28.08.2026: Poller!

Die Berliner CDU macht schon wieder Autowahlkampf. „Berlin Pollerfrei“, steht zum Beispiel auf einem ihrer Plakate. Berlin Pollerfrei, damit Autofahrer*Innen wieder die Möglichkeit und Freiheit bekommen, mit ihrem Auto durch jeden kleinen Kiez zu kurven. Dort können sie dann wieder fleißig hupen, nachdem in einigen der Wohnungen Kinder und Jugendliche gerade eingeschlafen waren, Kleinkinder gerade zur Ruhe gekommen sind und Eltern gerade dachten, dass sie jetzt auch selbst ein wenig Erholung bekommen könnten. Nachdem das vermeintliche Hindernis dann weggehupt wurde, sind Kleinkind, Kind und Jugendlicher natürlich wieder hellwach, Eltern wieder im Stress und das Hindernis auch noch vorhanden, und es ist natürlich auch nach dem fünften Hupen der Autofahrenden nicht verschwunden.

Verschwunden ist nur die Ruhe und der erholsame Schlaf der Kinder und Jugendlichen, die am nächsten Tag in der Schule als Schüler*Innen dann wieder Leistung bringen sollen. Die dann – total übermüdet natürlich – ihre Klausuren verhauen und ihre Noten versauen, weil Autofahrer*Innen ihre Freiheit brauchten. Ihre Freiheit, Kieze als Abkürzungen zu missbrauchen und ihre Freiheit, in diesen Kiezen rücksichtslos zu sein, indem sie zum Beispiel Hupen, obwohl sie das gar nicht dürften. „Wer Ruhe will, soll halt die Fenster schließen!“, höre ich sie schon wieder schreien und „Die Stadt ist halt für Autos gemacht! Wer das nicht will, soll aufs Land ziehen.“. Fenster schließen, im Sommer, nicht schlafen können, weil die Luft steht, damit Autofahrende ihre Freiheit haben rücksichtslos durch die Kieze zu hupen und zu rasen. Die Stadt ist halt für Autos und nicht für die Menschen …

Ich wollte schon lange einen Artikel zu dem Poller in unserem Kiez schreiben. Für die einen ist er der Weltuntergang, für die anderen eine Verbesserung der Lebensqualität. Er spaltet, weil er Autos aus dem Kiez hält, die den Kiez nur als Abkürzung nutzen wollen. Weil er der Wirtschaft schadet, so sagen sie, den Kiezläden, über die sich vorher keiner Gedanken gemacht hat, als sie noch lärmend durch die Kieze abkürzen konnten, die jetzt aber als Argument gegen den Poller herhalten müssen.

So ein Poller ist ja meist das Ende einer Eskalationsspirale. Es eskaliert, weil vorher der Lärm im Kiez eskaliert ist. Weil Autofahrende durch den Kiez rasen und dadurch Menschen auf den Straßen gefährdeten, weil sie hupten und weil sie rücksichtslos waren. Hätten sie sich rücksichtsvoller verhalten, bevor der Poller da war, wäre der Poller selbst wahrscheinlich nie notwendig geworden. Zumindest aber wären Kompromisse möglich gewesen. Kompromisse, die jetzt von den Autofahrenden gefordert werden, damit der Poller wieder verschwindet.

Er verschwand in der Vergangenheit übrigens auch öfter, aber nicht auf legale Art! Notwehr wurde es genannt, von Menschen, die bei anderen Dingen penibel darauf achten, das Recht und Gesetz eingehalten wird. Wichtig ist anscheinend nur, dass dieses Recht und Gesetz Autofahrende nicht einschränkt!

Kiezläden

Plötzlich mussten dann auch die Kiezladen als Argument gegen den Poller herhalten. Die verlören schließlich ihre Existenzgrundlage, wenn plötzlich der Durchgangsverkehr wegfällt. Der Durchgangsverkehr, der nur schnell durch den Kiez abkürzen wollte und hupte, wenn ein normales Kiezhindernis auftauchte. Hindernisse, wie Lieferwagen von DHL, UPS und Co., die den Kiez mit Waren versorgen, die nicht im Kiezladen gekauft werden. Autofahrende, die hier im Kiez ohnehin keinen Parkplatz gefunden hätten, um spontan im Kiezladen einzukaufen.

Ein Kiezladen sollte sich sowieso durch die Menschen finanzieren, die im Kiez leben. Das Problem ist nur, dass die Menschen, die im Kiez leben, ihre Kiezläden meist ignorieren, weil sie mit dem Auto zum nächsten Einkaufscenter fahren, wo sie direkt ihren gesamten Einkauf erledigen.

