29 März 2019

Sie

Wie gerne würde sie jetzt in diesen Muffin beißen. Sie konnte die warme Schokolade, die sich im inneren des Muffins befand, riechen und es lief ihr das Wasser im Munde zusammen. Täglich lief sie an diesem Café vorbei, täglich konnte sie das frische Gebäck riechen, der Dampf von heißen Kaffee stieg ihr in die Nase. Doch es fehlte ihr das Geld! Sie konnte sich ja nicht einmal eine Wohnung leisten und wenn doch einmal Geld übrig war, dann nutzte sie dies lieber für eine Nacht in einer Unterkunft. Doch oft blieb ihr das verwehrt, nur die öffentliche Dusche konnte sie sich regelmäßig leisten. Darauf achtete sie, denn wenn sie schon finanziell in Armut lebte, wollte sie nicht auch noch in soziale Armut verfallen, wollte die Kontakte nicht verlieren, sich nicht schämen müssen, wenn sie alte Freunde und Bekannte traf. Freunde und Bekannte, die nicht wussten, dass sie schon längere Zeit keine Wohnung mehr hatte und auch ihren Job war sie schon lange Zeit los.

Irgendwann fiel sie sogar durch das soziale Netz, es fing damit an, dass die Wohnung zu groß war und das Amt sie nicht mehr bezahlen wollte. Doch es gab keine kleinere Wohnung für sie. Es gab keine Wohnung, die sie sich leisten konnte. Die hohen Mieten, die Schikane vom Amt und der Verlust ihrer Arbeit, all das führte dazu, dass ihr Glaube an diese Gesellschaft verdorben wurde. Sie glaubte nicht mehr daran, dass es hier wirklich um den Menschen geht, es ging nur noch ums Kapital, um den fiktiven Glauben an eine höhere Macht, nur das diese höhere Macht nicht Gott war, sondern die Märkte.

Ihrem früheren Arbeitgeber ging es gut. Es gab eigentlich keinen Grund für ihre Entlassung. Die Einnahmen stimmten, die Auftragsbücher waren voll, doch sie war überflüssig. Dabei sollte in dieser Welt kein Mensch überflüssig sein!

Dieser Beitrag gehört zu abc.etüden. Da ich das Projekt spannend finde und es auch eine gute  Schreibübung ist, werde ich dort regelmäßig teilnehmen.

9 März 2019

Lebens-ABC: C wie Chaos

Ich liebe das Chaos. Ich liebe es, mich in einer gewissen Distanz zum Chaos zu befinden und mir einen Überblick zu verschaffen, zu sehen, wie das Chaos doch irgendwie zu ordnen ist. Es gehört dazu, es ist eine Herausforderung und doch ist es auch Spaß, immer wieder eine Quelle, um Neues zu entdecken. Neues Wissen, neue Zusammenhänge.

Chaos hat für viele etwas Abschreckendes. Sie wollen lieber Ordnung, wollen den Überblick und die Kontrolle und verpassen dabei so viel. Natürlich kostet auch das Chaos viel Zeit, Zeit, in der andere Dinge gemacht werden könnten, aber es ermöglicht das Entdecken und somit die Freude an einer Sache. Es ist doch langweilig, wenn vorher schon alles feststeht, wenn keine Überraschungen mehr möglich sind. Routinen halt, die einen nicht mehr fordern.

Natürlich gehören Routinen zum Leben. Jeden Tag das Zähneputzen neu zu entdecken, würde keinen Sinn machen, genauso wenig, wie jeden Tag die Bedienung des Autos wieder einzuüben. Aber es gibt eben auch viele Routinen, die das Leben einschränken, die „Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht“-Routinen, die keinen Spielraum für Neues lassen, weil der Widerstand zu groß ist. Und da ist Chaos einfach fantastisch, weil es geradezu dazu auffordert, neue Wege zu gehen. Aber klar, auch dabei können dann wieder Routinen eine Rolle spielen, damit das Chaos überblickt werden kann.

Das Lebens-ABC ist eine Idee aus einem Schreibratgeber. Es hilft dabei, dass eigene Leben zu fassen, es greifbar zu machen, mehr über sich selbst zu lernen und damit auch zu erfahren, was einem im Leben wirklich wichtig ist. Natürlich ist es auch eine Schreibübung und es übt darin, sich selbst zu beobachten.

8 März 2019

Nieselregen

Der Nieselregen legte sich sanft auf meine Haut. Er war nicht unangenehm, nicht kalt, aber er kühlte meinen Körper dennoch etwas ab. Eine willkommene Abkühlung, nachdem dieser Tag doch ziemlich warm war und auch die körperliche Arbeit war anstrengend gewesen, sodass sie meinen Körper zusätzlich aufgeheizt hatte. Da kam der Nieselregen gerade recht.

