16 September 2019

Lebens-ABC: E wie Eigensinn

Echse

Irgendwie ging mir bei dem Buchstaben „E“ das Wort „Eigensinn“ nicht aus dem Kopf. Der Duden sagt mir, dass die Bedeutung von Eigensinn ein hartnäckiges Beharren auf einer Meinung oder einer Absicht ist. Irgendwie erkenne ich mich in dieser Bedeutung auch ein klein wenig wieder, denn wenn ich so zurückschaue, dann konnte und kann ich sehr Eigensinnig sein.

Ich beharre zwar nicht immer hartnäckig auf meiner Meinung, auch wenn es durchaus möglich ist, dass ich das tue, aber auf viele Absichten habe ich in meinem Leben schon beharrt. Wenn ich zum Beispiel die Absicht hatte, den Kindergarten ausfallen zu lassen, dann konnte ich schon sehr viel Eigensinn entwickeln, um dies auch durchzusetzen, oder zumindest die Ankunft im Kindergarten zu verzögern. Auch die Absicht, mir freie Tage von der Schule zu gönnen, konnte ich mit sehr viel Eigensinn umsetzen. Ich würde sagen, dass ich ein sehr eigensinniges Kind war und ich würde weiterhin behaupten, dass sich das bis heute nicht wirklich geändert hat.

Nicht immer bringt mir mein Eigensinn einen Vorteil. Mit Sicherheit würden andere Menschen auch behaupten, dass das eine negative Eigenschaft ist, doch ich finde, dass der Eigensinn durchaus positiv sein kann. Er hilft dabei, ausgetretene Wege zu verlassen und mit Neugier Umwege zu gehen, auf denen sehr viel mehr zu entdecken ist, als auf den Wegen, die am schnellsten zum Ziel führen. Sicher hat mir mein Eigensinn schon einige Türen verschlossen, aber dafür hat er mir auch viele andere Türen eröffnet und hat mich auf viele Umwege geführt, die ich im Nachhinein zum größten Teil auch super fand.

Das Lebens-ABC ist eine Idee aus einem Schreibratgeber. Es hilft dabei, dass eigene Leben zu fassen, es greifbar zu machen, mehr über sich selbst zu lernen und damit auch zu erfahren, was einem im Leben wirklich wichtig ist. Natürlich ist es auch eine Schreibübung und es übt darin, sich selbst zu beobachten.

5 September 2019

Zahltag – Zuschauen beim Scheitern!

Wenn Fernsehsender wie RTL eines gut können, dann ist es, dass sie sich die schwächten Mitglieder der Gesellschaft suchen und diese im TV bloßstellen. Sie suchen sich verzweifelte Menschen und machen mit denen dann Formate wie „Zahltag“. Dort bekommen Hartz4-Empfänger einen Koffer voll mit Geld. Soviel Geld, wie sie sonst ein ganzes Jahr über vom Jobcenter bekommen hätten. Halt nicht gestückelt, sondern auf einmal. Das nennt RTL dann die Chance ihres Lebens, denn mit diesem Geld sollen diese verzweifelten Menschen sich dann eine Existenz außerhalb von Hartz4 aufbauen.

Um es noch einmal deutlich zu sagen: Die Teilnehmer bekommen soviel Geld, dass das Existenzminimum für ein Jahr gedeckt ist. Damit müssen sie ihre laufenden Fixkosten bezahlen – die verschwinden ja nicht plötzlich – und sollen davon gleichzeitig noch eine Existenz in der Selbstständigkeit aufbauen. Eine Selbstständigkeit, die innerhalb von wenigen Monaten Gewinne abwirft, damit die Teilnehmer dann weiterhin ihre Fixkosten zahlen können. Nein, nicht innerhalb von einem Jahr, denn durch die zusätzlichen Kosten für die Selbstständigkeit, wird das Budget kein ganzes Jahr reichen. Realistischer ist wohl ein halbes Jahr, danach droht die Schuldenfalle, wenn die Unternehmung dann nicht genügend Gewinne abwirft. Wer selbst schon einmal den Weg in die Selbstständigkeit gewagt hat, der weiß, dass das eher schwierig wird und das Format somit eher auf das Scheitern der Teilnehmer ausgelegt ist, auch wenn RTL ein paar Experten dabei hat.

Gekommen um zu Scheitern!

