16 April 2019

Mir fehlt die Empathie für alte Gebäude …

Deutschland trauert! Politiker fordern Live-Sendungen von den Öffentlich-Rechtlichen, andere Vergleichen den Vorfall mit dem Einschlag eines Meteoriten auf der Erde und meinen auch, dass dafür unbedingt das Programm unterbrochen werden muss. Es geht dabei nicht um Menschen, die durch Gewalt, Hunger oder auf der Flucht sterben, es geht dabei um ein altes Gebäude, welches dem Feuer zu Opfer fällt.

Ich kann durchaus verstehen, dass sich da durchaus ein Gefühl des Verlustes einstellt. Und da es ein Kulturerbe ist, stellt sich dieses Gefühl nicht nur bei den Bewohnern und/oder Besitzern ein, sondern bei vielen Menschen auf dieser Erde. Wenn ein Wohnhaus niederbrennt, dann ist das für die Bewohner mit Sicherheit auch ein halber Weltuntergang, weil viele Erinnerungen für immer vernichtet werden, aber solange niemand dabei getötet wird, solange ist der materielle Verlust immer wieder ersetzbar. Deswegen würde ich auch nicht von Trauer reden, wenn ein Gebäude niederbrennt. Von Trauer rede ich, wenn ein Mensch oder ein Tier dabei stirbt, denn ein Leben kann nicht einfach wieder aufgebaut werden, ein Leben ist unwiederbringlich vorbei!

Wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken, dann nehmen wir diese Randnotiz einfach hin, einige zucken kurz mit der Schulter, sind dem Schicksal dieser Menschen gegenüber gleichgültig. Keiner fordert, dass die Öffentlich-Rechtlichen ihr Programm unterbrechen und Live-Sendungen vom Mittelmeer bringen. Es fordert auch keiner Live-Sendungen aus Kriegsgebieten, keiner will Live sehen, wie dort Menschen durch Waffen sterben, die in Deutschland beziehungsweise in der EU gefertigt wurden. Aber wenn ein Gebäude niederbrennt, dann gibt es tatsächlich Menschen, die einen solchen Livestream fordern. Doch was bringt solch ein Livestream? Wem hilft er? Niemanden! Es ist auch nur eine Form des Gaffertums! Bei Unfällen kann dieses Gaffertum inzwischen bestraft werden und das auch vollkommen zu Recht, aber in einen solchen Fall fordern sogar Politiker, dass die Bedürfnisse der Schaulustigen befriedigt werden. Einfach nur krank und dabei zuzusehen, wie ein Gebäude niederbrennt, bringt nicht einmal irgendjemanden was.

Wie wäre es denn mit Livestreams von historischen Gebäuden, die dem Bagger zum Opfer fallen? Livestreams aus Kohleabbaugebieten, von Waldrodungen oder von Wohnhäusern, die für Verkehrsinfrastruktur weichen müssen? Fordert auch keiner, aber wenn in Frankreich ein altes Gebäude brennt, dann ist die Betroffenheit riesig, dann ist der Schmerz, der dadurch entsteht, schon fast greifbar. Und dann sitze ich da und überlege mir, welche Prioritäten diese Gesellschaft hat. Eine Gesellschaft, die das Sterben auf dem Mittelmeer zum Großteil mit einem Schulterzucken bedenkt, der die Empathie für arme Menschen fehlt, die sich einreden, dass die Produktion von Waffen wertneutral sein könnte, weil ja nicht die Waffen töten, sondern die Menschen, die diese Waffe benutzen.

Klar ist es schade, wenn ein solches Stück Kultur verloren geht, aber deswegen fast in Staatstrauer zu versinken, halte ich dann doch für sehr übertrieben. Mir fehlt da dann vielleicht die Empathie für ein solch altes Gebäude, aber diese Empathie spare ich mir lieber für Menschen auf. Ich trauere um Lebewesen, die sinnlos ihr Leben lassen müssen, aber nicht um Gebäude. Gebäude können wieder aufgebaut werden, sind nicht für immer verloren, ein Leben hingegen schon, ist unwiederbringlich, ist weg, kann nicht mehr gelebt werden.

