Sie

Wie gerne würde sie jetzt in diesen Muffin beißen. Sie konnte die warme Schokolade, die sich im inneren des Muffins befand, riechen und es lief ihr das Wasser im Munde zusammen. Täglich lief sie an diesem Café vorbei, täglich konnte sie das frische Gebäck riechen, der Dampf von heißen Kaffee stieg ihr in die Nase. Doch es fehlte ihr das Geld! Sie konnte sich ja nicht einmal eine Wohnung leisten und wenn doch einmal Geld übrig war, dann nutzte sie dies lieber für eine Nacht in einer Unterkunft. Doch oft blieb ihr das verwehrt, nur die öffentliche Dusche konnte sie sich regelmäßig leisten. Darauf achtete sie, denn wenn sie schon finanziell in Armut lebte, wollte sie nicht auch noch in soziale Armut verfallen, wollte die Kontakte nicht verlieren, sich nicht schämen müssen, wenn sie alte Freunde und Bekannte traf. | mehr

Schwermut

Die Sonne ist zu einem Phantom geworden. Im Sommer war sie noch sehr real, doch der Winter hat sie vertrieben. Versteckt im Wolkengewölbe, zeigt sie sich nur selten, schaut schüchtern herunter, kaum merklich und doch weiß jeder, dass sie da ist. Dekaden von Tagen vergehen so, hinterlassen eine getrübte Stimmung und vergrößern die Sehnsucht nach ihr. Die Sehnsucht nach der Wärme, die sie jederzeit zu spenden in der Lage ist. Aber auch die Sehnsucht nach dem puren, ungetrübten Licht, dass die Seele erreicht und die gedämpfte Stimmung vertreibt. Am liebsten würde die Seele auf eine Leiter klettern und mit einer Handsäge das Wolkengewölbe zerstören. Sie würde gern die Sonne aus ihrem Versteck holen, sie der Phantomwelt entreißen und ihr wieder zu vollem Glanz verhelfen, damit sie - die Seele - selbst wieder im vollen Glanze strahlen kann. | mehr

Es ist wieder Winterreifenzeit

Es ist wieder die Zeit der Winterreifen. Draußen ist es meist Dunkel, die Sonne lässt sich maximal zum Mittag blicken, wenn sie es denn überhaupt für nötig hält, sich einmal blicken zu lassen. Ein wenig eifersüchtig bin ich ja schon auf die Menschen, die derzeit mehr Sonne haben als ich, aber das Gefühl ist natürlich nicht stark, immerhin haben wir gerade einen Super-Sommer mit sehr viel Sonne erlebt. Was mich viel mehr ärgert, ist, dass wir hier keinen Schnee haben. Überall liegt Schnee, eine schöne weiße Decke, die die grauen Landschaften in wundervoll strahlende Landschaften verwandelt. Nur hier nicht! Hier ist es nass und grau und dunkel. Schnee würde die Stimmung, die in der Winterreifenzeit meist vorherrscht, aufhellen, würde diese depressive Jahreszeit aufbrechen. | mehr

Sook Pedroza – Kurzgeschichte

Sook Pedroza sitzt an einem Fenster. Sook Pedroza sitzt dort, weil sie durch dieses Fenster Menschen beobachtet, durch die sie daran gehindert wird das zu tun, was sie tun will. Sie beobachtet die Menschen, die hektisch etwas tun, die zumindest so tun, als ob sie hektisch etwas tun. Wahrscheinlich, so denkt sich Sook Pedroza, denken diese Menschen, dass sie etwas Wichtiges tun, etwas, was für diese Gesellschaft von belang ist. Dabei igeln sie sich nur in ihre Arbeit ein, heften hier ein Blatt Papier in einen Ordner, kopieren dort etwas für den Vorgesetzten und sind stets darauf bedacht, dass die Kollegen ja keinerlei Vorteile erhalten, die sie selbst nicht bekommen. Natürlich sind sie stets freundlich zueinander, aber dem anderen mehr gönnen tut keiner. Sook stellt sich diese Menschen in einem Hamsterrad vor. | mehr

Kurzgeschichte: Volksurteile

„Hallo und herzlich Willkommen zur wöchentlichen Show der Volksverurteilungen. In den nächsten 120 Minuten werden wir ihnen wieder drei straffällig gewordene Personen vorstellen und am Ende haben sie und ihr gesundes Volksrechtsempfinden es wieder in der Hand, per Telefonvoting die gerechten Urteile für diese Personen zu fällen. Natürlich gibt es auch wieder was zu Gewinnen. Unter allen Anrufern verlosen wir wieder ein Auto der Marke „Volksdoof“ im Werte von 35.000,- Euro. ...“ Wie langweilig muss es Freitagsabends doch gewesen sein, als straffällig gewordene Personen noch von Richtern verurteilt wurden. Damals, als es noch Gerichte gab, die Urteile gefällt haben, die nicht dem gesunden Volksrechtsempfinden entsprachen. | mehr

