19 April 2015

Jamila

Jamila, ein junges Mädchen vom afrikanischen Kontinent. Sie ist gerade erst 15 und doch schon so erwachsen. Sie ist auf der Suche nach ihrem Platz in dieser Welt, einen Ort, an dem sie keinen Hunger erleiden muss, einen Platz, an dem sie sich sicher fühlt. Jamila möchte eine Ausbildung machen, möchte Arbeiten, will Geld verdienen. Das Mädchen kennt keinen Neid, freut sich darüber, dass es anderen Menschen gut geht, aber es möchte sich seinen Teil von diesem Wohlstand erarbeiten, möchte niemanden etwas wegnehmen. Wenn Jamila in Afrika die Möglichkeit dazu hätte, würde sie es dort tun – nein, sie wird es dort tun, sobald sie genügend Geld verdient hat, um dort etwas aufzubauen. Und wenn es mit dem Geld nicht klappt, dann möchte sie wenigstens genügend Bildung erwerben, um diese dann an andere afrikanische Kinder weiterzugeben, damit die etwas aufbauen können, in ihrem Land, welches auf dem afrikanischen Kontinent liegt.

Jamila möchte hier nicht weg. Sie liebt dieses Land, sie liebt die Natur, die Landschaften. Hier hat sie ihre Wurzeln, hier hat sie ihre Familie, aber hier muss sie eben auch ständig mit ihrem Hunger leben. Und dann diese Gewalt. Nein, die meisten Menschen sind nicht Böse, da ist sich Jamila sicher, es sind die Umstände, die sie zu dem machen, was sie inzwischen sind. Wenn die Menschen nicht ständig hungern müssten, obwohl sie so viel arbeiten, dann wären sie friedlicher, dann würden sie sich nicht mit Gewalt das holen müssen, was sie zum Leben brauchen. Jamila weiß, wo das Geld ist, das hier fehlt. Es ist dort, wo die Rohstoffe hingehen, die hier abgebaut werden und für die nur wenig Geld gezahlt wird.

Jamila würde gerne Politik machen, aber das ist in ihrem Land kaum möglich. Wenn es möglich wäre, würde sie vieles in ihrem Land ändern, sie würde dafür sorgen, dass es den Menschen gut geht, aber ihr fehlt das Geld, um hier Politik machen zu können. Und den Menschen in ihrem Land fehlt die Bildung, um etwas ändern zu können. Und genau deswegen möchte sie nach Europa. Sie möchte Geld verdienen und sie möchte Wissen sammeln und mit beiden möchte sie zurück in ihr Land.

Schauen wir mal, wo Jamila gerade ist, schauen wir mal, wie weit sie schon ist, ob sie Europa schon erreicht hat:

„Jamila, wo bist du gerade?“

„Ich bin hier, siehst du mich?“

„Jamila, ich sehe viel Wasser, sehr viel Wasser, aber dich sehe ich nicht. Wo ist denn dein Boot?“

„Mein Boot ist gesunken. Es waren wohl zu viele Menschen drauf, aber ich bin hier, schau einmal genau hin. Ich schwimme hier, siehst du mich? Ich versuche es weiterhin, versuche nach Europa zu kommen.“

„Jamila, Europa ist noch viel zu weit weg. Da ist doch nirgendwo Land, da ist nur Wasser, überall Wasser um dich herum.“

„Ja, sehr viel Wasser. Salziges Wasser. Aber ich muss schwimmen. Was sollte ich auch sonst tun? Hier ist kein Schiff, das mir zur Hilfe kommt, hier ist niemand, also muss ich schwimmen. Schwimmen und hoffen, dass ich das Land erreiche.“

„Aber Jamila, so weit kann doch keiner schwimmen! Es ist viel zu weit weg!“

„Ich muss, oder soll ich Aufgeben? Wenn ich nicht mehr schwimme, gehe ich unter, und wenn ich untergehe, kann ich nichts mehr ändern. Und es gibt viel zu ändern. In Europa, in Afrika, überall. Ich muss nach Europa kommen und dort komme ich nur hin, wenn ich schwimme.“
„Es muss doch irgendwo ein Schiff sein, Jamila, irgendwo muss es doch Hilfe für dich geben. Ich würde dir so gerne helfen, aber ich kann nicht. Warum kann ich dir nicht helfen, Jamila?“

