14 November 2019

abc.etüden: Das Himmelsleuchten

Dieses Himmelsleuchten ist jetzt schon seit Wochen jede Nacht über der Stadt zu sehen. Keiner weiß genau, wo es herkommt, auch die Wissenschaftler können es nicht erklären. Vor ein paar Wochen, als es mir zum ersten Mal auffiel – ich war gerade dabei meinen Müll nach recycelbar und nicht recycelbar zu sortieren – war ich ziemlich fasziniert von diesem Phänomen. Inzwischen ist es zu etwas normalen geworden, etwas wunderschön Normales, was ich jeden Abend aufs Neue genieße.

Ich finde nicht, dass dieses Phänomen etwas Bedrohliches hat, andere allerdings schon, weswegen von Tag zu Tag immer weniger Geschäfte öffnen. Sie öffnen nicht mehr, weil die Inhaber oder das Personal ängstlich aus unserer Stadt ausreisen. Ob das wirklich mehr Sicherheit bringt, wenn das Phänomen wirklich bedrohlich ist? Ich weiß es nicht, aber seither wird es ruhiger in der Stadt, es ist nicht mehr so stressig, der Autoverkehr nimmt beständig ab und die Menschen, die noch da sind, werden immer gelassener und friedlicher. Abends sitzen wir inzwischen regelmäßig zusammen im Café, verbringen eine Menge Zeit miteinander, lernen uns kennen, erzählen uns unsere Geschichte und haben einfach eine Menge Spaß. Dieses himmlische Leuchten hat die Menschen, die bisher hier geblieben sind, näher zusammengebracht. Das Misstrauen ist gewichen, die Solidarität ist gewachsen und der Hass komplett verschwunden. Meine Nachbarin, die vor wenigen Monaten noch Angst vor den Menschen aus der Unterkunft für Geflüchtete hatte, geht inzwischen täglich dort hin, hilft den Menschen, lacht mit den Menschen, lebt mit den Menschen, ohne Angst, ohne Vorurteile. Auch die Türen zu unseren Wohnhäusern sind immer seltener verschlossen, die Hinterhöfe werden zu Treffpunkten, gerade auch dann, wenn das Café zu voll ist und es andere Orte zum Zusammensein braucht.

Unser Zusammenleben ist in den letzten Wochen einfach schöner geworden, so schön wie das Himmelsleuchten und es bleibt zu hoffen, dass das noch eine Weile über und in der Stadt erhalten bleibt.

Dieser Beitrag gehört zu abc.etüden. Da ich das Projekt spannend finde und es auch eine gute  Schreibübung ist, werde ich dort regelmäßig teilnehmen.

19 Dezember 2018

Blogadventskalender 2018 – 19. Söckchen

Bild vom 19ten Söckchen
Blogadventskalender Söckchen Nr. 19

Irgendwo versteckt auf dem weiten Meer gibt es eine Insel. In der Mitte der Insel steht ein großer Nadelbaum. Dieser wird das ganze Jahr über von all den Inselbewohnern geschmückt, schön bunt und festlich. Dieser Baum ist gleichzeitig auch der Treffpunkt für alle Bewohner der Insel. Hier wird zusammen getanzt, zusammen gegessen, zusammen diskutiert und gestritten. Es werden Pläne geschmiedet, die notwendige Arbeit verteilt. Es wird hier gelacht, ab und an auch geweint. Es wird gespielt, gemeinsam fern gesehen. Dieser Ort ist, um es knapp zu sagen, der wichtigste Ort auf der Insel.

Natürlich haben die Bewohner auch einen zweiten wichtigen Ort. Den Ort, an dem sie alleine sein können, an dem sie sich zurückziehen, wenn sie gerade nicht Gemeinsamkeit, sondern Einsamkeit brauchen. Hier können sie sich frei entfalten, ihren Gedanken und Hobbys frönen. Sie wissen alle, dass es neben all den schönen gemeinsamen Stunden auch Stunden der Einsamkeit oder auch Zweisamkeit geben muss. Stunden des Rückzugs, die jedem Bewohner den Freiraum geben, den jeder von ihnen braucht.

Die Bewohner der Insel leben seit Anbeginn friedlich zusammen. Es gibt natürlich auch mal unterschiedliche Meinungen, unterschiedliche Entwürfe für das gemeinsame Leben, aber diese Unterschiede werden respektiert, bringen keine Feindschaften hervor. Und auch Fremde werden mit diesem Respekt empfangen. Sie werden in die Gemeinschaft eingebunden, bekommen Aufgaben, bekommen aber auch ihren Rückzugort. So werden aus Fremden Bekannte und aus Bekannten werden Freunde …

Sven: „Herr Bär, sag mal, wolltest du mir nicht eine Weihnachtsgeschichte erzählen?“