29 März 2019

Sie

Wie gerne würde sie jetzt in diesen Muffin beißen. Sie konnte die warme Schokolade, die sich im inneren des Muffins befand, riechen und es lief ihr das Wasser im Munde zusammen. Täglich lief sie an diesem Café vorbei, täglich konnte sie das frische Gebäck riechen, der Dampf von heißen Kaffee stieg ihr in die Nase. Doch es fehlte ihr das Geld! Sie konnte sich ja nicht einmal eine Wohnung leisten und wenn doch einmal Geld übrig war, dann nutzte sie dies lieber für eine Nacht in einer Unterkunft. Doch oft blieb ihr das verwehrt, nur die öffentliche Dusche konnte sie sich regelmäßig leisten. Darauf achtete sie, denn wenn sie schon finanziell in Armut lebte, wollte sie nicht auch noch in soziale Armut verfallen, wollte die Kontakte nicht verlieren, sich nicht schämen müssen, wenn sie alte Freunde und Bekannte traf. Freunde und Bekannte, die nicht wussten, dass sie schon längere Zeit keine Wohnung mehr hatte und auch ihren Job war sie schon lange Zeit los.

Irgendwann fiel sie sogar durch das soziale Netz, es fing damit an, dass die Wohnung zu groß war und das Amt sie nicht mehr bezahlen wollte. Doch es gab keine kleinere Wohnung für sie. Es gab keine Wohnung, die sie sich leisten konnte. Die hohen Mieten, die Schikane vom Amt und der Verlust ihrer Arbeit, all das führte dazu, dass ihr Glaube an diese Gesellschaft verdorben wurde. Sie glaubte nicht mehr daran, dass es hier wirklich um den Menschen geht, es ging nur noch ums Kapital, um den fiktiven Glauben an eine höhere Macht, nur das diese höhere Macht nicht Gott war, sondern die Märkte.

Ihrem früheren Arbeitgeber ging es gut. Es gab eigentlich keinen Grund für ihre Entlassung. Die Einnahmen stimmten, die Auftragsbücher waren voll, doch sie war überflüssig. Dabei sollte in dieser Welt kein Mensch überflüssig sein!

Dieser Beitrag gehört zu abc.etüden. Da ich das Projekt spannend finde und es auch eine gute  Schreibübung ist, werde ich dort regelmäßig teilnehmen.

20 März 2019

Respekt über Jogginghosen definieren?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Respekt über Jogginghosen definiert wird. Nicht über Solidarität, nicht über Menschlichkeit, sondern über Kleidungsstücke. Menschen, die Jeanshosen tragen, scheinen respektvoller zu sein als Menschen in Jogginghosen. Warum dies so sein soll? Ich habe keinen Plan! Eventuell, weil Jogginghosen zu bequem sind. Wer bequeme Kleidung trägt, kann wahrscheinlich nicht respektvoll mit anderen Menschen umgehen. Oder ist die Jogginghose nicht sexy genug? Muss Kleidung eventuell körperbetonend sein, damit sie Respekt vermittelt?

Es gibt für mich keine wirkliche Erklärung, es gibt nur die Erklärung der Normabweichung. Es soll doch bitte keiner von der derzeitigen Norm abweichen! Wer andere Kleidung trägt, wer nicht auf aussehen, sondern Bequemlichkeit achtet, der weicht von der Norm ab, der ist anders, der hat anscheinend keinen Respekt vor unseren Normen und Werten.

Eine Schule wird zum Wertewächter, indem sie Jogginghosen verbietet. Warum? Keinen Plan! Wahrscheinlich können die Lehrenden den Lernenden den Schulstoff nicht vermitteln, wenn die Lernenden sich für bequeme Kleidung entscheiden. Jogginghosen scheinen die Lernumgebung zu vergiften, sie scheinen den Erfolg zu gefährden, sie scheinen den Respekt zu unterlaufen, Lernende zu Lernverweigerern zu machen. Muss Schule wirklich Kleidungsnormen vermitteln? Erzieht sie dadurch bessere Menschen? Ich glaube es nicht!

Wer Respekt über Jogginghosen definiert, der hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Hier werden Kleidungsnormen überhöht und über humanistische Werte gestellt. Um es noch deutlicher zu sagen: es ist nicht wichtig, ob du Gutes tust, sondern es ist wichtig, in welcher Kleidung du tust, was du tust.

