29 Juni 2021

29.06.2021: Lebenslaufwahlkampf gegen schmerzhafte Einsichten

Blick Berlin Brandenburg

Auf Twitter schrieb ich heute, dass dieser ganze Wahlkampf, der da derzeit läuft, ein wunderschönes Beispiel dafür ist, wie Menschen versuchen eine bestimmte Person in ein schlechtes Licht zu rücken, um sich nur nicht selbst mit den eigentlichen Themen zu beschäftigen, weil sie dann merken würden, dass das eigene Verhalten sie selbst in ein sehr schlechtes Licht rücken würde. Natürlich rede ich hier von der Kampagne gegen die Kanzlerkandidatin der Grünen. Es fing an mit dem Studium von Annalena Baerbock, weil der Weg, der damals möglich war, so heute nicht mehr möglich wäre. Dann kam ihr Lebenslauf, der wohl nicht ganz korrekt war und jetzt geht es mit ihrem neuen Buch weiter. Und es springen so viele darauf an, besonders viele konservative Menschen, weil das eben bequemer ist, als sich mit den eigentlichen Themen auseinanderzusetzen.

Wir diskutieren nicht darüber, wie wir den Klimawandel abmildern können, reflektieren nicht über unseren Konsum, nicht über die Autos, von denen es viel zu viele gibt und wo auch ein Wechsel auf Elektroantrieb nur ein Teil der Lösung sein kann. Es geht auch nicht darum, wie wir die Gesellschaft verändern, wie wir den Reichtum besser verteilen, wie wir die Welt zu einem besseren Ort für alle Menschen und Lebewesen machen können. Darum geht es nicht, also zumindest nicht in dem Maße, wie wir es bräuchten, um Veränderungen auch politisch durchzusetzen.

Ein Großteil der Gesellschaft diskutiert lieber über den Lebenslauf von Annalena Baerbock als über die Welt, die sie den nächsten Generationen hinterlassen. Und wenn es nicht der Lebenslauf von Annalena Baerbock ist, dann geht es darum, dass die Jugendlichen doch erst einmal selbst etwas in der Gesellschaft leisten sollen, bevor sie sich in die Politik einmischen. Die Frage wäre hier halt, warum die Jugendlichen überhaupt noch was leisten sollten, woher die Motivation noch kommen soll, wenn sie jetzt schon wissen, dass sie in ein paar Jahrzehnten keine Handlungsspielräume mehr haben, um diesen Planeten so zu gestalten, dass er für alle dann noch lebenden Lebewesen lebenswert ist? Sie werden dann auf die Lebensleistungen ihrer Vorfahren schauen und sich fragen, wieso diese so stolz auf diese waren, obwohl sie mit ihren Leistungen die Welt zerstört haben.

Wenn sich die Menschen bewusst wären, dass ihre individuellen Freiheiten, ihre Privilegien, ein Teil des Problems sind, wenn sie sich auch bewusst wären, dass ein Teil ihrer Lebensleistungen dazu geführt haben, dass wir jetzt schon einen eingeschränkten Gestaltungsspielraum haben, dann wäre nicht mehr das Buch von Frau Baerbock das Problem, sondern die jetzige Regierung und die eigenen Verhaltensweisen, die für unsere Welt problematisch sind. Wir würden nicht darüber diskutieren, ob Frau Baerbock überhaupt noch Kanzlerin werden kann, sondern darüber, ob das Wahlprogramm der Grünen ausreichend ist, um den Handlungsspielraum der nächsten Generationen so groß wie möglich zu halten.

Diese Einsicht ist natürlich schmerzvoll! Der Großteil der Gesellschaft will mit der eigenen Lebensleistung nicht die Lebensgrundlage der nächsten Generation zerstören, da bin ich mir sicher, aber mit den vorgeschobenen Debatten versucht sich der Großteil eben doch vor dieser Einsicht zu schützen. Debatten, die Frau Baerbock als Kanzlerkandidatin diskreditieren, wodurch die Beschäftigung mit den eigentlichen Themen überflüssig wird, da ja die Grünen dann generell nicht mehr wählbar sind und dann doch eigentlich alles so bleiben kann, wie es jetzt ist, weil ja die Kanzlerkandidatin auch keine perfekte Person ist – was Frau Baerbock wahrscheinlich auch nie von sich behauptet hat.

27 Juni 2021

27.06.2021: Sport ist politisch!

Es ist Wochenende, schönes Wetter, keine Pandemie, ein Stadionbesuch mit einem Freund, das Fußballspiel läuft bereits und im Hintergrund lässt ein besoffener Kerl seinem Frauenhass freien Lauf, indem er die Schiedsrichterin sexistisch beleidigt. Ein leider immer noch normales Bild in den Fußballstadien, welches in den letzten Jahren häufiger mein Stadionerlebnis ruiniert hat! Frauenhass, Rassismus, Abwertungen, all das hat im Stadion seinen Platz und weil dem so ist, ist Sport – in unserem Fall Fußball – auf jeden Fall politisch!

Wie sollte ein Ort, an dem sich regelmäßig hunderte, gar tausende von Menschen treffen, auch unpolitisch sein? All die Gespräche vor, während und nach dem Spiel sind auch von politischen Ansichten geprägt. Da werden alte Rollenbilder vermittelt, wird über die Arbeit gesprochen, über das Ausbeutungsverhältnis und wie schlecht sich der Stadienbesuchende doch behandelt fühlt. Auch das Klima wird im Stadion zum Thema, so wie viele andere politische Themen eben auch. Und so ist so ein Stadion ein Ort, an dem Diskutiert wird, an dem Meinungen ausgetauscht werden, was alles auch zum eigenen politischen Meinungsbild beiträgt. Ich gehe davon aus, dass das auch bei anderen Sportarten der Fall ist und da der Sport hier die Ursache für das Aufeinandertreffen all dieser Menschen ist, ist der Spruch, dass der Sport unpolitisch ist und dies auch bleiben soll, absolut lächerlich!

Menschen, die das Stadion und den Sport, der darin stattfindet, als unpolitisch definieren wollen, haben meist nur die Angst, dass ihnen hier Räume verloren gehen könnten, in denen sie ihr eigenes politisches Gedankengut verbreiten können. Denn auch das ist in Stadion möglich, denn natürlich gibt es hier auch Menschen, die noch keine starke politische Meinung entwickelt haben, die noch beeinflussbar sind und somit auch offen für Weltbilder und Rollenbilder von gestern und vorgestern. Diese Räume gehen verloren, wenn Vereine plötzlich politische Werte in den Vordergrund stellen. Wenn sie also plötzlich gegen Homophobie aufstehen, verlieren Menschen mit homophoben Ansichten ihren Agitationsplatz im Stadion, weil die Werte des Vereins natürlich auch von den Fans als deren Werte aufgegriffen werden. Nicht von allen natürlich, aber von einem Großteil und so wird auch der Widerspruch größer, den bestimmte Positionen im Stadion erfahren und zusammen mit dem größer werdenden Widerspruch schrumpft der Agitationsraum für zum Beispiel homophobe Positionen.