Wenn RTL es ernst meinen würde, dann würden sie die Teilnehmer erst einmal ordentlich auf die Aufgabe vorbereiten. Existenzgründerseminare, Gründertrainings und eben auch eine permanente Begleitung durch die Experten. All das ist nämlich mit dem Budget, welches den Teilnehmern zur Verfügung steht, nicht finanzierbar. Meint RTL es ernst? Ich glaube eher nicht! Es geht um Emotionen, es geht darum, Menschen scheitern zu sehen.

RTL könnte es anders machen, könnte den Menschen wirkliche Hilfe bieten und sie mit Trainings und Lehrgängen unterstützen. Der Sender könnte erst einmal testen, ob sich die Menschen wirklich zur Selbstständigkeit eignen und er müsste ihnen mehr als das Jahresbudget Hartz4 zur Verfügung stellen, damit die Selbstständigkeit nicht in der Überschuldung endet und die Teilnehmer noch weiter nach unten abrutschen.

Die Macher der Sendung sollten nicht mit den Hoffnungen der Menschen spielen. Menschen, die durch Hartz4 so gedemütigt sind, dass sie alles versuchen, um aus diesem System herauszukommen. Die dabei die Risiken übersehen, weil sie auf einem Schlag eine Menge Geld haben, was über das Jahr gesehen aber eben gar nicht so viel ist, weil es eben genau das Geld ist, welches sonst die gesamten Kosten der Teilnehmer, die innerhalb eines Jahres anfallen, finanziert. Und genau das wird ausgeblendet!

Vernünftig wäre nämlich, wenn die Teilnehmer sich mit dem Geld nur dann in die Selbstständigkeit wagen, wenn sie sonst keine Verpflichtungen hätten. Wenn sie also keine Kinder hätten oder andere Angehörige, für die dieses Geld ebenso benötigt wird und die nicht einfach mal so ein oder zwei Wochen hungern können, wenn die Unternehmung nicht genügend Gewinne abwirft. Ansonsten ist es eigentlich total unverantwortlich, weil bei einem möglichen Scheitern eben auch die anderen Familienangehörigen leiden, weil dieser Verzicht, diese Anspannung, dieser Stress dazu führen kann, dass die Familie zerbricht, der Zusammenhalt nicht ausreicht, um diese Aufgabe zu meistern.

Doch genau diese Dramen sind, die diese Sendung braucht, weil es genau das ist, was der Zuschauer sehen will. Er will seine Vorurteile bestätigt sehen, will sehen, dass diese Menschen überfordert sind, sie erst einmal Fehler machen, wodurch der Zuschauer sich in seinen eigenen Vorurteilen bestätigt sieht.

Es bleibt zu hoffen, dass der Schaden durch diese Sendung möglichst gering bleibt. Es bleibt zu hoffen, dass die Hoffnungen der Teilnehmer nicht zerstört werden, dass sie es doch irgendwie schaffen und es den Zusammenhalt in der Familie stärkt.

19 Juni 2019

Lebewesen Demokratie

Ich habe ja das Gefühl, dass einige Menschen Demokratie als etwas verstehen, dass in sich schon abgeschlossen ist. Dass die Entwicklung schon fertig ist, die Regeln feststehen. Ein System, welches sich nur verändern kann, wenn es dies durch seine eigenen Regeln tut, es sich immer innerhalb seines eigenen Regelwerkes bewegt. Ein verlassen dieses Regelwerkes wäre sofort undemokratisch, würde die Veränderung delegitimieren. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall.

Demokratie ist kein Ding, das irgendwie von außen kommt. Demokratie ist keine Naturkonstante, sie ist ein Lebewesen, welches durch uns alle lebt und nur überleben kann, wenn es durch uns alle getragen wird, es in uns leben darf. Ein Lebewesen, welches sich von ständig neuen Impulsen ernährt, Impulse, die jeder einzelne von uns einbringen darf und soll. Es ist in der Entwicklung nicht abgeschlossen, hat aber im Idealfall immer den Entwicklungsstand, der in der aktuellen Zeit möglich ist, darf aber in der Entwicklung nie stehen bleiben, nie zufrieden sein. Demokratie muss immer mehr Menschen die Teilhabe ermöglichen, muss in immer mehr Bereiche der Gesellschaft vordringen, muss diese für sich beanspruchen.