Ein Anzugträger, der dich aus deiner Wohnung wirft, scheint mehr Respekt vor dir zu haben als ein Jogginghosenträger, der dir danach Obdach bietet. Es scheint verrückt zu sein, aber so scheinen Menschen zu ticken. Sie mögen keine Normabweichungen und wenn es halt nur die Abweichung von irgendeiner Kleidungsnorm ist. Solange alle Normen eingehalten werden, können Menschen in unserer Gesellschaft sogar damit Leben, wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken, obwohl wir sie retten könnten.

17 Februar 2019

Schulstreiks

Das mit den Schulstreiks finde ich schon interessant. Nicht nur, weil junge Menschen sich um ihre Zukunft Sorgen machen und sie dafür streiken, dass die Verantwortlichen diese Sorgen endlich wahrnehmen und sie ihre Politik endliche an diese nächste Generation ausrichten. Sondern es ist auch interessant zu sehen, wie Demokraten auf diese Streiks reagieren, wie Politiker eine Drohkulisse aufbauen, um die jungen Menschen wieder in die Schule zu bekommen und sie vom streiken abzuhalten. Es muss doch alles seine Ordnung haben und schließlich besteht ja auch eine Schulpflicht in Deutschland! Wer will schon, dass die jungen Menschen sich ihrer demokratischen Rechte bewusst werden? Wer will schon junge Menschen, die in der Politik mitreden wollen? Die jungen Menschen sollen sich auf ihre Ausbildung konzentrieren, darauf, dass sie zu möglichst marktkonformen Menschen werden. Menschen, die das System nicht hinterfragen, die sich an all die Regeln halten, die dieses System vorgibt, ohne darüber nachzudenken, ob diese Regeln nicht schädlich sind, ob sie nicht verbessert werden können. Unbequeme junge Menschen könnten da Kontraproduktiv sein, könnten ihre Stärke entdecken und das System infrage stellen.

Irgendwie sind es dieselben Politiker, die vor einigen Jahren der Meinung waren, dass die jungen Menschen zu unpolitisch sind. Jetzt zeigen diese Menschen Interesse an Politik und da ist es den Politikern auch nicht recht. Jedenfalls dann nicht, wenn diese jungen Menschen diesen politischen Aktivismus nicht in ihrer Freizeit veranstalten – von der diese jungen Menschen eh schon relativ wenig haben – sondern in ihrer Schulzeit. In der Zeit also, in der sie alle Fähigkeiten für ein marktkonformes Verhalten erlernen sollen.

Die Frage, warum sie sich aber auf eine Zukunft vorbereiten sollen, die es eventuell gar nicht gibt, wenn die Politik so weitermacht, beantworten diese Politiker aber nicht. Sie sprechen dann von Arbeitsplätzen, von Unternehmen, vom Kapital und Planungssicherheiten, aber nicht davon, dass der Fehler eventuell im System selbst liegt und all diese Argumente eben nichts am Klimawandel ändern. Was nutzt uns Planungssicherheit, wenn wir unsere Lebensgrundlagen auf diesem Planeten zerstört haben? Was nutzen Arbeitsplätze, wenn sich Kriege um Ressourcen entwickeln? Wenn das die Zukunft ist, wozu sollten die Schüler*Innen dann jeden Freitag in die Schule gehen? Und warum drohen Demokraten mit Strafen, wenn junge Menschen ihre demokratischen Rechte in Anspruch nehmen?

7 Februar 2019

Ausbeutungsgrundsicherung

Es regt mich auf! Es regt mich auf, wenn eine Grundrente, von der Menschen gerade so Leben könnten, von der Anzahl der Beitragsjahre abhängig gemacht wird. Es darf dann keine Brüche im Leben geben, kein Versuch einer Selbstständigkeit, keine längeren Pausen, in denen sich ein Mensch neu erfinden kann. Die Pflege von Familienangehörigen wird so auch zum Luxus, ebenso wie andere Lebensentwürfe. Alles ist auf einen kapitalistischen Markt ausgerichtet. Wertvoll ist, wer sich dieser kapitalistischen Logik unterwirft, wer sich ausbeuten lässt, wer seine gesamte Lebensplanung der Arbeit und dem Arbeitgeber unterwirft.

