenster. Draußen war alles weiß, ich musste also wirklich auf einer Wolke sein. Oder war das etwa Schnee? Davon gehört hatte ich bereits, aber gesehen hatte ich noch nie welchen. War ich vielleicht doch in Europa? Wurde ich vielleicht doch noch gerettet?

Nachdem ich das Fenster nicht öffnen konnte, ging ich zur Tür, die sich ohne Probleme öffnen lies. Es war eine schwere Holztür und davor lag ein langer Flur, der zu einer Treppe führte. Ich ging langsam zur Treppe, lauschte den Geräuschen, die aus der unteren Etage kamen und folgte diesen. Unten an der Treppe lag ein riesiger Saal, in dem viele kleine Leute hin und her huschten.

„Jamila, du bist wach?“, fragte mich auf einmal eine Stimme hinter mir. Ich drehte mich um und da stand plötzlich ein dicker alter Mann hinter mir. Er hatte einen langen weißen Bart, hinter dem sich ein Lächeln versteckte. Außerdem hatte er einen roten Mantel, eine rote Hose und schwarze Schuhe an. Ich fragte mich, woher er meinen Namen wusste. Alles, was ich dabei hatte, ist mit dem Boot untergegangen. Mit dem Boot, dass uns nach Europa bringen sollte. Zum Schluss hatte ich nur noch die Sachen, die ich am Körper trug und da war garantiert nichts dabei, auf dem mein Name stand.

„Wir dachten schon, dass du ewig schlafen würdest“, sagte der alte Mann weiter. „Aber jetzt bist du ja wach und du musst einen riesigen Hunger haben. Also komm, ich bringe dich in die Küche, wo du erst einmal ordentlich etwas zum Essen bekommst.“ Mit diesen Worten drehte er sich um und ging zu einer Tür.

„Worauf wartest du, Jamila? Dort an der Treppe bekommst du bestimmt nichts zwischen die Zähne.“

Zögerlich ging ich auf diesen Mann und die Tür zu. Eigentlich sollte ich wohl Angst haben, aber dieser Mann strahlte soviel Wärme und Fröhlichkeit aus, dass ich diese Angst nicht hatte. Ich ging mit ihm durch die Tür und wir standen gemeinsam in einer große und warmen Küche, in der gerade eine alte Frau dabei war, Essen zu machen.

„Schau mal Sandra, wen ich dir mitbringe.“, sagte der alte Mann zu der Frau.

„Ah, unser junger Gast ist ja endlich wach! Worauf sie wohl Hunger hat?“, sagte die Frau, die mich mit einem dicken Lächeln begrüßte.

„Wir sollten ihr vielleicht zeigen, was wir so in unserm Kühlschrank verstecken, oder was meinst du?“, sagte der alte Mann zur Frau, die mich daraufhin mit einer leichten Umarmung zum Kühlschrank schob. Sie öffnete die Tür und ich erschrak vor der großen Auswahl, dir dort drin zu finden war. Es war dort soviel drin, dass die Entscheidung schwer fiel, jedoch fand ich, dass so ein Stück Torte ziemlich passend war. Ich nahm es mir und setzte mich an den Tisch, der ebenfalls in der Küche stand.

Der alte Mann setzte sich ebenfalls an dich Tisch und lächelte mich an.

„Na Jamila, du wunderst dich wahrscheinlich darüber, dass ich deinen Namen kenne. Wahrscheinlich fragst du dich auch, wo du hier überhaupt bist und wie du hier her kommst. Was ich dir versichern kann, ist, dass du hier nicht im Himmel bist. Du bist dort auf dem Meer nicht gestorben. Wobei du schon ganz viel Glück hattest, dass ich mich gerade dort in der Gegend aufgehalten habe. Aber eigentlich bin ich gerade sehr unhöflich, denn obwohl ich genau weiß, wer du bist, weißt du noch gar nicht, wer ich bin. Mein Name ist Santa. Wahrscheinlich kennst du mich nicht, obwohl ich auch bei einigen Kindern in Afrika ziemlich bekannt bin.“

Santa? Wie Santa Claus? Der Weihnachtsmann? Meine Verwunderung war mir wohl ins Gesicht geschrieben, denn der alte Mann nickte mir kurz zu. In unserem Dorf feierten wir kein Weihnachten, aber ich wusste, dass es das Weihnachtsfest in der christlichen Welt gab und ich wusste auch, worum es dort ging. Aber natürlich glaubte ich nicht an den Weihnachtsmann. Für mich war es nie so wirklich verständlich, warum es im Jahr nur drei Tage für Nächstenliebe und Besinnlichkeit geben sollte. Warum nur drei Tage, um mit der Familie zusammen zu sein?

„Ja genau, ich bin dieser Santa Claus, über den du gerade Nachdenkst und nein, ich kann natürlich keine Gedanken lesen, es sei denn, sie sind jemanden – so wie dir gerade – ins Gesicht geschrieben.“

Wow! Ist er sich sicher, dass er keine Gedanken lesen kann?

Aber wenn es wirklich Santa Claus ist, wenn es ihn wirklich gibt, warum kommt er dann nicht zu allen Kindern auf dieser Welt? Warum kann er seinen Weihnachtszauber nicht einsetzen, um diese Welt besser zu machen? Kaum hatte ich das Gedacht, hatte ich es auch schon ausgesprochen.

