23 Juli 2021

23.07.2021: Und da ist Impfung Nr.2

Mein eigentlicher Termin für die Zweitimpfung war ja der 07.09.2021 und weil der noch soweit in der Zukunft lag, twitterte ich am Wochenende, dass ich mir schon wünschen würde, einen früheren Impftermin von der Praxis zu bekommen, in welcher ich meine Erstimpfung erhalten habe. Natürlich hätte ich auch einfach irgendwo anders hingehen können, aber da ich schon einen Termin für die Zweitimpfung hatte und das mit der Erstimpfung auch super geklappt hat, kam für mich nur ein früherer Termin in derselben Praxis infrage oder eben der Impftermin, den ich schon hatte.

Wie das Leben so spielt, kam dann am Wochenende ebenfalls eine E-Mail von der Praxis, die mir nicht nur einen früheren Termin ermöglichte, sondern auch den Wechsel zur Kreuzimpfung mit Biontech. Der zweite Punkt war mir gar nicht so wichtig, aber da das empfohlen wurde und ich damit auch direkt im Impffenster lag, habe ich – nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen habe – mich eben für den Wechsel auf Biontech und auf einen früheren Termin entschieden. Und ja, ich hatte ein schlechtes Gewissen, habe es immer noch, weil ich damit ja doch irgendwen den Ersttermin für die Impfung geklaut habe. Auf der anderen Seite gibt es wohl derzeit auch mehr Impftermine als Impfwillige, was schon ein wenig deprimierend ist, weil wir bei der Impfquote in der Bevölkerung noch weit unter 70 Prozent sind und es echt so wichtig wäre, dass wir schnell weit über die 70 Prozent kommen. So ähnlich war auch die Argumentation auf Twitter und ganz ehrlich, wenn ich am Montag noch einen Termin am Donnerstag bekomme und dann immer noch neun Termine frei sind, dann vermute ich stark, dass die Termine nicht mehr komplett vergeben wurden.

Wie schon erwähnt, habe ich dann direkt einen Termin am Donnerstag dem 22.07 bekommen und habe nun also meine zweite Impfung intus. Das erleichtert mich ein wenig, da jetzt die Jahreszeit kommt, in der es wieder mehr Promotionaufträge gibt und ich somit auch wieder mehr mit Menschen zu tun habe. Die Delta-Variante hat mir ja schon ein wenig Angst gemacht und natürlich weiß ich, dass die Impfung kein Garant dafür ist, dass ich mich nicht doch anstecke, aber der Krankheitsverlauf ist dann eben milder und ja, das bringt dann schon wieder ein wenig mehr Sicherheit ins Leben.

Heute ist nun der erste Tag nach der zweiten Impfung und die Stelle am Impfarm schmerzt diesmal ein wenig stärker als bei der ersten Impfung, ansonsten habe ich aber auch diesmal keine wirklichen Nachwirkungen. Könnte sich natürlich noch ändern, aber da es bei der ersten Impfung auch nicht passiert ist, bin ich guter Dinge, dass der schmerzende Arm auch diesmal die einzige Nachwirkung sein wird, die ich ertragen muss.

Jetzt sind es noch 14 Tage und dann habe ich den vollen Impfschutz, jedenfalls dann, wenn die Impfung bei mir wirkt, da muss ich mich natürlich überraschen lassen, wobei ich keinen Grund wüsste, warum sie bei mir nicht wirken sollte. Ich bin natürlich auch ein wenig glücklich darüber, dass das mit dem Impfen jetzt doch schneller ging als erwartet. Am Anfang dachte ich, ich werde wohl erst im August irgendwann meine Erstimpfung bekommen, aber das lief jetzt doch alles ein wenig anders und dennoch bin ich auch demütig, denn es ist ein absolutes Privileg, hier in der westlichen Welt zu leben. In anderen Ländern, auf anderen Kontinenten ist die Impfquote noch weit unter 10 Prozent und es wird halt nicht leichter für diese Länder, solange wir weiterhin auf Patente und damit auch auf Profite bestehen. Vielleicht verstehen wir ja irgendwann, dass wir mit diesem unsolidarischen Verhalten auch uns selbst schädigen, weil in diesen Ländern der Virus weiterhin munter mutieren kann.

11 Juli 2021

11.07.2021: Braucht es den Bundeswahlausschuss in einer Demokratie?

Die DKP ist nicht zur Wahl zugelassen, so ging es in der letzten Woche durch die Medien. Der Bundeswahlausschuss hat beschlossen, dass die DKP nicht die formalen Voraussetzungen erfüllt, weil sie ihre Rechenschaftsberichte in den letzten Jahren zu spät abgegeben hat. Doch warum gibt es eigentlich eine Instanz wie den Bundeswahlausschuss, der für uns Wählenden eine Vorauswahl trifft, welche Parteien und Organisationen wir zur Wahl wählen dürfen?

Bundeswahlausschuss und Unterstützungsunterschriften sind schon zwei Hürden, die die kleinen Parteien überwinden müssen, um an der Bundestagswahl teilnehmen zu dürfen. Auf Landesebene sieht es nicht anders aus, auch wenn hier der Landeswahlausschuss die Parteien zulässt. Persönlich halte ich dieses Vorgehen für schwierig, denn sowohl die Unterschriften wie auch die anderen formalen Zulassungskriterien können missbraucht werden, um bestimmten Parteien das Leben schwer zu machen. Eine Demokratie sollte ohne viele Hürden auskommen, wo es doch schon am Ende der Wahl die 5-Prozent-Hürde gibt, an der Parteien scheitern, die zu wenig Unterstützung aus der Bevölkerung erhalten.