„Weil du nicht hier bist, weil du kein Boot hast, und wenn du eines hättest, dann wärst du immer noch nicht hier. Und hier ist auch kein anderes Schiff und deswegen muss ich weiter schwimmen und hoffen.“

„Jamila, wo bist du? Ich kann dich nicht mehr sehen, nur noch Wasser… – Jamila?“

Jamila ist fort! War sie dort überhaupt? Schwamm sie eben wirklich dort auf dem Wasser, war sie da? Ja, Jamila war dort, nun ist sie fort, für immer. Jamilia, auf hebräisch bedeutet das „Die den Frieden bringt“ – Jamila ist ertrunken, vor der Küste des Friedensnobelpreisträgers. Wer bringt jetzt den Frieden? Den Frieden nach Afrika, den Frieden unter die Menschen? Jamila kann es nicht mehr, sie musste sterben, weil Europa Angst davor hat, den Wohlstand zu teilen. Den Wohlstand, der zum Teil auch aus Afrika stammt.

17 April 2015

Vierhundert versunkene Träume

Vierhundert Menschen! Vierhundert Menschen, die, wenn wir genauer hinsehen, gerade um ihr überleben kämpfen. Sie treiben auf dem Meer, ihr Boot ist gekentert, keine Hilfe weit und breit. Sie kämpfen, wollen weiter, wollen hier nicht sterben. Sie haben noch Träume, sie haben Familie und sie tragen Verantwortung für diese Familie. Vierhundert Menschen! Die Herkunft ist egal, die Religion ist egal, wichtig ist nur, dass es Menschen sind. Wichtig ist, dass sie Träume haben, dass sie in ein anderes Leben flüchten wollen, dass sie die Hoffnung für Menschen sind, die sie zurücklassen mussten. Vierhundert Menschen!

Dort, ein Mädchen, vielleicht 18 Jahre alt. Sie sieht noch gut aus, könnte es schaffen, wenn Hilfe unterwegs wäre. Sie schwimmt noch, hat noch keine Probleme damit, sich über Wasser zu halten. Ist das noch ein Lächeln, das über ihr Gesicht huscht? Ist das noch Hoffnung? Glaubt sie, dass noch alles gut wird?

Als sie vor mehreren Wochen ihr Heimatdorf verließ, hatte sie große Pläne. Sie wollte raus aus der Armut, wollte in eine andere Welt. Sie wollte gar nicht viel, sie wollte lernen. Mehr wollte sie nicht! Sie wollte Wissen sammeln, wollte Studieren, wollte Geld verdienen, damit sie den Menschen in ihrem Dorf helfen kann. Sie wollte Hoffnung in ihr Dorf bringen, wollte beweisen, dass sie nicht hungern müssen, dass es ihnen genauso gut gehen kann, wie den Menschen in der Welt, in die sie fliehen wollte.

Sie wollte nicht viel? Doch, sie wollte viel! Sie wollte die Welt verändern, wollte Ungerechtigkeiten benennen und sie abschaffen. Obwohl sie in einem kleinen Dorf lebte, konnte sie lesen und schreiben. Und sie las viel. Viel über die Welt, in die sie fliehen wollte und über die Möglichkeiten, die sie hätte, um dort die Welt zu verändern. Ihr war bewusst, dass sie noch viel lernen musste, um überhaupt eine Chance zu haben und ihr war bewusst, dass sie kämpfen musste, um ihre Ziele zu erreichen.

Wollen wir ihr einen Namen geben, denn sie hat einen Namen verdient. Nicht irgendeinen, nicht einen, den wir nicht aussprechen können, weswegen wir ihn schnell wieder vergessen. Geben wir ihr einen Namen, wie er in Europa oft zu hören ist. Nennen wir sie Svenja.