Der Weihnachtsmann sah mich ernst an und sagte:

“Nun, dass ich Geschenke bringe, ist eher eine Deutung der Menschen. Wie sollte ich das auch machen? Ich bin viel mehr der Gedanke. Der Gedanke an Besinnlichkeit und Frieden, der in jedem Menschen steckt. Ich bin die Hoffnung auf eine bessere Welt, auf etwas Glück für jeden Menschen auf dieser Welt. Ich bin nicht das Konsumfest, dass in vielen Ländern auf dieser Welt gefeiert wird, nicht die drei Feiertage, die sich die Menschen geben, um Zeit mit ihrer Familie zu verbringen, damit sie diese dann wieder ein ganzes Jahr ignorieren können. Ich bin die Hoffnung der Menschen, die zusammen mit Jesus geboren wurde, die gewachsen ist, um den Menschen Mut zu machen. Ich bin der Funken, der die Welt tief in den Herzen der Menschen zum leuchten bringt, der Kindheitserinnerungen weckt und zeigt, dass es eine Welt geben kann, in der es weniger Sorgen und sehr viel mehr Glück für alle gibt. Und nur, weil du ganz viel davon in deinem Herzen trägst, nur deswegen konnte ich dich dort im Meer leuchten sehen. Nur deshalb konnte ich dich Retten. Jamila, du bist die, die den Frieden bringt, du bist die, die mich aus dem finsteren Verlies holen kann. Dem Verlies, dass die Menschen in ihren Herzen um mich herum gebaut haben.

Wenn du willst, Jamila, dann bist du der Mensch, der die Hoffnung zurückbringen kann. Die Hoffnung für all die Menschen auf der Welt, die derzeit auf der Flucht sind. Die Hoffnung auf ein besseres Leben für alle. Für die Menschen, die sich im Trott der Welt verlaufen haben. Die sich verlaufen haben in diese Konsumwelt, in der es nur wenigen wirklich gut geht. Wenn du das willst, dann helfe ich dir auch dabei. Aber erst später, denn jetzt musst du erst einmal wieder zu Kräften kommen und dein eigenes Glück finden. Und ich bin der, der dir die Hoffnung dafür gibt.”

Diese Antwort machte mich sprachlos, weswegen ich mich erst einmal weiter mit meinem Stück Kuchen beschäftigte.

Ich bin Jamila.

Ich bin die, die den Frieden in die Welt bringt.

Wie ihr sicher merkt, hat diese Kurzgeschichte ein offenes Ende. Es wird also mit sehr großer Wahrscheinlichkeit noch eine Fortsetzung geben. Eine Fortsetzung des Blog Adventskalenders gibt es auf jeden Fall. Das Söckchen von Morgen findet ihr hier, oder hier, oder vielleicht auch hier.

Wollt ihr eine Fortsetzung von Jamilas Weihnachtsgeschichte?

  • Ist mir egal! (50%, 4 Votes)
  • Ja (38%, 3 Votes)
  • Nein (13%, 1 Votes)

Total Voters: 8

Loading ... Loading ...
9 Mai 2017

Die Verschwörung

Pssst … sein sie mal leise! Ich bin da gerade einem Geheimnis auf der Spur, einer Verschwörung, vielleicht sogar einem Geheimbund. Schauen sie nicht so, ich verfolge diese Spur schon seit Monaten und sie führte mich genau hier hin, an diesen Ort.

Ja ne, ist klar, sie halten mich jetzt für einen Irren, für einen Verschwörungstheoretiker, aber dem ist nicht so, ich schwöre, oder vielleicht auch nicht, wahrscheinlich gehören sie zu diesem Geheimbund, das erklärt ihre Anwesenheit. Natürlich werde ich ihnen jetzt nichts mehr von meiner Spur erzählen, sonst würden Sie es ja leugnen. Sie würden mir wahrscheinlich mit irgendwelchen Argumenten kommen, würden sagen, dass da gar kein Geheimnis dahinter steckt, dass das einfach so ist, wie es ist. Aber nein, so kommen Sie mir heute nicht davon, genau, ich meine Sie! Erst so einen Geheimbund gründen und dann abstreiten das es ihn gibt! Sie sind mir schon einer!

Stehen Sie doch endlich dazu! Ich bin ihnen auf der Spur, ich bin kurz davor ihre Botschaften zu entschlüsseln und wenn ich es geschafft habe, dann werde ich … Nein, ich werde natürlich nicht, ich bin ja nicht Irre, wenn ich damit an die Öffentlichkeit gehen wollte, würde ihr Geheimbund mich vorher umbringen oder aber mich in der Öffentlichkeit als Irren Brandmarken. Nein, Nein, Nein! Es reicht vollkommen, dass ich es weiß, die restliche Welt ist noch nicht bereit dafür. Und nein, sagen Sie nicht schon wieder, dass ich Irre wäre, ich bin es nicht. Die Zeichen sind doch überall sichtbar, oder? Es gibt nur diese eine Erklärung, eine andere gibt es nicht, auch ihre Scheinargumente können mich nicht davon überzeugen. Es kann einfach kein Zufall sein.

Diese Wasserflaschen, in denen immer noch ein riesiger Schluck Wasser enthalten ist, diese Wasserflaschen sind euer Weg der Kommunikation. Ich beobachte das jetzt schon seit Monaten. Nein, ich bin nicht Irre!

24 Oktober 2015

#Fluchtgeschichten: Flucht

Es ist schwer über Flucht zu schreiben, wenn selbst keine Fluchterfahrungen gesammelt wurden.