Natürlich könnte der Wahlzettel durchaus etwas länger werden, wenn alle Gruppierungen, die sich zur Wahl anmelden, am Ende auch auf dem Wahlzettel stehen würden, aber wäre das wirklich ein Problem? Könnte es nicht sogar eine Win-win-Situation für Wählende und die zu wählenden Gruppierungen sein, wenn sie die Zeit, die sie derzeit zum Sammeln von Unterschriften verwenden müssen, in die politische Willensbildung stecken könnten? Natürlich sorgt das Sammeln von Unterschriften schon für eine bestimmte Aufmerksamkeit, aber es wird schwierig dabei die eigenen Ideen zu verbreiten. Da wäre die Zeit besser eingesetzt, um die eigenen Ideen und Vorstellungen unter die Menschen zu bringen, sie für Veranstaltungen zu nutzen. Jetzt könnte natürlich der Einwand kommen, dass das doch beides möglich wäre, aber das Problem ist halt, dass die meisten kleinen Parteien nicht das Personal haben, um gleichzeitig Unterschriften zu sammeln und Veranstaltungen zu organisieren. Da muss die Zeit eingeteilt werden, da die politische Arbeit meist in der Freizeit stattfindet und die Menschen weiterhin arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Deswegen könnte die politische Arbeit für dieses Menschen sehr viel einfacher werden, wenn es nicht bereits vor der Wahl unnötige Hürden geben würde.

Eine starke Demokratie braucht vor der Wahl keine Hürden! Sie braucht einen Wettstreit der Ideen, Räume, in denen dieser Wettstreit stattfinden kann und Menschen, die dafür offen sind, die nicht aus Routine immer dieselben Parteien wählen. Die einzige Hürde, an der diese Ideen scheitern sollten, sind die Wählenden und eben nicht die Mitglieder eines Wahlausschusses, die dann auch noch von den Parteien vorgeschlagen werden, die bereits im Parlament sitzen und wo somit immer die Frage im Raum steht, ob die Entscheidung wirklich nur auf rein formale Aspekte gestützt ist, oder nicht auch persönliche Präferenzen mit hineinspielen.

29 Juni 2021

29.06.2021: Lebenslaufwahlkampf gegen schmerzhafte Einsichten

Blick Berlin Brandenburg

Auf Twitter schrieb ich heute, dass dieser ganze Wahlkampf, der da derzeit läuft, ein wunderschönes Beispiel dafür ist, wie Menschen versuchen eine bestimmte Person in ein schlechtes Licht zu rücken, um sich nur nicht selbst mit den eigentlichen Themen zu beschäftigen, weil sie dann merken würden, dass das eigene Verhalten sie selbst in ein sehr schlechtes Licht rücken würde. Natürlich rede ich hier von der Kampagne gegen die Kanzlerkandidatin der Grünen. Es fing an mit dem Studium von Annalena Baerbock, weil der Weg, der damals möglich war, so heute nicht mehr möglich wäre. Dann kam ihr Lebenslauf, der wohl nicht ganz korrekt war und jetzt geht es mit ihrem neuen Buch weiter. Und es springen so viele darauf an, besonders viele konservative Menschen, weil das eben bequemer ist, als sich mit den eigentlichen Themen auseinanderzusetzen.

Wir diskutieren nicht darüber, wie wir den Klimawandel abmildern können, reflektieren nicht über unseren Konsum, nicht über die Autos, von denen es viel zu viele gibt und wo auch ein Wechsel auf Elektroantrieb nur ein Teil der Lösung sein kann. Es geht auch nicht darum, wie wir die Gesellschaft verändern, wie wir den Reichtum besser verteilen, wie wir die Welt zu einem besseren Ort für alle Menschen und Lebewesen machen können. Darum geht es nicht, also zumindest nicht in dem Maße, wie wir es bräuchten, um Veränderungen auch politisch durchzusetzen.

Ein Großteil der Gesellschaft diskutiert lieber über den Lebenslauf von Annalena Baerbock als über die Welt, die sie den nächsten Generationen hinterlassen. Und wenn es nicht der Lebenslauf von Annalena Baerbock ist, dann geht es darum, dass die Jugendlichen doch erst einmal selbst etwas in der Gesellschaft leisten sollen, bevor sie sich in die Politik einmischen. Die Frage wäre hier halt, warum die Jugendlichen überhaupt noch was leisten sollten, woher die Motivation noch kommen soll, wenn sie jetzt schon wissen, dass sie in ein paar Jahrzehnten keine Handlungsspielräume mehr haben, um diesen Planeten so zu gestalten, dass er für alle dann noch lebenden Lebewesen lebenswert ist? Sie werden dann auf die Lebensleistungen ihrer Vorfahren schauen und sich fragen, wieso diese so stolz auf diese waren, obwohl sie mit ihren Leistungen die Welt zerstört haben.

Wenn sich die Menschen bewusst wären, dass ihre individuellen Freiheiten, ihre Privilegien, ein Teil des Problems sind, wenn sie sich auch bewusst wären, dass ein Teil ihrer Lebensleistungen dazu geführt haben, dass wir jetzt schon einen eingeschränkten Gestaltungsspielraum haben, dann wäre nicht mehr das Buch von Frau Baerbock das Problem, sondern die jetzige Regierung und die eigenen Verhaltensweisen, die für unsere Welt problematisch sind. Wir würden nicht darüber diskutieren, ob Frau Baerbock überhaupt noch Kanzlerin werden kann, sondern darüber, ob das Wahlprogramm der Grünen ausreichend ist, um den Handlungsspielraum der nächsten Generationen so groß wie möglich zu halten.

Diese Einsicht ist natürlich schmerzvoll! Der Großteil der Gesellschaft will mit der eigenen Lebensleistung nicht die Lebensgrundlage der nächsten Generation zerstören, da bin ich mir sicher, aber mit den vorgeschobenen Debatten versucht sich der Großteil eben doch vor dieser Einsicht zu schützen. Debatten, die Frau Baerbock als Kanzlerkandidatin diskreditieren, wodurch die Beschäftigung mit den eigentlichen Themen überflüssig wird, da ja die Grünen dann generell nicht mehr wählbar sind und dann doch eigentlich alles so bleiben kann, wie es jetzt ist, weil ja die Kanzlerkandidatin auch keine perfekte Person ist – was Frau Baerbock wahrscheinlich auch nie von sich behauptet hat.

27 Juni 2021

27.06.2021: Sport ist politisch!

Es ist Wochenende, schönes Wetter, keine Pandemie, ein Stadionbesuch mit einem Freund, das Fußballspiel läuft bereits und im Hintergrund lässt ein besoffener Kerl seinem Frauenhass freien Lauf, indem er die Schiedsrichterin sexistisch beleidigt. Ein leider immer noch normales Bild in den Fußballstadien, welches in den letzten Jahren häufiger mein Stadionerlebnis ruiniert hat! Frauenhass, Rassismus, Abwertungen, all das hat im Stadion seinen Platz und weil dem so ist, ist Sport – in unserem Fall Fußball – auf jeden Fall politisch!

