5 Januar 2024

05.01.2024: Die sind doch alle gar nicht rechtsextrem … !

Sencha-Tee in der Teeschale

„Ein erheblicher Teil der Wähler der AfD ist nicht rechtsextrem“, sagt der Parteienforscher Thomas Poguntke. Wahrscheinlich stimmt diese Aussage, aber ich mag das Argument dennoch nicht mehr hören noch lesen!

Die Wähler*Innen mögen nicht rechtsextrem sein, sie mögen ein konservatives Weltbild pflegen, aber sie wählen bewusst das Weltbild der AfD! Keiner kann mir erzählen, dass all die Hetze nicht wahrgenommen wurde, die die AfD verbreitet. Keiner kann sich damit herausreden, dass er*sie die Ziele der AfD nicht kennt und er oder sie die Partei ja nur aus Protest wählt, die ein rechtsextremes Weltbild pflegt. Jedem Wählenden der AfD ist bewusst, welche Ziele diese Partei verfolgt und welche Folgen es für unsere Gesellschaft hätte, wenn diese Partei an die Macht kommt!

Wer aus Protest keine der Parteien wählen möchte, die in den letzten 75 Jahren die Politik der BRD geprägt haben, hat dazu harmlosere Alternativen als die Alternative für Deutschland. Seit Jahrzehnten stehen mehr als nur die etablierten Parteien zur Wahl und darunter auch andere konservative Parteien, die aber eben nicht das rechtsextreme Weltbild der AfD teilen. Wahrscheinlich wäre der Protest sogar wirksamer, wenn es gar keine konservative Partei wäre, die da aus Protest gewählt wird, sondern eine weltoffene Partei, die für eine bunte und pluralistische Gesellschaft steht. Denn wer ehrlich zu sich ist, wird sehen, dass die BRD durch eine sehr konservative Partei geprägt wurde und immer noch wird. Auch wenn rechte Personen gerne behaupten, dass sowohl die CDU, als auch die bayrische CSU, ziemlich weit links steht.

Wer aber ständig behauptet, dass die Wähler*Innen der AfD ja nicht alle rechtsextrem seien, der muss halt auch bereit sein, diese Menschen vor sich selbst zu schützen. Damit meine ich, dass die Schlussfolgerung aus dieser Aussage dann eben ein AfD-Verbot wäre, zumindest aber die Prüfung eines solchen Parteienverbotes vor dem Bundesverfassungsgericht!

Wenn diese Menschen wirklich nicht dem Weltbild der AfD anhängen, dann wäre ein solches Verbot die Leitplanke, um ein größeres Unheil zu verhindern. Ein Unheil, für das dann am Ende wieder keiner die Schuld tragen möchte, von dem dann am Ende wieder keiner gewusst haben will, dass es auf uns zurollt!

Und ja, natürlich muss sich auch die Politik der anderen Parteien ändern, die ja mitverantwortlich ist für das Erstarken der AfD. Allerdings bedeutet diese Veränderung nicht, dass die Parteien die Forderungen und Positionen der AfD übernehmen. Damit werden diese menschenfeindlichen Positionen nämlich nur legitimiert und gestärkt!

Vielmehr müssen Parteien überlegen, wie sie die Demokratie stärken können. Dieser Prozess der Veränderung bedeutet auch, bereit zu sein, auf Macht und eigene Privilegien zu verzichten.

Vorher ist es aber wichtig, mehr gelebte Demokratie in der Gesellschaft zu verankern. Dazu gehören demokratisch geprägte Institutionen, also eine Abkehr von autoritär geprägten Schulen, Familien und Wirtschaftsbetrieben. Demokratie muss in allen Lebensbereichen gelebt werde. Dazu müssen den Menschen die nötigen Werkzeuge durch Bildung vermittelt werden, denn nur so kann eine Demokratie funktionieren.

Nur eine demokratisch sozialisierte Gesellschaft kann einen demokratisch organisierten Staat auch wirklich tragen und diesen gegen rechtsextreme Tendenzen verteidigen!

6 Dezember 2023

06.12.2023: Lebens-ABC: L wie Lernen

Das Wort „Lernen“ gelegt mit Kastanien.

Lernen ist schon was Spannendes und es wäre echt traurig, wenn mir irgendwann die Neugierde verloren gehen würde, die mich antreibt, um immer wieder neue Dinge zu machen. Es gibt ja viele, die sagen, dass sie schon zu alt sind, um Neues zu lernen. Diese Menschen lassen mich immer ein wenig ratlos zurück, denn wer nichts mehr lernt, der lebt doch eigentlich gar nicht mehr, oder?

Mein Ego kann sich gar nicht vorstellen, wie so ein Leben aussehen soll, in dem nichts mehr gelernt wird. Wo die Neugierde auf Neues nicht mehr existiert. Vorstellen kann ich mir nur, dass viele „Lernen“ mit Schule gleichsetzten und ja, sich zu alt für Schullernen zu fühlen, dass kann sich mein Ego wiederum vorstellen. Wahrscheinlich auch deswegen, weil ich schon als Kind und Jugendlicher nicht viel mit Schule anfangen konnte. Ich glaube tatsächlich, dass die Schule Neugierde tatsächlich nicht fördert, doch ohne Neugierde macht Lernen halt auch wenig Spaß. Ohne Spaß jedoch funktioniert Lernen einfach nicht. Schullernen ist also nicht unbedingt das, was ich meine, wenn ich hier über das Lernen schreibe.

Für mich ist Lernen tatsächlich die pure Neugierde auf Neues. Nicht stehenzubleiben im Leben, sich nicht zufriedengeben mit den Dingen, die gut funktionieren, sondern immer wieder neue Dinge auszuprobieren. Sonst würde ich heute wahrscheinlich auch nicht das tun, was ich tue! Würde hier diesen Text nicht schreiben, denn schreiben ist so ein Ding, was ich über die Zeit erst wirklich gelernt habe. Damit meine ich jetzt nicht nur die Rechtschreibung, die lange Zeit sehr mies war. Sie ist jetzt weniger mies, aber Schreiben ist ja tatsächlich mehr. Es ist ja auch der Umgang mit der Sprache, der mit jedem Text anders wird. Ich lerne also auch mit jeden Text, den ich schreibe.

All die Projekte, die ich in den Jahren meiner Selbstständigkeit angegangen bin, konnte ich nur angehen, weil ich offen für Neues war und es auch hoffentlich immer bin. Natürlich musste ich auch immer abwägen, ob ich mir ein solches Projekt wirklich zutraue. Das muss ich immer noch! Es ist immer wieder auch ein Hinterfragen, ob ich mir wirklich zutraue, die nötigen Fähigkeiten zu erwerben, die ein neues Projekt erfordert, und ob es vielleicht sogar schon Anknüpfungspunkte gibt, die mir bei einem neuen Projekt helfen. Dabei hilft mir natürlich meine Neugierde, die Offenheit, mit denen ich an Dinge ran gehe und die Freude daran, Neues zu lernen. Anscheinend ist mir das nicht misslungen, denn ich habe viele dieser Projekte zumindest so abgeschlossen, dass mir am Ende dafür auch Geld überwiesen wurde. Und immer wieder macht es Spaß, sich auf neue Projekte zu stürzen!

Ständig das Gleiche machen, würde mich irgendwann umbringen. Wahrscheinlich würde ich vor Langeweile einfach umfallen und dann auch nie wieder aufstehen.

Natürlich bedeutet dies ab und an auch, dass ich neue Dinge anfange, die ich dann nicht zu einem Ende bringe. Ist aber eigentlich nicht schlimm, weil es ja auch bedeutet, dass mir diese Dinge nicht so wichtig gewesen sein können. Ich habe sie aber probiert, habe geschaut, ob ich sie interessant finde, und muss später nicht darüber nachdenken, ob das vielleicht Dinge waren, die ich unbedingt hätte tun müssen.