Im Idealfall werden dann Werte wie Weltoffenheit, Toleranz – noch viel wichtiger „Akzeptanz“ – gegenüber anderen Lebensentwürfen und viele andere zu Universalwerten im Sport. Und wenn sie das im Sport sind, dann sind sie es auch irgendwann in der Gesellschaft und genau hier liegt die Gefahr für Konservative und all die anderen, die meinen, dass der Sport ein unpolitischer Raum wäre. Ihre Meinungen, ihr Fremdenhass, ihre Homophobie, ihr Frauenhass und all die konservativen Rollenbilder könnten plötzlich aus dem gesellschaftlichen Raum „Sport“ verschwinden und damit an Verbreitung und Akzeptanz in der Gesellschaft verlieren.

Eine Utopie, von der wir noch weit entfernt sind. Noch immer werden Menschen rassistisch, sexistisch und homophob in Sportstadien beleidigt. Noch immer werden alte Rollenbilder transportiert, wird Frauenhass gelebt, aber es Entwickeln sich Werte, die eine Veränderung angestoßen haben und das ist nur möglich, weil Sportstadien eben doch ein zutiefst politischer Raum sind, in dem Gesellschaftsteile aufeinandertreffen, die sich sonst nie getroffen hätten und somit auch nie die Chance gehabt hätten, ihre politischen Ansichten miteinander auszutauschen.

Und natürlich geht es auch ums Geld, wenn bestimmte Menschen den Sport als unpolitisch Brandmarken wollen. Das ist aber ein anderer Aspekt, ein anderer Artikel, der vielleicht schon geschrieben ist oder noch geschrieben werden muss, um den es hier im Artikel aber nicht geht.

22 Juni 2021

22.06.2021: Erstimpfung, eine Woche danach …

Weltzeituhr am Alexanderplatz in Berlin

Meine Impfung ist jetzt knapp eine Woche her und ich bin ja ziemlich enttäuscht! Auf Twitter und Mastodon habe ich von den vielen Nachwirkungen gelesen, durch die die Leute sogar teilweise für drei Tage arbeitsunfähig waren. Ich hatte mir letzte Woche Mittwoch schon ausgemalt, wie schön ich über die Impfung jammern werde, nur weil das ja irgendwie dazu gehört und dann? Dann war da die letzten sechs Tage so überhaupt nichts! Ein paar Schmerzen im Arm, ja, aber nichts, was mich irgendwie an irgendwas gehindert hätte, nicht mal am Einkaufsbeutel tragen. Tatsächlich war die Hitze der letzten Tage sehr viel anstrengender, auch wenn die ebenso keinerlei körperliche Einschränkungen hervorruft, aber dennoch ist diese ganze Hitze, die die Klamotten dauerhaft feucht hält, wenn diese am Körper getragen werden, einfach nur unangenehm.

Ich habe also die letzten sechs Tage auf Kopfschmerzen gewartet, auf einen bewegungsunfähigen Arm, zumindest aber auf ein wenig Fieber, es kam aber nichts! Ich kann mit all dem also nicht angeben, kann nicht über meinen heldenhaften Umgang mit all den Nebenwirkungen berichten, weil es sie einfach nicht gab. So muss ich die Hoffnung dann also wohl auf die zweite Impfung richten, vielleicht bekomme ich durch diese ja noch eine Heldenerzählung hin, die ich meinen Nichten und Neffen dann später einmal erzählen kann!

Und wenn nicht? Dann ist auch gut! Ich hatte ja tatsächlich noch nie Probleme mit Impfungen. Ich kann zwar die Nadeln nicht sehen, schaue also lieber die Wand an oder die Decke, aber ansonsten war bisher immer alles gut und wenn das so bleibt, dann ist das noch viel besser als irgendeine Heldenerzählung vom Fieberkrampf, der mich drei Tage lang ans Bett fesselte – fesselt ein Fieberkrampf einen ans Bett? Und notfalls, wenn Heldenerzählungen doch cool werden, dann kann ich mir ja ein paar Nachwirkungen von Twitter klauen, mixe das ganze noch mit Horrorerzählungen von Impfgegnern und Querdenkern und erzähle das dann, in der Hoffnung, dass niemand diesen Blogartikel hier liest 😉 …

18 Juni 2021

18.06.2021: Das sind nur zwei Tassen Kaffee im Monat

Papptrinkbecher

Kennt ihr eigentlich die Floskel „Das sind nur zwei Tassen Kaffee.“, wenn ihr mal wieder die Ankündigung einer Preiserhöhung bekommt? Oder wenn ein Unternehmen zeigen möchte, wie günstig das Produkt eigentlich ist und es euch mit dieser Aussage zum Kauf überreden will? Mir geht der Spruch extrem auf die Nerven, weil dieser Spruch immer von einem Kunden ausgeht, der sich regelmäßig eine Tasse Kaffee für 3,- Euro leistet und der wahrscheinlich nicht einmal auf diesen Kaffee verzichten muss, wenn er sich jetzt noch dieses neue Produkt gönnt oder er die Preiserhöhung akzeptiert. Und wenn Kund*innen das dann nicht können, wenn sie ihren Vertrag dann kündigen, dann ist das Unverständnis groß, immerhin sind es doch nur zwei Tassen Kaffee im Monat!

Was bei diesem Vergleich immer untergeht, ist, dass es für einige Menschen sogar schon sechs Tassen Kaffee sind, weil sie sich ihren Becher Kaffee früh beim Bäcker holen und der dort nur 1,- Euro kostet. Für andere sind diese „zwei Tassen Kaffee“ dann sogar schon zwei Packungen Kaffee, weil sie sich ihren Kaffee für Unterwegs zu Hause zubereiten, da es dort einfach günstiger ist, und dann gibt es noch Menschen, die sich gar keinen Kaffee leisten können, weil sie diese 6,- Euro eher in gesunde Lebensmittel für die Familie investieren und sie diese nicht einfach einsparen können, nur weil ein Unternehmen meint, dass die 6,- Euro ja eigentlich nur zwei eingesparte Tassen Kaffee im Monat währen!