Wie sollte ein Ort, an dem sich regelmäßig hunderte, gar tausende von Menschen treffen, auch unpolitisch sein? All die Gespräche vor, während und nach dem Spiel sind auch von politischen Ansichten geprägt. Da werden alte Rollenbilder vermittelt, wird über die Arbeit gesprochen, über das Ausbeutungsverhältnis und wie schlecht sich der Stadienbesuchende doch behandelt fühlt. Auch das Klima wird im Stadion zum Thema, so wie viele andere politische Themen eben auch. Und so ist so ein Stadion ein Ort, an dem Diskutiert wird, an dem Meinungen ausgetauscht werden, was alles auch zum eigenen politischen Meinungsbild beiträgt. Ich gehe davon aus, dass das auch bei anderen Sportarten der Fall ist und da der Sport hier die Ursache für das Aufeinandertreffen all dieser Menschen ist, ist der Spruch, dass der Sport unpolitisch ist und dies auch bleiben soll, absolut lächerlich!

Menschen, die das Stadion und den Sport, der darin stattfindet, als unpolitisch definieren wollen, haben meist nur die Angst, dass ihnen hier Räume verloren gehen könnten, in denen sie ihr eigenes politisches Gedankengut verbreiten können. Denn auch das ist in Stadion möglich, denn natürlich gibt es hier auch Menschen, die noch keine starke politische Meinung entwickelt haben, die noch beeinflussbar sind und somit auch offen für Weltbilder und Rollenbilder von gestern und vorgestern. Diese Räume gehen verloren, wenn Vereine plötzlich politische Werte in den Vordergrund stellen. Wenn sie also plötzlich gegen Homophobie aufstehen, verlieren Menschen mit homophoben Ansichten ihren Agitationsplatz im Stadion, weil die Werte des Vereins natürlich auch von den Fans als deren Werte aufgegriffen werden. Nicht von allen natürlich, aber von einem Großteil und so wird auch der Widerspruch größer, den bestimmte Positionen im Stadion erfahren und zusammen mit dem größer werdenden Widerspruch schrumpft der Agitationsraum für zum Beispiel homophobe Positionen.

Im Idealfall werden dann Werte wie Weltoffenheit, Toleranz – noch viel wichtiger „Akzeptanz“ – gegenüber anderen Lebensentwürfen und viele andere zu Universalwerten im Sport. Und wenn sie das im Sport sind, dann sind sie es auch irgendwann in der Gesellschaft und genau hier liegt die Gefahr für Konservative und all die anderen, die meinen, dass der Sport ein unpolitischer Raum wäre. Ihre Meinungen, ihr Fremdenhass, ihre Homophobie, ihr Frauenhass und all die konservativen Rollenbilder könnten plötzlich aus dem gesellschaftlichen Raum „Sport“ verschwinden und damit an Verbreitung und Akzeptanz in der Gesellschaft verlieren.

Eine Utopie, von der wir noch weit entfernt sind. Noch immer werden Menschen rassistisch, sexistisch und homophob in Sportstadien beleidigt. Noch immer werden alte Rollenbilder transportiert, wird Frauenhass gelebt, aber es Entwickeln sich Werte, die eine Veränderung angestoßen haben und das ist nur möglich, weil Sportstadien eben doch ein zutiefst politischer Raum sind, in dem Gesellschaftsteile aufeinandertreffen, die sich sonst nie getroffen hätten und somit auch nie die Chance gehabt hätten, ihre politischen Ansichten miteinander auszutauschen.

Und natürlich geht es auch ums Geld, wenn bestimmte Menschen den Sport als unpolitisch Brandmarken wollen. Das ist aber ein anderer Aspekt, ein anderer Artikel, der vielleicht schon geschrieben ist oder noch geschrieben werden muss, um den es hier im Artikel aber nicht geht.

22 Juni 2021

22.06.2021: Erstimpfung, eine Woche danach …

Weltzeituhr am Alexanderplatz in Berlin

Meine Impfung ist jetzt knapp eine Woche her und ich bin ja ziemlich enttäuscht! Auf Twitter und Mastodon habe ich von den vielen Nachwirkungen gelesen, durch die die Leute sogar teilweise für drei Tage arbeitsunfähig waren. Ich hatte mir letzte Woche Mittwoch schon ausgemalt, wie schön ich über die Impfung jammern werde, nur weil das ja irgendwie dazu gehört und dann? Dann war da die letzten sechs Tage so überhaupt nichts! Ein paar Schmerzen im Arm, ja, aber nichts, was mich irgendwie an irgendwas gehindert hätte, nicht mal am Einkaufsbeutel tragen. Tatsächlich war die Hitze der letzten Tage sehr viel anstrengender, auch wenn die ebenso keinerlei körperliche Einschränkungen hervorruft, aber dennoch ist diese ganze Hitze, die die Klamotten dauerhaft feucht hält, wenn diese am Körper getragen werden, einfach nur unangenehm.

Ich habe also die letzten sechs Tage auf Kopfschmerzen gewartet, auf einen bewegungsunfähigen Arm, zumindest aber auf ein wenig Fieber, es kam aber nichts! Ich kann mit all dem also nicht angeben, kann nicht über meinen heldenhaften Umgang mit all den Nebenwirkungen berichten, weil es sie einfach nicht gab. So muss ich die Hoffnung dann also wohl auf die zweite Impfung richten, vielleicht bekomme ich durch diese ja noch eine Heldenerzählung hin, die ich meinen Nichten und Neffen dann später einmal erzählen kann!