Lernen, das gehört täglich zu meinem Leben dazu. Wenn das irgendwann nicht mehr so ist, bin ich wohl sehr krank, oder ich lebe einfach nicht mehr. Andere Gründe würden mir nicht einfallen, warum mir die Neugierde auf Neues abhandenkommen sollte.

4 Dezember 2023

04.12.2023: Bürger*Innenräte – Brief an Frau Bas

Auf dem Bild sind 3 A4-Blätter zu sehen, auf denen ich die erste Fassung des Briefes an Frau Bas geschrieben habe.

Sehr geehrte Frau Bas,

vor ein paar Wochen habe ich den Podcast „Ehrlich jetzt?“ gehört, in welche Sie auch über Bürger*Innenräte gesprochen haben. Dieser Podcast geht mir nicht wirklich auch dem Kopf, weil sie dort in diesem Zusammenhang auch sagten, dass die Entscheidung am Ende dann natürlich bei den gewählten Politiker*Innen liegt. Der Bürger*Innenrat soll also für ein bestimmtes Thema Vorschläge für Lösungen erarbeiten, die am Ende in irgendwelchen Schubladen verschwinden werden. Was genau soll das bringen?

Es braucht keine Alibi-Veranstaltungen, um mehr Demokratie zu simulieren, die am Ende nur dafür sorgen werden, dass sich noch mehr Menschen von der Demokratie abwenden! Es braucht jetzt Veranstaltungen, die Menschen in die Entscheidungsfindung mit einbauen, wo die Ergebnisse am Ende nicht in irgendwelchen Schubladen verschwinden. Bürger*Innenräte können hier ein sinnvoller Ansatz sein, aber eben nur, wenn die hier gefundenen Wege, um ein bestimmtes gesellschaftliches Thema zu bearbeiten, dann auch in Gesetze und Verordnungen umgesetzt werden. Sollte ihnen hier ein ausgeloster Bürger*Innenrat nicht demokratisch genug erscheinen, dann könnte am Ende ja ein Volksentscheid für diese Legitimation sorgen.

Mir ist natürlich bewusst, dass es derzeit noch keinen Volksentscheid auf Bundesebene gibt, aber es liegt ja im Möglichkeitsraum der gewählten Politiker*Innen, dieses Werkzeug einzuführen.

Es lag und liegt übrigens in der Verantwortung jeder Politiker*In, die seit der Gründung der BRD im Bundestag saß und sitzt, unsere Demokratie weiterzuentwickeln. Viel passiert ist da nicht, nicht einmal Institutionen wie Schule und Familie wurden demokratisiert. Wo das hinführt, erleben wir gerade mit der AfD! Diese Partei nutzt aus, dass Generationen von Menschen durch autoritäre Institutionen – ja, ich meine damit auch Schule und Familie – geprägt wurden. Dabei wäre es so verdammt wichtig, dass die Menschen, die eine Demokratie tragen sollen, auch durch demokratische Institutionen geprägt werden.

Genauso wichtig wäre es gewesen, dass die Demokratie als lebendiges Wesen gesehen worden wäre, welches nicht in ein Korsett gezwängt werden kann und dann einfach für ewig so funktioniert, wie es sich vor Jahrzehnten mal wer überlegt hat.

In der Zwischenzeit hat sich die Gesellschaft gewandelt. Es wurden neue Werkzeuge erfunden, die die Teilhabe an politischen Prozessen erleichtern. Werkzeuge, die es ermöglichen würden, politische Macht auf sehr viel mehr Schultern zu verteilen, Entscheidungsprozesse transparenter zu gestalten und in diese auch das Wissen, welches in der Bevölkerung schlummert, einzubeziehen.

All das bedeutet natürlich auch Veränderung! Allerdings verändert sich die Gesellschaft auch ständig, weswegen Demokratie, Verfassung und somit natürlich auch der Gesellschaftsvertrag, ständig neu verhandelt werden müssen. Ein ständiges Festhalten an Dingen, die vor 70 Jahren vielleicht eine Notwendigkeit darstellten, bringt die Gesellschaft nicht weiter, schwächt sie wahrscheinlich eher und führt dann eben auch zwangsläufig auf die falschen Wege.

Auch die repräsentative Demokratie gehört immer wieder auf den Prüfstand. Am Ende ist es eine Brückentechnologie, die uns entweder in eine wirkliche demokratische Gesellschaft führt, oder eben zurück in den Faschismus. In welche Richtung unsere Gesellschaft derzeit steuert, dass sehen Sie ja hoffentlich selbst.

Ist es schon zu spät, um diese Entwicklung aufzuhalten? Vielleicht! Vielleicht aber auch nicht. Herausfinden lässt sich das aber nicht, indem ständig am Alten festgehalten wird. An alten Dingen, die sowieso nicht wirklich funktionieren! Oder sind wir eine Gesellschaft, die zu mehr als 80 Prozent aus Akademiker*Innen besteht? Wo ist die Repräsentanz von Bürgergeldempfänger*Innen? Wo die Menschen aus dem Niedriglohnsektor?

Die ist nicht gegeben! Aber selbst, wenn sie gegeben wäre, würden Koalitions- und Fraktionszwang immer noch dafür sorgen, dass nur die Fraktionen, die in der Regierung sind, tatsächlichen Einfluss auf die Gesetzgebung hätten. Wie soll da der demokratische Wettkampf um die besten Ideen entstehen, wo die Möglichkeit, Erfahrungs- und/oder Wissenslücken in den Fraktionen von außen auszugleichen?

Der Bundestag – natürlich auch die Landesparlamente – ist ein schöner Ort, um zu sehen, was mit einer Demokratie passiert, die seit Jahrzehnten in ein Korsett gepresst wird. Sie funktioniert irgendwann einfach nicht mehr!

Damit wäre ich wieder am Anfang meiner Gedanken, denn Sie wollen Bürger*Innenräte ebenso in dieses Korsett zwängen. Diese passen dort aber nicht rein, denn Bürger*Innen sind nicht doof und werden schnell hinterfragen, warum sie ihre Zeit für eine Veranstaltung opfern sollen, deren Ergebnisse am Ende nur eventuell in die Politik einfließen, die mit größerer Wahrscheinlichkeit aber in einer Schublade enden werden. Dann lieber gleich sein lassen, oder eben das Korsett verbrennen und Demokratie leben, was durchaus auch bedeutet, auf Macht zu verzichten.

Es bedeutet übrigens auch, Freiräume bestehen zu lassen, damit sich eine Gesellschaft entwickeln kann. Sprachverbote, wie in Hessen geplant, verengen diese Freiräume und führen am Ende dazu, dass sich eine Gesellschaft weiter in die autoritäre Nische entwickelt.

Also trauen Sie sich, denken Sie Demokratie einmal in anderen Grenzen, ohne Korsett, mit vielen Freiräumen, mit dem Möglichkeitsraum der radikalen Veränderung. Mit der Zukunftsvision, dass die repräsentative Demokratie überflüssig wird und demokratische Entscheidungen wirklich durch alle in einem Konsensverfahren getroffen und getragen werden.

Bürger*Innenräte können Sie in diesem Zusammenhang als Einstieg begreifen. Als Format, wo die Werkzeuge vermittelt werden, wo Themen weit in die Gesellschaft getragen werden, weil Teilnehmer*Innen auch Familie, Freunde und Arbeitskolleg*Innen haben, mit denen sie darüber diskutieren werden. Als erster Schritt zu mehr direkter Demokratie, in der sich alle Gesellschaftsgruppen vertreten und repräsentiert fühlen. Als Einstieg zu einer Gesellschaft, die aus vielen demokratisch geprägten Bürger*Innen besteht.