Klar, Preiserhöhungen lassen sich nicht immer vermeiden, aber die Überheblichkeit, die diese Floskel mit sich bringt und die Menschen mit geringen Einkommen regelmäßig verzweifeln lässt, die lässt sich vermeiden! Es sind eben nicht immer nur zwei Tassen Kaffee, die da eingespart werden müssen, manchmal sind es zwei Kilogramm Äpfel, die dann nicht mehr gekauft werden können oder sechs günstige Brote, zwei Mittagessen weniger für das Kind in der Schule, ein Zoobesuch weniger für das Kind und so weiter. Ich könnte die Liste weiter ausführen, nur würde es mich immer wütender machen, wenn ich das tun würde. Was für den einen zwei Tassen Kaffee im Monat sind, ist für den anderen eine warme Mahlzeit für die Familie (bei Nudeln mit Tomatensoße) und auf diese warme Mahlzeit kann die Familie dann nicht einfach mal verzichten!

Es wäre so schön, wenn Unternehmen das einfach beachten und sie nicht versuchen, Preiserhöhungen kleinzureden. Für die einen ist das wahrscheinlich wirklich kein Geld, denen fällt es wahrscheinlich nicht einmal auf, dass sie jetzt 6,- Euro weniger haben, für die anderen sind die 6,- Euro aber ein riesiger Verlust, der bedeutet, dass in anderen Lebensbereichen wieder gespart werden muss. Es sei denn, das Produkt, welches eine Preiserhöhung erfährt, kann selbst eingespart werden, dann ist am Ende vielleicht wirklich das Geld für zwei Tassen Kaffee für je 3,- Euro im Monat übrig!

17 Juni 2021

17.06.2021: Erstimpfung – Tag 1

Nun habe ich also auch meine Erstimpfung gegen Covid und da ich einen Blog habe, kann ich hier auch darüber schreiben. Was ich schreibe, ist wahrscheinlich für viele nichts Neues, denn vor mir haben sich ja schon knapp 50 Prozent der Menschen in Deutschland ihre Impfung abgeholt und haben somit schon ihre eigenen Erfahrungen mit der Impfung gemacht. Dass ich jetzt meine Erstimpfung habe, ist auch eher einem Zufall zu verdanken, denn am Dienstag stolperte ich zufällig über die Webseite einer Arztpraxis am Rande von Berlin und dort waren dann noch 11 Impftermine für den Folgetag verfügbar und da ich gerade auf der Suche nach Wartelisten war, sagte ich mir, warum noch auf eine Warteliste, wenn du schon am nächsten Tag deine Impfung haben kannst und so registrierte ich mich für eine Impfung mit AstraZeneca und konnte erst einmal nicht glauben, dass das jetzt so einfach sein sollte. So war ich dann auch in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch so ziemlich aufgeregt und musste mich extrem anstrengen, um in den Schlaf zu finden.

Mittwoch stand ich dann zeitig auf, machte mich fertig und fuhr dann die 17 Kilometer zur Arztpraxis mit dem Rad. Das machte ich ziemlich gemütlich, sodass meine Entscheidung, schon knapp 2 Stunden vor dem Termin loszufahren, goldrichtig war. So war ich knapp 20 Minuten vor dem Termin vor der Arztpraxis und konnte mich so pünktlich 10 Minuten vor der Impfung anmelden und dann gab es ziemlich schnell die Spritze und das war es dann auch schon und nach nicht einmal 40 Minuten saß ich schon wieder auf dem Fahrrad und fuhr wieder nach Hause.

Am Abend war ich dann ein wenig KO, was aber nicht unbedingt mit der Impfung im Zusammenhang gebracht werden muss, denn wir haben ja derzeit wieder Temperaturen, die nicht mehr wirklich schön sind und die machen mich auch ohne Impfung fertig. Auch die leichten Kopfschmerzen, die sich dann ankündigten, während ich Fußball schaute, waren wohl eher auf das Wetter zu schieben und nicht auf die Impfung. Also nichts Schlimmes, nicht einmal der Impf-Arm schmerzte zu diesem Zeitpunkt wirklich.

Auch heute, am ersten Tag nach der Impfung, habe ich nur leichte Schmerzen im Impf-Arm. Kopfschmerzen und andere Impfnachwirkungen gibt es bisher nicht. Ich hoffe natürlich, dass das auch so bleibt, aber das werde ich ja in den nächsten Tagen beobachten können.

Meine zweite Impfung findet dann in 12 Wochen statt. Ist echt noch ein langer Zeitraum, aber zur Bundestagswahl habe ich dann den vollen Impfschutz und dann sehen wir mal, wie es mit der Pandemie weitergeht.

8 Juni 2021

08.06.2021: Alles ist politisch!

„Politik interessiert mich nicht, ich bin ein total unpolitischer Mensch!“, wer kennt sie nicht, diese Aussage? Wer hat nicht einen Menschen in seiner Verwandtschaft oder in seinem Freundeskreis, der von sich behauptet, dass er oder sie total unpolitisch ist? Persönlich muss ich immer schmunzeln, wenn ich diese Aussage höre, denn viele unserer Handlungen, unserer Meinungen und unserer Entscheidungen sind politisch, haben politische Dimensionen, die uns zwar nicht immer bewusst sind, die dadurch aber nicht verschwinden. Ich schmunzle auch deswegen, weil von derselben Person dann zwei Sätze später politische Positionen bezogen werden, die ganz klar als diese zu erkennen sind. Für mich gibt es keine unpolitischen Menschen und fast jede Entscheidung, die ein Mensch trifft, ist Politik.

Natürlich ist es eine persönliche Entscheidung, wenn ich mich morgens auf mein Fahrrad setze und damit zur Arbeit fahre, es ist aber gleichzeitig auch eine Entscheidung, die das Gemeinwesen betrifft, denn durch meine Fahrt mit dem Rad entlaste ich meine Umwelt von CO2-Emissionen und weil ich noch etwas für meine Gesundheit mache, entlaste ich damit auch das Gesundheitssystem. Ich könnte mich auch dazu entscheiden, mit dem Auto zu fahren, würde dadurch aber CO2 Ausstoßen und so die Luft verschmutzen, die nicht mir gehört, sondern der gesamten Gesellschaft.

Ein anderes Beispiel ist der Kaffee, den ich auf dem Weg zur Arbeit trinke. Auch hier kann ich die persönliche Entscheidung treffen, einen Mehrwegbecher zu benutzen oder auf einen Einwegbecher zurückzugreifen. Und auch mit dieser Entscheidung beeinflusse ich nicht nur meinen individuellen, sondern auch den gesellschaftlichen Raum. Ich verschwende Ressourcen oder ich schone sie, meine persönliche Entscheidung, die auch wieder eine politische Dimension einnimmt.