Teddy: „Aber ich bin doch gerade dabei!“

Sven: „Bisher kam aber Weihnachten in der Geschichte noch gar nicht vor.“

Teddy: „Ja sag mal Sven, hörst du mir eigentlich zu, wenn ich etwas erzähle? Warum sollte auf einer Insel, auf der das ganze Jahr über ein geschmückter Baum steht, wo die Menschen sich jederzeit an einen stillen Ort zurückziehen können, um sich auf wesentliches besinnen zu können und wo sie ansonsten die gesamte Zeit mit all ihren Freunden, Bekannten und der Familie verbringen und auch feiern können, warum sollte es auf solch einer Insel noch Weihnachten geben?“

Sven: „Ähm, weil du hier die Geschichte für den Blogadventskalender erzählen wolltest?“

Teddy: „Ja, aber dazu muss es doch nicht immer eine Weihnachtsgeschichte sein. Es geht doch Weihnachten darum, Zeit mit der Familie zu verbringen, darum, sich auf das Wichtige im Leben zu besinnen. Aber das geht doch immer, nicht nur zu Weihnachten. Ich könnte mich zum Beispiel mitten im August mit meiner Familie treffen, mit ihnen Plätzchen backen und Zeit mit ihr verbringen. Ich könnte das auch im Februar machen oder im März.“

Sven: „Ja Teddy, dass könntest du, aber wir sollen hier doch etwas für den Blogadventskalender schreiben. Du weißt doch, dass der Alex sonst ein Problem hätte, wenn das 19te Türchen leer bliebe?“

Teddy: „Klar, aber ich war doch gerade dabei eine Geschichte zu erzählen. Weißt du noch 2015, als ich einfach nicht in Weihnachtsstimmung kommen konnte, wegen der sozialen Kälte hier in Deutschland und Europa?“

Sven: „Sicher weiß ich das noch, haben wir ja auch im Adventskalendertürchen darüber geschrieben.“

Teddy: „Siehst du, viel hat sich seit damals nicht verändert. Es ist alles noch viel schlimmer geworden. Der Hass in den Straßen und im Internet. Das ganze Leid und der ganze Neid. Die vielen Ängste, die vielen Menschen, die nicht einmal das Geld haben, um sich ein Weihnachtsessen leisten zu können, die Obdachlosen. Da dachte ich mir, es wäre Zeit für eine Geschichte, in der all das nicht vorkommt. Eine Geschichte ohne Hass, ohne Neid, ohne Gewalt und Hunger. Ein Ort, an dem die Leute das ganze Jahr über ihre Weihnachtsstimmung bewahren, ohne zu wissen, was Weihnachten überhaupt ist und ohne den Stress, den sich die Menschen in der Vorweihnachtszeit machen. Weißt du, wir haben schon über einen Obdachlosen geschrieben, der sein letztes Geld für ein armes Kind ausgegeben hat. Wir haben über den Weihnachtsmann geschrieben, der Weihnachten einfach verschlafen hat und wir haben über Jamilia geschrieben.“

Sven: „Das haben wir.“

Teddy: „Und jetzt dachte ich mir, jetzt erzählen wir den Leuten einmal eine Geschichte, in der es nicht um Weihnachten geht. Eine Geschichte von einer solidarischen Gesellschaft ohne Hass und ohne Neid. Eine Gesellschaft, in der es nicht darum geht, besser zu sein als die Anderen. Eine Gesellschaft voll mit Besinnlichkeit, Freude und Lebensglück. Weihnachten halt, nur das ganze Jahr über und halt ohne Geschenke.“

Sven: „Und worauf sollen sich die Kinder dann das ganze Jahr über freuen?“

Teddy: „Warum braucht es denn einen Fixpunkt im Jahr für die Kinder? Warum können die sich denn nicht das ganze Jahr über, über jeden Tag freuen? Jeder Tag kann Glück und Freude bringen, jeden Tag können sie mit ihrer Familie etwas erleben oder mit Freunden oder auch ganz alleine. Jeder Tag steht für etwas Neues, vielen neuen kleinen Momenten, die jeder gerne für immer behalten möchte. Geschenke, die das ganze Leben lang bleiben. Natürlich auch Missgeschicke und Abschiede, aber auch das gehört zum Leben dazu. Und notfalls können sich die Kinder ja auch auf ihren Geburtstag freuen. Sie würden vielleicht ein Fest verlieren, wobei die Leute in meiner Geschichte das Fest ja gar nicht kennen, aber sie würden so viel mehr Gewinnen. Menschlichkeit zum Beispiel, eine Welt ohne Hass und Gewalt, ohne Hunger und Leid. Sie könnten wirklich Kind sein, könnten sich jeden Tag freuen, auf jeden Tag ohne Armut …“

Sven: „Ach Teddy, jetzt habe ich dir deine ganze Geschichte kaputt gemacht. So, wie du hier die ganze Zeit schwärmst, wäre es sicher eine schöne Geschichte geworden. Vielleicht solltest du sie jetzt doch weitererzählen und hat die Insel denn eigentlich einen Namen?“

Teddy: „Ach Sven, jetzt bin ich nicht mehr in der Stimmung für diese Geschichte, vielleicht erzähle ich sie dir später einmal. Und die Insel, das ist die Insel der Weihnacht. Du kannst sie jedes Jahr für genau drei Tage im Jahr besuchen. Dann ist sie überall dort, wo Weihnachten gefeiert wird. Irgendwo, versteckt auf dem weiten Meer, aber immer nur dann erreichbar, wenn die Menschen wirklich ihren Hass und ihren Neid vergessen …“

Frohe Weihnachten 2015

Das 20te Söckchen findet ihr hier oder hier oder hier

8 Dezember 2018

Öffnet die EVG wieder das Tor zu den Dämonen gegen das Streikrecht?

