31 Dezember 2018

Lasst ihnen das letzte Stück Selbstbestimmung

„Die Leute zögern zu spenden, weil sie sich nicht sicher sind, was die Obdachlosen mit dem Geld machen.“

Zitat aus dem Artikel von Deutschlandfunk Nova

Es gibt jetzt in England also eine App, mit deren Hilfe an obdachlose Menschen per Smartphone eine Spende gesendet werden kann. Wäre soweit erst einmal nichts Schlimmes, wenn diese App nicht auch noch zur Überwachung dieser obdachlosen Menschen dienen würde. Denn der Spender kann sehen, wofür das Geld verwendet wird, viel schlimmer noch, es ist meist direkt zweckgebunden, soll heißen, die obdachlosen Menschen können nicht selbst entscheiden, was mit dem Geld geschieht. Aber das reicht noch nicht, es geht nämlich noch einen Schritt weiter. Die Menschen werden nicht nur entmündigt, sie werden auch zu Touristenattraktionen gemacht. Sie tragen eine Marke mit einem Strichcode, der vom potentiellen Spender eingescannt wird, und wo der Spender dann die Geschichte des obdachlosen Menschen nachlesen kann. Eine Jagd auf Schicksale, eine neue Art des Voyeurismus, die das Schicksal dieser Menschen öffentlich zugänglich macht.

Zeit spenden

Wer etwas über das Schicksal von obdachlosen Menschen erfahren möchte, der sollte ihnen Zeit und Aufmerksamkeit schenken, mit ihnen Reden, sich die Geschichte erzählen lassen. Auch über die Pläne für die Zukunft kann in einem solchen Gespräch gesprochen werden, bei einem Essen oder einem Kaffee. Dazu braucht es keine App, dazu braucht es keinen Voyeurismus, der dann eventuell zu einer Spende führt, über die die obdachlosen Menschen dann nicht einmal frei verfügen können.

Die Idee hinter der App mag ja gut gemeint sein, aber sie ist eher sehr schlecht umgesetzt. Gegen ein Konto für diese Menschen, zu dem sie uneingeschränkt Zugang haben und wo sie über das Geld frei verfügen können, wäre nichts zu sagen. Auch nicht zu einer Verknüpfung mit einer App, über die dann Bargeldlos gespendet werden kann, ebenso wenig. Aber alles andere geht über das Ziel hinaus.

Bevormundung und Erziehung zu gesellschaftlich akzeptierten Verhaltensformen

Diese App, so wie sie hier gestaltet ist, ist zur Bevormundung von Menschen gedacht. Sie nimmt den Menschen noch den letzten funken Stolz, lässt sie noch weiter absinken, weil sie nur dann, wenn sie sich durch den Spender bevormunden lassen, Geld bekommen. Viel wichtiger wäre aber Vertrauen und Zeit! Vertrauen darin, dass diese Menschen sinnvolle Entscheidungen treffen, dass sie wissen, wofür sie das Geld am dringendsten brauchen. Zeit, um sie bei ihren Zielen und Plänen zu unterstützen. Es ist total unwichtig, wofür diese Menschen das Geld am Ende ausgeben, und wenn sie es für Alkohol ausgeben, dann geben sie es eben für Alkohol aus. Das ist dieser letzte Rest von Selbstbestimmung in ihrem Leben, wobei eine Sucht das Leben eventuell auch fremdbestimmt, aber die Entscheidung von dieser Sucht weg zu kommen, muss jeder Mensch alleine und selbstbestimmt treffen.

Die App aber möchte erziehen, sie will obdachlose Menschen zu gesellschaftlich akzeptierte Verhaltensformen zwingen. Sie will sie in eine Gesellschaft zurückholen, die diese Menschen vorher hat scheitern lassen, die dazu beigetragen hat, dass diese Menschen scheitern. Sicher will diese App den obdachlosen Menschen eine neue Chance geben, aber eben keine selbstbestimmte Chance, sondern eine Chance, die klar durch die Gesellschaft vorgegeben wird, die überprüfbar ist und die bei einem erneuten Scheitern die Gesellschaft von der Schuld befreit, weil sie ja versucht hat, diesem Menschen zu helfen, sie ihm ja den richtigen Weg gezeigt hat. Oder zumindest den Weg, der von der Gesellschaft akzeptiert ist.

