20 Februar 2019

Lebensplan

Hüpfen! Hör nur nie auf zu hüpfen! Du musst hüpfen, permanent, aber immer auf der Stelle. Wenn du aufhörst, auch wenn es nur eine Pause der Erholung ist, hast du verloren.

Ständig musst du hüpfen, ständig dich verbessern, schneller werden und dabei bloß nicht älter werden. Wirst du langsamer, geht das vielleicht eine gewisse Zeit gut, aber irgendwann macht dich der Verlust von Geschwindigkeit auch zum Verlierer. Dann passt du nicht mehr in dieses System. Du wirst aussortiert, kannst versuchen woanders mitzuhüpfen, wo das Tempo noch nicht so hoch ist, wo du noch mithalten kannst. Aber bringt dir das wirklich etwas? Ist es das, was dich glücklich macht? Eigentlich möchtest du raus, möchtest dieses System verlassen. Es ist eh krank und altersschwach, die Anzeichen dafür sind überall zu sehen, nur eingestehen möchte es sich niemand, nicht einmal die, die schon lange aus diesem System herausgefallen sind. Aber einfach aufhören? Eigentlich nicht möglich, da in diesem System ein Zwang zum Mitmachen besteht. Wer nicht mehr kann oder will wird ausgegrenzt, egal wie viel er vorher für dieses System geleistet hat.

Irgendwo hast du in deinem Leben mal ein Lesezeichen gesetzt. Du wolltest dort weitermachen, sobald du dir die Möglichkeiten dazu geschaffen hast. So verging die Zeit, doch die Möglichkeit kam nie und auch jetzt ist sie nicht in Sicht. Du schaust kurz zu dem Lesezeichen, Sehnsucht steigt in dir auf, doch du drehst dich sofort wieder um und gehst weiter hüpfen, weiter auf einer Stelle und die Zeit entfernt dich immer weiter von deinem Lebensplan.


Dieser Beitrag gehört zu abc.etüden. Da ich das Projekt spannend finde und es auch eine gute  Schreibübung ist, werde ich dort regelmäßig teilnehmen.

19 Februar 2019

Augenblick des Aufbruchs

Die Schaukel am Baum ist altersschwach geworden, hängt aber immer noch am Ast des Baumes, der selbst immer noch Stärke ausstrahlt. Er ist in den letzten Jahren sogar noch schöner und größer geworden. Noch immer spendet er Schatten für Besucher wie mich. Er lädt zum Verweilen ein, zu einer kurzen Pause vom stressigen Alltag.

Ich war schon viele Jahre nicht mehr hier, wurde durch ein wunderschönes Lesezeichen an diesen Ort erinnert und bin neugierig geworden, ob es diesen Ort noch gibt. Hier habe ich als junger Mensch viel Zeit verbracht, habe mich mit meinem Buch unter diesen Baum gelegt und gelesen, habe die Zeit und die Ruhe genossen, die mir dieser Ort schenkte. Hier habe ich viele andere Welten kennengelernt, hüpfte durch die Zeit und an verschiedene Orte und entwickelte dadurch eine tiefe Sehnsucht, all diese Orte später auch einmal in der realen Welt zu besuchen.

Viele Jahre sind seither vergangen. Mein Leben entwickelte sich, es wurde stressiger, leider auch farbloser. Nur das Lesen blieb mein ständiger Begleiter, nur die Bücher konnten neue Farbakzente in mein Leben bringen und dann war da dieses Lesezeichen, oder war es ein Lebenszeichen? Jedenfalls war das der Punkt, der mich aus diesem farblosen Leben holte, der den Entschluss manifestierte, aus diesem Leben zu entfliehen. Nun stehe ich hier an diesem alten Baum, der in kräftigen Farben leuchtet und von hier wird nun meine Reise zu all den Orten beginnen, die ich schon lange hätte besuchen sollen.


Dieser Beitrag gehört zu abc.etüden. Da ich das Projekt spannend finde und es auch eine gute  Schreibübung ist, werde ich dort regelmäßig teilnehmen.

5 Februar 2019

Schwermut

Die Sonne ist zu einem Phantom geworden. Im Sommer war sie noch sehr real, doch der Winter hat sie vertrieben. Versteckt im Wolkengewölbe, zeigt sie sich nur selten, schaut schüchtern herunter, kaum merklich und doch weiß jeder, dass sie da ist.

Dekaden von Tagen vergehen so, hinterlassen eine getrübte Stimmung und vergrößern die Sehnsucht nach ihr. Die Sehnsucht nach der Wärme, die sie jederzeit zu spenden in der Lage ist. Aber auch die Sehnsucht nach dem puren, ungetrübten Licht, dass die Seele erreicht und die gedämpfte Stimmung vertreibt.

Am liebsten würde die Seele auf eine Leiter klettern und mit einer Handsäge das Wolkengewölbe zerstören. Sie würde gern die Sonne aus ihrem Versteck holen, sie der Phantomwelt entreißen und ihr wieder zu vollem Glanz verhelfen, damit sie – die Seele – selbst wieder im vollen Glanze strahlen kann.

Es bleibt aber nur das Warten. Die Wolken verschwinden von allein, geben den Blick wieder frei, lassen das Versteck verschwinden und mit ihm die Schwermut, die sich die Seele eingefangen hat.