All die Sicherungssysteme sind genau darauf ausgelegt. Du bist nur abgesichert, wenn du dich und deine Arbeitskraft als Arbeitnehmer verkaufst. Generell geht es nur um deine Arbeitskraft, für die du auch in deiner Freizeit alles zu tun hast, um sie zu erhalten. Deine Freiheit hört da auf, wo du den Gewinn deines Arbeitgebers gefährden könntest, wo du dich also sozialwidrig verhältst. Und auch diese Respekt-Rente ist nichts anderes!

Sozialwidrig ist auch so ein Wort. Wer hat sich das einfallen lassen? Ist ein Mensch, der sich nicht damit abfinden kann, in einem Arbeitsverhältnis eingesperrt zu sein, wirklich ein sozialwidrig handelnder Mensch? Oder ist es nicht eher die Gesetzgebung, die Ausrichtung auf das Kapital, die kapitalistische Ausrichtung unserer Gesellschaft sozialwidrig? Wenn Frauen* Erziehungsarbeit leisten und dafür nicht entlohnt werden, wer handelt da sozialwidrig? Die Frau oder der Staat? Wohl eher der Staat, weil er die Leistung der Frauen nicht anerkennt. Wenn Menschen sich um ihre Angehörige kümmern und dafür auch noch bestraft werden, wer handelt dann sozialwidrig? Wohl auch wieder der Staat?

Menschen sollten die Möglichkeit haben sich auszuprobieren, sich zu entwickeln, ohne dabei den Druck im Rücken zu spüren, dass das später negative Folgen haben könnte, wenn es nicht funktioniert. Die Gesellschaft könnte sehr viel weiter sein, wenn Menschen nicht an sinnloser Arbeit festhalten müssten, weil dadurch ihre Existenz gesichert wird. Wir könnten sehr viel weiter beim Klima- und Umweltschutz sein, wenn die Arbeitsplätze in klimaschädlichen Branchen, für die es bereits Alternativen gibt, wegfallen könnten, ohne dass dadurch die Menschen, die diese Arbeitsplätze innehaben, in existenzielle Nöte geraten würden.

Aber so läuft das nicht in unserer Gesellschaft. In unserer Gesellschaft ist nur bezahlte Arbeit auch wertvolle Arbeit. In unserer Gesellschaft dreht sich alles um Profit, um Ausbeutung, um das Schaffen von Werten, von denen nur wenige Menschen in großem Umfang profitieren. Und so muss natürlich eine Grundrente von der Anzahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsjahre abhängig gemacht werden. Wo kämen wir denn hin, wenn das anders wäre?


*Ich schreibe hier Frauen, weil diese Arbeit in der Mehrheit von Frauen erbracht wird, nicht weil ich das Rollenbild, was sich dahinter verbirgt, irgendwie cool finden würde.

25 Januar 2019

Briefcast – Idee für einen neuen Podcast

In den letzten Tagen habe ich wieder viel gelesen und dabei sind mir auch ein paar neue Ideen gekommen. Eine davon ist ein Podcastformat, welches ich mir ziemlich spannend vorstelle. Allerdings kann ich mich hier auch täuschen und deswegen Frage ich jetzt mal bei euch nach, was ihr von meiner Idee haltet.

Briefcast – Briefwechsel im Podcastformat

Viele berühmte Menschen haben zu ihrer Zeit mit mindestens einer anderen Person in Briefkontakt gestanden und in diesen Briefen ihr Leben und das aktuelle Weltgeschehen betrachtet. Sie haben in diesen Briefen ihre Gedanken formuliert, gegenseitig Argumente ausgetauscht, eigene Denkansätze eingebracht und so da eigene Denken und die eigene Meinung immer weiter entwickelt. Dieses Format finde ich schon ziemlich spannend – auch wenn ich derzeit niemanden habe, mit dem ich in solch einen Briefverkehr treten könnte – und dachte mir, dass so etwas auch spannend in Podcastformat wäre.