Es ist eine App, die den Kosten-Nutzen-Faktor für die Gesellschaft optimieren soll. Eine Spende, die nicht zweckgebunden ist, steht diesem Kosten-Nutzen-Faktor entgegen, denn der Nutzen für die Gesellschaft könnte gegen null gehen, wenn die obdachlosen Menschen das Geld nicht so nutzen, wie es sich der Spender vorstellt. Es ist genau das, was von einem Wirtschaftsstudenten zu erwarten ist, denn in den Wirtschaftswissenschaften ist der Faktor Mensch nur ein Kostenfaktor und eben kein Mensch.

22 November 2018

Nicht unsichtbare Menschen lösen Probleme, sondern solidarische Gesellschaften

Es gibt Menschen ohne Obdach in Deutschland. Menschen, die keinen Raum haben, in den sie sich zurückziehen können, wo sie sich aufwärmen können, sich vor Regen, Sturm, Schnee und starker Hitze schützen können. Menschen die da sind, weil wir uns als Gesellschaft immer mehr individualisieren und für Solidarität kaum Platz ist. Jeder ist für sich selbst verantwortlich, wer Scheitert, ist selbst schuld, wer abgehängt wird, muss dies auf individuelles Versagen zurückführen. Nicht die Wirtschaftsform ist schuld, nicht die daraus resultierende Gesellschaft, die immer unsolidarischer wird.

Anstatt diesen Menschen zu helfen, wird versucht, sie aus dem Stadtbild zu verdrängen, sie unsichtbar zu machen. Es werden Gründe gesucht, Ausreden, warum gerade diesen Menschen nicht geholfen werden muss. Sie sollen die schönen Ecken nicht verunstalten, sie verursachen zu viel Müll und stinken tut es doch auch immer. So ist der O-Ton und mit diesem O-Ton wird dann danach gerufen, dass die Menschen vertrieben werden müssen, weil es einfach unangenehm ist, dass diese Menschen da sind, wo sie sind. Schließlich möchte mensch seinen Wohlstand genießen, möchte sich wohlfühlen, möchte nicht daran erinnert werden, dass es da noch eine andere Seite gibt.

Die andere Seite, die Verdrängung von Menschen, die ständige Verteuerung von Wohnraum, der fehlende Ersatz und dadurch eben für einige der Weg in die Wohnungslosigkeit. Zum Glück bedeutet Wohnungslosigkeit nicht sofort auch wirklich, ohne Obdach dazustehen. Zum Glück gibt es da noch Familien die zusammenhalten oder Freunde, die einem vorübergehend einen Unterschlupf anbieten und damit die Hoffnung aufrechterhalten, doch noch bezahlbaren Wohnraum zu finden und nicht auf der Straße zu landen.

Und meist sind es dann die Menschen, die diese Seite ausblenden wollen, die für die Verteuerung des Wohnraums verantwortlich sind, weil sie bereit sind, immer höhere Mieten zu zahlen. Sie machen ja etwas dafür, sie gehen ja schließlich hart Arbeiten, sollen doch die anderen noch härter Arbeiten und wenn ein Vollzeitjob nicht reicht, dann sollen sie halt noch einen zweiten Vollzeitjob annehmen. Diese Ignoranz, die durch die Individualisierung entsteht. Dieser Wettbewerbsgedanke, der dem Wirtschaftssystem innewohnt und den die Gesellschaft verinnerlicht hat. Die Gesellschaft übrigens, die den Spruch erfunden hat: „Niemand muss in Deutschland obdachlos sein.“, übrigens der Satz, der auch leicht abgewandelt auf Arbeitslose angewendet wird: „Niemand muss in Deutschland arbeitslos sein. Wer arbeiten möchte, der findet auch Arbeit.“

Die Verantwortung für die Verdrängung wollen diese Menschen nicht übernehmen, sie wollen diese Verantwortung auf die Politik abwälzen. Die sollen etwas tun, sollen dafür sorgen, dass die Vermieter auch für bezahlbaren Wohnraum sorgen. Die Politik ist schuld, wenn die Mieten ständig steigen, nicht der Mieter, der mit seiner Nachfrage und seiner Bereitschaft hohe Mieten zu zahlen, die Preise in die Höhe treibt.
Dabei wäre schon viel getan, wenn die Mieter selbst eben nicht bereit wären, jede noch so hohe Miete zu bezahlen, nur weil sie sich diese leisten können. Es wäre schön, wenn sich solidarische MieterInnenräte gründen, in denen sich die Mieterinnen und Mieter organisieren. Nicht nur ein paar, nicht nur die, die von der Verdrängung betroffen sind, sondern wirklich alle. Dass sie sich absprechen, sie den Wettbewerbsgedanken durchbrechen und notfalls eben mal nicht die Wohnung zu mieten, für die ein überteuerter Mietpreis verlangt wird. Das geht nur in einer solidarischen Gesellschaft, in einem solidarischen Kiez, wo nicht nur an den individuellen Nutzen gedacht wird, sondern an die Gemeinschaft.