Du sitzt vor dem Fernseher, siehst zu, wie die Menschen fliehen, trinkst dabei eine Limonade, isst vielleicht etwas, verstehst aber eigentlich gar nicht, was die Menschen dort gerade durchmachen. Du bist halt selbst noch nicht geflohen, hast selbst noch nicht deine Heimat verlassen müssen.

Du sitzt also vor deinem Fernseher, siehst die Menschen flüchten und gehst dann unbeeindruckt an deinen Kühlschrank, weil du Hunger hast und sich dort etwas zum Essen befindet. Dann setzt du dich hin, schaltest den Fernseher aus und nimmst ein Buch zur Hand. Eine Liebesgeschichte, mit der du es dir gemütlich machst auf deiner Couch. Die Heizung, die du angedreht hast, sorgt für ein warmes Zimmer und das Dach über deinem Kopf schützt dich vor dem Regen, der draußen gerade vom Himmel auf die Bäume und Straßen fällt.

Auf die Bäume und Straßen, auf denen gerade die geflüchteten Menschen unterwegs sind. Menschen, die nicht einfach an den Kühlschrank gehen können, wenn sie Hunger haben. Menschen, die nicht einfach die Heizung aufdrehen können, wenn ihnen kalt ist. Menschen, die nicht vor Regen geschützt sind, weil sei kein Haus haben, weil sie kein Dach haben.

Nach einiger Zeit legst du dein Buch zur Seite. Du hast genug gelesen. Du gehst in dein Bad, drehst das Wasser auf, erst das Heiße und dann das Kalte. Das Kalte solange, bis die Temperatur des Wassers stimmt. Du steckst den Stöpsel in den Abfluss, gibst etwas von deinem Schaumbad in das Wasser und freust dich auf die Entspannung.

Die geflüchteten Menschen laufen weiter durch den Regen, nass bis auf die Haut, vollkommen durchfroren. Ein warmes Bad wird ihnen auch heute wieder verwehrt bleiben. Nicht einmal waschen werden sie sich können, weil es kein Bad gibt, in dem sie sich waschen könnten, weil das wenige saubere Wasser zum trinken gebraucht wird. Sie laufen durch die Gegend, weit entfernt von ihrer Heimat. Einer Heimat, die durch einen Krieg zerstört wurde. Oder eine Heimat, in der sie hungern müssen, weil sie nicht dort keine Chance haben, sich etwas zum Essen zu kaufen, weil sie dort nichts haben, weil dort viele nichts haben und die Zukunft auch keine Besserung verspricht. Oder weil sie Verfolgt werden, da sie einer Minderheit angehören, oder weil sie einen anderen Glauben haben, oder eine andere sexuelle Orientierung. Oder, oder, oder.

Mit verschrumpelter Haut verlässt du die Wanne. Du trocknest dich ab, siehst dir bequeme Kleidung an und setzt dich wieder auf die Couch. Noch eine halbe Stunde willst du in deinem Buch lesen, bevor du in dein Bett gehst.

Mit feuchter Kleidung auf der Haut suchen die geflüchteten Menschen sich ein Nachtlager. Einen Ort, an dem sie sich für ein paar Stunden von ihren Strapazen erholen können. Sie werden wahrscheinlich wieder nicht viel Schlaf bekommen, weil sie viel zu viel Angst vor dem Schlafen haben. Es ist nicht nur das Misstrauen, es sind auch die Alpträume, die Alpträume von Gewalt, von Bomben oder der Verfolgung. Es sind auch die Schmerzen, die die Erholung erschweren.

 

Der Text „Flucht“ entstand im Rahmen der Blogparade #Fluchtgeschichten.

2 Mai 2015

Am Schreibtisch – Kurzgeschichte

„Schreib doch einfach“, sagt sie, „lass dich nicht ablenken von dem, was ich hier tue.“ Nicht ablenken, sie hat leicht reden. Wie soll ich mich nicht ablenken lassen, wenn ich gerade nach allem suche, was mich vom Schreiben ablenkt? Hätte ich den Fokus gefunden, wäre die Figur, über die ich schreiben will, schon mit mir auf Reisen gegangen, dann hätte ich gar nicht mitbekommen, was sie dort tut, dann hätte sie mir gar nicht sagen müssen, dass ich mich nicht ablenken lassen soll.

Doch die Figur ist noch ziemlich verschwommen. Sie konnte mich noch nicht packen, konnte mich noch nicht aus dem Stuhl ziehen und mich auf die Reise mitnehmen. Noch hampelt sie dort hinten rum, hat bisher nicht einmal einen Namen, lacht mich aus, hat noch keine Zeit für mich. Ich bin mir sicher, dass sie irgendwann ins Licht kommen wird, dass sie mir irgendwann ihren Namen verraten wird und das ich irgendwann all das aufschreiben darf, was sie erlebt.

Wird die Geschichte auf einem Bauernhof stattfinden? Werde ich über Schweine und Kühe schreiben? Kann ich da nicht sogar schon die Hühner hören? Nein, ich kann sie noch nicht hören, ich weiß nicht einmal, ob die Hühner überhaupt dabei sind, ob ich überhaupt über einen Bauernhof schreibe.

