Mai 2 2018

Gesprächsfetzen aus der Stadt: Obdachlosigkeit

Ich fahre ja öfter mal S-Bahn in Berlin und es ist eher schwierig, dabei nicht auch ein paar Gespräche mitzubekommen. So auch gestern, als ich mir noch ein paar Getränke für den Tag besorgen musste.

Die Situation: Wie eigentlich in jeder S-Bahn, war auch in dieser S-Bahn wieder ein Mensch ohne Obdach, der sich von den Menschen im Zug eine kleine Spende erhoffte. Ich möchte kurz anmerken, dass ich natürlich auch nicht jedem Obdachlosen etwas geben kann, aber aus dieser Situation heraus entstand dann folgendes Gespräch zwischen ein paar Studentinnen:

„Ich gebe ja keinem Obdachlosen Geld. Wenn ich einem etwas gebe, dann muss ich ja allen etwas geben.“

„Stimmt, aber ein wenig Mitleid habe ich ja schon mit denen.“

„Manchmal gebe ich denen direkt etwas zu Essen, aber einer hat es mal abgelehnt, der hat dann auch den Euro nicht verdient.“

„Ja, und es gibt ja auch so viele Möglichkeiten, um aus der Obdachlosigkeit zu entkommen …“

Hier musste ich dann weg hören, denn in diesen Momenten möchte ich immer die Frage stellen, wie diese vielen Möglichkeiten denn aussehen. Sicher, es gibt Hilfe, aber um aus der Wohnungslosigkeit zu entkommen braucht es mehr und es braucht eben individualisierte Hilfe. Bei einigen mag es reichen, eine neue Wohnung zu organisieren. In den meisten Fällen braucht es aber mehr, braucht es psychologische Unterstützung, braucht es Menschen, die zuhören können, braucht es auch Zeit und Geduld. Und es ist eben auch gar nicht so einfach, eine Wohnung zu bekommen, weil diese nämlich entweder zu teuer sind oder weil eben noch Mietschulden vorhanden sind. Ich könnte sicher noch ein wenig mehr aufzählen, aber ich will es jetzt dabei belassen. Aber eins noch, der Spruch: „In Deutschland muss niemand Obdachlos sein!“ ist einfach nur falsch. Es gibt weder genügend Unterkünfte für obdachlose Menschen, noch gibt es genügend günstigen Wohnraum.

Es gäbe aber auch noch andere Dinge an dem Gespräch, über die Diskutiert werden könnte. Zum Beispiel, warum wir nicht einzelnen Menschen etwas geben können. Niemand verlangt, dass jeder einzelne jedem obdachlosen Menschen etwas gibt, sondern es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, allen obdachlosen Menschen zu helfen. Wenn also jeder ein wenig gibt, dann ist auch jedem obdachlosen Menschen geholfen.

Und warum sollte jemand, der Hilfe in Naturalien ablehnt, nicht doch den Euro verdient haben? Vielleicht hat er Mensch Allergien und muss deswegen genau wissen was in den Lebensmitteln ist. Oder er hat einfach eine Phobie davor. Ich kann zum Beispiel auch nicht aus einer Flasche trinken, aus der vor mir schon jemand getrunken hat (also direkt, Flasche am Mund). Oder Besteck, dass vor mir schon wer anderes hatte. So sind wir Menschen und darauf kann dann nicht mit einer solchen Pauschalisierung geantwortet werden.

Juni 1 2015

Menschlich inkompatible Gesellschaft

Tasse Cappucino mit Herz

„Menschliche Inkompatibilität“, das ist das aktuelle Thema vom Blogideekasten. Als ich das Thema gestern sah, dachte ich schon, ich würde dazu wieder nichts schreiben können, da ich überhaupt nicht wusste, was das überhaupt sein soll. Doch wie es der Zufall so will, stolperte ich heute über einen Artikel, bei dem mir das Thema sofort wieder ins Gedächtnis kam.

Unsere Gesellschaftsform ist menschlich inkompatibel

 

Im Artikel ging es um die Verdrängung von Menschen. Um genauer zu sein, es ging um die Verdrängung von Obdachlosen aus dem öffentlichen Raum. Da werden an öffentlichen Orten Spikes in den Boden gelassen, damit sich die Obdachlosen dort ja nicht hinsetzen oder hinlegen. Erinnert an diese Stachelmatten auf Bahnhöfen, die Tauben davon abhalten sollen, sich dort niederzulassen. Oder nehmen wir die Entlüftungsgitter. Im Winter ein Ort, an dem sich Obdachlose zumindest ein wenig aufwärmen können. Aber auch dieser Ort wird so umgebaut, damit Obdachlose die Wärme auch gar nicht nutzen können, obwohl es viel zu wenige offizielle Orte gibt, an denen sich Obdachlose im Winter aufwärmen können.

Die Gesellschaft möchte die Obdachlosen nicht sehen. Ja, ich verallgemeinere hier etwas, in dem Bewusstsein, dass es Teile in der Gesellschaft gibt, die den Obdachlosen durchaus helfen wollen. Aber der Großteil möchte nicht, dass sich Obdachlose in Bahnhöfen aufhalten. Sie wollen diese nicht im öffentlichen Straßenbild sehen, wollen sich nicht mit den Problemen beschäftigen, die es in dieser Gesellschaft gibt. Ich glaube sogar, dass vielen die Obdachlosen auch nur peinlich sind, weil sie zeigen, dass es auch in einem reichen Land wie Deutschland extreme Armut gibt.

Aber eine Gesellschaft, die Menschen, die schon alles verloren haben, noch weiter verdrängt, ist keine Gesellschaft, die menschlich kompatibel ist. Eine Gesellschaft, die die Augen vor Armut und Leid verschließt und lieber auf andere Länder verweist, in denen es den Menschen noch schlechter geht, hat keinen Funken Menschlichkeit. Auch dann nicht, wenn sie so tut, in anderen Ländern zu helfen, obwohl sie dort eigentlich nur das eigene System verteidigen möchte.

Es ist keine Lösung, wenn ich irgendwo Spikes in den Boden einlasse, ebenso ist es keine, wenn ich Orte so verändere, dass dort der Aufenthalt für Obdachlose unmöglich wird. Es ist eine reine Verdrängung, eine Verdrängung, weil es beschämend wäre, die Armut, die in einem Land wie Deutschland eigentlich nicht nötig wäre, auch noch öffentlich zu zeigen. Eine Lösung wäre es, den Menschen zu helfen, ihnen zumindest Orte zu schaffen, an denen sie vor Kälte, Wind und Regen geschützt sind, obwohl das eigentlich noch viel zu wenig ist. Nicht das Verdrängen ist die Lösung, sondern das Helfen. Wenn Entlüftungsgitter wärme spenden, warum dann nicht auch eine kleine Hütte bauen, damit die Obdachlosen dort auch vor Niederschlägen geschützt sind? Das wäre Menschlichkeit, das wäre eine Gesellschaft, die menschlich kompatibel wäre.