Oje, ich sehe schon wieder den Hass in den sozialen Medien und in all den anderen Medien, die es so gibt. Warnstreiks bei der Bahn, weil die EVG in den Tarifverhandlungen etwas Druck auf die Deutsche Bahn ausüben will. Der Deutsche mag nämlich keine Streiks, wenn diese den eigenen Alltag betreffen. Er ist eh der Ansicht, dass die Anderen schon genug bekommen und er deswegen auch keinerlei Verständnis für solche Streiks haben müsste. Dann kommt meist auch noch das Gerede davon, dass es einem selbst ja noch viel schlechter geht und das sich dafür ja auch keiner interessiert. All diese Diskussionen kenne ich, ich kenne sie sogar aus der eigenen Familie und wenn ich dann das Argument bringe, dass das eventuell daran liegt, dass mensch selbst nicht in der Gewerkschaft organisiert ist und mensch ja einfach mal für bessere Bedingungen kämpfen könnte, kommt auch nur Ablehnung als Antwort.

Ich wiederhole mich ja gerne: Streiks müssen weh tun! Streiks können nicht so organisiert werden, dass der Kunde es nicht bemerkt. Gerade dieser Druck des Gewinnausfalls ist es, der die Unternehmen an den Verhandlungstisch bringt. Nur so kann es Veränderungen geben! Veränderungen beim Lohn, Veränderungen bei den Arbeitsverhältnissen, Veränderungen im Umgang mit den Arbeitnehmern und Veränderungen in vielen anderen Bereichen. Wo würden die Arbeitnehmer heute wohl stehen, wenn es keine solidarischen Arbeiterbewegungen gegeben hätte? Auch so eine Frage, die die Menschen, die sich über jeden Streik, egal ob LokführerInnen, PilotInnen, Kindergärtnerinnen und wer in letzter Zeit noch so gestreikt hat, in Aufregung versetzt. Sie ist uninteressant, denn solange das eigene Leben eingeschränkt wird, ist das mit der Solidarität anderen gegenüber nämlich nicht so weit her.

Nun hat die EVG also wieder das Tor in die Abgründe der deutschen Gesellschaft geöffnet. Noch halten sich die Dämonen zurück, aber sollte es wirklich zu Warnstreiks kommen, dann werden sie wieder hervorkommen, sie werden wieder in den sozialen Medien auftauchen, sie werden wieder in den anderen Medien vorkommen und sie werden wieder gegen das Streikrecht antreten, es einschränken wollen, um ja nicht in ihrem Leben gestört zu werden. Ich bin gespannt, was diesmal so alles gegen das Streikrecht in Stellung gebracht wird, wenn es denn wirklich zu diesen Warnstreiks kommen sollte.

Andere Artikel von mir zum Thema: 

27 November 2018

Sook Pedroza – Kurzgeschichte

Sook Pedroza sitzt an einem Fenster. Sook Pedroza sitzt dort, weil sie durch dieses Fenster Menschen beobachtet, durch die sie daran gehindert wird das zu tun, was sie tun will. Sie beobachtet die Menschen, die hektisch etwas tun, die zumindest so tun, als ob sie hektisch etwas tun. Wahrscheinlich, so denkt sich Sook Pedroza, denken diese Menschen, dass sie etwas Wichtiges tun, etwas, was für diese Gesellschaft von belang ist. Dabei igeln sie sich nur in ihre Arbeit ein, heften hier ein Blatt Papier in einen Ordner, kopieren dort etwas für den Vorgesetzten und sind stets darauf bedacht, dass die Kollegen ja keinerlei Vorteile erhalten, die sie selbst nicht bekommen. Natürlich sind sie stets freundlich zueinander, aber dem anderen mehr gönnen tut keiner. Sook stellt sich diese Menschen in einem Hamsterrad vor. Sie laufen und laufen, manchmal schneller, dann wieder langsamer, aber keiner von ihnen kommt überhaupt vom Fleck.

Sook Pedroza sitzt in einem Café. Sie trinkt einen Cappuccino und beobachtet Menschen, die ständig auf einen Bildschirm starren. Mal ist der Bildschirm größer, mal ist er kleiner. Mal hat er eine richtige Tastatur, mal nur eine virtuelle Tastatur auf dem Bildschirm. Die Menschen, die sie beobachtet, arbeiten. Sie denken, dass ihre Arbeit wirklich wichtig ist. Sie glauben da wirklich dran und vielleicht hilft ihre Dienstleistung auch wirklich einigen Menschen dabei, ihre individuellen Ziele zu erreichen. Sook Pedroza möchte die Arbeit, die diese Menschen erbringen, auch gar nicht kleiner machen, aber sie versteht nicht, warum diese Menschen soviel Energie in Dienstleistungen stecken, die nur ihren Chef reich machen, wenn sie denn überhaupt jemanden reich machen.