Wenn Menschen Wohnraum haben, brauchen sie sich keine Zeltplätze aufbauen. Dann entstehen keine Orte, wo ein Müllproblem durch fehlende Infrastruktur entsteht. Wo Menschen ihre Notdurft in der freien Natur verrichten. Das Problem sind nicht diese Menschen, die auch irgendwo einen Platz brauchen. Das Problem ist der fehlende Wohnraum oder, um genauer zu sein, der fehlende bezahlbare Wohnraum. Und dieses Problem löst sich nicht, wenn die Menschen vertrieben werden, es verlagert sich. Sie brauchen ja weiterhin einen Ort zum Leben, der ist dann eben woanders, stört dort wieder andere Menschen, wird wieder dazu führen, dass die Menschen vertrieben werden. Ein Kreislauf, der keinerlei Probleme löst.

Solange Menschen ignorant sind, sie denken, dass die Lösungen nur durch die Politik gefunden werden können, wird sich dieser Kreislauf nicht auflösen. In Dortmund müssen Menschen, die eh schon keine Wohnung haben, eine Strafe zahlen, wenn sie im Freien übernachten. Sie werden noch dafür bestraft, dass sie durch all die sozialen Sicherungssysteme gefallen sind, für Schicksalsschläge, für Verdrängung. Um den anderen Menschen ihren Wohlfühlwohlstand nicht zu nehmen, sollen die, die nichts haben, unsichtbar werden. Der eigene Kiez muss halt sauber bleiben!

21 November 2018

Wohnraum nutzen – Chancen sehen – Menschen helfen

Es ist Herbst, die lange Hitzeperiode ist vorbei, die Temperaturen gehen immer mehr gegen null, in der Nacht gibt es teilweise schon Frost, in einigen Gebieten gab es sogar schon den ersten Schnee. Auch zu dieser Jahreszeit gibt es Menschen, die keinen eigenen Wohnraum haben, die auf der Straße leben müssen, weil irgendwann mal etwas schiefging, Sicherungsnetze nicht gegriffen haben. Schicksalsschläge, die zu einem totalen Absturz führten. Es ist schon traurig, dass eine Gesellschaft so etwas zulässt, noch dazu eine reiche Gesellschaft, die das überhaupt nicht nötig hätte. Noch schlimmer wird es, wenn Bürokratie dazu führt, dass freier Wohnraum nicht genutzt werden kann, er leer steht, weil die Politik zu unflexibel ist, weil sie verschiedene Gesetze für verschiedene schutzbedürftige Gruppen haben.

Derzeit passiert das in Deutschland mit Unterkünften für geflüchtete Menschen. Es gibt derzeit mehr Unterkünfte als geflüchtete Menschen, doch anstatt diese Unterkünfte – zumindest für die Zeit im Winter – Menschen ohne Wohnraum zur Verfügung zu stellen, wird darauf verwiesen, dass da unterschiedliches Baurecht gilt, die Unterkünfte für geflüchtete Menschen gedacht sind, diese somit auch für eine bestimmte Zeit gebunden sind. Das wäre ja auch okay, wenn diese denn für die Gruppe der geflüchteten Menschen gebraucht werden würden, wenn abzusehen wäre, dass diese in naher Zukunft die Unterkünfte benötigen werden. Aber derzeit ist das nicht der Fall, derzeit stehen Unterkünfte frei, obwohl es Menschen gibt, die diese dringend gebrauchen könnten.

Ja, es besteht die Gefahr, dass diese Lösung nur von kurzer Zeit ist, dass wieder mehr Menschen ankommen, die sich auf der Flucht befinden. Das könnte am Ende zu Konflikten führen, aber warum braucht es eigentlich getrennte Unterkünfte für geflüchtete Menschen und Menschen ohne Wohnraum? Muss es solch eine Trennung wirklich geben? Könnte eine Durchmischung nicht vielleicht eine Chance sein, ein Gewinn für beide Seiten? Ein Gewinn für die Menschen ohne Obdach, weil sie den geflüchteten Menschen beim Ankommen helfen können? Weil sie dadurch vielleicht eine neue Aufgabe in einer solidarischen Gemeinschaft finden können? Und auch ein Gewinn für die geflüchteten Menschen, die nicht abgeschottet wären, die sofort Kontakt zu Menschen aus Deutschland hätten? Muss dies immer gleich als ein Konfliktherd gedacht werden oder kann es nicht als Chance gedacht werden, als Win-Win-Situation, als Chance für mehr Akzeptanz, für mehr Solidarität?