Von meinem Balkon aus beobachte ich die Menschen, die gerade durch die Straße vor meinem Balkon schlendern. Auch ihnen scheint der Nieselregen nichts auszumachen. Sie lassen den Tag ausklingen, unterhalten sich und genießen die Luft, die noch diesen angenehmen Duft trägt, den sie nach einem Regenschauer immer trägt. Die bunten Regenschirme bringen Farbe in das diesige Grau, dass der Nieselregen mit sich bringt. Auch das Grün der Bäume und all die anderen Farben der frühsommerlichen Natur lassen die Welt fröhlich erscheinen. Wenn ich nicht wüsste, dass das die Realität ist, würde ich es für eine graue Leinwand mit ganz vielen Farbklecksen halten und nur die Geräusche würden mir aufzeigen, dass ich mich mit dieser Einschätzung irre.

Das Handtuch, mit dem ich den Regen von der Haut wische, ist ungewöhnlich weich. Es tut gut, imitiert ein Gefühl der Nähe und Zärtlichkeit, ein schönes Gefühl und doch kann es die Leere in mir nicht übertünchen. Es ist dieser Nieselregen, der mich an das tiefe Grau erinnert, dass der letzte Sommer mit sich gebracht hatte. Dieses Grau, welches mich mit dieser Leere zurückließ, nachdem mir der Nieselregen einen Teil meines Lebens nahm.


Dieser Beitrag gehört zu abc.etüden. Da ich das Projekt spannend finde und es auch eine gute  Schreibübung ist, werde ich dort regelmäßig teilnehmen.

8 März 2019

Lebens-ABC: B wie Bildung

Es ist eher ungewöhnlich, dass ich dieses Wort wähle. Ungewöhnlich deswegen, weil ich in meiner Jugend eher vor der Schulbildung geflohen bin, ich es nervig fand, jeden Tag in die Schule gehen zu müssen. Jeden Tag dieser einschränkenden Pflicht nachzugehen, die mich von dem abhielt, was mir wirklich Wichtig erschien. Aber eigentlich ist auch das seltsam, denn als Kind konnte ich es kaum erwarten in die Schule zu kommen, zu lernen, was meine größeren Geschwister schon gelernt hatten. Ich wollte Lesen lernen, um die Bücher zu verstehen, die mich schon damals magisch anzogen. Als ich dann lesen konnte, verging diese Magie erst einmal. Ich sollte sie erst später wieder entdecken, zusammen mit meiner Begierde nach Bildung.

Auch Bildung hat mit Neugierde zu tun, so wie es schon bei der Abwechslung war. Bildung hat also auch etwas mit Abwechslung zu tun. Sie ist der Zugang zu dieser Abwechslung, ermöglicht sie erst.

Bildung ist auch Verstehen. Verstehen, wie die Dinge funktionieren. Die Faszination, Dinge nachvollziehen zu können, um sich dann weitere Gedanken darüberzumachen. Gedanken, die einen dann mit noch mehr Faszination und einem Funkeln in den Augen zurücklassen.

Bildung hat auch etwas mit Meinung zu tun. Nur wer sich die Welt erschließen kann, wer Zusammenhänge versteht und ein großes Wissensnetzwerk hat, kann auch seine Meinung weiterentwickeln. Wer weiß, wie er sein Wissensnetz durch Bildung erweitern kann, wer die Zeit hat, neues Wissen zu entdecken, der hat auch die Zeit, seine Meinungen zu reflektieren und zu verstehen, warum nicht die einfachsten Lösungen immer die richtigen sind.

Bildung ist also etwas Fundamentales in meinem Leben. Mein Leben wäre ärmer ohne Bildung, es wäre nicht so bunt, es würde sich leer anfühlen.

Das Lebens-ABC ist eine Idee aus einem Schreibratgeber. Es hilft dabei, dass eigene Leben zu fassen, es greifbar zu machen, mehr über sich selbst zu lernen und damit auch zu erfahren, was einem im Leben wirklich wichtig ist. Natürlich ist es auch eine Schreibübung und es übt darin, sich selbst zu beobachten.

4 März 2019

Lebens-ABC: A wie Abwechslung

Abwechslung ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Abwechslung legt den Grundstein aller Erfahrungen, es ist ein Ausdruck von Neugierde. Neugierde, die mich antreibt, die mich davon abhält, immer dasselbe zu tun und Veränderung zu vermeiden.

Abwechslung bringt die Farbe in mein Leben. Sie garantiert den Spannungsbogen, den ich in meinem Leben brauche, der mich Antreibt, der mir den Sinn vermittelt, auf dessen Suche wir ständig sind.

Ohne Abwechslung wäre mein Leben fade. Sie gehört dazu und durchbricht Routinen. Klar, auch Routinen gehören dazu, aber nur dort, wo sie hilfreich sind, beim Zähneputzen zum Beispiel. Alle unnützen Routinen schränken das Leben ein und sie können nur mit Abwechslung vermieden werden. Wobei Abwechslung natürlich nicht bedeutet, die ganze Zeit immer nur neue Dinge zu tun. Vielmehr bedeutet es, dass sich Neues und Altes abwechselt, Spannung und Langeweile, Anstrengung und Erholung.


Das Lebens-ABC ist eine Idee aus einem Schreibratgeber. Es hilft dabei, dass eigene Leben zu fassen, es greifbar zu machen, mehr über sich selbst zu lernen und damit auch zu erfahren, was einem im Leben wirklich wichtig ist. Natürlich ist es auch eine Schreibübung und es übt darin, sich selbst zu beobachten.