Dafür bedarf es Bildung! Die Menschen müssen die Grundwerkzeuge für die Demokratie erlernen, müssen Debattieren können, sich Informationsquellen erschließen und Informationen einordnen können. Sie müssen sich aber auch permanent mit neuen Werkzeugen und Ansätzen für eine Weiterentwicklung der Demokratie beschäftigen können, dürfen sich nie mit dem aktuellen Stand der Demokratie zufriedengeben und Prozesse hinterfragen und verbessern dürfen. Nur so kann Demokratie gelebt werden, nur so kann die Demokratie überleben.

Warum schreibe ich das?

Nachdem das jetzt einmal gedacht ist, ich meine Gedanken einmal aufgeschrieben habe, sollte ich vielleicht auch noch erwähnen, warum ich das überhaupt Festgehalten habe. Ich bin die letzten Wochen immer wieder gestolpert. Gestolpert über Parteien, die an ihrem Regelwerk stur festhalten wollen, die „das-schon-immer-so-gemacht“-haben und es sich nicht anders vorstellen können. Die in ihrer Möglichkeit Demokratie anders zu denken so eingeschränkt sind, dass sie auch nur die kleinste Änderung schon in das Reich der Utopien schicken.

Ebenso bin stolpere ich immer wieder über Menschen, die der Meinung sind, dass es nur dann demokratische Entscheidungen geben kann, wenn hierfür feste Rahmen gegeben werden und die einen Ausbruch aus diesem festgelegten Rahmen für undemokratisch halten.

In beiden Fällen frage ich mich immer, wie sich Demokratie weiterentwickeln soll. Ich stehe dann da und überlege, ob es irgendwo Naturgesetze für die Demokratie gibt, die also schon immer so waren und die immer so bleiben müssen. Meiner Meinung nach dürfen Demokraten nicht unflexibel sein, müssen immer offen für Neues sein. Neue Impulse müssen zugelassen, neue Werkzeuge erprobt werden. Dadurch verschieben sich Machtverhältnisse, dadurch verteilt sich die Macht auf noch mehr Schultern, schränkt dadurch natürlich die Machtfülle von einzelnen Personen ein. Ein Demokrat muss dazu bereit sein, darf nicht seine Machtfülle verteidigen, nur weil das schon immer so war oder weil das bisher so am besten funktioniert hat. Demokraten lassen Veränderungen zu, lieben Veränderungen und sind sogar davon begeistert, wenn immer mehr Menschen in die Entscheidungsfindung mit einbezogen werden. Sie akzeptieren, dass sich Regeln ändern, es Verschiebungen gibt und versuchen eben nicht, Veränderungen aufzuhalten.

Mit Verschiebungen meine ich hier übrigens nicht, dass die AfD immer stärker wird oder den Rechtsruck der Bevölkerung. Ich meine Verschiebungen bei den Entscheidungsfindungen, ich rede von neuen demokratischen Werkzeugen, die ein mehr an direkter Demokratie, und somit ein weniger an repräsentativer Demokratie ermöglichen.

16 April 2019

Mir fehlt die Empathie für alte Gebäude …

Deutschland trauert! Politiker fordern Live-Sendungen von den Öffentlich-Rechtlichen, andere Vergleichen den Vorfall mit dem Einschlag eines Meteoriten auf der Erde und meinen auch, dass dafür unbedingt das Programm unterbrochen werden muss. Es geht dabei nicht um Menschen, die durch Gewalt, Hunger oder auf der Flucht sterben, es geht dabei um ein altes Gebäude, welches dem Feuer zu Opfer fällt.

Ich kann durchaus verstehen, dass sich da durchaus ein Gefühl des Verlustes einstellt. Und da es ein Kulturerbe ist, stellt sich dieses Gefühl nicht nur bei den Bewohnern und/oder Besitzern ein, sondern bei vielen Menschen auf dieser Erde. Wenn ein Wohnhaus niederbrennt, dann ist das für die Bewohner mit Sicherheit auch ein halber Weltuntergang, weil viele Erinnerungen für immer vernichtet werden, aber solange niemand dabei getötet wird, solange ist der materielle Verlust immer wieder ersetzbar. Deswegen würde ich auch nicht von Trauer reden, wenn ein Gebäude niederbrennt. Von Trauer rede ich, wenn ein Mensch oder ein Tier dabei stirbt, denn ein Leben kann nicht einfach wieder aufgebaut werden, ein Leben ist unwiederbringlich vorbei!

Wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken, dann nehmen wir diese Randnotiz einfach hin, einige zucken kurz mit der Schulter, sind dem Schicksal dieser Menschen gegenüber gleichgültig. Keiner fordert, dass die Öffentlich-Rechtlichen ihr Programm unterbrechen und Live-Sendungen vom Mittelmeer bringen. Es fordert auch keiner Live-Sendungen aus Kriegsgebieten, keiner will Live sehen, wie dort Menschen durch Waffen sterben, die in Deutschland beziehungsweise in der EU gefertigt wurden. Aber wenn ein Gebäude niederbrennt, dann gibt es tatsächlich Menschen, die einen solchen Livestream fordern. Doch was bringt solch ein Livestream? Wem hilft er? Niemanden! Es ist auch nur eine Form des Gaffertums! Bei Unfällen kann dieses Gaffertum inzwischen bestraft werden und das auch vollkommen zu Recht, aber in einen solchen Fall fordern sogar Politiker, dass die Bedürfnisse der Schaulustigen befriedigt werden. Einfach nur krank und dabei zuzusehen, wie ein Gebäude niederbrennt, bringt nicht einmal irgendjemanden was.

Wie wäre es denn mit Livestreams von historischen Gebäuden, die dem Bagger zum Opfer fallen? Livestreams aus Kohleabbaugebieten, von Waldrodungen oder von Wohnhäusern, die für Verkehrsinfrastruktur weichen müssen? Fordert auch keiner, aber wenn in Frankreich ein altes Gebäude brennt, dann ist die Betroffenheit riesig, dann ist der Schmerz, der dadurch entsteht, schon fast greifbar. Und dann sitze ich da und überlege mir, welche Prioritäten diese Gesellschaft hat. Eine Gesellschaft, die das Sterben auf dem Mittelmeer zum Großteil mit einem Schulterzucken bedenkt, der die Empathie für arme Menschen fehlt, die sich einreden, dass die Produktion von Waffen wertneutral sein könnte, weil ja nicht die Waffen töten, sondern die Menschen, die diese Waffe benutzen.

Klar ist es schade, wenn ein solches Stück Kultur verloren geht, aber deswegen fast in Staatstrauer zu versinken, halte ich dann doch für sehr übertrieben. Mir fehlt da dann vielleicht die Empathie für ein solch altes Gebäude, aber diese Empathie spare ich mir lieber für Menschen auf. Ich trauere um Lebewesen, die sinnlos ihr Leben lassen müssen, aber nicht um Gebäude. Gebäude können wieder aufgebaut werden, sind nicht für immer verloren, ein Leben hingegen schon, ist unwiederbringlich, ist weg, kann nicht mehr gelebt werden.

29 März 2019

Sie

Wie gerne würde sie jetzt in diesen Muffin beißen. Sie konnte die warme Schokolade, die sich im inneren des Muffins befand, riechen und es lief ihr das Wasser im Munde zusammen. Täglich lief sie an diesem Café vorbei, täglich konnte sie das frische Gebäck riechen, der Dampf von heißen Kaffee stieg ihr in die Nase. Doch es fehlte ihr das Geld! Sie konnte sich ja nicht einmal eine Wohnung leisten und wenn doch einmal Geld übrig war, dann nutzte sie dies lieber für eine Nacht in einer Unterkunft. Doch oft blieb ihr das verwehrt, nur die öffentliche Dusche konnte sie sich regelmäßig leisten. Darauf achtete sie, denn wenn sie schon finanziell in Armut lebte, wollte sie nicht auch noch in soziale Armut verfallen, wollte die Kontakte nicht verlieren, sich nicht schämen müssen, wenn sie alte Freunde und Bekannte traf. Freunde und Bekannte, die nicht wussten, dass sie schon längere Zeit keine Wohnung mehr hatte und auch ihren Job war sie schon lange Zeit los.

Irgendwann fiel sie sogar durch das soziale Netz, es fing damit an, dass die Wohnung zu groß war und das Amt sie nicht mehr bezahlen wollte. Doch es gab keine kleinere Wohnung für sie. Es gab keine Wohnung, die sie sich leisten konnte. Die hohen Mieten, die Schikane vom Amt und der Verlust ihrer Arbeit, all das führte dazu, dass ihr Glaube an diese Gesellschaft verdorben wurde. Sie glaubte nicht mehr daran, dass es hier wirklich um den Menschen geht, es ging nur noch ums Kapital, um den fiktiven Glauben an eine höhere Macht, nur das diese höhere Macht nicht Gott war, sondern die Märkte.