Und wenn nicht? Dann ist auch gut! Ich hatte ja tatsächlich noch nie Probleme mit Impfungen. Ich kann zwar die Nadeln nicht sehen, schaue also lieber die Wand an oder die Decke, aber ansonsten war bisher immer alles gut und wenn das so bleibt, dann ist das noch viel besser als irgendeine Heldenerzählung vom Fieberkrampf, der mich drei Tage lang ans Bett fesselte – fesselt ein Fieberkrampf einen ans Bett? Und notfalls, wenn Heldenerzählungen doch cool werden, dann kann ich mir ja ein paar Nachwirkungen von Twitter klauen, mixe das ganze noch mit Horrorerzählungen von Impfgegnern und Querdenkern und erzähle das dann, in der Hoffnung, dass niemand diesen Blogartikel hier liest 😉 …

18 Juni 2021

18.06.2021: Das sind nur zwei Tassen Kaffee im Monat

Papptrinkbecher

Kennt ihr eigentlich die Floskel „Das sind nur zwei Tassen Kaffee.“, wenn ihr mal wieder die Ankündigung einer Preiserhöhung bekommt? Oder wenn ein Unternehmen zeigen möchte, wie günstig das Produkt eigentlich ist und es euch mit dieser Aussage zum Kauf überreden will? Mir geht der Spruch extrem auf die Nerven, weil dieser Spruch immer von einem Kunden ausgeht, der sich regelmäßig eine Tasse Kaffee für 3,- Euro leistet und der wahrscheinlich nicht einmal auf diesen Kaffee verzichten muss, wenn er sich jetzt noch dieses neue Produkt gönnt oder er die Preiserhöhung akzeptiert. Und wenn Kund*innen das dann nicht können, wenn sie ihren Vertrag dann kündigen, dann ist das Unverständnis groß, immerhin sind es doch nur zwei Tassen Kaffee im Monat!

Was bei diesem Vergleich immer untergeht, ist, dass es für einige Menschen sogar schon sechs Tassen Kaffee sind, weil sie sich ihren Becher Kaffee früh beim Bäcker holen und der dort nur 1,- Euro kostet. Für andere sind diese „zwei Tassen Kaffee“ dann sogar schon zwei Packungen Kaffee, weil sie sich ihren Kaffee für Unterwegs zu Hause zubereiten, da es dort einfach günstiger ist, und dann gibt es noch Menschen, die sich gar keinen Kaffee leisten können, weil sie diese 6,- Euro eher in gesunde Lebensmittel für die Familie investieren und sie diese nicht einfach einsparen können, nur weil ein Unternehmen meint, dass die 6,- Euro ja eigentlich nur zwei eingesparte Tassen Kaffee im Monat währen!

Klar, Preiserhöhungen lassen sich nicht immer vermeiden, aber die Überheblichkeit, die diese Floskel mit sich bringt und die Menschen mit geringen Einkommen regelmäßig verzweifeln lässt, die lässt sich vermeiden! Es sind eben nicht immer nur zwei Tassen Kaffee, die da eingespart werden müssen, manchmal sind es zwei Kilogramm Äpfel, die dann nicht mehr gekauft werden können oder sechs günstige Brote, zwei Mittagessen weniger für das Kind in der Schule, ein Zoobesuch weniger für das Kind und so weiter. Ich könnte die Liste weiter ausführen, nur würde es mich immer wütender machen, wenn ich das tun würde. Was für den einen zwei Tassen Kaffee im Monat sind, ist für den anderen eine warme Mahlzeit für die Familie (bei Nudeln mit Tomatensoße) und auf diese warme Mahlzeit kann die Familie dann nicht einfach mal verzichten!

Es wäre so schön, wenn Unternehmen das einfach beachten und sie nicht versuchen, Preiserhöhungen kleinzureden. Für die einen ist das wahrscheinlich wirklich kein Geld, denen fällt es wahrscheinlich nicht einmal auf, dass sie jetzt 6,- Euro weniger haben, für die anderen sind die 6,- Euro aber ein riesiger Verlust, der bedeutet, dass in anderen Lebensbereichen wieder gespart werden muss. Es sei denn, das Produkt, welches eine Preiserhöhung erfährt, kann selbst eingespart werden, dann ist am Ende vielleicht wirklich das Geld für zwei Tassen Kaffee für je 3,- Euro im Monat übrig!

17 Juni 2021

17.06.2021: Erstimpfung – Tag 1

Nun habe ich also auch meine Erstimpfung gegen Covid und da ich einen Blog habe, kann ich hier auch darüber schreiben. Was ich schreibe, ist wahrscheinlich für viele nichts Neues, denn vor mir haben sich ja schon knapp 50 Prozent der Menschen in Deutschland ihre Impfung abgeholt und haben somit schon ihre eigenen Erfahrungen mit der Impfung gemacht. Dass ich jetzt meine Erstimpfung habe, ist auch eher einem Zufall zu verdanken, denn am Dienstag stolperte ich zufällig über die Webseite einer Arztpraxis am Rande von Berlin und dort waren dann noch 11 Impftermine für den Folgetag verfügbar und da ich gerade auf der Suche nach Wartelisten war, sagte ich mir, warum noch auf eine Warteliste, wenn du schon am nächsten Tag deine Impfung haben kannst und so registrierte ich mich für eine Impfung mit AstraZeneca und konnte erst einmal nicht glauben, dass das jetzt so einfach sein sollte. So war ich dann auch in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch so ziemlich aufgeregt und musste mich extrem anstrengen, um in den Schlaf zu finden.

Mittwoch stand ich dann zeitig auf, machte mich fertig und fuhr dann die 17 Kilometer zur Arztpraxis mit dem Rad. Das machte ich ziemlich gemütlich, sodass meine Entscheidung, schon knapp 2 Stunden vor dem Termin loszufahren, goldrichtig war. So war ich knapp 20 Minuten vor dem Termin vor der Arztpraxis und konnte mich so pünktlich 10 Minuten vor der Impfung anmelden und dann gab es ziemlich schnell die Spritze und das war es dann auch schon und nach nicht einmal 40 Minuten saß ich schon wieder auf dem Fahrrad und fuhr wieder nach Hause.

Am Abend war ich dann ein wenig KO, was aber nicht unbedingt mit der Impfung im Zusammenhang gebracht werden muss, denn wir haben ja derzeit wieder Temperaturen, die nicht mehr wirklich schön sind und die machen mich auch ohne Impfung fertig. Auch die leichten Kopfschmerzen, die sich dann ankündigten, während ich Fußball schaute, waren wohl eher auf das Wetter zu schieben und nicht auf die Impfung. Also nichts Schlimmes, nicht einmal der Impf-Arm schmerzte zu diesem Zeitpunkt wirklich.