Ich könnte an dieser Stelle noch mehr Beispiele bringen, zum Beispiel die Mülltrennung und Müllvermeidung, die Entscheidung für Einweg- oder Mehrwegprodukte, Vorurteile gegenüber anderen Menschen und vieles mehr. Dinge, die bewusst und unbewusst laufen, mit denen wir aber die Gesellschaft an sich formen, dazu gehört auch die Ausgestaltung der eigenen Familie und vieles mehr. Politik, das sind all die persönlichen Entscheidungen, die nicht nur eine Wirkung auf den individuellen Raum, sondern auch auf den gesellschaftlichen Raum entfalten. Aber nicht nur die, denn Politik steckt auch in unseren Werten und Überzeugungen, Politik steckt natürlich auch in Parteien und Gesetzen, also in allem, was sich auf unser Leben und auf das Leben all der anderen Menschen auf dieser Welt auswirkt.

Politik ist für mich also die Wechselwirkung all unserer Werte, unserer Entscheidungen und unserer Weltanschauung. Jedes Vorurteil ist Politik, weil es eine – meist negative – Wechselwirkung auf andere Menschen hat. Jede Beziehung ist Politik, jede Freundschaft.

Wenn von meinen Verwandten oder Freunden also jemand sagt, dass er unpolitisch wäre, antworte ich meist mit einem Grinsen, denn selbst diese Aussage ist in ihrer Wechselwirkung zur Gesellschaft schon wieder politisch, auch wenn sie vielleicht nur Ausdruck von einer gleichgültigen Einstellung zur aktuellen Politik ist.

Dieser Artikel ist meine Antwort auf die Reflexionsfragen zum Online-MOOC „Einführung in die Politikwissenschaft„, der durch die oncampus GmbH angeboten wird. Ich sammel die Texte auch hier im Blog, damit sie nicht in den unweiten des Internets verloren gehen.

7 Juni 2021

07.06.2021: Autoritär-konservative Gesellschaft und linke Mehrheiten

Es waren mal wieder Wahlen irgendwo in Deutschland, es wird gefeiert, dass die AfD nicht stärkste Kraft geworden ist, wobei anscheinend vergessen wird, dass sie deutlich zweitstärkste Kraft geworden ist und die linken Parteien überlegen weiterhin, warum sie – obwohl sie doch Lösungen versprechen, die die Gesellschaft nach vorne bringen – keine Mehrheiten in der Bevölkerung bekommen. Da wird analysiert, wird geschaut, was in der Partei noch verbessert, wie die Verknüpfung mit den Wähler*innen gestärkt werden kann, aber auf das grundlegende Problem geht keiner ein, obwohl es durch die Pandemie doch deutlich geworden ist!

Wir leben in einer autoritär geprägten Gesellschaft, viel schlimmer noch, wir leben in einer autoritär-konservativ geprägten Gesellschaft. Das ist nicht verwunderlich, denn alle Institutionen, sei es die Schule, sei es die Familie oder sei es in der Wirtschaft, sind autoritär geprägt. Das sind nur ein paar Beispiele, aber diese Prägung geht natürlich nicht spurlos an den Menschen vorbei, die in diesem System erzogen werden und leben. Ebenso ist das mit der konservativen Prägung, die wir allein schon in der Weitergabe von Familientraditionen erkennen können. Es war halt schon immer so und es ist doch eigentlich auch gar nicht so schlecht! Wer sich dem verschließt, wer das nicht in die Analysen einbezieht, der wird keinen Hebel finden, um die gesellschaftlichen Mehrheiten zu verändern. Natürlich kommt da auch noch der Vertrauensverlust hinzu, den linke Parteien selbst zu verantworten haben, aber das ist eben nicht der einzige Grund.

Demokratie ist schön, bringt aber nicht viel, wenn sie nicht gelebt wird. Wenn wir eine demokratische Gesellschaft wollen, die ihre Entscheidungen auf Basis von Fakten trifft, dann müssen wir genau das auch Leben! Dann dürfen wir nicht in einer Gesellschaft leben, in der Menschen sich darauf verlassen, dass der Lehrende in der Schule, die Führungskraft im Unternehmen oder die Politiker*innen schon die richtigen Entscheidungen treffen. Dann dürfen wir nicht vermitteln, dass es da schon irgendwo eine starke Persönlichkeit gibt, die die richtigen Entscheidungen für uns alle treffen wird! Wir müssen in einer Gesellschaft leben, in der Informationen transparent und für alle zugänglich sind, damit jeder einzelne in der Lage ist, auf deren Grundlage Entscheidungen zu treffen.

Beispiel Plastiktüte

Für mich ist die Plastiktüte immer ein schönes Beispiel, denn eigentlich könnten wir alle schon lange darauf verzichten, warten aber lieber darauf, dass es da eine politische Entscheidung gibt. Wir warten darauf, dass uns Politiker*innen Plastiktüten verbieten, meckern dann, dass das unsere Freiheiten einschränkt, erkennen aber nicht, dass so ein Stoffbeutel nicht nur für uns selbst auf Dauer die günstigere Alternative ist, sondern auch für die Umwelt, weil bedeutend weniger Müll entsteht. Und die einzige Einschränkung wäre eigentlich, dass wir uns daran gewöhnen müssten, immer einen Stoffbeutel dabei zu haben, damit wir nicht bei jedem spontanen Einkauf einen neuen Stoffbeutel kaufen müssen, weil das dann natürlich nicht so Nachhaltig wäre und es ja eben um genau diese Nachhaltigkeit geht. Es ist deswegen ein schönes Beispiel, weil es zeigt, wie träge die Gesellschaft ist, wie wenig Veränderung sie aus sich selbst heraus schafft, obwohl diese Veränderung kein wirklicher Verlust wäre.

Gesellschaft Demokratisieren

Wer das ändern möchte, der muss die Institutionen ändern! Jeder Mensch muss von Anfang an erfahren, dass die eigenen Entscheidungen auch Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft haben können, dass das eigene Wirken eine Wirkungsmacht auf andere Menschen hat, und dass dies auch von anderen wahrgenommen und wertgeschätzt wird. Das wird aber nur passieren, wenn die Gesellschaft demokratisiert wird, wenn Demokratie nicht nur daraus besteht, die Entscheidungen durch Wahlen an andere zu delegieren, sondern jeder Teil der Entscheidungsfindung ist. Dazu gehört dann natürlich auch, dass sich Menschen mehr Informieren müssen, dass sie Fakten brauchen, auf deren Grundlage sie ihre Entscheidungen treffen und Werkzeuge, um diese Fakten und Informationen zu bewerten. Nein, dazu muss nicht jeder Experte in jedem Gebiet sein, sind Politiker*innen ja auch nicht, aber jeder braucht die nötigen Werkzeuge, um sich eine Meinung bilden und Populismus erkennen zu können.