Vielleicht führt mich meine Figur ja auch in eine Gaststätte, oder an einem Imbiss. Warum nicht? Sind nicht die verrücktesten Geschichten schon an einem Imbiss entstanden? Der Mann, der gerade seine Bockwurst in den Senf taucht, während er von einem Ball am Kopf getroffen wird und sein Gedächtnis verliert. Ja, okay, von einem Ball verliert wohl niemand sein Gedächtnis und warum eigentlich eine Bockwurst mit Senf? Er könnte ja auch Pommes mit Ketschup essen oder ein Fischbrötchen. Nein, ich glaube, meine Figur wird mich nicht in eine Gaststätte führen, sie wird mit mir auch nicht zu einem Imbiss gehen.

Da kommt sie langsam auf mich zu, langsam werden die Umrisse meiner Figur schärfer. Ich kann noch nicht erkennen, ob es eine Frau oder ob es ein Mann ist, aber sie wird deutlicher. Und doch weiß ich noch nicht, wo mich diese Geschichte hinführen wird. Wird sie mich in eine freundliche Welt führen? Oder ist es eher eine traurige Welt, die mir auf dieser Reise begegnen wird? Wird meine Figur bis zum Ende überleben, wird sie glücklich sein? Oder werde ich sie unterwegs verlieren?

Nun gut, spekulieren hilft nicht. Solange die Figur noch im Nebel steht, solange wird mich alles ablenken. Auch wenn sie sagt, dass ich mich nicht ablenken lassen soll. Ich höre die Vögel draußen, schwebe mit ihnen durch die Lüfte. Sind die Vögel vielleicht heute meine Figur? Nein, die Vögel sind es nicht, auch sie lenken mich nur ab, genauso wie der Baum, der zusammen mit dem Wind tanzt. Oder der Fluss, der langsam vor sich hinrauscht, oder die Biene – ach eigentlich lenkt mich die gesamte Natur ab.

„Hallo“, höre ich es plötzlich von meinem Schreibtisch, „Hallo du, ich bin die Sabrina. Ich habe dich schon die ganze Zeit beobachtet, habe dir dabei zugesehen, wie du die Natur beobachtet hast.“ „Hallo Sabrina,“, sage ich, „wollen wir heute auf eine Reise gehen? Soll ich heute deine Geschichte aufschreiben?“ Sabrina nickt und sagt: „Nicht nur meine Geschichte. Ich werde dir all meine Freunde vorstellen, werde dir zeigen, wo ich wohne und wo ich arbeite. Du wirst heute eine Menge zu tun haben, während du mich durch meine Welt begleitest. Und du wirst mehrere Geschichten hören, die du aufschreiben wirst. Freust du dich schon?“ „Aber sicher“, sage ich zu Sabrina, obwohl ich noch gar nicht weiß, ob es denn eine freundliche oder traurige Geschichte ist.

25 April 2015

Das Geheimnis der Hundesitterin – Kurzgeschichte

„Bello, wirst du wohl herkommen!“, rief Katja dem Hund hinterher, der sich im Park gerade von ihr abgesetzt hatte. Katja ist 26 Jahre alt und Hundesitterin. Sie ist die beliebteste Hundesitterin in der Stadt, weswegen sie mehr Nachfrager hat, als sie überhaupt bedienen kann. Gerade ist sie mit Bello unterwegs, einem mittelgroßen Hund, der für die nächsten sechs Stunden in ihrer Obhut sein wird.

Wenn Katja einmal nicht auf Hunde aufpasst, dann geht sie gerne in die Bibliothek, denn Bücher sind ihre Leidenschaft. Und obwohl sie viel Zeit damit verbringt, auf die Hunde anderer Menschen aufzupassen, verbringt sie doch die meiste Zeit – jedenfalls in ihrer Realität – mit den Büchern.

Hundesitterin ist Katja eigentlich auch nur geworden, weil sie schon in ihrer Jugend immer auf die Hunde der Nachbarn aufgepasst hat, um sich damit ihr Taschengeld aufzubessern. Von daher konnte sie viel Erfahrung im Umgang mit Hunden sammeln, was ihr jetzt zugutekam, denn nur dadurch konnte sie diesen Ferienjob zu ihrem Hauptberuf machen. Reich werden kann sie mit dem Job nicht, obwohl ihre Auftraggeber meist sehr reiche Leute sind, aber immerhin kann Katja damit einen guten Lebensstandard finanzieren, und da sie, bis auf die Bücher, keine Süchte hatte, konnte sie sogar noch Geld sparen. Einen Teil davon verwendete sie, um sich für das Alter abzusichern, mit dem anderen Teil konnte sie jedes Jahr einen schönen Urlaub machen, den sie mit ihrer besten Freundin verbrachte.

Sabine, so heißt ihre beste Freundin, begleitet Katja auch oft bei den Spaziergängen mit den Hunden, obwohl Sabine eigentlich kein so wirklicher Hundefan ist. Sie hatte eigentlich mal Angst vor Hunden, weil sie als Kind von einem Hund verfolgt wurde. Ihr Glück war, dass sie sich in einem Kaufhaus verstecken konnte, sonst wäre Sabine damals wohl von dem Hund gebissen wurden. Katja half ihr aber dabei, diese Angst zu überwinden, denn als Katjas beste Freundin kam Sabine natürlich mit vielen Hunden in Kontakt.