Blog Adventskalender 2017 – 20.Söckchen

Immer, wenn sich bei mir eine Socke vom Blog Adventskalender befindet, schreibe ich eine Kurzgeschichte für euch. Dieses Jahr habe ich lange überlegt und erst heute Nacht auf dem Heimweg von einer Weihnachtsfeier kam mir die Idee für die diesjährige Kurzgeschichte. Deswegen muss ich euch heute mit einem Entwurf dieser Geschichte überraschen, was ihr an der ein oder anderen Stelle beim lesen wahrscheinlich bemerken werdet. Die Protagonistin der Geschichte ist dabei nicht neu, es gab bereits eine Kurzgeschichte mit ihr auf diesem Blog. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und noch vier entspannte Tage bis Heiligabend. Am Ende war mir nur noch kalt. Ich schwamm und schwamm doch überall war nur Wasser. Kaltes Wasser. Salziges Wasser. Und dann war das Wasser komplett um mich herum. | mehr

Die Verschwörung

Pssst ... sein sie mal leise! Ich bin da gerade einem Geheimnis auf der Spur, einer Verschwörung, vielleicht sogar einem Geheimbund. Schauen sie nicht so, ich verfolge diese Spur schon seit Monaten und sie führte mich genau hier hin, an diesen Ort. Ja ne, ist klar, sie halten mich jetzt für einen Irren, für einen Verschwörungstheoretiker, aber dem ist nicht so, ich schwöre, oder vielleicht auch nicht, wahrscheinlich gehören sie zu diesem Geheimbund, das erklärt ihre Anwesenheit. Natürlich werde ich ihnen jetzt nichts mehr von meiner Spur erzählen, sonst würden Sie es ja leugnen. Sie würden mir wahrscheinlich mit irgendwelchen Argumenten kommen, würden sagen, dass da gar kein Geheimnis dahinter steckt, dass das einfach so ist, wie es ist. Aber nein, so kommen Sie mir heute nicht davon, genau, ich meine Sie! | mehr

Am Schreibtisch – Kurzgeschichte

„Schreib doch einfach“, sagt sie, „lass dich nicht ablenken von dem, was ich hier tue.“ Nicht ablenken, sie hat leicht reden. Wie soll ich mich nicht ablenken lassen, wenn ich gerade nach allem suche, was mich vom Schreiben ablenkt? Hätte ich den Fokus gefunden, wäre die Figur, über die ich schreiben will, schon mit mir auf Reisen gegangen, dann hätte ich gar nicht mitbekommen, was sie dort tut, dann hätte sie mir gar nicht sagen müssen, dass ich mich nicht ablenken lassen soll. Doch die Figur ist noch ziemlich verschwommen. Sie konnte mich noch nicht packen, konnte mich noch nicht aus dem Stuhl ziehen und mich auf die Reise mitnehmen. Noch hampelt sie dort hinten rum, hat bisher nicht einmal einen Namen, lacht mich aus, hat noch keine Zeit für mich. | mehr

Das Geheimnis der Hundesitterin – Kurzgeschichte

„Bello, wirst du wohl herkommen!“, rief Katja dem Hund hinterher, der sich im Park gerade von ihr abgesetzt hatte. Katja ist 26 Jahre alt und Hundesitterin. Sie ist die beliebteste Hundesitterin in der Stadt, weswegen sie mehr Nachfrager hat, als sie überhaupt bedienen kann. Gerade ist sie mit Bello unterwegs, einem mittelgroßen Hund, der für die nächsten sechs Stunden in ihrer Obhut sein wird. Wenn Katja einmal nicht auf Hunde aufpasst, dann geht sie gerne in die Bibliothek, denn Bücher sind ihre Leidenschaft. Und obwohl sie viel Zeit damit verbringt, auf die Hunde anderer Menschen aufzupassen, verbringt sie doch die meiste Zeit – jedenfalls in ihrer Realität – mit den Büchern. Hundesitterin ist Katja eigentlich auch nur geworden, weil sie schon in ihrer Jugend immer auf die Hunde der Nachbarn aufgepasst hat, um sich damit ihr Taschengeld aufzubessern. | mehr

Paul – Kurzgeschichte

„Was für ein geiles Wort!“, dachte sich Paul, als er sein Werk betrachtete. Er hatte zwar keine Ahnung, was das für ein Gerät sein sollte, aber die Länge des Wortes hatte ihn gereizt. Ein halbes Jahr ist es jetzt her, dass er es irgendwo gelesen hatte, und vor einer Woche fand er dann auch die passende Wand, an der er dieses Wort verewigen konnte. Und heute hat er es dann umgesetzt, hat sich für jeden Buchstaben extra viel Zeit genommen, denn Zeit hatte er hier genug, und das Wort an die Wand gebracht. Ein halbes Jahr Vorbereitung hat er in das Projekt gesteckt, und jetzt war es vollendet. Stift um Stift hat Paul verbraucht, um das richtige Design zu finden. Nicht das Wort war wichtig, sondern das Design. Die Kunst versteckte sich in den Details und hier konnte er sich austoben, denn das Wort hatte 41 Buchstaben. | mehr