Auch heute, am ersten Tag nach der Impfung, habe ich nur leichte Schmerzen im Impf-Arm. Kopfschmerzen und andere Impfnachwirkungen gibt es bisher nicht. Ich hoffe natürlich, dass das auch so bleibt, aber das werde ich ja in den nächsten Tagen beobachten können.

Meine zweite Impfung findet dann in 12 Wochen statt. Ist echt noch ein langer Zeitraum, aber zur Bundestagswahl habe ich dann den vollen Impfschutz und dann sehen wir mal, wie es mit der Pandemie weitergeht.

7 Juni 2021

07.06.2021: Autoritär-konservative Gesellschaft und linke Mehrheiten

Es waren mal wieder Wahlen irgendwo in Deutschland, es wird gefeiert, dass die AfD nicht stärkste Kraft geworden ist, wobei anscheinend vergessen wird, dass sie deutlich zweitstärkste Kraft geworden ist und die linken Parteien überlegen weiterhin, warum sie – obwohl sie doch Lösungen versprechen, die die Gesellschaft nach vorne bringen – keine Mehrheiten in der Bevölkerung bekommen. Da wird analysiert, wird geschaut, was in der Partei noch verbessert, wie die Verknüpfung mit den Wähler*innen gestärkt werden kann, aber auf das grundlegende Problem geht keiner ein, obwohl es durch die Pandemie doch deutlich geworden ist!

Wir leben in einer autoritär geprägten Gesellschaft, viel schlimmer noch, wir leben in einer autoritär-konservativ geprägten Gesellschaft. Das ist nicht verwunderlich, denn alle Institutionen, sei es die Schule, sei es die Familie oder sei es in der Wirtschaft, sind autoritär geprägt. Das sind nur ein paar Beispiele, aber diese Prägung geht natürlich nicht spurlos an den Menschen vorbei, die in diesem System erzogen werden und leben. Ebenso ist das mit der konservativen Prägung, die wir allein schon in der Weitergabe von Familientraditionen erkennen können. Es war halt schon immer so und es ist doch eigentlich auch gar nicht so schlecht! Wer sich dem verschließt, wer das nicht in die Analysen einbezieht, der wird keinen Hebel finden, um die gesellschaftlichen Mehrheiten zu verändern. Natürlich kommt da auch noch der Vertrauensverlust hinzu, den linke Parteien selbst zu verantworten haben, aber das ist eben nicht der einzige Grund.

Demokratie ist schön, bringt aber nicht viel, wenn sie nicht gelebt wird. Wenn wir eine demokratische Gesellschaft wollen, die ihre Entscheidungen auf Basis von Fakten trifft, dann müssen wir genau das auch Leben! Dann dürfen wir nicht in einer Gesellschaft leben, in der Menschen sich darauf verlassen, dass der Lehrende in der Schule, die Führungskraft im Unternehmen oder die Politiker*innen schon die richtigen Entscheidungen treffen. Dann dürfen wir nicht vermitteln, dass es da schon irgendwo eine starke Persönlichkeit gibt, die die richtigen Entscheidungen für uns alle treffen wird! Wir müssen in einer Gesellschaft leben, in der Informationen transparent und für alle zugänglich sind, damit jeder einzelne in der Lage ist, auf deren Grundlage Entscheidungen zu treffen.

Beispiel Plastiktüte

Für mich ist die Plastiktüte immer ein schönes Beispiel, denn eigentlich könnten wir alle schon lange darauf verzichten, warten aber lieber darauf, dass es da eine politische Entscheidung gibt. Wir warten darauf, dass uns Politiker*innen Plastiktüten verbieten, meckern dann, dass das unsere Freiheiten einschränkt, erkennen aber nicht, dass so ein Stoffbeutel nicht nur für uns selbst auf Dauer die günstigere Alternative ist, sondern auch für die Umwelt, weil bedeutend weniger Müll entsteht. Und die einzige Einschränkung wäre eigentlich, dass wir uns daran gewöhnen müssten, immer einen Stoffbeutel dabei zu haben, damit wir nicht bei jedem spontanen Einkauf einen neuen Stoffbeutel kaufen müssen, weil das dann natürlich nicht so Nachhaltig wäre und es ja eben um genau diese Nachhaltigkeit geht. Es ist deswegen ein schönes Beispiel, weil es zeigt, wie träge die Gesellschaft ist, wie wenig Veränderung sie aus sich selbst heraus schafft, obwohl diese Veränderung kein wirklicher Verlust wäre.

Gesellschaft Demokratisieren

Wer das ändern möchte, der muss die Institutionen ändern! Jeder Mensch muss von Anfang an erfahren, dass die eigenen Entscheidungen auch Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft haben können, dass das eigene Wirken eine Wirkungsmacht auf andere Menschen hat, und dass dies auch von anderen wahrgenommen und wertgeschätzt wird. Das wird aber nur passieren, wenn die Gesellschaft demokratisiert wird, wenn Demokratie nicht nur daraus besteht, die Entscheidungen durch Wahlen an andere zu delegieren, sondern jeder Teil der Entscheidungsfindung ist. Dazu gehört dann natürlich auch, dass sich Menschen mehr Informieren müssen, dass sie Fakten brauchen, auf deren Grundlage sie ihre Entscheidungen treffen und Werkzeuge, um diese Fakten und Informationen zu bewerten. Nein, dazu muss nicht jeder Experte in jedem Gebiet sein, sind Politiker*innen ja auch nicht, aber jeder braucht die nötigen Werkzeuge, um sich eine Meinung bilden und Populismus erkennen zu können.

Ja, das klingt utopisch, weil die Gesellschaft derzeit viel zu bequem ist, weil sie Entscheidungen delegiert und sich selbst nicht mit den Fakten auseinandersetzt. Weil vielen durchaus auch die Zeit dafür fehlt, aber genau hier müssten linke Parteien ansetzen. Sie müssten den Rahmen schaffen, müssten die Werkzeuge vermitteln und würden sich damit am Ende wahrscheinlich sogar überflüssig machen, was aber ja eh das Ziel der meisten linken Parteien sein dürfte, wenn sie es mit dem Kommunismus ernst nehmen. Wenn wir uns dann noch die jungen Menschen bei Fridays for Future ansehen, dann macht das doch Mut, denn sie zeigen uns, dass sie mitmachen wollen, dass sie entscheiden wollen und sie sich für gesellschaftlich relevante Themen interessieren. Da sind natürlich immer noch konservative Werte vorhanden, da werden natürlich immer noch autoritäre Strukturen gelebt, aber die lassen sich halt nicht von jetzt auf gleich auflösen, doch genau hier müssten linke Parteien ansetzen, müssen die Zersetzung dieser Strukturen in Gang halten, denn nur so können sie linke gesellschaftliche Mehrheiten schaffen.