Wohnraum nicht zu nutzen, nur weil es die Bürokratie verhindert, ist der falsche Weg. Ein Weg, der auch wieder Hetzern Futter gibt, der ihnen wieder die Möglichkeit eröffnet, verschiedene hilfsbedürftige Gruppen gegeneinander auszuspielen. Es ist die Art Politik, die nicht weiter denkt, die nicht die Chancen sieht, die sich ergeben könnten. Die auf Paragraphen besteht, die nicht sinnvoll sind. Die auch nicht nachvollziehbar sind, denn auch die leerstehenden Unterkünfte kosten Geld und da ist auch egal, aus welchem Topf dieses Geld kommt!

Und wenn dann die ersten Berichte von Menschen kommen, die in der Kälte erfroren sind, weil unserer Gesellschaft es nicht fertigbringt, jeden Menschen anständigen Wohnraum zur Verfügung zu stellen, dann steigt die Wut. Dieselbe Wut die hochkommt, wenn auf dem Mittelmeer wieder Menschen ertrinken. Unnötiges Sterben in den Straßen eines reichen Landes, unnötiges Sterben auf den Meeren.

Vielleicht können wir den Menschen zumindest ein schönes Weihnachtsfest bescheren. Hier in Berlin organisiert die Kälte Nothilfe immer ein Weihnachtsfest. Klar, es gibt da auch schon vorher ein großes Event von Frank Zander, aber muss das schon alles sein? Ich denke nicht! Mehr Infos findet ihr unter dem Link auf Facebook.

Bild Facebookpost Kälte Nothile
Bild vom Facebookpost der Kälte Nothilfe

2 Mai 2018

Gesprächsfetzen aus der Stadt: Obdachlosigkeit

Ich fahre ja öfter mal S-Bahn in Berlin und es ist eher schwierig, dabei nicht auch ein paar Gespräche mitzubekommen. So auch gestern, als ich mir noch ein paar Getränke für den Tag besorgen musste.

Die Situation: Wie eigentlich in jeder S-Bahn, war auch in dieser S-Bahn wieder ein Mensch ohne Obdach, der sich von den Menschen im Zug eine kleine Spende erhoffte. Ich möchte kurz anmerken, dass ich natürlich auch nicht jedem Obdachlosen etwas geben kann, aber aus dieser Situation heraus entstand dann folgendes Gespräch zwischen ein paar Studentinnen:

„Ich gebe ja keinem Obdachlosen Geld. Wenn ich einem etwas gebe, dann muss ich ja allen etwas geben.“

„Stimmt, aber ein wenig Mitleid habe ich ja schon mit denen.“

„Manchmal gebe ich denen direkt etwas zu Essen, aber einer hat es mal abgelehnt, der hat dann auch den Euro nicht verdient.“

„Ja, und es gibt ja auch so viele Möglichkeiten, um aus der Obdachlosigkeit zu entkommen …“

Hier musste ich dann weg hören, denn in diesen Momenten möchte ich immer die Frage stellen, wie diese vielen Möglichkeiten denn aussehen. Sicher, es gibt Hilfe, aber um aus der Wohnungslosigkeit zu entkommen braucht es mehr und es braucht eben individualisierte Hilfe. Bei einigen mag es reichen, eine neue Wohnung zu organisieren. In den meisten Fällen braucht es aber mehr, braucht es psychologische Unterstützung, braucht es Menschen, die zuhören können, braucht es auch Zeit und Geduld. Und es ist eben auch gar nicht so einfach, eine Wohnung zu bekommen, weil diese nämlich entweder zu teuer sind oder weil eben noch Mietschulden vorhanden sind. Ich könnte sicher noch ein wenig mehr aufzählen, aber ich will es jetzt dabei belassen. Aber eins noch, der Spruch: „In Deutschland muss niemand Obdachlos sein!“ ist einfach nur falsch. Es gibt weder genügend Unterkünfte für obdachlose Menschen, noch gibt es genügend günstigen Wohnraum.