20 Februar 2019

Lebensplan

Hüpfen! Hör nur nie auf zu hüpfen! Du musst hüpfen, permanent, aber immer auf der Stelle. Wenn du aufhörst, auch wenn es nur eine Pause der Erholung ist, hast du verloren.

Ständig musst du hüpfen, ständig dich verbessern, schneller werden und dabei bloß nicht älter werden. Wirst du langsamer, geht das vielleicht eine gewisse Zeit gut, aber irgendwann macht dich der Verlust von Geschwindigkeit auch zum Verlierer. Dann passt du nicht mehr in dieses System. Du wirst aussortiert, kannst versuchen woanders mitzuhüpfen, wo das Tempo noch nicht so hoch ist, wo du noch mithalten kannst. Aber bringt dir das wirklich etwas? Ist es das, was dich glücklich macht? Eigentlich möchtest du raus, möchtest dieses System verlassen. Es ist eh krank und altersschwach, die Anzeichen dafür sind überall zu sehen, nur eingestehen möchte es sich niemand, nicht einmal die, die schon lange aus diesem System herausgefallen sind. Aber einfach aufhören? Eigentlich nicht möglich, da in diesem System ein Zwang zum Mitmachen besteht. Wer nicht mehr kann oder will wird ausgegrenzt, egal wie viel er vorher für dieses System geleistet hat.

Irgendwo hast du in deinem Leben mal ein Lesezeichen gesetzt. Du wolltest dort weitermachen, sobald du dir die Möglichkeiten dazu geschaffen hast. So verging die Zeit, doch die Möglichkeit kam nie und auch jetzt ist sie nicht in Sicht. Du schaust kurz zu dem Lesezeichen, Sehnsucht steigt in dir auf, doch du drehst dich sofort wieder um und gehst weiter hüpfen, weiter auf einer Stelle und die Zeit entfernt dich immer weiter von deinem Lebensplan.


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19 Februar 2019

Augenblick des Aufbruchs

Die Schaukel am Baum ist altersschwach geworden, hängt aber immer noch am Ast des Baumes, der selbst immer noch Stärke ausstrahlt. Er ist in den letzten Jahren sogar noch schöner und größer geworden. Noch immer spendet er Schatten für Besucher wie mich. Er lädt zum Verweilen ein, zu einer kurzen Pause vom stressigen Alltag.

Ich war schon viele Jahre nicht mehr hier, wurde durch ein wunderschönes Lesezeichen an diesen Ort erinnert und bin neugierig geworden, ob es diesen Ort noch gibt. Hier habe ich als junger Mensch viel Zeit verbracht, habe mich mit meinem Buch unter diesen Baum gelegt und gelesen, habe die Zeit und die Ruhe genossen, die mir dieser Ort schenkte. Hier habe ich viele andere Welten kennengelernt, hüpfte durch die Zeit und an verschiedene Orte und entwickelte dadurch eine tiefe Sehnsucht, all diese Orte später auch einmal in der realen Welt zu besuchen.

Viele Jahre sind seither vergangen. Mein Leben entwickelte sich, es wurde stressiger, leider auch farbloser. Nur das Lesen blieb mein ständiger Begleiter, nur die Bücher konnten neue Farbakzente in mein Leben bringen und dann war da dieses Lesezeichen, oder war es ein Lebenszeichen? Jedenfalls war das der Punkt, der mich aus diesem farblosen Leben holte, der den Entschluss manifestierte, aus diesem Leben zu entfliehen. Nun stehe ich hier an diesem alten Baum, der in kräftigen Farben leuchtet und von hier wird nun meine Reise zu all den Orten beginnen, die ich schon lange hätte besuchen sollen.


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5 Februar 2019

Schwermut

Die Sonne ist zu einem Phantom geworden. Im Sommer war sie noch sehr real, doch der Winter hat sie vertrieben. Versteckt im Wolkengewölbe, zeigt sie sich nur selten, schaut schüchtern herunter, kaum merklich und doch weiß jeder, dass sie da ist.

Dekaden von Tagen vergehen so, hinterlassen eine getrübte Stimmung und vergrößern die Sehnsucht nach ihr. Die Sehnsucht nach der Wärme, die sie jederzeit zu spenden in der Lage ist. Aber auch die Sehnsucht nach dem puren, ungetrübten Licht, dass die Seele erreicht und die gedämpfte Stimmung vertreibt.

Am liebsten würde die Seele auf eine Leiter klettern und mit einer Handsäge das Wolkengewölbe zerstören. Sie würde gern die Sonne aus ihrem Versteck holen, sie der Phantomwelt entreißen und ihr wieder zu vollem Glanz verhelfen, damit sie – die Seele – selbst wieder im vollen Glanze strahlen kann.

Es bleibt aber nur das Warten. Die Wolken verschwinden von allein, geben den Blick wieder frei, lassen das Versteck verschwinden und mit ihm die Schwermut, die sich die Seele eingefangen hat.