Es wäre also mindestens ein Zweiergespann, wobei diese nicht zusammen zu Wort kommen, sondern immer abwechselnd. Erst schreibt (und spricht) der eine einen Brief, indem er auf das aktuelle Weltgeschehen eingeht und ein paar Tage später antwortet dann die zweite Person. In der Antwort geht er dann auf den Brief ein, bringt eigene Gedanken in die Diskussion und geht seinerseits auch wieder auf das aktuelle Weltgeschehen ein. So entsteht ein fortlaufendes Gespräch, welches auch immer mal wieder auf ältere „Briefe“ eingehen kann oder eben auch Sprünge zu anderen Themen, die bisher noch gar nicht erwähnt wurden.

Ich könnte mir vorstellen, dass das ein recht interessanter Podcast werden könnte, aber das ist nur meine Einschätzung und deswegen würde mich einmal eure Meinung interessieren.

23 Januar 2019

Augenblick

„Worauf warten wir?“

„Auf den Augenblick!“

„Auf welchen?“

„Auf den, den wir nicht verpassen dürfen, der unserem Leben den Sinn gibt, den wir schon seit Ewigkeiten suchen. Auf diesen Augenblick warten wir!“

Nur, vielleicht verpassen wir ihn, wenn wir unsere Zeit nur mit warten verbringen. Wie schnell verrinnt die Zeit, die wir auf diesem Planeten haben, da könnte Warten vielleicht genau die falsche Tätigkeit sein. Es sei denn, warten ist der Sinn des Lebens, dann wäre Warten die richtige Tätigkeit, auch wenn uns das nicht bewusst ist.

„Warum eilen wir so?“

„Weil wir den Augenblick fangen wollen!“

„Welchen Augenblick?“

„Den Augenblick, der uns den Sinn des Lebens verrät! Darum eilen wir so, damit wir rechtzeitig da sind, um den Augenblick zu fangen.“

Nur, sind wir dann vielleicht am falschen Ort und verpassen deswegen den Augenblick. Es sei denn, der Sinn des Lebens ist Eile, dann fangen wir den Augenblick permanent, aber das wäre uns natürlich nicht bewusst.

31 Dezember 2018

Lasst ihnen das letzte Stück Selbstbestimmung

„Die Leute zögern zu spenden, weil sie sich nicht sicher sind, was die Obdachlosen mit dem Geld machen.“

Zitat aus dem Artikel von Deutschlandfunk Nova

Es gibt jetzt in England also eine App, mit deren Hilfe an obdachlose Menschen per Smartphone eine Spende gesendet werden kann. Wäre soweit erst einmal nichts Schlimmes, wenn diese App nicht auch noch zur Überwachung dieser obdachlosen Menschen dienen würde. Denn der Spender kann sehen, wofür das Geld verwendet wird, viel schlimmer noch, es ist meist direkt zweckgebunden, soll heißen, die obdachlosen Menschen können nicht selbst entscheiden, was mit dem Geld geschieht. Aber das reicht noch nicht, es geht nämlich noch einen Schritt weiter. Die Menschen werden nicht nur entmündigt, sie werden auch zu Touristenattraktionen gemacht. Sie tragen eine Marke mit einem Strichcode, der vom potentiellen Spender eingescannt wird, und wo der Spender dann die Geschichte des obdachlosen Menschen nachlesen kann. Eine Jagd auf Schicksale, eine neue Art des Voyeurismus, die das Schicksal dieser Menschen öffentlich zugänglich macht.

Zeit spenden

Wer etwas über das Schicksal von obdachlosen Menschen erfahren möchte, der sollte ihnen Zeit und Aufmerksamkeit schenken, mit ihnen Reden, sich die Geschichte erzählen lassen. Auch über die Pläne für die Zukunft kann in einem solchen Gespräch gesprochen werden, bei einem Essen oder einem Kaffee. Dazu braucht es keine App, dazu braucht es keinen Voyeurismus, der dann eventuell zu einer Spende führt, über die die obdachlosen Menschen dann nicht einmal frei verfügen können.

Die Idee hinter der App mag ja gut gemeint sein, aber sie ist eher sehr schlecht umgesetzt. Gegen ein Konto für diese Menschen, zu dem sie uneingeschränkt Zugang haben und wo sie über das Geld frei verfügen können, wäre nichts zu sagen. Auch nicht zu einer Verknüpfung mit einer App, über die dann Bargeldlos gespendet werden kann, ebenso wenig. Aber alles andere geht über das Ziel hinaus.