Es gäbe aber auch noch andere Dinge an dem Gespräch, über die Diskutiert werden könnte. Zum Beispiel, warum wir nicht einzelnen Menschen etwas geben können. Niemand verlangt, dass jeder einzelne jedem obdachlosen Menschen etwas gibt, sondern es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, allen obdachlosen Menschen zu helfen. Wenn also jeder ein wenig gibt, dann ist auch jedem obdachlosen Menschen geholfen.

Und warum sollte jemand, der Hilfe in Naturalien ablehnt, nicht doch den Euro verdient haben? Vielleicht hat er Mensch Allergien und muss deswegen genau wissen was in den Lebensmitteln ist. Oder er hat einfach eine Phobie davor. Ich kann zum Beispiel auch nicht aus einer Flasche trinken, aus der vor mir schon jemand getrunken hat (also direkt, Flasche am Mund). Oder Besteck, dass vor mir schon wer anderes hatte. So sind wir Menschen und darauf kann dann nicht mit einer solchen Pauschalisierung geantwortet werden.

1 Juni 2015

Menschlich inkompatible Gesellschaft

Tasse Cappucino mit Herz

„Menschliche Inkompatibilität“, das ist das aktuelle Thema vom Blogideekasten. Als ich das Thema gestern sah, dachte ich schon, ich würde dazu wieder nichts schreiben können, da ich überhaupt nicht wusste, was das überhaupt sein soll. Doch wie es der Zufall so will, stolperte ich heute über einen Artikel, bei dem mir das Thema sofort wieder ins Gedächtnis kam.

Unsere Gesellschaftsform ist menschlich inkompatibel

 

Im Artikel ging es um die Verdrängung von Menschen. Um genauer zu sein, es ging um die Verdrängung von Obdachlosen aus dem öffentlichen Raum. Da werden an öffentlichen Orten Spikes in den Boden gelassen, damit sich die Obdachlosen dort ja nicht hinsetzen oder hinlegen. Erinnert an diese Stachelmatten auf Bahnhöfen, die Tauben davon abhalten sollen, sich dort niederzulassen. Oder nehmen wir die Entlüftungsgitter. Im Winter ein Ort, an dem sich Obdachlose zumindest ein wenig aufwärmen können. Aber auch dieser Ort wird so umgebaut, damit Obdachlose die Wärme auch gar nicht nutzen können, obwohl es viel zu wenige offizielle Orte gibt, an denen sich Obdachlose im Winter aufwärmen können.

Die Gesellschaft möchte die Obdachlosen nicht sehen. Ja, ich verallgemeinere hier etwas, in dem Bewusstsein, dass es Teile in der Gesellschaft gibt, die den Obdachlosen durchaus helfen wollen. Aber der Großteil möchte nicht, dass sich Obdachlose in Bahnhöfen aufhalten. Sie wollen diese nicht im öffentlichen Straßenbild sehen, wollen sich nicht mit den Problemen beschäftigen, die es in dieser Gesellschaft gibt. Ich glaube sogar, dass vielen die Obdachlosen auch nur peinlich sind, weil sie zeigen, dass es auch in einem reichen Land wie Deutschland extreme Armut gibt.

Aber eine Gesellschaft, die Menschen, die schon alles verloren haben, noch weiter verdrängt, ist keine Gesellschaft, die menschlich kompatibel ist. Eine Gesellschaft, die die Augen vor Armut und Leid verschließt und lieber auf andere Länder verweist, in denen es den Menschen noch schlechter geht, hat keinen Funken Menschlichkeit. Auch dann nicht, wenn sie so tut, in anderen Ländern zu helfen, obwohl sie dort eigentlich nur das eigene System verteidigen möchte.

Es ist keine Lösung, wenn ich irgendwo Spikes in den Boden einlasse, ebenso ist es keine, wenn ich Orte so verändere, dass dort der Aufenthalt für Obdachlose unmöglich wird. Es ist eine reine Verdrängung, eine Verdrängung, weil es beschämend wäre, die Armut, die in einem Land wie Deutschland eigentlich nicht nötig wäre, auch noch öffentlich zu zeigen. Eine Lösung wäre es, den Menschen zu helfen, ihnen zumindest Orte zu schaffen, an denen sie vor Kälte, Wind und Regen geschützt sind, obwohl das eigentlich noch viel zu wenig ist. Nicht das Verdrängen ist die Lösung, sondern das Helfen. Wenn Entlüftungsgitter wärme spenden, warum dann nicht auch eine kleine Hütte bauen, damit die Obdachlosen dort auch vor Niederschlägen geschützt sind? Das wäre Menschlichkeit, das wäre eine Gesellschaft, die menschlich kompatibel wäre.