Kiezläden leiden und müssen schließen, weil die Gewerbemieten ständig steigen und diese nicht mehr erwirtschaftet werden können. Sie verschwinden, weil gleichzeitig auch die privaten Mieten steigen und so das Budget schrumpft, welches die Menschen im Kiez für Konsum zur Verfügung haben. Sie sterben, weil dieses geschrumpfte Budget dann lieber im Internet ausgegeben wird, weil dort die Preise einfach günstiger sind als im Kiezweinladen und der Kiezweinladen somit keine Chance hat, die gestiegenen Kosten – für die Kiezladenmiete zum Beispiel – auf die Produkte umzulegen.

Es ist natürlich nicht nur das fehlende Geld. Es gäbe sicher noch immer genügend Menschen im Kiez, die in so einem Kiezladen einkaufen könnten. Es ist auch die Bequemlichkeit. Warum nach der Arbeit noch in den Kiezladen gehen, wenn ich doch auch im Internet bestellen und mir noch mehr Autoverkehr in den Kiez holen kann? Und was auf der einen Seite die Bequemlichkeit ist, ist auf der anderen Seite die Unflexibilität.

Warum nicht eine Kiezgenossenschaft gründen, die für alle Kiezläden und Gewerbe einen Onlineshop betreibt? Und für den Wettbewerbsvorteil mit den anderen Onlineshops, könnten Lastenradfahrer*Innen bezahlt werden, die dann die Bestellungen noch am selben Tag bei den Menschen im Kiez ausliefern. Ist jetzt kein neues Konzept, wer da an Lieferando denkt, liegt absolut richtig. Nur halt mit dem Unterschied, dass die Kiezgenossenschaft keinen Gewinn erwirtschaften will und muss.

Kiezläden sterben also aus vielen Gründen, der Poller, der den Durchgangsverkehr aus dem Kiez hält, ist aber garantiert keiner davon, auch wenn er das Sterben vielleicht etwas beschleunigt.

Der Poller steht für Veränderung und das ist auch der Grund, warum er unbedingt verschwinden muss, wenn es nach der Berliner CDU und den Autofahrenden geht. Er steht für eine gerechtere Verteilung der Stadt, obwohl er in unserem Fall gar nicht viel verändert. Autofahren ist im Kiez noch immer erlaubt und auch das Parken ist nicht verboten. Autos nehmen noch immer den meisten Platz im Kiez ein, aber es ist ruhiger geworden. Poller schränken die Freiheiten von Autofahrenden ein, erhöhen aber die Freiheiten der Anwohner*Innen, die endlich ihr Fenster wieder öffnen und sich freier im Kiez bewegen können. Poller verändern etwas und dagegen ist die CDU und dagegen sind die Autofahrenden.

Wer mehr Freiheit für sein Auto will, der sollte aufs Land ziehen, denn die Stadt ist garantiert nicht für Autos, die Stadt ist für Menschen und Poller erobern die Stadt für Menschen zurück, indem sie Autos zurückdrängen. Die CDU ist für Autos und gegen Menschen, jedenfalls entsteht der Eindruck, wenn ich ihre Wahlplakate betrachte.

Wer schreibt hier? Sven Buchien

Ich bin Sven. Geboren 1982 in Ost-Berlin, seither ziemlicher Einzelgänger, der sich für alle möglichen Dinge interessiert und deswegen vieles nie zu einem Ende bringt. Mensch mit Abitur, der mal was Studieren wollte, aber das auch nicht beendet hat. Davor hat er aber zumindest die Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel - Fachrichtung Großhandel erfolgreich beendet. Selbstständig. Ständig fragend in das Aquarium Welt schauend. Blogger. Dieser Blog hat nichts mit Aquarien zu tun! Er ist ein Aquarium voll mit meinen Gedanken, Geschichten, Erlebnissen und noch viel mehr. Eine bunte Welt, die ihr anschauen könnt, in die ihr eintauchen und diskutieren könnt, die ihr mit Kommentaren und Gedanken erweitern und bunter machen könnt. Es ist meine Welt, in der Gedanken fließend sind, dass Wasser, die Grundlage für das Leben, die Artikel, die die Fische in diesem Aquarium sind. Der Blog könnte auch Zettelkasten, Mülleimer oder Gedankenablage heißen, aber das Aquarium war es, was am besten passte und am besten passt. Eine kleine, eigene Welt, meine Gedanken- und Erlebniswelt, die durch das Glas drumherum für alle Sichtbar wird, die aber eben doch begrenzt ist durch mich, durch meine Erlebnisse, mein Wissen, offen aber für andere Gedanken, die diese Welt erweitern. In diesem persönlichen Blog teilt Sven Buchien regelmäßig Essays, Erfahrungsberichte und Notizen zu Themen wie IT, Gesellschaft und dem Alltag in Berlin.

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