Es würde mich freuen!

Sven

3 Dezember 2023

03.12.2023: Lebens-ABC – K wie Kreativität

Bild von einem Text

Kekse, Katzen, Kreativität. Die drei Wörter fangen alle mit dem Buchstaben „K“ an, und genau dieser Buchstabe ist der nächste in meinem Lebens-ABC. Seit 2021 wartet dieser Buchstabe auf seinen Text, doch irgendwie habe ich bisher nicht so wirklich einen Zugang zum „K“ erhalten.

„K“, das ist der Buchstabe, mit dem auch das Wort „Koch“ beginnt. Das ist spannend, weil ich ja eigentlich Koch werden wollte. Schon im Kindergarten wollte ich Koch werden und dieser Berufswunsch hat sich bis zum Ende meiner Schulzeit auch nicht verändert. Am Ende gibt es viele Gründe, warum ich dann doch nie eine Kochausbildung absolviert habe. Rückblickend ist es vielleicht auch ganz gut, dass ich diesen Weg nicht gegangen bin, denn mit großer Wahrscheinlichkeit, würde ich heute eh nicht als Koch arbeiten.

Katzen beginnen auch mit „K“, also das Wort. Tatsächlich wollte ich auch schon vor vielen Jahren einen Artikel über Katzen schreiben. Inspiriert wurde ich damals von einem Artikel aus dem Magazin „Das Magazin“, in welchem die Autorin über Katzen schrieb. Ich müsste den jetzt heraussuchen, meine mich aber zu erinnern, dass es eine Aufzählung von Dingen war, die Katzen zu Katzen machen. Dieser Artikel ist aber nie entstanden, weil er in meinem Kopf zwar wage zu fühlen war, aber er hat sich nie wirklich gezeigt, war nie wirklich zu greifen. Irgendwann ist er dann auch ganz verschwunden und bis heute auch nicht wieder aufgetaucht. Der Artikel mit dem Buchstaben „K“ in meinem Lebens-ABC wird also auch vorerst keiner über Katzen. Vielleicht dann in der zweiten oder dritten Runde.

Bleiben also eigentlich nur die Kekse, über die ich hier schreiben könnte. Allerdings bin ich gar nicht das Krümelmonster, welches in seinem Lebens-ABC wahrscheinlich immer über Kekse schreiben würde. Will sagen, dass ich gar kein Keksexperte bin und ich gar nicht wüsste, was ich über ein Gebäck schreiben sollte, welches aus viel zu viel Butter besteht. Klar, ich mag Kekse – obwohl ich keine Butter mag –, aber ich knappere lieber an einem, während ich mir diesen Text für mein Lebens-ABC überlege.

Und so wird es dann wohl doch das Wort „Kreativität“, welches in dieser ersten Runde des Lebens-ABCs am besten zu mir passt. Im Duden steht als Definition etwas von schöpferischer Kraft, und eigentlich bin ich mir gar nicht sicher, ob das wirklich zu mir passt.

Erschaffe ich wirklich etwas? Oder ist an vielem nicht einfach nur meine Neugierde schuld? Oder meine inneren Stimmen, die mich täglich nerven, die von mir wollen, dass ich mich mitteile?

Wahrscheinlich schaffe ich mit meinen Kurzgeschichten, von denen ich schon lange keine mehr geschrieben habe, wirklich kleine neue Welten, aber ich schreibe da ja auch nur über Wahrnehmungen und Erfahrungen. Ist es wirklich schon Kreativität, einfach nur Dinge zusammenzusetzen, die so auch durch andere Menschen erlebt werden?

Vermutlich ist dieses Grübeln daran Schuld, dass ich mich über zwei Jahre nicht getraut habe, den Artikel mit dem Buchstaben „K“ für mein Lebens-ABC zu schreiben. Kreativität lag nämlich schon vor zwei Jahren ziemlich nahe, aber bis heute bin ich mir nicht sicher, ob dieses Wort auch wirklich zu mir passt.

Also doch vielleicht über Katzen schreiben, oder über Kekse? Habe ich ja irgendwie schon gemacht, um mich von hinten an die Kreativität heranzuschleichen, um sie so einfangen zu können. Lässt sie sich natürlich nicht, deswegen muss ich ihr wohl noch eine Weile hinterherlaufen und schauen, ob sie für mich wenigstens was fallen lässt, auf ihrer Flucht vor meinem Text?

29 November 2023

29.11.2023: Fehlende Wertschätzung für bestimmte Gruppen im Sport

Papptrinkbecher

Letztens, bei einem Auftrag in einem Supermarkt, hatte ich eine kurze Diskussion mit einem anderen Auftragnehmer. Es ging um die Special Olympics, die ja dieses Jahr hier in Berlin stattgefunden haben und endete dann in einer Diskussion über sportliche Leistungen von Frauen und Männern. Das passierte in unter fünf Minuten und konnte nicht ausdiskutiert werden, weil das einfach schwierig ist, wenn in der Zwischenzeit auch noch Kund*Innen beraten werden sollen.

Das ist traurig, weil ich so meine Argumente nicht wirklich rüberbringen konnte und am Ende einfach nur hängen bleibt, dass ich bestreite, dass Männer im Sport Leistungsfähiger wären als Frauen. Ist natürlich falsch. Ich habe mal eine Suchmaschine befragt und herausgefunden, dass Männer in der Spitze ungefähr 10 Prozent mehr Leistung im Sport erbringen können als Frauen, was auf körperliche Unterschiede zurückzuführen ist. 10 Prozent ist natürlich schon viel, aber wir reden hier halt wirklich von Spitzensport. Eventuell würde hier sogar einwerfen, dass das wahrscheinlich auch daran liegt, dass die Trainingsmethoden auf Männer optimiert wurden und nicht auf Frauen. Genau da sind wir dann auch bei der Diskussion, die ich eigentlich gerne geführt hätte.

Ausgangspunkt war, dass ich von fehlender Wertschätzung sprach. Auf diese fehlende Wertschätzung kam ich, weil ich letztes Jahr bei der Probeveranstaltung für die Special Olympics geholfen habe, und dort kaum Zuschauer*Innen kamen. Ich fand das traurig, weil ich glaube, dass auch Menschen mit einer Behinderung die Wertschätzung für ihren Sport erfahren sollten, indem sie von Fans von Außen angefeuert und unterstützt werden. Von diesem Punkt kamen wir dann auf Frauenfußball und auch hier geht es um fehlende Wertschätzung.

Hier wollte der andere Diskussionsteilnehmer darauf hinaus, dass diese fehlende Wertschätzung auf die geringere Leistungsfähigkeit der Frauen zurückzuführen ist und das war der Punkt, wo ich verneinte, dass die Frauen eine geringere Leistung erbringen. Ich brachte sogar das Argument vor, dass es durchaus Fußballerinnen gibt, die mit dem Niveau der Bundesliga mithalten könnten. Ich stehe dazu, auch wenn es diesen „natürlichen“ Leistungsunterschied gibt. Ich bin mir sicher, dass mir hier viele widersprechen werden, damit kann ich leben, weil das halt eben nicht der Punkt ist, auf den ich hinaus wollte. Wir können gerne im Weiteren davon ausgehen, dass es durch den natürlichen Leistungsunterschied eben keine Frau gibt, die in einer Männermannschaft mithalten könnte, damit kann ich durchaus leben.