Sook Pedroza schaut aus dem Fenster des Cafés und beobachtet die Männer von der Müllabfuhr, die wirklich nur Männer sind, weil in ihrer Stadt noch keine Müllfrauen eingestellt werden. Sie beobachtet, wie diese Männer all den Müll abholen, der eigentlich nicht nötig wäre, der aber in einer Wohlstandsgesellschaft zwangsläufig auftritt und der die Umwelt zerstört, obwohl auch das nicht nötig wäre. Natürlich ist ihre Arbeit wichtig, denkt sich Sook, denn wenn diese Menschen den Müll nicht abholen würden, den diese Wohlstandsgesellschaft produziert, dann würde diese Gesellschaft darin ertrinken. Aber vielleicht ertrinkt sie ja dennoch in diesem Müll, unmerklich, weil der Müll immer mehr wird und er die Natur vergiftet.

Sook Pedroza hat eigentlich nichts gegen arbeitende Menschen. Sie erträgt es nur nicht, dass diese Menschen die Arbeit in den Mittelpunkt ihres Lebens stellen. Sie ärgert sich, dass diese Menschen sich über ihre Arbeit definieren, sie ihren sozialen Status von ihrer geleisteten Arbeit abhängig machen. Sook ist sich sicher, dass die Arbeit nur ein notwendiges Übel sein sollte. Sie sollte nicht dazu da sein, um einige wenige Menschen reich zu machen, sie sollte nicht zur Ausbeutung dienen, sondern dazu, dass jeder Mensch ein lebenswertes Leben leben kann. Ein Leben ohne wirkliche Zwänge oder zumindest mit einem Minimum an Zwängen.

Sook Pedroza wird von all diesen arbeitenden Menschen daran gehindert selbst erfolgreich zu sein. Sie muss sich mit dem zufriedengeben, was andere Menschen ihr zugestehen. Dabei möchte sie die Welt besser machen, möchte ihr Wissen und Können einsetzen, um die Solidarität groß zu machen. Doch all die arbeitenden Individualisten hindern sie daran, all die Menschen, die nur ihren eigenen Vorteil sehen und die im Wettbewerb untereinander sind. Im Hamsterrad des Wettbewerbs, aus dem sie nicht herauskommen. All die arbeitenden Menschen, die nicht sehen, dass sie zusammen mehr erreichen könnten, dass die Solidarität nicht nur ein Wort sein muss, sondern das sie ein Wert für eine neue Gesellschaft sein könnte. Eine Gesellschaft, die Sook Pedroza gerne errichten würde zusammen mit all diesen Menschen, durch die sie derzeit noch daran gehindert wird.

22 November 2018

Nicht unsichtbare Menschen lösen Probleme, sondern solidarische Gesellschaften

Es gibt Menschen ohne Obdach in Deutschland. Menschen, die keinen Raum haben, in den sie sich zurückziehen können, wo sie sich aufwärmen können, sich vor Regen, Sturm, Schnee und starker Hitze schützen können. Menschen die da sind, weil wir uns als Gesellschaft immer mehr individualisieren und für Solidarität kaum Platz ist. Jeder ist für sich selbst verantwortlich, wer Scheitert, ist selbst schuld, wer abgehängt wird, muss dies auf individuelles Versagen zurückführen. Nicht die Wirtschaftsform ist schuld, nicht die daraus resultierende Gesellschaft, die immer unsolidarischer wird.

Anstatt diesen Menschen zu helfen, wird versucht, sie aus dem Stadtbild zu verdrängen, sie unsichtbar zu machen. Es werden Gründe gesucht, Ausreden, warum gerade diesen Menschen nicht geholfen werden muss. Sie sollen die schönen Ecken nicht verunstalten, sie verursachen zu viel Müll und stinken tut es doch auch immer. So ist der O-Ton und mit diesem O-Ton wird dann danach gerufen, dass die Menschen vertrieben werden müssen, weil es einfach unangenehm ist, dass diese Menschen da sind, wo sie sind. Schließlich möchte mensch seinen Wohlstand genießen, möchte sich wohlfühlen, möchte nicht daran erinnert werden, dass es da noch eine andere Seite gibt.

Die andere Seite, die Verdrängung von Menschen, die ständige Verteuerung von Wohnraum, der fehlende Ersatz und dadurch eben für einige der Weg in die Wohnungslosigkeit. Zum Glück bedeutet Wohnungslosigkeit nicht sofort auch wirklich, ohne Obdach dazustehen. Zum Glück gibt es da noch Familien die zusammenhalten oder Freunde, die einem vorübergehend einen Unterschlupf anbieten und damit die Hoffnung aufrechterhalten, doch noch bezahlbaren Wohnraum zu finden und nicht auf der Straße zu landen.