Heute war Sabine nicht dabei, was Katja aber nicht weiter störte. Natürlich findet Katja es schön, wenn sie sich während ihrer langen Spaziergänge mit ihrer besten Freundin unterhalten kann, aber ab und an liebt sie es auch, sich einfach nicht mit anderen Menschen unterhalten zu müssen. Heute war so ein Tag, denn eigentlich wollte sie heute in der Bibliothek sein. Bello war heute gar nicht eingeplant, doch da sie Zeit hatte, konnte sie den spontanen Auftrag annehmen, wofür sie allerdings einen Aufschlag von 50 Prozent auf ihr Honorar berechnete. Eigentlich noch viel zu wenig, wie Katja fand, denn durch diesen Auftrag ist ihr ein großes Abenteuer entgangen, auf das sie sich schon die letzten beiden Tage gefreut hatte.

Bibliothek und Abenteuer? Ja, für Katja ist das möglich. Katja hat da nämlich ein Geheimnis, das sie bisher mit niemandem geteilt hat. Katja kennt in der Bibliothek einen kleinen Raum, in den sie sich immer mit einem Buch zurückzieht, sobald sie sich aus der Masse der Bücher eines ausgesucht hat. Anscheinend wussten nicht einmal die Angestellten der Bibliothek, dass es diesen Raum gab, aber dieser Raum war natürlich nicht Katjas Geheimnis. Er war nur nützlich, weil Katja dann nicht unbedingt jedes Buch ausleihen muss, und sie ihre Abenteuer auch in der Bibliothek erleben kann.

Katja liest die Bücher nicht, so wie sie jeder andere liest, sondern sie verschwindet in den Büchern. Ihr Geheimnis ist, dass sie sich in die Bücher hinein beamen kann. Damit ist nicht gemeint, dass Katja eine sehr ausgeprägte Phantasie hat, wodurch sich die Geschichte real in ihrem Kopf abspielt, sondern damit ist gemeint, dass Katja wirklich in diesem Buch ist. Würde jemand den Raum betreten, während Katja ihr Abenteuer erlebt, so würde er nur das aufgeschlagene Buch auf dem Tisch finden, Katja selbst würde sich nicht in diesem Raum befinden.

Diese Fähigkeit entdeckte Katja eher zufällig. Damals, sie war gerade 10 Jahre alt, las sie eine Kindergeschichte, und plötzlich, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte, war sie mitten in der Geschichte. Sie erlebte alles hautnah, und erst, nachdem sie das Ende der Geschichte erreicht hatte, war sie zurück in ihrem Zimmer. Natürlich war die Abwesenheit von Katja nicht unbemerkt geblieben, weswegen sie später noch Ärger mit ihren Eltern bekam, die sich nämlich Sorgen um Katja gemacht hatten. Aber als Katja begriff, dass sie wirklich im Buch war, war ihr dieser Ärger ziemlich egal. Nach einigen weiteren Abenteuern bemerkte sie dann auch, dass ihr Aufenthalt in den Büchern immer genau eine Stunde betrug, egal wie viel Zeit während des Abenteuers verstrich, und so konnte sie natürlich ihre Abenteuer sehr gut planen, sodass die Eltern gar nicht mehr bemerkten, wenn sie wieder einmal für eine Stunde spurlos verschwunden war.

Und noch besser ist, dass Katja in dieser Bücherwelt nicht sterben kann. Also nicht wirklich sterben! Die Person, die sie in dieser Bücherwelt ist, kann schon während des Abenteuers sterben. Katja ist das aber erst zweimal passiert, und ehrlich gesagt, waren ihr diese zwei Sterbeszenen schon zu viel.

Ihr heutiges Abenteuer musste sie nun allerdings verschieben, aber irgendwie musste sie sich ihr Leben in dieser realen Welt ja finanzieren. Das Gute an Büchern ist aber, dass sie nicht einfach verschwinden können, und so kann sich Katja doch schon wieder freuen, denn das Abenteuer, das sie heute durch den Auftrag verpasst hat, kann sie jederzeit nachholen.

Thema geklaut bei der Blogparade von Cluewriting

24 April 2015

Paul – Kurzgeschichte

„Was für ein geiles Wort!“, dachte sich Paul, als er sein Werk betrachtete. Er hatte zwar keine Ahnung, was das für ein Gerät sein sollte, aber die Länge des Wortes hatte ihn gereizt. Ein halbes Jahr ist es jetzt her, dass er es irgendwo gelesen hatte, und vor einer Woche fand er dann auch die passende Wand, an der er dieses Wort verewigen konnte. Und heute hat er es dann umgesetzt, hat sich für jeden Buchstaben extra viel Zeit genommen, denn Zeit hatte er hier genug, und das Wort an die Wand gebracht. Ein halbes Jahr Vorbereitung hat er in das Projekt gesteckt, und jetzt war es vollendet.

Stift um Stift hat Paul verbraucht, um das richtige Design zu finden. Nicht das Wort war wichtig, sondern das Design. Die Kunst versteckte sich in den Details und hier konnte er sich austoben, denn das Wort hatte 41 Buchstaben. 41 Buchstaben sind eine Menge Platz für Kunst und genau darum ging es Paul, als er dieses Projekt startete.