Ja, das klingt utopisch, weil die Gesellschaft derzeit viel zu bequem ist, weil sie Entscheidungen delegiert und sich selbst nicht mit den Fakten auseinandersetzt. Weil vielen durchaus auch die Zeit dafür fehlt, aber genau hier müssten linke Parteien ansetzen. Sie müssten den Rahmen schaffen, müssten die Werkzeuge vermitteln und würden sich damit am Ende wahrscheinlich sogar überflüssig machen, was aber ja eh das Ziel der meisten linken Parteien sein dürfte, wenn sie es mit dem Kommunismus ernst nehmen. Wenn wir uns dann noch die jungen Menschen bei Fridays for Future ansehen, dann macht das doch Mut, denn sie zeigen uns, dass sie mitmachen wollen, dass sie entscheiden wollen und sie sich für gesellschaftlich relevante Themen interessieren. Da sind natürlich immer noch konservative Werte vorhanden, da werden natürlich immer noch autoritäre Strukturen gelebt, aber die lassen sich halt nicht von jetzt auf gleich auflösen, doch genau hier müssten linke Parteien ansetzen, müssen die Zersetzung dieser Strukturen in Gang halten, denn nur so können sie linke gesellschaftliche Mehrheiten schaffen.

2 Juni 2021

02.06.2021: Ein Stück Papier

Auf dem Bild ist ein Absatz aus einem anderen Blogartikel zu sehen.

In meinem Lebens-ABC-Artikel „I wie Impetus“ habe ich in einem kurzen Abschnitt eine Begebenheit aus dem Jahr 2001 erwähnt. Es war kein Nebensatz, aber häufig sind es die kleinen Nebensätze, die kaum Beachtung finden, obwohl sie eine lange Periode eines Lebens prägen können. Dieser kleine Nebensatz bei mir war die Empfehlung einer Pädagogin, die mich in einem Grundausbildungslehrgang ein Jahr lang begleitete und mir in einem entscheidenden Augenblick meines Lebens half, indem sie an meine Fähigkeiten glaubte und die mir dadurch die Tür zu meiner Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel öffnete.

Wenn ich heute über meine Ausbildung spreche, dann spreche ich nicht wirklich darüber, dass sich mir dadurch eine Welt voll mit Möglichkeiten eröffnete. Ich werte sie sogar manchmal ab, weil ich im Kontext der Ausbildung auch immer erzähle, dass ich eigentlich Koch werden wollte und ich diese Ausbildung nur gemacht habe, weil ich als Koch keinen Ausbildungsbetrieb gefunden habe. In Wirklichkeit war diese Ausbildung aber meine größte Chance, die Türen, die zu diesem Zeitpunkt verschlossen waren, weit zu öffnen. Türen, die ich selbst verschlossen habe, weil ich die Schule nie so ernst genommen habe, wie ich sie hätte nehmen sollen, weil die Schule für mich ein Angstort und kein Lernort war und weil es dort eigentlich auch keine Menschen gab, die wirklich an mich geglaubt haben, hauptsächlich aber, weil ich selbst den leichteren Weg gegangen bin und der hieß, dem Angstort Schule fernbleiben. Ich könnte hier jetzt sogar behaupten, dass ich eigentlich gar kein so schlechter Schüler war, weil ich nur noch die beiden letzten Zeugnisse aus dieser Zeit besitze, aber da ich meine Potenziale nicht genutzt habe, brachte mir das nicht wirklich was!

Der Wendepunkt in meinem Leben war dann tatsächlich der Grundausbildungslehrgang, den ich zwischen 2000 und 2001 machte und vor allem dieses Stück Papier, welches mir die Tür zu meiner Ausbildung öffnete. Hätte die Pädagogin damals nicht an mich geglaubt, hätte sie mir nicht bestätigt, dass mein Leistungsniveau in Deutsch auf dem Level ist, welches als Mindestvoraussetzung für die Ausbildung gesetzt war, dann hätte sich mein Leben komplett anders entwickelt. Wahrscheinlich hätte ich nie eine Ausbildung gemacht, hätte mich mit Aushilfsjobs über Wasser gehalten oder wäre sogar ganz in Hartz4 abgerutscht. Das hätte passieren können, wenn die Person nicht an meine Fähigkeiten geglaubt hätte.

Tatsächlich habe ich dann auch in den sechs Halbjahren, die meine Ausbildung dauerte, sechsmal die Note 3 in Deutsch auf dem Zeugnis bekommen, also die Note, die als Mindestzugangsvoraussetzung für die Ausbildung galt. Stellt euch vor, welche Note ich hätte haben können, wenn meine Rechtschreibung und Grammatik damals nicht so grauenvoll gewesen wäre! Ausdruck, das Verstehen von Texten und auch Lesen waren nie wirklich ein Problem, aber Rechtschreibung und Grammatik versauten mir so einige Noten, und zwar nicht nur im Fach Deutsch.

Ohne diesen einen Zettel, diesem Brief, den die Pädagogin an das Oberstufenzentrum geschrieben hat, hätte ich wohl auch nie meinen Realschulabschluss bekommen – so hieß der Abschluss damals noch – und ich hätte auch nie mein Abitur nachholen können. All diese Türen wurden mir durch eine Person eröffnet, die einfach so Vertrauen in meine Fähigkeiten hatte, ein Vertrauen, welches mir selbst damals fehlte, nachdem ich bis zu diesem Punkt in meinem Leben nicht wirklich viel auf die Reihe gebracht hatte.

Okay, mein Leben ist auch heute noch ein Chaos, aber doch ein wunderschönes Chaos, auch wenn ich auf den anderen sozialen Kanälen immer mal wieder jammere, weil es ein wunderschönes Chaos am Rande des Existenzminimums ist, aber wo würde ich stehen, wenn ich diese Pädagogin nie getroffen hätte? Was würde ich heute machen? Wahrscheinlich hätte ich schon längst aufgegeben! Nein, wenn ich so überlege, dann möchte ich mir gar nicht vorstellen, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich diesen Menschen nicht getroffen hätte. Viel interessanter wäre es zu wissen, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich diesen Menschen schon sehr viel früher getroffen hätte, aber auch das ist eigentlich unwichtig, denn wichtig ist, dass ich diesen Menschen überhaupt getroffen habe!

Es ist so traurig zu wissen, dass es viele Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene gibt, die diesen Menschen nie treffen, die es auch nicht aus eigener Kraft schaffen, den Wendepunkt im Leben herbeizuführen und die so nie die Chance bekommen, ihre Potenziale zu entfalten und zu nutzen. Es ist so schade, dass Schule immer noch ein Angstort für einige Schüler*innen ist, weil sie dort keine positiven Erfahrungen sammeln können, weil es dort niemanden gibt, der an sie glaubt, der sie unterstützt, der sie in die richtige Richtung stupst. Wäre es nicht schön, wenn es für alle diesen einen Zettel geben würde, der das Leben in eine positive Richtung dreht?