Es liegt nämlich nicht an diesem Leistungsunterschied, dass Frauen lange kämpfen mussten, um überhaupt Fußball spielen zu dürfen. Es liegt auch nicht an der Leistung, dass es lange Zeit keine Profiligen gab, wo die Frauen ihren Lebensunterhalt nur durch den Fußball hätten verdienen können. Es liegt auch nicht an diesem Leistungsunterschied, dass die Entwicklung im Frauenfußball um Jahrzehnte hinter der Entwicklung im Männerfußball hinterher hängt. Es ist doch das patriarchale Weltbild, welches über Jahrhunderte gepflegt wurde und welches immer noch gepflegt wird, durch das all diese Probleme geschaffen wurden. Es ist nicht der Leistungsunterschied, es ist doch viel mehr die generelle Abwertung, die Frauen in fast allen Gesellschaften erleiden mussten und weiterhin müssen, durch die diese fehlende Wertschätzung entstanden ist.

Männerfußball konnte über Jahrzehnte die komplette Aufmerksamkeit der Fans auf sich ziehen, weil es gar keine Konkurrenz durch den Frauenfußball gab. Der Frauenfußball hatte also gar keine Chance, diese Aufmerksamkeit durch Leistung auf sich zu lenken, konnte gar keinen fairen leistungsbezogenen Wettbewerb um die Gunst der Fans führen. Fußball war ein Männersport – nein, in vielen Köpfen ist er immer noch ein Männersport – und hat viel dafür getan, dass das auch in den Köpfen der Fans so verankert ist. Das ist in vielen anderen Sportarten genauso, oder warum gibt es noch immer keine weibliche Formel1-Rennfahrerin? Deswegen ist es schwierig zu sagen, dass die mangelnde Wertschätzung nur auf den Leistungsunterschied zurückzuführen ist! Deswegen bestreite ich auch, dass das so ist! Und genau aus diesem Grund habe ich mich in der kurzen Diskussion auch auf meine obige Aussage eingelassen, ohne aber die Möglichkeit zu haben, diese Aussage zu begründen.

Genauso sieht es bei Menschen mit Behinderung aus. Auch hier ist diese Abwertung in der Gesellschaft tief verankert und die fehlende Wertschätzung kommt auch hier genau durch diese Abwertung. Natürlich ist die Leistung nicht mit Bundesligafußball vergleichbar, aber darum geht es ja nicht. Es geht darum, dass durch die Abwertung und Ausgrenzung von Gruppen, welches auch mit Verboten einherging, sich die ganze Aufmerksamkeit für bestimmte Sportarten nur auf den Männerbereich verteilen konnte, und somit auch die Beliebtheit! Oder, in diesem Absatz hier, halt auf die Gruppe von Menschen ohne Behinderung!

Und all diese Vorurteile, die dazu geführt haben, all die Unterdrückung von Gruppen, all die stereotypen Rollenbilder, die sind tief in unserer Gesellschaft verwurzelt. Deswegen wird – bleiben wir einfach beim Frauenfußball – dieser auch weiterhin abgewertet. Deswegen wird oft genug in Abrede gestellt, dass das überhaupt richtiger Fußball ist, der da gespielt wird und genau deswegen kommt es zu dieser fehlenden Wertschätzung. Am Ende ist sie ja nichts anderes, als die Fortsetzung der Abwertung von verschieden Gruppen. Und diese hat eben nichts mit dem Leistungsunterschied zu tun, sondern mit den Schubladen, in denen wir als Gesellschaft denken!

Das ist der Punkt, den ich gerne in der Diskussion gebracht hätte, wenn es die Zeit zugelassen hätte, wenn da nicht diese Kunden gewesen wären, die eine Beratung gebraucht haben. Dann hätte ich nämlich auf den Leistungsunterschied zurückkommen können. Und hätte von fehlenden Vorbildern sprechen können, die natürlich auch für die Leistungsentwicklung im Frauenbereich wichtig wären. Dann hätte ich auch darauf eingehen können, dass es am Ende nicht entscheidend ist, ob Männer und Frauen in den direkten Vergleich treten, sondern dass die fehlende Wertschätzung in der Unterdrückung liegt, die es über Jahrhunderte gab und die eben noch tief in den Köpfen verankert ist. Und wenn ich darauf hätte eingehen können, dann erschließt sich auch, warum es unwichtig ist, ob Frauen auf Bundesliga-Niveau Fußball spielen können oder nicht, weil dieser Vergleich unwichtig ist, um die fehlende Wertschätzung zu erklären.

Edit: Zwei Artikel hinzugefügt, die mir der Matze im Fediverse zugeschickt hat und die passender nicht sein könnten.

14 Juni 2023

14.06.2023: Sehr geehrter Herr Wulff

Weltzeituhr am Alexanderplatz in Berlin

Sehr geehrter Herr Wulff,

beim RND habe ich gelesen, dass sie sich Sorgen machen um unsere Demokratie. Sie sagen:

„Diese Faulheit der Leute, die auf der Tribüne sitzen, rummosern, rummäkeln und nicht selber was tun, das werden wir uns nicht mehr lange leisten können.“

Christian Wulff (RND)

Ich finde es sehr mutig, wenn sie von Faulheit sprechen, während die Politiker*Innen, die sie wenig später in Schutz nehmen, sich gegen jede Form der Partizipation von Bürger*Innen wehren. Gute Beispiele sind Volksentscheide in Berlin, die entweder gar nicht umgesetzt werden, oder nach einer kurzen Zeit schon wieder ignoriert werden sollen. Welches Signal sendet ein solches Verhalten der Volksvertreter*Innen denn an die Menschen, von denen sie behaupten, dass sie nur auf der Tribüne sitzen und rummosern? Dieses Verhalten erzeugt Politikverdrossenheit, es bestätigt Vorurteile, zum Beispiel dieses, dass die Politiker*Innen eh nicht auf die Bürger*Innen hören, wenn diese etwas verändern möchten.

Sicher leben wir derzeit in schwierigen Zeiten und wenn ich ganz ehrlich bin, dann mache auch ich mir Sorgen um unsere Demokratie. Ich sehe hier das Versagen aber nicht nur bei den Menschen in unserem Land, ich sehe es auch bei den Politiker*Innen, die Demokratie nicht als etwas Lebendiges ansehen, was sich ständig weiterentwickeln muss, damit es nicht stirbt.

Repräsentative Demokratie war – nach den Erfahrungen des 2. Weltkriegs – damals die richtige Form, aber sie war schon damals nur eine Brückentechnologie, die uns entweder auf den Pfad zu mehr Demokratie hätte führen können, oder zurück zum Faschismus. Derzeit befinden wir uns auf den Weg zurück! Das liegt aber daran, weil Politiker*Innen unsere Demokratie nie weiterentwickelt haben. Weil Institutionen wie Schule, Familie und Unternehmen immer noch autoritär sind, die Menschen also von klein auf lernen, in autoritären Systemen leben und denken zu müssen. Dies hätte die Politik nach dem 2. Weltkrieg ändern können und auch ändern müssen. Sie hätte alle Institutionen demokratisieren müssen, damit jeder Mensch weiß, dass das ganze nur funktionieren kann, wenn jeder mitmachen darf und dies am Ende auch muss, wenn er Gesellschaft gestalten möchte.

Die Faulheit, von der Sie reden, ist also eine Faulheit, die durch Politiker*Innen genauso gewollt ist. Alle paar Jahre irgendwo ein Kreuz machen, ist halt einfach noch keine ausreichende Form der demokratischen Gestaltung in einer Gesellschaft. Dazu gehört mehr und wenn Politik es gewollt hätte, dann wäre da auch schon mehr!