Und meist sind es dann die Menschen, die diese Seite ausblenden wollen, die für die Verteuerung des Wohnraums verantwortlich sind, weil sie bereit sind, immer höhere Mieten zu zahlen. Sie machen ja etwas dafür, sie gehen ja schließlich hart Arbeiten, sollen doch die anderen noch härter Arbeiten und wenn ein Vollzeitjob nicht reicht, dann sollen sie halt noch einen zweiten Vollzeitjob annehmen. Diese Ignoranz, die durch die Individualisierung entsteht. Dieser Wettbewerbsgedanke, der dem Wirtschaftssystem innewohnt und den die Gesellschaft verinnerlicht hat. Die Gesellschaft übrigens, die den Spruch erfunden hat: „Niemand muss in Deutschland obdachlos sein.“, übrigens der Satz, der auch leicht abgewandelt auf Arbeitslose angewendet wird: „Niemand muss in Deutschland arbeitslos sein. Wer arbeiten möchte, der findet auch Arbeit.“

Die Verantwortung für die Verdrängung wollen diese Menschen nicht übernehmen, sie wollen diese Verantwortung auf die Politik abwälzen. Die sollen etwas tun, sollen dafür sorgen, dass die Vermieter auch für bezahlbaren Wohnraum sorgen. Die Politik ist schuld, wenn die Mieten ständig steigen, nicht der Mieter, der mit seiner Nachfrage und seiner Bereitschaft hohe Mieten zu zahlen, die Preise in die Höhe treibt.
Dabei wäre schon viel getan, wenn die Mieter selbst eben nicht bereit wären, jede noch so hohe Miete zu bezahlen, nur weil sie sich diese leisten können. Es wäre schön, wenn sich solidarische MieterInnenräte gründen, in denen sich die Mieterinnen und Mieter organisieren. Nicht nur ein paar, nicht nur die, die von der Verdrängung betroffen sind, sondern wirklich alle. Dass sie sich absprechen, sie den Wettbewerbsgedanken durchbrechen und notfalls eben mal nicht die Wohnung zu mieten, für die ein überteuerter Mietpreis verlangt wird. Das geht nur in einer solidarischen Gesellschaft, in einem solidarischen Kiez, wo nicht nur an den individuellen Nutzen gedacht wird, sondern an die Gemeinschaft.

Wenn Menschen Wohnraum haben, brauchen sie sich keine Zeltplätze aufbauen. Dann entstehen keine Orte, wo ein Müllproblem durch fehlende Infrastruktur entsteht. Wo Menschen ihre Notdurft in der freien Natur verrichten. Das Problem sind nicht diese Menschen, die auch irgendwo einen Platz brauchen. Das Problem ist der fehlende Wohnraum oder, um genauer zu sein, der fehlende bezahlbare Wohnraum. Und dieses Problem löst sich nicht, wenn die Menschen vertrieben werden, es verlagert sich. Sie brauchen ja weiterhin einen Ort zum Leben, der ist dann eben woanders, stört dort wieder andere Menschen, wird wieder dazu führen, dass die Menschen vertrieben werden. Ein Kreislauf, der keinerlei Probleme löst.

Solange Menschen ignorant sind, sie denken, dass die Lösungen nur durch die Politik gefunden werden können, wird sich dieser Kreislauf nicht auflösen. In Dortmund müssen Menschen, die eh schon keine Wohnung haben, eine Strafe zahlen, wenn sie im Freien übernachten. Sie werden noch dafür bestraft, dass sie durch all die sozialen Sicherungssysteme gefallen sind, für Schicksalsschläge, für Verdrängung. Um den anderen Menschen ihren Wohlfühlwohlstand nicht zu nehmen, sollen die, die nichts haben, unsichtbar werden. Der eigene Kiez muss halt sauber bleiben!

2 Mai 2018

Gesprächsfetzen aus der Stadt: Obdachlosigkeit

Ich fahre ja öfter mal S-Bahn in Berlin und es ist eher schwierig, dabei nicht auch ein paar Gespräche mitzubekommen. So auch gestern, als ich mir noch ein paar Getränke für den Tag besorgen musste.

Die Situation: Wie eigentlich in jeder S-Bahn, war auch in dieser S-Bahn wieder ein Mensch ohne Obdach, der sich von den Menschen im Zug eine kleine Spende erhoffte. Ich möchte kurz anmerken, dass ich natürlich auch nicht jedem Obdachlosen etwas geben kann, aber aus dieser Situation heraus entstand dann folgendes Gespräch zwischen ein paar Studentinnen:

„Ich gebe ja keinem Obdachlosen Geld. Wenn ich einem etwas gebe, dann muss ich ja allen etwas geben.“

„Stimmt, aber ein wenig Mitleid habe ich ja schon mit denen.“

„Manchmal gebe ich denen direkt etwas zu Essen, aber einer hat es mal abgelehnt, der hat dann auch den Euro nicht verdient.“

„Ja, und es gibt ja auch so viele Möglichkeiten, um aus der Obdachlosigkeit zu entkommen …“