Ich habe die Person, die mir damals all die Türen geöffnet hat, heute in einem sozialen Netzwerk gefunden und ich musste ihr sofort eine längere Nachricht schreiben, einfach, um mich zu bedanken, auch wenn es schon 20 Jahre her ist, auch wenn es etwas ist, was andere wahrscheinlich schon längst vergessen hätten, aber für mich war es tatsächlich der Wendepunkt im Leben, der mir so viel ermöglicht hat. Dafür musste ich einfach noch einmal Danke sagen, auch weil ich damals ja nicht wusste, wie wertvoll diese Person für mein weiteres Leben war.

Wie sieht es denn bei euch aus? Hattet ihr auch so einen Menschen, der euer Leben in eine positive Richtung gestupst hat, der an euch geglaubt hat, der ein Grundvertrauen in eure Fähigkeiten hatte? Wenn ja, schreibt doch auch darüber, gerne hier in den Kommentaren oder in eurem Blog. Vielleicht ist ja so ein Blogartikel dann das Stück Papier, welches das Leben eines anderen Menschen ändert, die Inspiration für ein Umdenken.

1 Juni 2021

Lebens-ABC: I wie Impetus

Impetus, laut Wörterbuch ist das ein anderes Wort für Anstoß, Antrieb oder Schwung. Das passt irgendwie zu meinem Leben, außerdem ist es auch ein schönes Wort! Derzeit fehlt dieser Impetus ein wenig in meinem Leben, wobei „derzeit“ untertrieben ist, denn eigentlich fehlt er seit 2010. Wer hier schon länger mitliest, weiß, dass ich in diesem Jahr meine Abiturprüfungen bestanden habe. Seither blieben wirkliche Erfolge aus, also Erfolge, die durch irgendeinen Abschluss belegt sind.

Zwischen den Jahren 2000 bis 2010 hatte ich viel Impetus. 2000 war der erste Anstoß, den ich gebraucht habe, der Grundausbildungslehrgang, den ich damals vom Jobcenter aus machen musste. Wobei es ziemliches Glück war, denn dort lernte ich eine Pädagogin kennen, die mir dabei half, meine schulische Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel zu bekommen. Ohne diese Pädagogin wäre ich damals an meiner Deutschnote gescheitert, die 1999 in mein Abschlusszeugnis geschrieben wurde. Ja, meine Rechtschreibung und Grammatik waren mies, was hier im Blog auch noch zu bestaunen ist, aber mein Ausdruck, meine Leserführung und alles, was in so einem Aufsatz bewertet wurde, war damals schon okay, nur die Rechtschreibung und mein unregelmäßiger Schulbesuch haben mir damals so ein wenig das Genick gebrochen. Die Pädagogin konnte mir aber bestätigen, dass meine Deutschleistungen durchaus auf dem Niveau der Mindestnote waren, die für den Zugang zur schulischen Ausbildung notwendig war und so eröffnete sich mir die Möglichkeit, eine Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel zu absolvieren.

Das war natürlich Antrieb genug, diese Chance auch zu nutzen. Dieser Impetus führte dazu, dass ich 2002, also nach dem ersten Ausbildungsjahr, meinen mittleren Schulabschluss erreichte, und zwar mit einer Durchschnittsnote von 1,8, was für mich ein absoluter Erfolg war. Zugeben muss ich hier, dass der erste Versuch, den ich ebenfalls im Rahmen des Grundausbildungslehrganges bei einer Nichtschülerprüfung getätigt hatte, gründlich in die Hose ging. Einen zweiten Versuch hätte ich noch machen können, aber wenn ich den wieder nicht bestanden hätte, wäre der Weg zur mittleren Reife verschlossen gewesen und dieses Risiko wollte ich nicht eingehen. Musste ich zum Glück auch nicht, da sich mir durch meine schulische Ausbildung die Chance auf den mittleren Schulabschluss eröffnete, was noch einmal zusätzlich Schwung gab, um mich ordentlich anzustrengen! Ich hatte übrigens Glück, dass ich 1999 noch keine Abschlussprüfungen schreiben musste, um einen Schulabschluss zu bekommen. Es wurden nur bestimmte Anforderungen an die Noten gestellt, um einen bestimmten Schulabschluss zu erreichen – meine Noten reichten damals aus, um den erweiterten Hauptschulabschluss zu erhalten. Deswegen war es auch mein erster Versuch, den Realschulabschluss in der Nichtschülerprüfung zu erreichen, wobei es wahrscheinlich auch der erste Versuch gewesen wäre, wenn es damals schon eine Prüfung gegeben hätte, weil ich mit meinen Fehlzeiten und den daraus resultierenden schlechten Noten (Unentschuldigtes Fehlen = Note 6 für die Stunde) gar nicht die Zulassung zur MSA-Prüfung bekommen hätte. Ich halte übrigens nicht viel davon, dass es für solch eine wichtige Sache – und der Schulabschluss ist nun einmal wichtig für das weitere Leben – nur zwei Versuche gibt, aber das ist ein anderes Thema.

Der mittlere Schulabschluss im Jahr 2002 gab mir dann den notwendigen Impetus, um auch meine Berufsausbildung selbst im Jahr 2004 erfolgreich zu beenden, was mir gleichzeitig auch neue Wege eröffnete, denn nur diese beiden Voraussetzungen ermöglichten es mir, dass ich mein Abitur nachholen konnte. Vorher – in den Jahren 2004 und 2005 – musste ich allerdings erst einmal ein kleines Loch durchleben, denn meine Zeit bei der Bundeswehr war nicht wirklich erfolgreich. Neuen Schwung brachte dann meine Schwester, die mir 2006 von der Möglichkeit erzählte, dass ich das Abitur am Abendgymnasium machen könnte. Das war mir bis dahin nicht bewusst, hat mich aber vor dem Fehler bewahrt, auch das Abitur als Nichtschülerprüfung ablegen zu wollen – ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das nicht geschafft hätte.