Sie sagen:

„Da müssen doch ein paar die jungen Leute daran erinnern, was es für Schweiß, Blut und Tränen gekostet hat, Mut und Überwindung gekostet hat, dies Wahlrecht zu erkämpfen.“

Christian Wulff (RND)

Dabei sind es doch gerade die jungen Menschen, die gerade alles dafür tun, dass wir die Probleme, vor denen wir als Menschheit derzeit stehen, in demokratischen Prozessen lösen. Die Letzte Generation klebt sich auf die Straße, damit es zum Beispiel einen Gesellschaftsrat gibt. Ich bin nicht überzeugt davon, dass das die beste Lösung für mehr Demokratie ist, aber es ist ein Baustein, um die Menschen in unserem Land an mehr direkte Demokratie heranzuführen. In Gesellschafts- oder Bürger*Innenräten können die Werkzeuge vermittelt werden, die es braucht, damit es ein mehr an demokratischer Mitgestaltung gibt. Dagegen wehrt sich aber die Politik, übersieht dabei aber, dass sie dadurch einen größeren Rückhalt in der Gesellschaft erhalten könnte, wenn dann ungemütliche Entscheidungen irgendwann einmal getroffen werden müssen. Und es müssen irgendwann ungemütliche Entscheidungen getroffen werden, wenn wir die Lebensgrundlage der Menschen auf diesem Planeten erhalten möchten.

Jungen Menschen müssen also nicht daran erinnert werden, wie hart es war, sich demokratische Teilhabe zu erkämpfen, sie sehen es ja täglich selbst. Sie sehen selbst, dass sie nicht ernst genommen werden. Sie gehen seit Jahren mit Fridays for Future auf die Straße, und die Reaktion der Politik ist, dass diese jungen Menschen doch erst einmal was lernen sollen, bevor sie an demokratischen Entscheidungsprozessen teilnehmen wollen. Sie sollen erst einmal Erfahrungen sammeln, erst einmal hart arbeiten, bevor sie artikulieren dürfen, dass sie doch gerne auch noch eine lebenswerte Zukunft auf diesen Planeten hätten. Eine solche Aussage von Ihnen ist dann halt einfach nur noch frech, weil sie all das ausblendet, was junge Menschen in den letzten Jahren versucht haben, um Politik und Gesellschaft zu gestalten.

Bei all der Ignoranz gegenüber der jungen Generation, bei all dem Ausbremsen von Klimaschutzmaßnahmen, dürfen Zweifel angemeldet werden, ob da wirklich schon das beste Personal auf dem Platz ist. Aber selbst wenn dem so ist, so sollte es kein Problem sein, wenn auch dieses Personal einfach Aufgaben auch einmal delegiert. Wenn gesellschaftliche Umbrüche auch einmal breiter in Gesellschaftsräten diskutiert werden, wenn hier auf breiterer Basis nach Lösungen gesucht wird, wenn die Empfehlungen, die dabei ausgearbeitet werden, dann von der Politik auch übernommen werden. Darum leben wir ja in einer Demokratie! Sie ist dazu da, damit sich alle einbringen können, damit jeder Gestaltungsmöglichkeiten hat. Dazu müssen Politiker*Innen aber Platz schaffen, sie müssen auf eigene Macht verzichten und darauf vertrauen, dass auch die Menschen, die Politik nicht als Beruf ausüben, in der Lage sind, gute Entscheidungen zu fällen, wenn sie die Werkzeuge dazu erhalten.

Da wären wir dann wieder bei der Brückentechnologie. Politiker*Innen müssen weg vom Glauben, dass die repräsentative Demokratie die bestmögliche Form der Demokratie ist. Sie müssen Experimente zulassen, müssen neue Formen der Demokratie erproben, müssen das Korsett, in welches unsere Demokratie gequetscht ist, zerschneiden und so unserer Demokratie mehr Luft zum Atmen lassen. Nur dann können wir den Weg zurück zum Faschismus verlassen und wieder zurück auf den Pfad der Demokratie kommen. Lassen sie mehr Menschen mitspielen, lassen sie das „Das haben wir schon immer so gemacht!“ über Board gehen und lassen sie Experimente und neue Formen der Demokratie an Board, damit sich Demokratie und Gesellschaft entfalten kann.

Es sind nicht die jungen Menschen daran Schuld, wenn Parteien wie die AfD erstarken, es sind die Menschen daran Schuld, die Politik nur machen, weil sie dadurch Macht erhalten. Es sind die Politiker*Innen daran Schuld, die meinen, dass sie alles Alte erhalten müssen, und deswegen Angst vor allem Neuen schüren. Die Partizipation unmöglich machen und so Menschen in die Politikverdrossenheit jagen. Und auch ihre Aussagen gehören dazu, die von den jungen Menschen natürlich gehört werden und die sich berechtigterweise fragen, was sie denn noch tun sollen, um die Gesellschaft in eine positive Richtung zu entwickeln.

Grüße aus einem viel zu trockenen Berlin

Sven

16 Mai 2023

16.05.2023: Klimakrise-Gedanken-Wandern

Es ist Montag. Ich bin bereits seit ein paar Stunden mit dem Zug unterwegs gewesen und stehe jetzt auf einer Fähre im Kurort Rathen, die meinen Wanderkollegen und mich auf die andere Seite des Flusses bringt. Dort wartet die Sächsische Schweiz auf uns, um von uns wandernd entdeckt zu werden. Vielmehr von mir, denn mein Wanderkollege ist hier schon öfters gewandert, kennt die Sächsische Schweiz also schon, für mich ist sie ganz neu.

Ich bin direkt verliebt in die Landschaft und bin ganz froh, dass ich sie noch durchwandern kann, bevor der Klimawandel richtig zuschlägt, und die Gegend nicht mehr so schön grün ist, wie sie es jetzt noch ist. Jetzt die Zeit noch nutzen für Wanderungen, bevor es zu spät ist, bevor Natur zum Mangel wird. Und das wird sie, wenn wir als Gesellschaft nicht endlich ins Handeln kommen. Das wird sie, wenn Parteien Wahlen gewinnen, die mit dem Auto Wahlkampf führen und Parteien Wahlen verlieren, die den Klimaschutz ins Zentrum ihrer Politik stellen.

Wir wandern los, müssen kurz nach dem richtigen Weg suchen, der uns den Einstieg in die grüne Welt der Sächsischen Schweiz ermöglicht. Es geht Bergauf, die Luft tut gut, ist ganz anders als die Luft in der Stadt. Es sind nur wenige Autos unterwegs und während der Wanderung kann ich sogar für eine ganze Weile die Autos komplett vergessen, weil sie nicht zu hören und auch nicht zu sehen sind. Zu sehen ist ein Fluss, zu sehen sind grüne Bäume, grüne Wiesen und viele Blumen. Zu sehen sind aber auch viele umgestürzte Bäume, Bäume, die uns den Weg versperren, wenn es nicht vorher schon Schilder gemacht haben, die auf die Lebensgefahr hinweisen, die durch den Klimawandel entstanden ist, weil Bäume absterben, keinen Halt mehr haben, umfallen.

In Berlin versuchen die Klimaaktivist*Innen der Letzten Generation auf die Dringlichkeit des Themas hinzuweisen. Sie wollen die Stadt stilllegen, den Alltag unterbrechen, möchten, dass die Politik sich an Verträge hält, die sie selbst geschlossen und ratifiziert hat. Sie möchten eine lebenswerte Welt erhalten, in der auch kommende Generationen noch Lebensgrundlagen vorfinden, die ein gutes und lebenswertes Leben ermöglichen. Eigentlich ein Ziel, dass wir als Gesellschaft mit Priorität verfolgen sollten. Uns sollte egal sein, wenn für den klimagerechten Umbau der Stadt Parkflächen verloren gehen, keine Partei sollte mit der Angst vor dem Verlust von Parkplätzen Wahlen gewinnen! Wir sollten einsehen, dass wir uns die vielen Autos einfach nicht mehr leisten können, wenn wir als Menschheit eine Zukunft haben möchten. Es sollte uns bewusst werden, dass wir nicht so weitermachen können, wenn wir auch in 50 Jahren noch einen lebenswerten Planeten haben möchten.