2 Juni 2021

02.06.2021: Ein Stück Papier

Auf dem Bild ist ein Absatz aus einem anderen Blogartikel zu sehen.

In meinem Lebens-ABC-Artikel „I wie Impetus“ habe ich in einem kurzen Abschnitt eine Begebenheit aus dem Jahr 2001 erwähnt. Es war kein Nebensatz, aber häufig sind es die kleinen Nebensätze, die kaum Beachtung finden, obwohl sie eine lange Periode eines Lebens prägen können. Dieser kleine Nebensatz bei mir war die Empfehlung einer Pädagogin, die mich in einem Grundausbildungslehrgang ein Jahr lang begleitete und mir in einem entscheidenden Augenblick meines Lebens half, indem sie an meine Fähigkeiten glaubte und die mir dadurch die Tür zu meiner Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel öffnete.

Wenn ich heute über meine Ausbildung spreche, dann spreche ich nicht wirklich darüber, dass sich mir dadurch eine Welt voll mit Möglichkeiten eröffnete. Ich werte sie sogar manchmal ab, weil ich im Kontext der Ausbildung auch immer erzähle, dass ich eigentlich Koch werden wollte und ich diese Ausbildung nur gemacht habe, weil ich als Koch keinen Ausbildungsbetrieb gefunden habe. In Wirklichkeit war diese Ausbildung aber meine größte Chance, die Türen, die zu diesem Zeitpunkt verschlossen waren, weit zu öffnen. Türen, die ich selbst verschlossen habe, weil ich die Schule nie so ernst genommen habe, wie ich sie hätte nehmen sollen, weil die Schule für mich ein Angstort und kein Lernort war und weil es dort eigentlich auch keine Menschen gab, die wirklich an mich geglaubt haben, hauptsächlich aber, weil ich selbst den leichteren Weg gegangen bin und der hieß, dem Angstort Schule fernbleiben. Ich könnte hier jetzt sogar behaupten, dass ich eigentlich gar kein so schlechter Schüler war, weil ich nur noch die beiden letzten Zeugnisse aus dieser Zeit besitze, aber da ich meine Potenziale nicht genutzt habe, brachte mir das nicht wirklich was!

Der Wendepunkt in meinem Leben war dann tatsächlich der Grundausbildungslehrgang, den ich zwischen 2000 und 2001 machte und vor allem dieses Stück Papier, welches mir die Tür zu meiner Ausbildung öffnete. Hätte die Pädagogin damals nicht an mich geglaubt, hätte sie mir nicht bestätigt, dass mein Leistungsniveau in Deutsch auf dem Level ist, welches als Mindestvoraussetzung für die Ausbildung gesetzt war, dann hätte sich mein Leben komplett anders entwickelt. Wahrscheinlich hätte ich nie eine Ausbildung gemacht, hätte mich mit Aushilfsjobs über Wasser gehalten oder wäre sogar ganz in Hartz4 abgerutscht. Das hätte passieren können, wenn die Person nicht an meine Fähigkeiten geglaubt hätte.

Tatsächlich habe ich dann auch in den sechs Halbjahren, die meine Ausbildung dauerte, sechsmal die Note 3 in Deutsch auf dem Zeugnis bekommen, also die Note, die als Mindestzugangsvoraussetzung für die Ausbildung galt. Stellt euch vor, welche Note ich hätte haben können, wenn meine Rechtschreibung und Grammatik damals nicht so grauenvoll gewesen wäre! Ausdruck, das Verstehen von Texten und auch Lesen waren nie wirklich ein Problem, aber Rechtschreibung und Grammatik versauten mir so einige Noten, und zwar nicht nur im Fach Deutsch.

Ohne diesen einen Zettel, diesem Brief, den die Pädagogin an das Oberstufenzentrum geschrieben hat, hätte ich wohl auch nie meinen Realschulabschluss bekommen – so hieß der Abschluss damals noch – und ich hätte auch nie mein Abitur nachholen können. All diese Türen wurden mir durch eine Person eröffnet, die einfach so Vertrauen in meine Fähigkeiten hatte, ein Vertrauen, welches mir selbst damals fehlte, nachdem ich bis zu diesem Punkt in meinem Leben nicht wirklich viel auf die Reihe gebracht hatte.

Okay, mein Leben ist auch heute noch ein Chaos, aber doch ein wunderschönes Chaos, auch wenn ich auf den anderen sozialen Kanälen immer mal wieder jammere, weil es ein wunderschönes Chaos am Rande des Existenzminimums ist, aber wo würde ich stehen, wenn ich diese Pädagogin nie getroffen hätte? Was würde ich heute machen? Wahrscheinlich hätte ich schon längst aufgegeben! Nein, wenn ich so überlege, dann möchte ich mir gar nicht vorstellen, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich diesen Menschen nicht getroffen hätte. Viel interessanter wäre es zu wissen, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich diesen Menschen schon sehr viel früher getroffen hätte, aber auch das ist eigentlich unwichtig, denn wichtig ist, dass ich diesen Menschen überhaupt getroffen habe!

Es ist so traurig zu wissen, dass es viele Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene gibt, die diesen Menschen nie treffen, die es auch nicht aus eigener Kraft schaffen, den Wendepunkt im Leben herbeizuführen und die so nie die Chance bekommen, ihre Potenziale zu entfalten und zu nutzen. Es ist so schade, dass Schule immer noch ein Angstort für einige Schüler*innen ist, weil sie dort keine positiven Erfahrungen sammeln können, weil es dort niemanden gibt, der an sie glaubt, der sie unterstützt, der sie in die richtige Richtung stupst. Wäre es nicht schön, wenn es für alle diesen einen Zettel geben würde, der das Leben in eine positive Richtung dreht?