Bevormundung und Erziehung zu gesellschaftlich akzeptierten Verhaltensformen

Diese App, so wie sie hier gestaltet ist, ist zur Bevormundung von Menschen gedacht. Sie nimmt den Menschen noch den letzten funken Stolz, lässt sie noch weiter absinken, weil sie nur dann, wenn sie sich durch den Spender bevormunden lassen, Geld bekommen. Viel wichtiger wäre aber Vertrauen und Zeit! Vertrauen darin, dass diese Menschen sinnvolle Entscheidungen treffen, dass sie wissen, wofür sie das Geld am dringendsten brauchen. Zeit, um sie bei ihren Zielen und Plänen zu unterstützen. Es ist total unwichtig, wofür diese Menschen das Geld am Ende ausgeben, und wenn sie es für Alkohol ausgeben, dann geben sie es eben für Alkohol aus. Das ist dieser letzte Rest von Selbstbestimmung in ihrem Leben, wobei eine Sucht das Leben eventuell auch fremdbestimmt, aber die Entscheidung von dieser Sucht weg zu kommen, muss jeder Mensch alleine und selbstbestimmt treffen.

Die App aber möchte erziehen, sie will obdachlose Menschen zu gesellschaftlich akzeptierte Verhaltensformen zwingen. Sie will sie in eine Gesellschaft zurückholen, die diese Menschen vorher hat scheitern lassen, die dazu beigetragen hat, dass diese Menschen scheitern. Sicher will diese App den obdachlosen Menschen eine neue Chance geben, aber eben keine selbstbestimmte Chance, sondern eine Chance, die klar durch die Gesellschaft vorgegeben wird, die überprüfbar ist und die bei einem erneuten Scheitern die Gesellschaft von der Schuld befreit, weil sie ja versucht hat, diesem Menschen zu helfen, sie ihm ja den richtigen Weg gezeigt hat. Oder zumindest den Weg, der von der Gesellschaft akzeptiert ist.

Es ist eine App, die den Kosten-Nutzen-Faktor für die Gesellschaft optimieren soll. Eine Spende, die nicht zweckgebunden ist, steht diesem Kosten-Nutzen-Faktor entgegen, denn der Nutzen für die Gesellschaft könnte gegen null gehen, wenn die obdachlosen Menschen das Geld nicht so nutzen, wie es sich der Spender vorstellt. Es ist genau das, was von einem Wirtschaftsstudenten zu erwarten ist, denn in den Wirtschaftswissenschaften ist der Faktor Mensch nur ein Kostenfaktor und eben kein Mensch.

20 Dezember 2018

Straftat Überlebensinstinkt

Es tut so weh, es tut einfach so weh! Die TAZ berichtet über die Verurteilung von Asif N., der 2017 aus Deutschland nach Afghanistan abgeschoben werden sollte. Er wurde wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und allem was dazu gehört verurteilt, und zwar zu 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit. Für mich ist das schon nicht wirklich verständlich, weil hier ein Mensch seinem Instinkt gefolgt ist. Dem Instinkt zu überleben, weil Afghanistan einfach kein sicheres Land ist und weil er zu einer Minderheit in der Region gehört, aus der er kommt, die von den Taliban verfolgt wird. Hier gehören eigentlich die Personen verurteilt, die solche Abschiebungen ermöglichen und nicht die, die ihrem Überlebensinstinkt folgen. Aber aus Unmenschlichkeit, die im System so angelegt ist, wird der Überlebensinstinkt kriminalisiert und führt am Ende zu solchen Verurteilungen.

Doch das ist ja nicht genug, denn dann lese ich die Facebook-Kommentare zu dem Artikel und da gibt es dann wirklich Leute, die eine noch härtere Bestrafung fordern. Hallo? Ich bin mir nicht sicher, wie wenig Empathie nötig ist, um nicht verstehen zu können, dass der Widerstand hier aus Angst erfolgte, der Panik davor in ein Land geschickt zu werden, indem er als Mensch verfolgt wird. Die Angst vor der ständigen Angst um das eigene Leben. Wie wenig Empathie ist nötig, um diese Zusammenhänge nicht zu erkennen, um darauf zu bestehen, dass die Strafe noch hätte viel höher ausfallen müssen. Die Frage wäre dann nur, was das bringen soll? Was soll die Strafe zeigen? Meinen diese Leute wirklich, dass das beim nächsten Mal verhindert, dass ein Mensch seinen Überlebensinstinkt folgt?