Die Wanderung führt durch Täler, neben uns der Fluss, der uns eine ganze Zeit begleitet. Dann geht es richtig ins Sandsteingebirge. Viele Treppen hoch und auch wieder viele Treppen runter. Ich könnte schwören, dass es sogar viel mehr Treppen nach unten als nach oben sind. Es ist wirklich schön, es ist erholsam, es bringt Frieden mit sich. Aber es sind auch immer wieder die Schäden zu sehen, die der Klimawandel jetzt schon anrichtet. Schäden durch Trockenheit und Hitze.

Frieden hatte ich in Berlin nicht, als ich dazu aufforderte, sich auch Gedanken über die Sachzwänge derer zu machen, die durch die Letzte Generation aus ihrem Alltag gerissen werden. Auf gar keinen Fall wollte ich damit die Gewalt gegen Aktivist*Innen der Letzten Generation legitimieren, ich wollte nur darauf hinweisen, dass die Wut, die sich da auf die Aktivist*Innen der Letzten Generation projiziert, auch gewisse Ursprünge hat. Dabei ging es mir auch gar nicht darum, die Schuld für die Gewaltausbrüche bei der Letzten Generation zu suchen. Sie liegt in systemischen Zwängen, die der Kapitalismus mit sich bringt und die Klimaaktivist*Innen sind halt genau die Projektionsfläche, die bei anderen Gründen im Stau zu stehen und Zeit zu verlieren meist fehlt. Sie sind da, sie unterbrechen den Alltag, sie zwingen Menschen für diesen Augenblick ihren Willen auf, üben somit auch eine Form von Gewalt aus, auch wenn es keine körperliche ist und bringen dadurch manch einen Kessel – ja, ich meine damit Menschen, die im Stau stehen – zum platzen!

Ich halte die Aktionen der Letzten Generation für legitim, sie gehören zu einer demokratischen Gesellschaft und könnten gesellschaftliche Debatten ins Laufen bringen. Dazu müssen sie es aber schaffen, Kämpfe zu verbinden, Gräben zu überbrücken, eine gemeinsame Basis zu finden, damit die Wut sich nicht auf die Klimaaktivist*Innen projiziert. Dazu müssen wir aber erkennen, dass die Freiheit auch in Deutschland ungerecht verteilt ist. Rahel Süss sagt dazu:

Ein formaler Einbezug aller Stimmen in einen deliberativen Prozess garantiert noch keine gleiche Freiheit, da sie die strukturelle Voreingenommenheit in Debatten zugunsten wohlhabender und gut vernetzter Eliten ignoriert. Indem wir – gemäß der liberalen Tradition – soziale Konflikte vor allem als Meinungskonflikte und nicht als Konflikte um Ressourcen und Macht verstehen, gerät die Fähigkeit der politischen und wirtschaftlichen Eliten aus dem Blick, das gemeinsame Interesse für ihre partikularen Interessen zu mobilisieren.

Quelle: https://zeitschrift-luxemburg.de/artikel/radikale-demokratie-fuer-das-klima/

Vielen, die da im Stau stehen, ist nämlich durchaus bewusst, dass ihr Verhalten für das Klima von Morgen nicht gut ist, sie leben aber in einem Gesellschaftssystem, wo sie sich ein anderes Verhalten halt meist nicht leisten können, weil sie eben auf ihre Arbeit angewiesen sind, um die Grundbedürfnisse zu befriedigen. Diese Menschen können nicht frei entscheiden, sie entscheiden auf Grundlage der Sachzwänge, weil sie Rechnungen bezahlen müssen, weil sie Lebensmittel und Kleidung brauchen, weil sie Geld für die Erziehung ihrer Kinder benötigen.

Und genau diese Unfreiheit ist es, die ich gerne mitgedacht sehen würde, wenn die Letzte Generation sich wieder auf die Straße klebt. Wenn das nämlich mitgedacht wird, wenn die Aktivist*Innen darüber mit den Menschen ins Gespräch kommen, sie zeigen können, dass dieser Kampf auch geführt wird, um die Situation dieser Menschen zu verbessern, die Ungleichheit bei den Freiheiten abzubauen und sich dadurch auch für diese Menschen eine bessere Zukunft auftut, dann könnte sie damit einen gemeinsamen Kampf ermöglichen.

Hans Rackwitz drückt es so aus:

Die Tatsache, dass wir gezwungen sind, unsere alltägliche soziale Reproduktion mangels Alternativen auf Kosten der Umwelt abzusichern, gilt es zu politisieren.

Quelle: „Die Zeichen stehen auf Sturm“ – Luxemburg Magazin, Seite 60 und 61.

Genau darum geht es! Eine gemeinsame Basis aufzustellen, gesellschaftliche Kämpfe zu verknüpfen, eine breite Basis aufzustellen, um dann von der Politik die Alternativen einzufordern, die es braucht, damit wir die Grundlagen für eine lebenswerte Zukunft schaffen können. Es bringt den Klimaaktivist*Innen überhaupt nichts, die Wut der Autofahrer*Innen auf sich zu bündeln. Es bringt nichts, wenn dann nur über die Protestform gesprochen wird, nicht aber über die Themen, derentwegen es diesen Protest überhaupt gibt. Es bringt überhaupt nichts, wenn wir das Gegenüber nur noch als Feind*In sehen, weswegen wir nicht bereit sind, Debatten zu führen, sondern nur noch auf unsere Standpunkte bestehen. Wenn wir nicht bereit sind, über uns und unsere eigenen Aktionen zu reflektieren, wo soll dann die Bereitschaft des Gegenübers herkommen, genau dies zu tun?

Thomas Lux hat hier zum Stichpunkt Polarisierung etwas Spannendes gesagt:

Drittens ist die Gegnerschaft affektiv aufgeladen, bis zu Hassgefühlen. Das führt zu Kompromisslosigkeit. Man ist nicht zu Zugeständnissen bereit, weil auf der anderen Seite kein*e Gegner*in, sondern ein*e Feind*in steht …

Quelle: GOOD IMPACT 01/2023 Interview „Im Moment“ mit Klaus Kraemer und Thomas Lux

Nur, wie wollen wir den Klimawandel bekämpfen, wenn wir uns als Feinde sehen? Wenn wir nicht miteinander sprechen können, weil wir die Sachzwänge der anderen einfach abtun, weil diese nichts mit unserer eigenen Lebensrealität zu tun haben? Wie möchten wir Mehrheiten für den Klimaschutz gewinnen, wenn wir nicht auch die Ängste und Nöte der anderen miteinbeziehen und hier Lösungen erarbeiten, die eben genau diese Berücksichtigen, die aufzeigen, dass diese Ängste nicht sein müssen, weil die Gesellschaft, die Klimaschutz umsetzt, eine andere sein wird. Eine Gesellschaft, in der es dann auch nicht diese Nöte und Sachzwänge gibt, die derzeit dazu führen, dass sich Menschen die Freiheit, für Klimaschutz zu sein, einfach nicht leisten können?