Hier musste ich dann weg hören, denn in diesen Momenten möchte ich immer die Frage stellen, wie diese vielen Möglichkeiten denn aussehen. Sicher, es gibt Hilfe, aber um aus der Wohnungslosigkeit zu entkommen braucht es mehr und es braucht eben individualisierte Hilfe. Bei einigen mag es reichen, eine neue Wohnung zu organisieren. In den meisten Fällen braucht es aber mehr, braucht es psychologische Unterstützung, braucht es Menschen, die zuhören können, braucht es auch Zeit und Geduld. Und es ist eben auch gar nicht so einfach, eine Wohnung zu bekommen, weil diese nämlich entweder zu teuer sind oder weil eben noch Mietschulden vorhanden sind. Ich könnte sicher noch ein wenig mehr aufzählen, aber ich will es jetzt dabei belassen. Aber eins noch, der Spruch: „In Deutschland muss niemand Obdachlos sein!“ ist einfach nur falsch. Es gibt weder genügend Unterkünfte für obdachlose Menschen, noch gibt es genügend günstigen Wohnraum.

Es gäbe aber auch noch andere Dinge an dem Gespräch, über die Diskutiert werden könnte. Zum Beispiel, warum wir nicht einzelnen Menschen etwas geben können. Niemand verlangt, dass jeder einzelne jedem obdachlosen Menschen etwas gibt, sondern es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, allen obdachlosen Menschen zu helfen. Wenn also jeder ein wenig gibt, dann ist auch jedem obdachlosen Menschen geholfen.

Und warum sollte jemand, der Hilfe in Naturalien ablehnt, nicht doch den Euro verdient haben? Vielleicht hat er Mensch Allergien und muss deswegen genau wissen was in den Lebensmitteln ist. Oder er hat einfach eine Phobie davor. Ich kann zum Beispiel auch nicht aus einer Flasche trinken, aus der vor mir schon jemand getrunken hat (also direkt, Flasche am Mund). Oder Besteck, dass vor mir schon wer anderes hatte. So sind wir Menschen und darauf kann dann nicht mit einer solchen Pauschalisierung geantwortet werden.

20 Dezember 2016

Lasst uns über Menschlichkeit und Solidarität reden …

Mehr Überwachung, mehr Kontrollen, mehr Abschottung, dies sind die Schlagworte, über die gerade in den Medien diskutiert wird. Über die immer diskutiert wird, wenn irgendwo in Europa etwas passiert. Warum diskutieren wir aber nicht mal über Waffenexporte, Armut, Ausbeutung von Rohstoffen durch westliche Firmen und Angst? Warum diskutieren wir nicht über die Perspektivlosigkeit, die dazu führt, dass Menschen ihre Zukunft und die Zukunft ihrer Familie bei Terrororganisationen suchen? Warum reden wir nicht über den rechten Terror hier in Deutschland? Über die brennenden Unterkünfte, die für geflüchtete Menschen gedacht waren? Über Übergriffe, die eben auch dazu führen, dass die Menschen, die schon hier in Deutschland sind, sich auch noch in die Fänge von Terrororganisationen begeben?

Darüber schweigen wir lieber, weil wir uns dann eingestehen müssten, dass wir den Terror, der jetzt zurück kommt, selbst exportiert haben. Es ist leichter gegen geflüchtete Menschen zu hetzen, da dadurch die Mitschuld an dem, was in der Welt passiert, was somit zwangsläufig auch bei uns passiert, nicht sichtbar wird.

Damit werden wir den Terror auf dieser Welt aber nicht besiegen können. Wir können ihn nur besiegen, wenn wir statt Waffen Menschlichkeit exportieren. Wir, also der Teil der Welt, der in Wohlstand lebt, müssen dafür sorgen, dass kein Mensch mehr hungern muss. Wir müssen Solidarität leben und nicht Ausbeutung. Wir müssen verhindern, dass Menschen wegen Rohstoffen vertrieben werden. Enteignet, damit wenige Menschen noch mehr Profit erwirtschaften und noch mehr Geld anhäufen können.

Mehr Überwachung, mehr Kontrolle, mehr Abschottung wird den Terror nicht besiegen, genauso wenig wie Bomben und Kriege – die gegen den Terror helfen sollen – das schaffen werden.

Die ganzen Terrororganisationen profitieren von unserem System. Sie zahlen Sold an Menschen, die sonst keine Möglichkeit hätten, ihre Familie zu ernähren. Und jetzt muss sich jeder von uns Fragen: Was würde ich tun, um meine Familie zu ernähren? Terror oder Hunger? Vielleicht sterben oder ganz bestimmt sterben?

Wir könnten das ändern! Wir könnten den Hunger besiegen und somit verhindern, dass sich Menschen dazu entscheiden, zu Terrororganisationen zu gehen. Ganz bestimmt ist dadurch die Terrororganisation noch nicht gestoppt, da es den Anführern nicht ums Geld geht. Denen geht es um Macht! Gestoppt wäre aber der Zulauf von verzweifelten Menschen, die das nicht aus Überzeugung machen sondern aus Verzweiflung. Und damit wäre schon viel erreicht, denn dadurch wären die vielen Selbstmordattentäter schon einmal weg. Denn die Anführer wollen, wie oben schon erwähnt, Macht und nicht selbst sterben.