Ich habe die Person, die mir damals all die Türen geöffnet hat, heute in einem sozialen Netzwerk gefunden und ich musste ihr sofort eine längere Nachricht schreiben, einfach, um mich zu bedanken, auch wenn es schon 20 Jahre her ist, auch wenn es etwas ist, was andere wahrscheinlich schon längst vergessen hätten, aber für mich war es tatsächlich der Wendepunkt im Leben, der mir so viel ermöglicht hat. Dafür musste ich einfach noch einmal Danke sagen, auch weil ich damals ja nicht wusste, wie wertvoll diese Person für mein weiteres Leben war.

Wie sieht es denn bei euch aus? Hattet ihr auch so einen Menschen, der euer Leben in eine positive Richtung gestupst hat, der an euch geglaubt hat, der ein Grundvertrauen in eure Fähigkeiten hatte? Wenn ja, schreibt doch auch darüber, gerne hier in den Kommentaren oder in eurem Blog. Vielleicht ist ja so ein Blogartikel dann das Stück Papier, welches das Leben eines anderen Menschen ändert, die Inspiration für ein Umdenken.

26 Mai 2021

26.05.2021: Geht wählen oder lasst es!

Wir schreiben das Jahr 2021, in ein paar Monaten wird es wieder Bundestagswahlen geben und es wird das erste Jahr sein, in welchem ich euch nicht aufrufen werde, Wählen zu gehen. Die Dinge, die ich in den letzten Jahren zum Thema „Nichtwähler“ geschrieben habe, sind zwar nicht falsch, sie gelten weiterhin, weil sich am Wahlsystem wenig geändert hat, aber meine Ansichten zu unserer repräsentativen Demokratie haben sich in den letzten Jahren massiv gewandelt! Und dieser Wandel ist es, der mich zweifeln lässt, ob dieses Wählen wirklich sinnvoll ist, wenn dadurch kein Wandel erreicht werden kann.

Natürlich bleibt es dabei, dass das Kreuz, welches wir alle paar Jahre machen können, der einzige Weg ist, um korrigierend in das politische Geschehen einzugreifen, aber das funktioniert nur, wenn sich die Politik der einzelnen Parteien, die den Einzug in das Parlament schaffen, grundsätzlich unterscheiden würde. Nur sehe ich diese grundsätzlichen Unterschiede zwischen den Parteien nicht. Die SPD, die sich so gerne Arbeiterpartei nennt, macht schon seit Jahrzehnten Gesetze für die Wirtschaft, trägt diese mit und agiert damit zum Teil gegen die Interessen der Wähler*innen, für die sie eigentlich mal gegründet wurde. Wer erinnert sich nicht an das Tarifeinheitsgesetz, mit dem kleineren, kämpferischen Gewerkschaften Rechte eingeschränkt wurden? Wer erinnert sich nicht an Hartz4, dem Repressionssystem, welches für die Entwicklung eines großen Billiglohnsektors benötigt wurde und dafür, um den Menschen, die in dieses System fallen, die Würde zu nehmen? Wie unterscheidet sich eine solche SPD eigentlich noch von der CDU/CSU, außer durch den Namen? Beides sind neoliberale und konservative Wirtschaftsparteien, wo jeder Politiker einer Partei durch einen Politiker der jeweils anderen Partei austauschbar wäre.

Die Grünen unterscheiden sich hier auch nicht merklich von den oben genannten Parteien. Auch wenn ich dort mein Kreuz machen würde, hätte ich wieder eine neoliberale und konservative Partei gewählt. Hier mit grünen Anstrich, aber das macht es auch nicht unbedingt besser, weil dieser grüne Anstrich nie sozial gerecht gedacht wird, sondern immer aus der Sicht der bürgerlichen Mitte.

AfD verhindern?

Wenn ich also die Politik nicht verhindern kann, die derzeit gemacht wird, warum dann unbedingt ein Kreuz machen? In den letzten Jahren wäre meine Antwort gewesen, dass das Kreuz dabei helfen könnte, die AfD zu verhindern. Aber selbst diese Motivation ist in diesem Jahr nicht gegeben. Die AfD liegt bei 10 Prozent, sie also unter die 5 Prozent zu drücken und damit zu verhindern, dass diese Partei in den Bundestag einzieht, ist illusorisch und wenn ich dann noch eine Partei wähle, die nicht im Bundestag vertreten ist, verändere ich nicht einmal etwas an der Fraktionsstärke der AfD. Ich müsste also, damit ich der AfD mit meiner Stimme schaden könnte, eine Partei wählen, die garantiert in den Bundestag einzieht. Dadurch würde ich – so ist jedenfalls die Ansicht der Parteien – dann wieder die Politik der nächsten Jahre legitimieren, zumindest dann, wenn diese Partei in einer Regierungskoalition ihren Platz findet und hier steckt das nächste Dilemma. Ich möchte diese Politik nicht mehr legitimieren, ich möchte nicht, dass sich ein Horst Seehofer hinstellt, Menschen abschiebt und dann meint, dass das im Interesse der Wähler*innen passiert, dass das nächste Überwachungsgesetz durch mich als Wähler legitimiert ist!

Ich möchte Mitentscheiden und ernst genommen werden!

Persönlich sehe ich nicht mehr, dass unsere repräsentative Demokratie wirklich demokratisch ist. Sicher, sie ist besser als eine Diktatur, aber am Ende bleibt es eine Brückentechnologie, die uns entweder in eine wirklich demokratische Gesellschaft bringt, oder eben in irgendwas anderes, wie zum Beispiel zurück zum Faschismus! Solange wir diese Brückentechnologie nicht nutzen, um unsere autoritär geprägte Gesellschaft in eine demokratische Gesellschaft zu transformieren, wird es wohl eher wieder auf ein totalitäres System hinauslaufen, welches am Ende der Entwicklung steht.

Mit all den Überwachungsgesetzen, all diesen autoritären Tendenzen in der Gesellschaft, mit all diesen unterdrückenden Dingen, die diese repräsentative Demokratie hervorbringt, sind wir gerade auf dem besten Weg hin zu diesem totalitären System und es gibt für die Bürger*innen kein wirkliches Werkzeug, um hier korrigierend eingreifen zu können. In einer Demokratie müssen Werkzeuge geschaffen werden, mit denen Bürger*innen jederzeit in die politische Entscheidungsfindung eingreifen können. Nein, eine Wahl alle paar Jahre oder ein Volksentscheid, der schon Jahre braucht, um überhaupt zur Abstimmung zu kommen, sind da nicht genug!