Dieses Feindbild habe ich in der Diskussion im Fediverse gut ausgefüllt, weil ich nicht einfach bedingungslos hinter den Aktionen der Letzten Generation stand, weil ich mir erlaubt habe, auch die andere Seite verstehen zu wollen. Dass ich nicht nur die Gewalt des Autofahrers sehen, sondern ich auch die Sachzwänge dahinter thematisieren wollte. Natürlich ist es einfacher, die Menschen dann einfach als Gewalttäter*Innen und Psychopath*Innen hinzustellen, aber wenn wir die Lebensgrundlagen der Menschen wirklich retten wollen, brauchen wir breite Bündnisse, die den Klimawandel angehen, die den Umbau der Städte mittragen, ebenso wie den Umbau der Gesellschaft und der Wirtschaft. Wenn wir das wollen, dann können wir nicht den einfachen Weg wählen, dann müssen wir uns Gedanken machen, dann müssen wir den Mensch hinter der Gewalt und dessen Ängste und Sorgen sehen.

Kurz vor dem Ende der Wanderung gönne ich mir noch ein Softeis. Ob das für künftige Generationen auch noch möglich ist, darüber wird die Gegenwart entscheiden. Wir alle, auch dadurch, ob wir in den Menschen, die eine andere Meinung haben, nur Feinde sehen oder Menschen, die wir mitnehmen müssen, indem wir diese ernst nehmen.

13 Januar 2023

13.01.2023: Auch friedlicher Protest kann eine Form von Gewalt sein!

Radfahren in Berlin

„Jede Tugend neigt zur Dummheit, jede Dummheit zur Tugend.“

Friedrich Nietzsche

Ich hatte gestern wieder viel zu viel Zeit, über Dinge nachzudenken. Um genau zu sein, habe ich über die Klebeaktionen der letzten Generation nachgedacht – mal wieder – und bin mal wieder zu dem Entschluss gekommen, dass ich mit der Aktionsform nicht viel anfangen kann. Dennoch ist es natürlich eine legitime Aktionsform, um demokratische Prozesse anzustoßen. Es ist nicht antidemokratisch, wie einige Politiker*Innen es gerne betonen, es ist aber auch kein gewaltfreier Protest, wie es die letzte Generation gerne behauptet.

Klar, die Aktivist*Innen setzen keine körperliche Gewalt ein! Sie setzen sich friedlich auf die Straße und warten dann dort, bis die Polizei sie wieder von eben dieser Straße entfernt. Aber dennoch ist es eine Form von Gewalt und deswegen sollte es auch nicht verwundern, wenn die Menschen, die in ihrem Leben gestört werden, auf diese Form der Gewalt auch eine Reaktion zeigen. Die Aktivist*Innen verhindern, dass die Menschen (die Aktivist*Innen sind auch Menschen), die sie blockieren, ihrem normalen Tagesablauf nachgehen können, sie verhindern das Einhalten von Terminen und wollen genau das auch. Sie wollen den Alltag der Menschen stoppen, wollen darauf hinweisen, dass dieser Alltag die Zukunft der nächsten Generationen verbaut und ja, es ist ein legitimes Anliegen!

Sie verhindern mit diesen Aktionen aber auch, dass Menschen in prekären Lebenslagen ihren Lebensunterhalt verdienen können. Sie entscheiden, dass es für diese Menschen in diesem Moment nicht so wichtig sein kann, das Geld für die Rechnungen zu verdienen, die diese bezahlen müssen. Das ist Gewalt, die weiter geht, als der reine Eingriff in die Zeitautonomie. Es ist Gewalt, die Menschen in der Nacht schlecht schlafen lässt, weil sie überlegen müssen, wo sie das Geld, welches sie durch die verlorenen zwei Stunden Zeit nicht einnehmen konnten, einsparen können, um die wichtigen Rechnungen zahlen zu können, das Mittagsessen für die Kinder zum Beispiel, oder das Geld für den Schulausflug der Kinder.

Diese Sorgen werden umso größer, desto öfter die Menschen in eine solche Aktion geraten. In einer Stadt wie Berlin ist es nicht unwahrscheinlich, dass drei, viermal in einem Monat zu erleben. Dann wäre es fast ein ganzer Arbeitstag, der wegfällt, der nicht einfach nachgeholt werden kann. Und wenn das passiert, dann ist es durchaus nachvollziehbar, wenn dann ein Fahrer von Uber zum Beispiel – weil das in einem Video zu sehen war, welches veröffentlicht wurde – durchdreht, und einfach durchfährt durch die Menschensperre. Nein, das ist keine Entschuldigung. Die Tat gehört natürlich bestraft, aber hier müssen Aktivist*Innen halt einfach reflektieren, dass auch ihre Aktionsform eine Form von Gewalt ist, dass sie hier nicht nur Menschen blockieren, die dadurch ein wenig Zeit verlieren, sondern eben auch Menschen, die keine Reserven haben, die jede Stunde Arbeitszeit brauchen, um sich ihr Leben finanzieren zu können. Die jeden Cent brauchen, um Miete, Strom, Gas und Lebensmittel bezahlen zu können und dass diese Menschen durch diese Aktionsform härter getroffen werden als Menschen, die dann Abends halt einfach zwei Stunden länger im Büro bleiben und dadurch keinen Verdienstausfall erleiden.

Und weil das noch nicht genug ist, gingen meine Gedanken natürlich auch weiter. Sie gingen hinüber zu den mobilen Altenpfleger*Innen, die ebenfalls in diesem Stau feststecken können und die dann ihrerseits nicht zu den alten Menschen kommen. Hier wird dann nicht nur die Zeitautonomie der Altenpfleger*Innen eingeschränkt, sondern auch die Autonomie der älteren Menschen, die vielleicht ohne Hilfe nicht in ihren Tag starten können. Die vielleicht nicht auf die Toilette können, weil sie dazu der Pfleger*Innen brauchen, die sie aus dem Bett holen, um sie dann ins Bad zu bringen. Auch das ist Gewalt, die wahrscheinlich gar nicht wirklich mit eingerechnet ist, die aber eben auch passiert, wenn ich den Alltag der Menschen unterbrechen möchte! Neben den Altenpfleger*Innen gibt es ja auch noch mobile Krankenpfleger*Innen und andere Menschen, die mit ihren Dienstleistungen älteren Menschen helfen. Also schon ganz simpel, die Menschen, die Körperpflege für Nägel und Füße anbieten, Friseur*Innen und viele andere, die älteren Menschen Dinge ermöglichen, die diese sonst nicht mehr in Anspruch nehmen könnten.

Klar, auch ein normaler Stau kann diese Zeitplanung durcheinander bringen, auch ein normaler Stau unterbricht den Alltag der Menschen, aber wenn du dann zum fünften Mal im Monat durch die Aktionen von Aktivist*Innen in deinem Leben eingeschränkt wirst, dann ist es durchaus nachvollziehbar, wenn dann mal ein Ventil platzt, es zu viel Druck ist, der da aufgebaut wurde und der sich dann in Kurzschlussreaktionen äußert. Soweit sollten die Aktivist*Innen ihre Aktion dann durchaus reflektieren und nicht ungläubig darüber den Kopf schütteln, wenn dann solch eine Situation eskaliert!

Ja, es geht um die Zukunft der Menschheit! Ja, es braucht radikale Aktionen, um dafür die nötige Aufmerksamkeit zu erzeugen! Aber es braucht eben auch genügend Reflexion der eigenen Aktionen, um zu erkennen, dass es nicht nur um die kurze Unterbrechung geht, die die eigentliche Aktion auslöst, sondern es für einige noch weitere Folgen in der näheren Zukunft nach sich zieht.