Er musste sogar einen Ferienjob aufnehmen, damit er sich die vielen Dosen mit Sprühfarbe leisten konnte, die er brauchte, um dieses Projekt umsetzen zu können. Paul hatte viel Spaß in der Werbeagentur, denn auch dort konnte er kreativ arbeiten und der Chef war so zufrieden mit Paul, dass er ihm gleich einen Ausbildungsvertrag anbot. Dabei hatte Paul noch ein Jahr Schule vor sich, bevor er in die Arbeitswelt starten würde. Das war dem Chef natürlich auch bewusst, weswegen er in den Vertrag auch einen Notenschnitt mit aufnahm, den Paul erreichen musste, damit der Ausbildungsvertrag gültig ist. Nichts, was nicht erreichbar wäre, aber der Chef der Werbeagentur will damit vermeiden, dass Paul die Motivation verliert, weil er seinen Ausbildungsvertrag bereits in der Tasche hat.

Paul war klar, dass er diesen Ausbildungsvertrag nur bekommen hatte, weil er so hart an diesem Projekt gearbeitet hat, weswegen es schon ein Erfolg war, bevor es heute seine Vollendung gefunden hatte.

Und diese Wand hier hatte er auch nur gefunden, weil er diesen Ferienjob hatte. Denn hätte er für die Werbeagentur nicht das Päckchen zu einem Kunden bringen müssen, dann wäre er nie über diese Brücke gefahren. Und wäre er nicht über diese Brücke gefahren, nun, dann hätte er vor einer Woche nicht diese Wand entdeckt. Obwohl er sie eigentlich nur entdeckt hatte, weil er, als er unkonzentriert durch die Gegend schaute, beinahe das Gleichgewicht verloren hätte und er sich nur gerade so vor einem Sturz mit dem Fahrrad bewahren konnte. Und genau dabei entdeckte er diese perfekte Wand.

Dieser Ferienjob brachte ihm also nicht nur das Geld, mit dem er sich die Sprühfarbe kaufen konnte, er brachte ihm auch die perfekte Wand, um sein Projekt abschließen zu können, und er brachte ihn Sicherheit für die Zukunft. Wegen dieser Zukunft überlegte er auch kurz, das Projekt doch nicht zu einem Ende zu bringen, denn wenn er dabei erwischt wurde, würde seine sichere Zukunft wieder auf wackligen Pfeilern stehen. Doch dann sagte er sich, dass dieses Projekt der Grund für all diese Entwicklungen war, und deswegen musste es nun auch zu einem Ende gebracht werden.

Drei Stunden hat er nun dafür gebraucht und nun stand das Wort endlich an dieser Wand. Er konnte es noch immer nicht glauben, dass das jetzt das Ende sein sollte, aber es ist nur das Ende von diesem Projekt, nicht das Ende seines Lebens, denn das fing gerade erst an. „Hochfrequenzniederspannungsvorschaltgerät“ – Paul wusste immer noch nicht, was das ist, aber er wusste, dass er so ein Teil unbedingt mal sehen musste, denn dieses Gerät war daran schuld, dass seine nähere Zukunft jetzt schon gesichert war.

23 April 2015

Das glänzende Haus – Kurzgeschichte

„Kommen Sie, kommen Sie schnell“, ruft er der Menge entgegen. „Pünktlichkeit ist heute gefragt“, sagt er, „wenn Sie das Haus noch sehen wollen.“

Das Haus? Ist es nicht schon viel zu spät dazu? Gesehen habe ich es schon oft, doch lange wird es wohl nicht mehr sein. Doch doch, es ist ein wirklich schönes Haus, von außen glänzt es sogar und es zieht wirklich viele Menschen an, aber im Inneren ist es nicht mehr als eine Hütte.
Pünktlichkeit könnte wohl schon zu spät sein, denn es krieselt im Fundament des Hauses. Ja, es wird täglich Beton hinein gepumpt, aber dieser schafft es nicht, das Fundament wieder zu stabilisieren.

„Ein schönes Gebäude, oder?“, fragt mich ein Tourist, der noch nie im Inneren des Hauses war. „Ich könnte mir durchaus vorstellen, in diesem Haus zu leben“, sagte er weiter. Ich lächel ihn an und frage: „Warum wollen sie in diesem Haus leben? Nur weil es von Außen so schön glänzt?“ Er schaut mich an, ist verblüfft, fragt mich, ob ich nicht selbst auch in diesem Haus leben wolle. „Hab ich schon“, antworte ich ihm. „Und warum jetzt nicht mehr?“, möchte der Tourist wissen. Ich deutete ihm, dass er sich doch auf die Bank setzen sollte, denn die Antwort würde etwas länger dauern.

„Warum ich nicht mehr in dem Haus lebe? Nun, es liegt wohl an der Hektik, die in diesem Haus herrscht. Es ist wohl die Tatsache, dass es darin durchaus schöne Dinge zu bestaunen gibt, aber sie sind halt tatsächlich nur dazu da, um sie zu bestaunen. Das Problem ist, dass nur wenige Hausbewohner diese Dinge überhaupt benutzen dürfen, die restlichen Bewohner aber müssen sich mit kleinen Appartments zufriedengeben, die nur das Nötigste beherbergen.“

Der Tourist machte große Augen. Er konnte nicht glauben, dass es in diesem wunderbaren Haus Appartments geben sollte, die nicht genauso schön sind.

„Aber das ist nicht das einzige Problem. Es sind nicht nur diese kleinen Appartments, die einem das Leben in diesem Haus so unangenehm machen, es sind auch die Geräusche. Das knarren in den Wänden und dann ist da noch das Fundament, das ständig mit Beton ausgebessert werden muss, ohne dass es irgendeine Verbesserung gibt. Und die Grundversorgung ist auch eher unzuverlässig in diesem Haus, allerdings nur in den kleinen Appartments. In den großen Wohnungen gibt es diese Probleme nicht und irgendwie gibt es dort auch nicht diese nervigen Geräusche, die in den kleinen Appartments zu hören sind.“

Der Tourist schaut mich an und fragt mich, warum die Menschen denn nicht einfach ausziehen, wenn das Gebäude denn innen gar nicht so schön ist?