Lasst uns doch also einmal darüber diskutieren, wie wir Menschlichkeit exportieren können. Lasst uns darüber reden, wie wir eine solidarische Weltgemeinschaft werden, die nicht aus Neid, Missgunst, Hunger und Angst besteht. Erst wenn wir darüber sprechen, erst dann beginnen wir wirklich mit dem Kampf gegen den Terror.

19 Juli 2016

Gentrifizierung: Wenn Journalisten den Protest nicht verstehen …

„Entschuldigen Sie, natürlich finde ich es scheiße das Menschen sich Wohnraum nicht mehr leisten können, aber daran bin doch ich nicht Schuld und nein, es gibt natürlich auch kein Recht darauf, dass sich die Stadt nicht verändert. Schuld ist doch nur der Vermieter und nicht ich, obwohl ich es bin, der die hohen Mieten zahlt und ich auch bereit bin, diese hohen Mieten zu zahlen. Und warum sollte ich den Vermieter an sein soziales Gewissen erinnern? Dafür ist doch die Politik da! Und alle, die dies eben doch tun, tun dies nur aus Eigennutz …“

Nein, das ist natürlich nicht meine Meinung, so liest sich allerdings die Kolumne von Özlem Topcu, welche in der „Zeit“ veröffentlicht wurde. Sie spricht von autoritären und selbstgerechten Protest der linksautonomen Szene gegen die Gentrifizierung. Davon, dass der Zorn die falschen trifft, die Menschen die „hart Arbeiten“, um sich ihr Auto und ihre Wohnung finanzieren zu können. Was bedeutet das? Das die, die mit den steigenden Mieten nicht mehr mithalten können und deswegen aus ihrem sozialen Umfeld vertrieben werden, nicht „hart Arbeiten“? Ist diese Aussage in sich nicht schon wieder selbstgerecht?

Es gibt viele Menschen, die arbeiten genauso hart oder noch sehr viel härter als Frau Topcu, können sich aber die hohen Mieten nicht leisten, geschweige denn von einem Auto. Menschen, die Jahrzehnte in einem Kiez gelebt haben, ihn teilweise mit geprägt haben, ihn zu dem gemacht haben, was er ist und die dann verdrängt werden, weil es andere Menschen gibt, die bereit sind eine bedeutend höhere Miete zu zahlen, um ein Teil von diesem Kiez zu werden, den die Menschen, die verdrängt werden, aufgebaut haben.

Ja, diese Bereitschaft höhere Mieten zu zahlen, ist Teil des Problems. Frau Topcu macht es sich zu einfach, wenn sie fordert, dass die Politik die Vermieter an ihr soziales Gewissen erinnern soll. Frau Topcu selbst muss dies tun! Frau Topcu natürlich nicht allein, sondern alle, die in der Lage sind solch hohe Mieten zu zahlen. Erst wenn die Bereitschaft sinkt, immer höhere Mieten zu zahlen, erst dann wird ein Prozess der Veränderung starten. Die Politik kann natürlich mit dem Zeigefinger auf den Vermieter zeigen, nur den wird es kaum interessieren, solange es Mieter gibt, die bereit sind, noch höhere Mieten zu zahlen.

Frau Topcu vergisst also, dass sie Teil des Problems ist, und als Teil des Problems, bekommt sie natürlich auch den Protest gegen Gentrifizierung zu spüren. Nicht, weil sie „so hart arbeitet“, sondern weil sie bereit ist, so hohe Mieten zu bezahlen. Sie könnte dies aber ändern. Wenn sie bereit wäre, sich mit den Menschen zu solidarisieren, die aus ihrem sozialen Umfeld verdrängt werden sollen. Wenn sie wirklich der Meinung ist, dass etwas gegen diese Verdrängung gemacht werden muss, dann muss sie dies auch Zeigen. Sie wird dann auch sehr schnell verstehen, dass sie nicht zum Gegenstand des Protestes wird, weil sie ein wenig mehr Geld verdient, sondern weil sie eben bereit ist, Menschen zu verdrängen. Der Protest entsteht nicht, weil die Menschen vor Neid schäumen, er entsteht, weil die Menschen ihr zu Hause verlieren, ihr soziales Umfeld. Dies ist Frau Topcu aber anscheinend nicht wirklich bewusst, denn wenn dem so wäre, würde sie nicht versuchen, den Protest durch eine Neiddebatte zu delegitimieren.

Vielleicht sollte sich Frau Topcu einmal darüber Gedanken machen, ob es nicht falsch ist, den Forderungen der Vermieter nachzukommen, nur weil sie es kann. Vielleicht sollte sie sich einmal überlegen, ob sie diese Spirale nicht durchbrechen möchte und kann, indem sie sich eine Grenze bei der Miethöhe setzt und sie eben nicht in den Szene-Bezirk zieht, wenn die Vermieter dort mehr verlangen als sie bereit ist zu bezahlen. Wenn niemand mehr bereit ist, immer höhere Mieten zu zahlen, dann wird der Vermieter sich dem Markt sehr schnell anpassen müssen, was bedeutet, dass er seine Mietpreise nach unten korrigieren muss. Nur so kann der Prozess der Verdrängung durchbrochen werden – die Politik selbst kann da relativ wenig machen.