Ihrem früheren Arbeitgeber ging es gut. Es gab eigentlich keinen Grund für ihre Entlassung. Die Einnahmen stimmten, die Auftragsbücher waren voll, doch sie war überflüssig. Dabei sollte in dieser Welt kein Mensch überflüssig sein!

Dieser Beitrag gehört zu abc.etüden. Da ich das Projekt spannend finde und es auch eine gute  Schreibübung ist, werde ich dort regelmäßig teilnehmen.

20 März 2019

Respekt über Jogginghosen definieren?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Respekt über Jogginghosen definiert wird. Nicht über Solidarität, nicht über Menschlichkeit, sondern über Kleidungsstücke. Menschen, die Jeanshosen tragen, scheinen respektvoller zu sein als Menschen in Jogginghosen. Warum dies so sein soll? Ich habe keinen Plan! Eventuell, weil Jogginghosen zu bequem sind. Wer bequeme Kleidung trägt, kann wahrscheinlich nicht respektvoll mit anderen Menschen umgehen. Oder ist die Jogginghose nicht sexy genug? Muss Kleidung eventuell körperbetonend sein, damit sie Respekt vermittelt?

Es gibt für mich keine wirkliche Erklärung, es gibt nur die Erklärung der Normabweichung. Es soll doch bitte keiner von der derzeitigen Norm abweichen! Wer andere Kleidung trägt, wer nicht auf aussehen, sondern Bequemlichkeit achtet, der weicht von der Norm ab, der ist anders, der hat anscheinend keinen Respekt vor unseren Normen und Werten.

Eine Schule wird zum Wertewächter, indem sie Jogginghosen verbietet. Warum? Keinen Plan! Wahrscheinlich können die Lehrenden den Lernenden den Schulstoff nicht vermitteln, wenn die Lernenden sich für bequeme Kleidung entscheiden. Jogginghosen scheinen die Lernumgebung zu vergiften, sie scheinen den Erfolg zu gefährden, sie scheinen den Respekt zu unterlaufen, Lernende zu Lernverweigerern zu machen. Muss Schule wirklich Kleidungsnormen vermitteln? Erzieht sie dadurch bessere Menschen? Ich glaube es nicht!

Wer Respekt über Jogginghosen definiert, der hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Hier werden Kleidungsnormen überhöht und über humanistische Werte gestellt. Um es noch deutlicher zu sagen: es ist nicht wichtig, ob du Gutes tust, sondern es ist wichtig, in welcher Kleidung du tust, was du tust.

Ein Anzugträger, der dich aus deiner Wohnung wirft, scheint mehr Respekt vor dir zu haben als ein Jogginghosenträger, der dir danach Obdach bietet. Es scheint verrückt zu sein, aber so scheinen Menschen zu ticken. Sie mögen keine Normabweichungen und wenn es halt nur die Abweichung von irgendeiner Kleidungsnorm ist. Solange alle Normen eingehalten werden, können Menschen in unserer Gesellschaft sogar damit Leben, wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken, obwohl wir sie retten könnten.

17 Februar 2019

Schulstreiks

Das mit den Schulstreiks finde ich schon interessant. Nicht nur, weil junge Menschen sich um ihre Zukunft Sorgen machen und sie dafür streiken, dass die Verantwortlichen diese Sorgen endlich wahrnehmen und sie ihre Politik endliche an diese nächste Generation ausrichten. Sondern es ist auch interessant zu sehen, wie Demokraten auf diese Streiks reagieren, wie Politiker eine Drohkulisse aufbauen, um die jungen Menschen wieder in die Schule zu bekommen und sie vom streiken abzuhalten. Es muss doch alles seine Ordnung haben und schließlich besteht ja auch eine Schulpflicht in Deutschland! Wer will schon, dass die jungen Menschen sich ihrer demokratischen Rechte bewusst werden? Wer will schon junge Menschen, die in der Politik mitreden wollen? Die jungen Menschen sollen sich auf ihre Ausbildung konzentrieren, darauf, dass sie zu möglichst marktkonformen Menschen werden. Menschen, die das System nicht hinterfragen, die sich an all die Regeln halten, die dieses System vorgibt, ohne darüber nachzudenken, ob diese Regeln nicht schädlich sind, ob sie nicht verbessert werden können. Unbequeme junge Menschen könnten da Kontraproduktiv sein, könnten ihre Stärke entdecken und das System infrage stellen.