„Nun, die Menschen glauben einfach nicht, dass es ein anderes Haus geben könnte, dass besser ist als das, in dem sie jetzt leben. Sie haben sich an das Haus gewöhnt, sie haben sich an die nervenden Geräusche gewöhnt und das Fundament macht ihnen auch keine wirklichen Sorgen, denn das droht nun schon so lange zu zerbröckeln, dass keiner mehr daran glaubt, dass das wirklich einmal kaputt gehen könnte. Die Menschen sind froh, dass sie überhaupt etwas haben, dass sie nur selten hungern müssen und das die Grundversorgung gegeben ist, auch wenn sie unzuverlässig ist.“

„Und warum bauen sich die Menschen nicht einfach ein neues Haus? Ein Haus, das auf einem stabilen Fundament steht und in dem es für jeden mehr gibt als diese kleinen Appartments?“ Eine interessante Frage, die der Tourist da stellt.

„Ich vermute, dass die Menschen einfach Angst davor haben, das alte Haus abzureißen. Sie müssten ja dann erst einmal das aufgeben, was sie jetzt haben, um dann das Haus total neu aufzubauen. Es gibt sicher einige Menschen, die dazu durchaus willens wären, aber dieser Wille schwindet natürlich umso mehr, umso größer die Appartments werden. Und die Menschen, die in diesem Haus eine Wohnung besitzen, die sind auf jeden Fall gegen einen Abriss des Hauses. Nicht nur, weil sie am meisten zu verlieren hätten, sondern auch, weil sie danach kleinere Wohnungen hätten, wenn der Platz neu aufgeteilt wird. Sie würden also mehr verlieren als die anderen, dafür aber weniger zurück bekommen und deswegen versuchen sie alles, um die Mehrheit der Bewohner auf ihrer Seite zu bekommen. Und genau deswegen wird kein neues Haus gebaut, weil es Bewohner gibt, die das alte Haus nicht aufgeben möchten.“

Der Tourist schmunzelt mich an. Er meint, dass er wohl verstanden hat, was dort in diesem Haus los ist. Natürlich möchte er jetzt nicht mehr in diesem Haus leben, auch wenn es von Außen natürlich immer noch wunderschön aussieht. „Aber“, sagt er, „der Rasen vor dem Haus, das ist schon englischer Rasen, oder?“

„Ja“, sagte ich, „der Rasen vor dem Haus ist tatsächlich englischer Rasen und es ist ein schöner Ort, um sich zu entspannen. Allerdings bestehe halt immer die Gefahr, dass das Haus einbricht und dann wäre von diesem englischen Rasen auch nicht mehr viel zu sehen.“

Der Tourist verabschiedete sich, ging weiter, schüttelte noch einmal mit dem Kopf, und kaufte sich dann Zuckerwatte, von der er sich genüsslich kleine Stücke in den Mund schob.

22 April 2015

Meerschweinchen Donat – Kurzgeschichte

Lasst uns in ein Land reisen, in dem es derzeit nicht so rosig aussieht. Durch gierige Heuschrecken, ist in diesem Land die Ernte in den letzten Jahren viel zu knapp ausgefallen, sodass die Bevölkerung des Landes nicht ausreichend versorgt werden kann. Die Heuschrecken versuchen sogar noch an die letzten Lebensmittel des Landes zu kommen, weil sie mit dem, was sie bisher erbeutet haben, nicht zufrieden sind.

In diesem Land lebt das Meerschweinchen Donat. Donat ist noch jung, aber schon ohne Familie, da diese durch Krankheit oder durch Gewalt getötet wurde. Bisher konnte Donat sich aber ziemlich gut versorgen, zumindest war das so, bis die Heuschrecken über das Land gekommen sind. Jetzt hat auch das junge Meerschweinchen Probleme damit, genügend Nahrung zu finden und wenn es mal was findet, dann kommt nicht selten eine Heuschrecke, die etwas von dem abhaben will, was er gefunden hat. Und es bleibt ihn meist auch nichts anderes übrig als den geforderten Teil abzugeben, denn die Heuschrecken haben mit den Meerschweinchen Verträge abgeschlossen, in denen genau das geregelt ist. Und so kann Donat nichts machen, wenn er nicht ins Gefängnis will, obwohl er es locker mit einer solchen Heuschrecke aufnehmen könnte.

Nun hat Donat aber gehört, dass es ein Land gibt, in dem es für alle Bewohner genügend Nahrung gibt. Es gibt dort nicht nur genügend Nahrung, sondern es gibt dort zu viel Nahrung, weswegen ein großer Teil einfach vernichtet wird. So haben es Donat zumindest die anderen erzählt, die in den letzten Jahren das Land verlassen haben, um in das Land zu kommen, wo es zu viel Nahrung gibt. Und da von diesen keiner mehr zurückgekehrt ist, möchte sich auch Donat jetzt auf den Weg in dieses Land begeben. Er ist sich sicher, dass er in einem solchen Land willkommen ist und er ist überzeugt, dass er eines Tages wieder in seine Heimat kann, sobald die Heuschrecken weg sind und sein Land wieder genügend Nahrung für die eigenen Bewohner hat.