22 April 2015

Für die Solidarität mit der #GDL gegen die Bequemlichkeit

Jetzt geht es wieder los, das rumgehacke auf der GDL. Dabei macht die GDL nur genau das, für das sie da ist. Sie kämpft für ihre Mitglieder um einen möglichst guten Tarifabschluss. Und sie macht sogar noch mehr, denn sie kämpft offen für die Tarifpluralität. Sie kämpft also nicht nur für ihre Mitglieder, sie kämpft für alle Arbeitnehmer, sie kämpft um die Arbeitnehmerrechte, für die vor ihr schon so viele Generationen kämpfen mussten.

Die Bundesregierung plant mit dem Tarifeinheitsgesetz diese Arbeitnehmerrechte zu beschneiden, und die Deutsche Bahn AG spielt auf Zeit, weil dieses Gesetz noch in diesem Jahr kommen soll. Und dann gibt es die Arbeitnehmer, die zwar immer wieder jammern, dass sie viel zu wenig Geld in den Taschen haben, die aber nichts anderes zu tun haben, als gegen den Streik der GDL zu hetzen. Dann kommt immer das Argument, dass diese Berufsgruppe doch schon genug verdient und das sie mit ihren Streiks doch nur denen schadet, die noch weniger verdienen.

Aber nein, sie schaden diesen Menschen eben nicht. Ganz im Gegenteil, sie zeigen diesen Menschen eigentlich auf, welche Mittel sie zur Verfügung hätten, um eine vernünftige Lohnerhöhung zu erhalten. Sie zeigen auf, dass Streiks immer noch ein wirkungsvolles Mittel sind und sie zeigen auf, dass es dazu eben starke Gewerkschaften braucht, die nicht mit den Arbeitgebervertretern kuscheln, weil das Spitzenpersonal der Gewerkschaften sich erhofft, eine Stelle in der Wirtschaft zu bekommen, wenn sie den Unternehmen nicht wirklich wehtun. Es müsste endlich wieder mehr Streiks in Deutschland geben und zwar unabhängig davon, wie viel diese Berufsgruppe denn nun verdient oder nicht. Streiks sind ein Mittel, um die Gewinne von oben nach unten zu verteilen und sie sind ein Mittel, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern.

Streiks könnten sogar noch sehr viel mehr sein, wenn sie denn in der Gesellschaft endlich wieder mehr Akzeptanz erfahren würden. Streiks könnten neoliberale Gesetze verhindern, die sich gegen die Arbeitnehmer richten, sie könnten also die Gesellschaft auch insgesamt verbessern.

Aber die Akzeptanz fehlt, weil Streiks in die Bequemlichkeit unseres Lebens eingreifen. Wenn der Zug nicht fährt, geht ein Stück Mobilität verloren. Wenn die Post nicht liefert, kann das Paket mit dem Buch erst später geöffnet werden. Wenn die VerkäuferInnen streiken, ist der Einkauf mal nicht zeitnah zu erledigen.
Ja, ich könnte noch mehr aufzählen, aber es ist doch unsere Bequemlichkeit, die uns nicht erkennen lässt, dass diese Einschränkungen einem guten Ziel dienen. Es geht darum, dass sich die Arbeitnehmer einen fairen Anteil vom Kuchen sichern. Es geht darum, dass die Arbeitsbedingungen verbessert werden. Dinge, von denen nicht nur die jetzigen Arbeitnehmer profitieren, sondern auch die nächste Generation. Die Bequemlichkeit ist es, die stärker ist, als die Solidarität mit anderen Arbeitnehmern. Die Bequemlichkeit ist es, die die Arbeitgeber stärkt und die Arbeitnehmer immer weiter schwächt.

Wir schwächen uns also selbst und wir sollten uns dann nicht darüber wundern, dass sich das Kapital auf immer weniger Menschen konzentriert. Wir sind ja schon zu faul, um für unseren fairen Anteil an den Gewinnen zu kämpfen. Wir sind schon so von der neoliberalen Politik geblendet, dass wir tatsächlich denken, dass der Verzicht auf faire Löhne dazu führt, dass mehr Arbeitsplätze geschaffen werden oder zumindest dazu, dass der eigene Arbeitsplatz sicher ist. Dem ist aber nicht so….

Eigentlich müssten jetzt alle Gewerkschaften Demos gegen das Tarifeinheitsgesetz organisieren. Eigentlich müssten Millionen von Menschen auf der Straße sein, aber dazu reicht es nicht mehr. Es reicht ja nicht einmal mehr zur Solidarität mit den Menschen, die für mehr Geld und für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen. Und am Ende wundern sich alle, warum die Armut immer größer wird und sich immer mehr Menschen immer weniger leisten können. Und sobald die Leibeigenschaft dann wieder eingeführt ist, wundern wir uns, wie es soweit kommen konnte…