Irgendwie sind es dieselben Politiker, die vor einigen Jahren der Meinung waren, dass die jungen Menschen zu unpolitisch sind. Jetzt zeigen diese Menschen Interesse an Politik und da ist es den Politikern auch nicht recht. Jedenfalls dann nicht, wenn diese jungen Menschen diesen politischen Aktivismus nicht in ihrer Freizeit veranstalten – von der diese jungen Menschen eh schon relativ wenig haben – sondern in ihrer Schulzeit. In der Zeit also, in der sie alle Fähigkeiten für ein marktkonformes Verhalten erlernen sollen.

Die Frage, warum sie sich aber auf eine Zukunft vorbereiten sollen, die es eventuell gar nicht gibt, wenn die Politik so weitermacht, beantworten diese Politiker aber nicht. Sie sprechen dann von Arbeitsplätzen, von Unternehmen, vom Kapital und Planungssicherheiten, aber nicht davon, dass der Fehler eventuell im System selbst liegt und all diese Argumente eben nichts am Klimawandel ändern. Was nutzt uns Planungssicherheit, wenn wir unsere Lebensgrundlagen auf diesem Planeten zerstört haben? Was nutzen Arbeitsplätze, wenn sich Kriege um Ressourcen entwickeln? Wenn das die Zukunft ist, wozu sollten die Schüler*Innen dann jeden Freitag in die Schule gehen? Und warum drohen Demokraten mit Strafen, wenn junge Menschen ihre demokratischen Rechte in Anspruch nehmen?

7 Februar 2019

Ausbeutungsgrundsicherung

Es regt mich auf! Es regt mich auf, wenn eine Grundrente, von der Menschen gerade so Leben könnten, von der Anzahl der Beitragsjahre abhängig gemacht wird. Es darf dann keine Brüche im Leben geben, kein Versuch einer Selbstständigkeit, keine längeren Pausen, in denen sich ein Mensch neu erfinden kann. Die Pflege von Familienangehörigen wird so auch zum Luxus, ebenso wie andere Lebensentwürfe. Alles ist auf einen kapitalistischen Markt ausgerichtet. Wertvoll ist, wer sich dieser kapitalistischen Logik unterwirft, wer sich ausbeuten lässt, wer seine gesamte Lebensplanung der Arbeit und dem Arbeitgeber unterwirft.

All die Sicherungssysteme sind genau darauf ausgelegt. Du bist nur abgesichert, wenn du dich und deine Arbeitskraft als Arbeitnehmer verkaufst. Generell geht es nur um deine Arbeitskraft, für die du auch in deiner Freizeit alles zu tun hast, um sie zu erhalten. Deine Freiheit hört da auf, wo du den Gewinn deines Arbeitgebers gefährden könntest, wo du dich also sozialwidrig verhältst. Und auch diese Respekt-Rente ist nichts anderes!

Sozialwidrig ist auch so ein Wort. Wer hat sich das einfallen lassen? Ist ein Mensch, der sich nicht damit abfinden kann, in einem Arbeitsverhältnis eingesperrt zu sein, wirklich ein sozialwidrig handelnder Mensch? Oder ist es nicht eher die Gesetzgebung, die Ausrichtung auf das Kapital, die kapitalistische Ausrichtung unserer Gesellschaft sozialwidrig? Wenn Frauen* Erziehungsarbeit leisten und dafür nicht entlohnt werden, wer handelt da sozialwidrig? Die Frau oder der Staat? Wohl eher der Staat, weil er die Leistung der Frauen nicht anerkennt. Wenn Menschen sich um ihre Angehörige kümmern und dafür auch noch bestraft werden, wer handelt dann sozialwidrig? Wohl auch wieder der Staat?