Donat machte sich also auf den Weg und verließ seine Heimat. Ihm war nicht wirklich wohl dabei, denn an diesem Ort hier wurde er damals geboren, hier liegt seine Familie begraben und hier hat er seine Freunde. Die meisten von ihnen wollen sich nicht mehr auf eine solch gefährliche Reise begeben, weswegen Donat sie hier zurücklassen muss. Aber dadurch, dass er weggeht, bleibt für seine Freunde mehr Nahrung übrig, weswegen Donat auch mit dem Gefühl geht, etwas Gutes zu tun. Dementsprechend motiviert ging das Meerschweinchen seine Reise auch an und so kam ihn der erste Tag auch gar nicht so lang vor.

Am Abend merkte Donat dann aber, dass er Hunger hat und so machte er sich auf die Suche nach Nahrung. Erst fand er nichts, doch dann kam er an eine Hütte, in der eine ältere Meerschweinchen-Frau lebte. Er sah die Hütte sehnsüchtig an, da er inzwischen auch ziemlich Müde war und er dort in der Hütte einen gemütlichen Schlafplatz vermutete. Plötzlich wurde Donat von der älteren Frau angesprochen. Er hatte sie gar nicht kommen hören, weswegen er auch leicht zusammenzuckte. Die ältere Frau lachte freundlich und wollte wissen, was er denn um diese Zeit hier draußen machte. Eigentlich konnte sie es sich schon denken, denn hier sind schon so viele junge Meerschweinchen durchgekommen, aber da sie sich gerne unterhält, fragt sie immer wieder nach und immer wieder wird ihr dieselbe Geschichte erzählt. Sie bot Donat an, bei ihr zu übernachten. Zusätzlich bot sie ihm einen Teller Suppe an, eine gute, starke Suppe, die ihn für den nächsten Tag stärken würde. Natürlich nahm Donat die Einladung an, auch wenn er nicht wusste, wie er sich bei der älteren Frau bedanken sollte.

Während die alte Frau die Suppe aufwärmte, erzählte sie Donat so einige Geschichten. Geschichten von Früher, Geschichten von der Heimat, bevor die Heuschrecken hier eingefallen sind und die Macht übernommen haben. Donat kann sich auch noch an die letzten Jahre erinnern, bevor die Heuschrecken kamen. Aber das ist Vergangenheit, denn jetzt sind die Heuschrecken hier im Land und das Leben, dass er damals leben durfte, ist vorbei.

Am nächsten Tag bereitete die ältere Frau noch ein Frühstück für Donat zu. Danach wünschte sie ihm noch eine gute Reise, bevor sich die Wege der beiden trennten.

Donat war noch mehrere Tage unterwegs, bevor er an die Grenzen des Landes kam, in dem es so viel Nahrung geben soll, dass sogar ein Teil davon vernichtet wird. In diesen Tagen traf er auf viele andere Meerschweinchen, die ihm einen Schlafplatz und etwas zu Essen anboten. Er traf sogar alte Bekannte wieder, die sich vor langer Zeit auf diese Reise begeben hatten. Sie hatten aufgegeben und sind dann gleich an dem Ort geblieben, weil sie auch keine Lust mehr hatten, in ihre alte Heimat zurückzukehren. Alle wünschten ihm eine gute Reise und nun war Donat endlich an der Grenze angekommen.

Das junge Meerschweinchen dachte, dass es jetzt einfach die Grenze Überquerren könnte, aber dem war nicht so. Überall war ein riesiger Zaun, den er weder überwinden konnte, noch gab es eine Lücke in diesem Zaun. Was er aber sah, waren Berge von Lebensmittel, die hinter dem Zaun lagen und die dort verrotteten. Und er sah dort Heuschrecken in Uniform, die diese Berge von Lebensmitteln bewachten. Er sah, wie die Heuschrecken über ihn lachten, und als er nach ihnen rief, lachten sie noch mehr. Donat hatte hunger, doch auf seiner Seite des Zauns gab es nichts, was er hätte essen können. Und die Heuschrecken auf der anderen Seite wollten ihm auch nichts geben, sie sagten, dass diese Lebensmittel unbedingt verrotten müssten, weil das die Gesetze ihres Landes so vorsahen.

Donat war verzweifelt. Er wollte unbedingt in dieses Land. Nein, eigentlich wollte er nicht in dieses Land, er wollte nur die Nahrung, die dort so sinnlos verrottete und er wollte wissen, warum die Heuschrecken die Nahrung aus seiner Heimat holten, obwohl sie doch selbst genügend hatten. Doch er bekam keine Antwort.

Er fand es ungerecht, und weil er diese Ungerechtigkeit nicht einfach hinnehmen wollte, lief er Tage lang am Zaun auf und ab, er wollte unbedingt einen Weg in dieses Land finden. Er war so darin vertieft, dass ihm gar nicht auffiel, dass er schon seit Tagen nichts mehr gegessen hatte. Doch Meerschweinchen brauchen Nahrung, und so brach Donat eines Tages einfach zusammen. Er verhungerte vor einem Zaun, hinter dem genügend Nahrung lag, um seinen ganzen Heimatort ein ganzes Jahr lang zu versorgen. Donat hörte die Heuschrecken ein letztes Mal lachen, bevor er seine Augen für immer schloss.