Ist es nicht eher so, dass das die Menschen in eine noch aussichtslosere Lage bringt? In eine Lage, in der die Menschen im schlimmsten Fall nur noch einen Ausweg finden, nämlich den Ausweg der Gewalt? Meist in Form von Selbsttötungen, aber eben auch in Form von Radikalisierung und dann im schlimmsten Fall in Form von Amokläufen. Dann sind wieder alle schockiert, dann wird es wieder auf die Herkunft oder die Religion geschoben, nicht aber auf die eigene fehlende Empathie, die diese aussichtslose Lage für die Menschen erst geschaffen hat.

Ich frage mich auch, wie diese Menschen wohl regieren würden, wenn es um ihr eigenes Leben ginge, ob sie den Überlebensinstinkt abschalten könnten und wenn nicht, ob sie dann auch dafür wären, dass sie für all die Straftaten, die aus dieser Notsituation heraus entstehen, mit der vollen Härte des Gesetzes bestraft werden? Das würde mich schon interessieren, auch wenn den Menschen die Empathie fehlt, um diese Notsituation von geflüchteten Menschen überhaupt zu sehen.

8 Dezember 2018

Öffnet die EVG wieder das Tor zu den Dämonen gegen das Streikrecht?

Oje, ich sehe schon wieder den Hass in den sozialen Medien und in all den anderen Medien, die es so gibt. Warnstreiks bei der Bahn, weil die EVG in den Tarifverhandlungen etwas Druck auf die Deutsche Bahn ausüben will. Der Deutsche mag nämlich keine Streiks, wenn diese den eigenen Alltag betreffen. Er ist eh der Ansicht, dass die Anderen schon genug bekommen und er deswegen auch keinerlei Verständnis für solche Streiks haben müsste. Dann kommt meist auch noch das Gerede davon, dass es einem selbst ja noch viel schlechter geht und das sich dafür ja auch keiner interessiert. All diese Diskussionen kenne ich, ich kenne sie sogar aus der eigenen Familie und wenn ich dann das Argument bringe, dass das eventuell daran liegt, dass mensch selbst nicht in der Gewerkschaft organisiert ist und mensch ja einfach mal für bessere Bedingungen kämpfen könnte, kommt auch nur Ablehnung als Antwort.

Ich wiederhole mich ja gerne: Streiks müssen weh tun! Streiks können nicht so organisiert werden, dass der Kunde es nicht bemerkt. Gerade dieser Druck des Gewinnausfalls ist es, der die Unternehmen an den Verhandlungstisch bringt. Nur so kann es Veränderungen geben! Veränderungen beim Lohn, Veränderungen bei den Arbeitsverhältnissen, Veränderungen im Umgang mit den Arbeitnehmern und Veränderungen in vielen anderen Bereichen. Wo würden die Arbeitnehmer heute wohl stehen, wenn es keine solidarischen Arbeiterbewegungen gegeben hätte? Auch so eine Frage, die die Menschen, die sich über jeden Streik, egal ob LokführerInnen, PilotInnen, Kindergärtnerinnen und wer in letzter Zeit noch so gestreikt hat, in Aufregung versetzt. Sie ist uninteressant, denn solange das eigene Leben eingeschränkt wird, ist das mit der Solidarität anderen gegenüber nämlich nicht so weit her.

Nun hat die EVG also wieder das Tor in die Abgründe der deutschen Gesellschaft geöffnet. Noch halten sich die Dämonen zurück, aber sollte es wirklich zu Warnstreiks kommen, dann werden sie wieder hervorkommen, sie werden wieder in den sozialen Medien auftauchen, sie werden wieder in den anderen Medien vorkommen und sie werden wieder gegen das Streikrecht antreten, es einschränken wollen, um ja nicht in ihrem Leben gestört zu werden. Ich bin gespannt, was diesmal so alles gegen das Streikrecht in Stellung gebracht wird, wenn es denn wirklich zu diesen Warnstreiks kommen sollte.

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