2 Januar 2023

02.01.2023: Böllerverbot

Böllerverbot! Ich mag das Wort schon nicht mehr lesen! Nicht, weil ich unbedingt Feuerwerk zu Silvester brauche, sondern eher, weil diese Debatte schon wieder so geführt wird, dass sich die eine Seite der anderen Seite überlegen fühlt. Dabei gibt es gute Argumente dafür, mit dem Feuerwerk zu Silvester in seiner jetzigen Form aufzuhören, dazu muss es aber eine gesellschaftliche Debatte geben. In diese kommen wir aber nicht, wenn wir einfach etwas verbieten wollen, weil es uns persönlich nicht gefällt. Es wird auch nicht gelingen, den anderen Egoismus vorzuwerfen, wenn es unser eigener Egoismus ist, der nach einem Böllerverbot schreit.

Ich selbst kaufe mir kein Feuerwerk, ich brauche es nicht, mir wäre das Geld dafür viel zu schade. Dennoch kann ich nicht bestreiten, dass es auch auf mich eine gewisse Faszination ausübt, wenn der Himmel bunt leuchtet, wenn dort rote, gelbe, weiße Sterne vom Himmel fallen. Dass der Lärm und der Feinstaub, der dabei entsteht, weder für uns noch für die Tierwelt gut ist, darüber brauchen wir gar nicht zu streiten. Auch nicht darüber, dass das Abbrennen von Feuerwerk gefährlich ist und einige es sogar als Waffe gegen andere Menschen oder Tiere einsetzen. Wir müssen aber darüber streiten, wie wir eine Veränderung des Ist-Zustandes einläuten möchten!

Wir könnten ja einfach mal miteinander ins Gespräch kommen, Verständnis für die Faszination Feuerwerk zeigen, auch wenn wir sie selbst vielleicht nicht verspüren und dann darüber reden, ob sich diese Tradition nicht verändern lässt. Angebote machen, Alternativen aufzeigen. Klar, damit sind nicht alle zu überzeugen, aber vielleicht bildet sich daraus ein Konsens, der für beide Seiten einen gangbaren Weg liefert. Das kostet Zeit, die Veränderung ist nicht von jetzt auf gleich zu erreichen, aber die Lösung, die gefunden wird, ist sehr viel nachhaltiger als ein Verbot, weil alle diese Lösung tragen können, weil es dann keine Verlierer*Innen gibt, sondern beide Seiten etwas gewinnen.

Ein Verbot ist natürlich sehr viel bequemer. Es erspart das Nachdenken über Alternativen und es spart natürlich auch eine Menge Zeit. Es verhindert aber zugleich auch den Ausgleich, lässt Menschen zurück, verstärkt das Bilden von Gruppen, die sich von der Demokratie abwenden. Ein Verbot, welches nicht aus einem Konsens entsteht, bringt neben Gewinner*Innen auch Verlierer*Innen mit sich. Verlierer*Innen, die sich radikalisieren, die sich von der Demokratie nicht gesehen fühlen! Es bringt neuen Hass, neue Abgrenzungen, neuen Wut.

Klar, die letzten Jahre haben gezeigt, dass das mit der Eigenverantwortung irgendwie schwierig ist. Genauso haben die letzten Jahre aber auch gezeigt, dass wir als Gesellschaft eine riesige Bildungslücke im Bereich Demokratiebildung haben. Wir rufen nach autoritären Lösungen, weil wir nicht fähig sind, in eine Debatte zu gehen, um gesellschaftliche Konsens-Lösungen zu finden. Ein Mehrheitsentscheid ist übrigens kein Konsens! Kurzfristig mag es manchmal nötig sein, dass es schnelle autoritäre Entscheidungen gibt, um zum Beispiel bestimmte Bevölkerungsgruppen schnell zu schützen. Das bedeutet aber nicht, dass diese Entscheidungen nicht später durch einen gesellschaftlichen Konsens ersetzt werden können, sobald diese Debatte geführt wurde.

Dazu müssen wir aber lernen, anderen Menschen zuzuhören. Wir müssen lernen, andere Menschen auch wirklich verstehen zu wollen und nicht einfach deren Argumente wegwischen, weil sie nicht zu unserer Meinung und Überzeugung passen. Hinhören, miteinander reden, offen sein und bereit sein, am Ende einen Konsens zu finden. Das können wir als Gesellschaft nicht! Es verwundert mich aber auch nicht, treffen doch eigentlich immer andere die wichtigen Entscheidungen. Lehrer*Innen und Eltern in der Kindheit, die Vorgesetzten im Arbeitsleben und die Politiker*Innen in gesellschaftlich wichtigen Fragen. Unsere Entscheidungen betreffen meist nur uns selbst, manchmal unsere Familien und ab und an auch Freunde und Bekannte.

Davon müssen wir weg, müssen dazu aber auch unsere eigene Art in einer Diskussion reflektieren, auch wenn wir sie schon häufiger geführt haben und wir eigentlich nur noch genervt sind.

Vielleicht gibt es irgendwann zu Silvester kein Feuerwerk mehr in der Form, wie wir es heute kennen. Im Idealfall deswegen, weil wir ins Gespräch gekommen sind und einen gemeinsamen Weg gefunden haben, der für alle einen Ausgleich bringt. Im schlimmsten Fall wieder mit Menschen, die sich von der Demokratie abwenden, weil sie sich als Verlierer*Innen fühlen.

16 Dezember 2022

16.12.2022: Alltagsprobleme

Baumstamm auf dem Weg

„Was schaut der Typ mich mit seinen zwei Augen eigentlich so an? Der will mich doch bestimmt fressen! Da werde ich mich mal schnell in Stellung bringen und ihn anständig anstarren, damit er mich nicht überrascht mit seinem Angriff“, dachte sich wahrscheinlich die Spinne, die es sich an der Kellerdecke direkt hinter der Kellertür gemütlich gemacht hat.

Ja, ich habe Angst vor Spinnen und ich kann nicht an einer Spinne vorbeigehen, die auf Kopfhöhe an der Kellerdecke hängt. Wäre die Decke so hoch, wie sie es auch in den Wohnungen ist, wäre es kein Problem, ist sie aber nicht, ich muss mich dort leicht bücken, um mir nicht den Kopf zu stoßen. Und da hat es sich die Spinne gemütlich gemacht.

Der Spinne kann ich das nicht übel nehmen, die sitzt dort, weil es wärmer ist als draußen und wahrscheinlich auch deswegen, weil sie dort noch mehr Nahrung findet, als derzeit in der tiefgefrorenen Umgebung. Auch will ich ihr nichts Böses tun, will ihr keinen Stress machen, weil sie kann ja nichts dafür, dass ich Angst vor Spinnen habe. Problem ist aber, dass ich so nicht an meinem Stromzähler komme, den ich ablesen müsste, weil heute Nacht mein Stromanbieter wechselt und drei Parteien wissen möchten, wie der aktuelle Stromzählerstand ist. Mein alter Anbieter, mein neuer Anbieter und auch der Netzbetreiber würde es gerne wissen. Aber ich komme nicht hin, ich kann nicht an der Spinne vorbei! Die Spinne weiß das wahrscheinlich nicht, die will nur, dass ich sie in Ruhe lasse, die will nur die Wärme genießen und nicht im freien Erfrieren.

Ich halte den Keller eh für den schlechtesten Ort für einen Stromzähler, zumindest dann, wenn die Decken so niedrig sind, wie sie in unserem Keller sind. Ich schaffe es schon nicht, mein Kellerabteil zu entrümpeln, eben wegen der Spinnen. Stromzähler muss ich ja zum Glück nicht sooft ablesen und bisher ging es irgendwie immer, weil keine Spinne am Eingang saß. Aber okay, jetzt war sie da!

„Was schaut mich diese Spinne mit ihren vielen kleinen Äuglein eigentlich so an? Die will mich doch bestimmt fressen! Da werde ich doch mal lieber die Kellertür wieder schließen und heulen, weil ich nicht an den Stromzähler komme!“, waren meine Gedanken und jetzt ist der Stromzähler unerreichbar für mich!