Ich nahm 2006 also alle meine Unterlagen, weil ich mir nicht sicher war, ob ich die Voraussetzungen komplett erfülle, und ging damit ins Sekretariat des Abendgymnasiums und bekam dann kurze Zeit später die Mitteilung, dass das der Fall ist und ich in den halbjährigen Vorkurs aufgenommen wurde. Der verlief tatsächlich auch ziemlich erfolgreich und so kam ich ohne Probleme in die Einführungsphase, wo es dann einen kleinen Rückschritt gab, weil ich mir selbst nicht mehr zugetraut habe, dass ich das Abitur schaffen könnte. Ich meldete mich also zum Halbjahr vom Abendgymnasium ab, um mir selbst erst einmal bewusst zu werden, ob ich das wirklich machen will. Ich weiß gar nicht, was der Impetus war, der mich dann davon überzeugte, mich doch wieder anzumelden, sodass ich dann im Jahr 2007 wieder mit der Einführungsphase begann und diese – bis auf Deutsch – auch ziemlich gut abschloss. Damit kam ich dann auch in die Qualifikationsphase, wo ich mich auch in Deutsch wieder steigern konnte, wobei das wahrscheinlich auch an den Lehrer*innen lag, die ich in dieser Phase bekam. Meine mündliche Deutschprüfung habe ich dann übrigens mit 11 Punkten bestanden, was ich so nie erwartet hätte.

2010 habe ich dann also meine Abiprüfungen bestanden und seitdem ist die Luft irgendwie raus. Ja, ich habe mich dann 2012 an der Fernuniversität in Hagen eingeschrieben, aber es fehlte von Anfang an der Antrieb, sodass ich das Studium nie beendet habe und der ist bis jetzt auch nicht wirklich wieder eingekehrt. Es ist zwar nicht so, dass ich in den letzten elf Jahren nichts gemacht hätte, im Gegenteil, ich habe viele neue und interessante Dinge ausprobiert, aber es ist nichts Greifbares, nichts, was ich irgendwie nachweisen könnte. So langsam wird es also Zeit für neuen Impetus, es braucht neuen Schwung in meinem Leben, etwas, was mich wieder Antreibt und was mir einen Anstoß gibt, mich wieder neu zu erfinden.

26 Mai 2021

26.05.2021: Geht wählen oder lasst es!

Wir schreiben das Jahr 2021, in ein paar Monaten wird es wieder Bundestagswahlen geben und es wird das erste Jahr sein, in welchem ich euch nicht aufrufen werde, Wählen zu gehen. Die Dinge, die ich in den letzten Jahren zum Thema „Nichtwähler“ geschrieben habe, sind zwar nicht falsch, sie gelten weiterhin, weil sich am Wahlsystem wenig geändert hat, aber meine Ansichten zu unserer repräsentativen Demokratie haben sich in den letzten Jahren massiv gewandelt! Und dieser Wandel ist es, der mich zweifeln lässt, ob dieses Wählen wirklich sinnvoll ist, wenn dadurch kein Wandel erreicht werden kann.

Natürlich bleibt es dabei, dass das Kreuz, welches wir alle paar Jahre machen können, der einzige Weg ist, um korrigierend in das politische Geschehen einzugreifen, aber das funktioniert nur, wenn sich die Politik der einzelnen Parteien, die den Einzug in das Parlament schaffen, grundsätzlich unterscheiden würde. Nur sehe ich diese grundsätzlichen Unterschiede zwischen den Parteien nicht. Die SPD, die sich so gerne Arbeiterpartei nennt, macht schon seit Jahrzehnten Gesetze für die Wirtschaft, trägt diese mit und agiert damit zum Teil gegen die Interessen der Wähler*innen, für die sie eigentlich mal gegründet wurde. Wer erinnert sich nicht an das Tarifeinheitsgesetz, mit dem kleineren, kämpferischen Gewerkschaften Rechte eingeschränkt wurden? Wer erinnert sich nicht an Hartz4, dem Repressionssystem, welches für die Entwicklung eines großen Billiglohnsektors benötigt wurde und dafür, um den Menschen, die in dieses System fallen, die Würde zu nehmen? Wie unterscheidet sich eine solche SPD eigentlich noch von der CDU/CSU, außer durch den Namen? Beides sind neoliberale und konservative Wirtschaftsparteien, wo jeder Politiker einer Partei durch einen Politiker der jeweils anderen Partei austauschbar wäre.

Die Grünen unterscheiden sich hier auch nicht merklich von den oben genannten Parteien. Auch wenn ich dort mein Kreuz machen würde, hätte ich wieder eine neoliberale und konservative Partei gewählt. Hier mit grünen Anstrich, aber das macht es auch nicht unbedingt besser, weil dieser grüne Anstrich nie sozial gerecht gedacht wird, sondern immer aus der Sicht der bürgerlichen Mitte.

AfD verhindern?

Wenn ich also die Politik nicht verhindern kann, die derzeit gemacht wird, warum dann unbedingt ein Kreuz machen? In den letzten Jahren wäre meine Antwort gewesen, dass das Kreuz dabei helfen könnte, die AfD zu verhindern. Aber selbst diese Motivation ist in diesem Jahr nicht gegeben. Die AfD liegt bei 10 Prozent, sie also unter die 5 Prozent zu drücken und damit zu verhindern, dass diese Partei in den Bundestag einzieht, ist illusorisch und wenn ich dann noch eine Partei wähle, die nicht im Bundestag vertreten ist, verändere ich nicht einmal etwas an der Fraktionsstärke der AfD. Ich müsste also, damit ich der AfD mit meiner Stimme schaden könnte, eine Partei wählen, die garantiert in den Bundestag einzieht. Dadurch würde ich – so ist jedenfalls die Ansicht der Parteien – dann wieder die Politik der nächsten Jahre legitimieren, zumindest dann, wenn diese Partei in einer Regierungskoalition ihren Platz findet und hier steckt das nächste Dilemma. Ich möchte diese Politik nicht mehr legitimieren, ich möchte nicht, dass sich ein Horst Seehofer hinstellt, Menschen abschiebt und dann meint, dass das im Interesse der Wähler*innen passiert, dass das nächste Überwachungsgesetz durch mich als Wähler legitimiert ist!

Ich möchte Mitentscheiden und ernst genommen werden!

Persönlich sehe ich nicht mehr, dass unsere repräsentative Demokratie wirklich demokratisch ist. Sicher, sie ist besser als eine Diktatur, aber am Ende bleibt es eine Brückentechnologie, die uns entweder in eine wirklich demokratische Gesellschaft bringt, oder eben in irgendwas anderes, wie zum Beispiel zurück zum Faschismus! Solange wir diese Brückentechnologie nicht nutzen, um unsere autoritär geprägte Gesellschaft in eine demokratische Gesellschaft zu transformieren, wird es wohl eher wieder auf ein totalitäres System hinauslaufen, welches am Ende der Entwicklung steht.