Mitbestimmung muss zu einer Selbstverständlichkeit in unserer Gesellschaft werden. Mitentscheidung muss eine Selbstverständlichkeit in Familien sein, die derzeit zum größten Teil noch autoritär strukturiert sind, muss von Schüler*innen in demokratischen Schulen gelebt werden, ebenso von Arbeiter*innen in den Betrieben. Überall, wo derzeit autoritäre Strukturen bestehen, müssen diese durch demokratische Strukturen ersetzt werden und diese demokratischen Strukturen müssen so gestaltet werden, dass jede*r Mitentscheiden kann, der Mitentscheiden will und nicht irgendwelche Repräsentanten, die von irgendeiner Legitimität träumen, welche sie durch irgendeine Wahl meinen erhalten zu haben.

Auf diese Legitimität muss ich noch einmal eingehen, weil mich dieses Wort immer wieder aufregt und weil es von Politiker*innen viel zu oft genutzt wird, um Diskussionen über politische Entscheidungen zu beenden. Eine Wahl kann eigentlich nur das Wahlprogramm legitimieren, welches zur Wahl steht. Jede Änderung – und ein Koalitionsvertrag ist eigentlich ein komplett neues Wahlprogramm – müsste wieder zur Wahl gestellt werden, um durch die Wähler*innen legitimiert zu werden. Somit bleibt nur noch die Legitimität der gewählten Politiker*innen selbst und ja, die ist in unserem System gegeben, schützt aber nicht davor, falsche Entscheidungen zu treffen! Und die Bürger*innen haben dann eben keine Werkzeuge, um diesen Entscheidungen die Legitimität zu entziehen und so korrigierend auf die Entscheidungsträger einzuwirken.

Viel schlimmer wird das Ganze noch dadurch, dass viele Wähler*Innen das Wahlprogramm der Parteien nicht einmal kennen. Ja, die kennen die Schlagworte, mit denen die Parteien in den Wahlkampf ziehen, sie kennen die Personen, finde diese oder jene ganz okay, aber das eigentliche Wahlprogramm kennen sie nicht oder es ist ihnen egal, weil sie aus Protest eh irgendwas wählen, ohne zu merken, dass das auch Auswirkungen auf das eigene Leben haben könnte. Dieses Desinteresse ist auch ein Symptom der repräsentativen Demokratie. Die Menschen werden nicht einbezogen in Entscheidungen und interessieren sich dann auch nicht wirklich dafür. Es wird schon eine Autorität geben, die das richtige Entscheidet, so, wie es in Familien, Schulen und Unternehmen vorgelebt wird!

Und genau hier hätte die Brückentechnologie „repräsentative Demokratie“ vor Jahrzehnten greifen müssen. Sie hätte die autoritären Strukturen in demokratische Strukturen überführen müssen, hätte die autoritäre Prägung der Menschen in eine demokratische Prägung umwandeln müssen, immer mit dem Hintergedanken, damit die Demokratie zu stärken, sie weiter auszubauen und eine Parteiendemokratie irgendwann überflüssig zu machen. Sie hätte also ihren eigenen Machtverlust vorbereiten müssen, um der Demokratie den Weg zu bereiten. Wer in einer Demokratie leben möchte, muss Demokratie leben und nicht nur davon reden!

Das Ergebnis dieser Versäumnisse sehen wir heute wieder Weltweit. In Deutschland in Form der AfD, in den USA in Form von Trump, in den sich immer weiter ausbreitenden Überwachungsapparaten der westlichen Demokratien, in den geheimen Akten und Verträgen, die der Staat nicht mit seinen Bürger*innen teilen möchte, in den autoritären Tendenzen, die uns die Pandemie vor Augen geführt hat, in der Tendenz zu wieder mehr Nationalstaaterei und in vielem mehr. Wir müssen die Welt nur beobachten, um zu sehen, wohin sie sich derzeit entwickelt und wenn wir diese Beobachtungen interpretieren, werden wir sehen, dass das nicht auf eine gefestigte Demokratie hinausläuft, sondern auf totalitäre Systeme, die den gläsernen Bürger erschaffen haben, um jeden einzelnen Menschen zu kontrollieren.

Mir ist bewusst, dass das vielen zu Dystopisch ist, auch, dass viele die repräsentative Demokratie für die beste Form der Demokratie halten und derzeit mag sie das durchaus auch sein, aber Demokratie ist etwas, was sich weiterentwickeln sollte, was sich anpasst, was für immer mehr Menschen die Möglichkeit zur aktiven Mitentscheidung öffnet. Was früher noch Notwendig war, weil wir aus einem totalitären System gestartet sind, hätte heute schon überwunden sein können. Gleichberechtigung anstatt Unterdrückung, Inklusion statt Ausgrenzung, Akzeptanz statt Rassismus und Homophobie. Noch ist der Weg offen in eine solche demokratische Gesellschaft, noch könnten wir dort hingelangen, nur fehlt das Angebot. Und da bin ich wieder beim Anfang des Textes! Warum sollte ich euch dazu aufrufen zu wählen, wenn ich selbst derzeit keinen Sinn darin sehe, weil weder etwas zu verhindern ist noch ein Angebot für eine wirkliche Veränderung besteht? Derzeit bin ich selbst am Überlegen, ob ich überhaupt wählen gehe, denn ehrlich gesagt bin ich desillusioniert von der Gesellschaft und von dem, was möglich ist. Ich sehe eine Gesellschaft, die ein wenig Demokratie simulieren möchte, aber denen es relativ egal ist, dass wir als Gesellschaft weiterhin zum Beispiel das Sterben von Menschen im Mittelmeer legitimieren, indem wir immer wieder denselben Parteien die Möglichkeit geben, ihre Agenda durchzusetzen. Bisher dachte ich mir, wenigstens rechtskonservative Parteien verhindern zu können, wenn ich einer kleinen Partei meine Stimme gebe, aber das eigentliche Ziel, nämlich meine Ablehnung zum derzeitigen System zum Ausdruck zu bringen, erreiche ich damit nicht und es interessiert die Politiker*innen auch nicht, solange überhaupt Menschen zur Wahl gehen und ihnen dadurch auch nur den Anschein von Legitimität gegeben wird!