Menschen sollten die Möglichkeit haben sich auszuprobieren, sich zu entwickeln, ohne dabei den Druck im Rücken zu spüren, dass das später negative Folgen haben könnte, wenn es nicht funktioniert. Die Gesellschaft könnte sehr viel weiter sein, wenn Menschen nicht an sinnloser Arbeit festhalten müssten, weil dadurch ihre Existenz gesichert wird. Wir könnten sehr viel weiter beim Klima- und Umweltschutz sein, wenn die Arbeitsplätze in klimaschädlichen Branchen, für die es bereits Alternativen gibt, wegfallen könnten, ohne dass dadurch die Menschen, die diese Arbeitsplätze innehaben, in existenzielle Nöte geraten würden.

Aber so läuft das nicht in unserer Gesellschaft. In unserer Gesellschaft ist nur bezahlte Arbeit auch wertvolle Arbeit. In unserer Gesellschaft dreht sich alles um Profit, um Ausbeutung, um das Schaffen von Werten, von denen nur wenige Menschen in großem Umfang profitieren. Und so muss natürlich eine Grundrente von der Anzahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsjahre abhängig gemacht werden. Wo kämen wir denn hin, wenn das anders wäre?


*Ich schreibe hier Frauen, weil diese Arbeit in der Mehrheit von Frauen erbracht wird, nicht weil ich das Rollenbild, was sich dahinter verbirgt, irgendwie cool finden würde.

25 Januar 2019

Briefcast – Idee für einen neuen Podcast

In den letzten Tagen habe ich wieder viel gelesen und dabei sind mir auch ein paar neue Ideen gekommen. Eine davon ist ein Podcastformat, welches ich mir ziemlich spannend vorstelle. Allerdings kann ich mich hier auch täuschen und deswegen Frage ich jetzt mal bei euch nach, was ihr von meiner Idee haltet.

Briefcast – Briefwechsel im Podcastformat

Viele berühmte Menschen haben zu ihrer Zeit mit mindestens einer anderen Person in Briefkontakt gestanden und in diesen Briefen ihr Leben und das aktuelle Weltgeschehen betrachtet. Sie haben in diesen Briefen ihre Gedanken formuliert, gegenseitig Argumente ausgetauscht, eigene Denkansätze eingebracht und so da eigene Denken und die eigene Meinung immer weiter entwickelt. Dieses Format finde ich schon ziemlich spannend – auch wenn ich derzeit niemanden habe, mit dem ich in solch einen Briefverkehr treten könnte – und dachte mir, dass so etwas auch spannend in Podcastformat wäre.

Es wäre also mindestens ein Zweiergespann, wobei diese nicht zusammen zu Wort kommen, sondern immer abwechselnd. Erst schreibt (und spricht) der eine einen Brief, indem er auf das aktuelle Weltgeschehen eingeht und ein paar Tage später antwortet dann die zweite Person. In der Antwort geht er dann auf den Brief ein, bringt eigene Gedanken in die Diskussion und geht seinerseits auch wieder auf das aktuelle Weltgeschehen ein. So entsteht ein fortlaufendes Gespräch, welches auch immer mal wieder auf ältere „Briefe“ eingehen kann oder eben auch Sprünge zu anderen Themen, die bisher noch gar nicht erwähnt wurden.

Ich könnte mir vorstellen, dass das ein recht interessanter Podcast werden könnte, aber das ist nur meine Einschätzung und deswegen würde mich einmal eure Meinung interessieren.

23 Januar 2019

Augenblick

„Worauf warten wir?“

„Auf den Augenblick!“

„Auf welchen?“

„Auf den, den wir nicht verpassen dürfen, der unserem Leben den Sinn gibt, den wir schon seit Ewigkeiten suchen. Auf diesen Augenblick warten wir!“

Nur, vielleicht verpassen wir ihn, wenn wir unsere Zeit nur mit warten verbringen. Wie schnell verrinnt die Zeit, die wir auf diesem Planeten haben, da könnte Warten vielleicht genau die falsche Tätigkeit sein. Es sei denn, warten ist der Sinn des Lebens, dann wäre Warten die richtige Tätigkeit, auch wenn uns das nicht bewusst ist.

„Warum eilen wir so?“

„Weil wir den Augenblick fangen wollen!“

„Welchen Augenblick?“

„Den Augenblick, der uns den Sinn des Lebens verrät! Darum eilen wir so, damit wir rechtzeitig da sind, um den Augenblick zu fangen.“

Nur, sind wir dann vielleicht am falschen Ort und verpassen deswegen den Augenblick. Es sei denn, der Sinn des Lebens ist Eile, dann fangen wir den Augenblick permanent, aber das wäre uns natürlich nicht bewusst.