Mit all den Überwachungsgesetzen, all diesen autoritären Tendenzen in der Gesellschaft, mit all diesen unterdrückenden Dingen, die diese repräsentative Demokratie hervorbringt, sind wir gerade auf dem besten Weg hin zu diesem totalitären System und es gibt für die Bürger*innen kein wirkliches Werkzeug, um hier korrigierend eingreifen zu können. In einer Demokratie müssen Werkzeuge geschaffen werden, mit denen Bürger*innen jederzeit in die politische Entscheidungsfindung eingreifen können. Nein, eine Wahl alle paar Jahre oder ein Volksentscheid, der schon Jahre braucht, um überhaupt zur Abstimmung zu kommen, sind da nicht genug!

Mitbestimmung muss zu einer Selbstverständlichkeit in unserer Gesellschaft werden. Mitentscheidung muss eine Selbstverständlichkeit in Familien sein, die derzeit zum größten Teil noch autoritär strukturiert sind, muss von Schüler*innen in demokratischen Schulen gelebt werden, ebenso von Arbeiter*innen in den Betrieben. Überall, wo derzeit autoritäre Strukturen bestehen, müssen diese durch demokratische Strukturen ersetzt werden und diese demokratischen Strukturen müssen so gestaltet werden, dass jede*r Mitentscheiden kann, der Mitentscheiden will und nicht irgendwelche Repräsentanten, die von irgendeiner Legitimität träumen, welche sie durch irgendeine Wahl meinen erhalten zu haben.

Auf diese Legitimität muss ich noch einmal eingehen, weil mich dieses Wort immer wieder aufregt und weil es von Politiker*innen viel zu oft genutzt wird, um Diskussionen über politische Entscheidungen zu beenden. Eine Wahl kann eigentlich nur das Wahlprogramm legitimieren, welches zur Wahl steht. Jede Änderung – und ein Koalitionsvertrag ist eigentlich ein komplett neues Wahlprogramm – müsste wieder zur Wahl gestellt werden, um durch die Wähler*innen legitimiert zu werden. Somit bleibt nur noch die Legitimität der gewählten Politiker*innen selbst und ja, die ist in unserem System gegeben, schützt aber nicht davor, falsche Entscheidungen zu treffen! Und die Bürger*innen haben dann eben keine Werkzeuge, um diesen Entscheidungen die Legitimität zu entziehen und so korrigierend auf die Entscheidungsträger einzuwirken.

Viel schlimmer wird das Ganze noch dadurch, dass viele Wähler*Innen das Wahlprogramm der Parteien nicht einmal kennen. Ja, die kennen die Schlagworte, mit denen die Parteien in den Wahlkampf ziehen, sie kennen die Personen, finde diese oder jene ganz okay, aber das eigentliche Wahlprogramm kennen sie nicht oder es ist ihnen egal, weil sie aus Protest eh irgendwas wählen, ohne zu merken, dass das auch Auswirkungen auf das eigene Leben haben könnte. Dieses Desinteresse ist auch ein Symptom der repräsentativen Demokratie. Die Menschen werden nicht einbezogen in Entscheidungen und interessieren sich dann auch nicht wirklich dafür. Es wird schon eine Autorität geben, die das richtige Entscheidet, so, wie es in Familien, Schulen und Unternehmen vorgelebt wird!

Und genau hier hätte die Brückentechnologie „repräsentative Demokratie“ vor Jahrzehnten greifen müssen. Sie hätte die autoritären Strukturen in demokratische Strukturen überführen müssen, hätte die autoritäre Prägung der Menschen in eine demokratische Prägung umwandeln müssen, immer mit dem Hintergedanken, damit die Demokratie zu stärken, sie weiter auszubauen und eine Parteiendemokratie irgendwann überflüssig zu machen. Sie hätte also ihren eigenen Machtverlust vorbereiten müssen, um der Demokratie den Weg zu bereiten. Wer in einer Demokratie leben möchte, muss Demokratie leben und nicht nur davon reden!

Das Ergebnis dieser Versäumnisse sehen wir heute wieder Weltweit. In Deutschland in Form der AfD, in den USA in Form von Trump, in den sich immer weiter ausbreitenden Überwachungsapparaten der westlichen Demokratien, in den geheimen Akten und Verträgen, die der Staat nicht mit seinen Bürger*innen teilen möchte, in den autoritären Tendenzen, die uns die Pandemie vor Augen geführt hat, in der Tendenz zu wieder mehr Nationalstaaterei und in vielem mehr. Wir müssen die Welt nur beobachten, um zu sehen, wohin sie sich derzeit entwickelt und wenn wir diese Beobachtungen interpretieren, werden wir sehen, dass das nicht auf eine gefestigte Demokratie hinausläuft, sondern auf totalitäre Systeme, die den gläsernen Bürger erschaffen haben, um jeden einzelnen Menschen zu kontrollieren.

Mir ist bewusst, dass das vielen zu Dystopisch ist, auch, dass viele die repräsentative Demokratie für die beste Form der Demokratie halten und derzeit mag sie das durchaus auch sein, aber Demokratie ist etwas, was sich weiterentwickeln sollte, was sich anpasst, was für immer mehr Menschen die Möglichkeit zur aktiven Mitentscheidung öffnet. Was früher noch Notwendig war, weil wir aus einem totalitären System gestartet sind, hätte heute schon überwunden sein können. Gleichberechtigung anstatt Unterdrückung, Inklusion statt Ausgrenzung, Akzeptanz statt Rassismus und Homophobie. Noch ist der Weg offen in eine solche demokratische Gesellschaft, noch könnten wir dort hingelangen, nur fehlt das Angebot. Und da bin ich wieder beim Anfang des Textes! Warum sollte ich euch dazu aufrufen zu wählen, wenn ich selbst derzeit keinen Sinn darin sehe, weil weder etwas zu verhindern ist noch ein Angebot für eine wirkliche Veränderung besteht? Derzeit bin ich selbst am Überlegen, ob ich überhaupt wählen gehe, denn ehrlich gesagt bin ich desillusioniert von der Gesellschaft und von dem, was möglich ist. Ich sehe eine Gesellschaft, die ein wenig Demokratie simulieren möchte, aber denen es relativ egal ist, dass wir als Gesellschaft weiterhin zum Beispiel das Sterben von Menschen im Mittelmeer legitimieren, indem wir immer wieder denselben Parteien die Möglichkeit geben, ihre Agenda durchzusetzen. Bisher dachte ich mir, wenigstens rechtskonservative Parteien verhindern zu können, wenn ich einer kleinen Partei meine Stimme gebe, aber das eigentliche Ziel, nämlich meine Ablehnung zum derzeitigen System zum Ausdruck zu bringen, erreiche ich damit nicht und es interessiert die Politiker*innen auch nicht, solange überhaupt Menschen zur Wahl gehen und ihnen dadurch auch nur den Anschein von Legitimität gegeben wird!