Svenja entschied sich vor vielen Wochen, ihr Dorf zu verlassen. Die Entscheidung fiel ihr nicht leicht, denn sie verließ nicht nur die Armut, die dort herrschte, sondern auch ihre Familie und Freunde. Sie verließ all die Menschen, mit denen sie aufgewachsen ist, mit denen sie viel gelacht hat und auch viel geweint. Sie verließ die Welt, in der sie aufgewachsen ist und die sie geprägt hat. Sie verließ den Ort, an dem sie viele Sonnenauf- und Untergänge erlebt hat, an dem sie sooft die Sterne beobachtet und ja, an dem sie auch das erste Mal geküsst hat. Svenja machte sich diese Entscheidung nicht leicht, aber der Hunger, den sie in ihrem Dorf oft erleben musste, stärkte sie. Nein, nicht nur der Hunger, auch die Gewalt, die in ihrem Land herrschte und die auch vor ihrem Dorf keinen Halt machte, half ihr dabei, diese Entscheidung zu treffen. Sie zog also los, um diese andere Welt zu erreichen, von der sie schon soviel gelesen hatte.

Sie machte sich auf den Weg, auf dem Svenja viele andere Menschen kennenlernte. In den Wochen, die sie bis zum Meer brauchte, lernte sie eine alte Frau kennen, bei der sie übernachten durfte. Sie war zu diesem Zeitpunkt schon eine Woche unterwegs, hatte wenig geschlafen und mehr als einmal musste sie sich vor Männern in Sicherheit bringen, die nichts Gutes von ihr wollten. Nach dieser Woche hatte Svenja schon viel von ihrem Mut verloren. Sie dachte daran, wieder umzukehren, wieder in ihr Dorf zu gehen, zurück zu ihren Freunden und zu ihrer Familie. Scheitern, hatte ihr Vater ihr gesagt, scheitern sei nichts Schlimmes, denn scheitern können nur die Menschen, die etwas gewagt haben. Sie hätte also in ihr Dorf zurückkehren können, ohne das ihr irgendwer Vorwürfe gemacht hätte. Aber Svenja hielt durch und sie traf diese alte Frau, bei der sie übernachten durfte. Und sie blieb dort nicht nur eine Nacht, sie blieb dort fünf Nächte. Sie half der Frau bei ihrer Arbeit. Svenja holte Wasser aus dem Brunnen, der sich in der Nähe der Hüte befand. Sie sammelte die Eier der Hühner ein, die der alten Frau gehörten und sie übernahm viele andere Arbeiten. Im Gegenzug bekam sie Essen, Trinken und eine Schlafstelle. Aber das Wichtigste, was sie bekam, waren die vielen Geschichten, die die alte Frau jeden Abend erzählte. Geschichten, die Svenja wieder neuen Mut gaben und die sie in der anderen Welt, in die sie gerade flüchtete, anderen Menschen erzählen wollte, um diesen Menschen Mut zu machen. Denn, wie sie von der alten Frau erfuhr, es gab auch in dieser Welt Menschen, die Mut brauchten, weil es ihnen nicht so gut ging, weil auch sie in Armut lebten. Als sie weiterzog, wünschte ihr die alte Frau viel Glück. Sie hoffte, dass Svenja sie nicht so schnell vergisst und das sie sich vielleicht noch einmal wiedersehen, auch wenn der alten Frau bewusst war, dass ihr Leben nur noch eine kurze Zeitspanne hatte.

Svenja ging weiter, begegnete auf ihrer Reise einen jungen Mann. Doch, sie verliebte sich in ihn, jedoch war der Wunsch, in die andere Welt zu gelangen, stärker und so ließ sie den jungen Mann, nach einigen Tagen, zurück. Für Liebe hatte sie auch in der Welt hinter dem Meer noch genügend Zeit.

Sie erreicht das Meer, schaffte es auf ein Schiff, das noch 399 andere Menschen nach Europa bringen sollte und sie freute sich darauf, in Europa zu lernen.

Gewiss hätte Svenja es schaffen können. Sie war eine starke Frau, gerade erst 18 Jahre alt. Sie hätte viel zu erzählen gehabt, hätte vielleicht sogar ein Buch schreiben können, mit dem sie vielleicht sogar viel Geld verdient hätte. Aber auf dem offenen Meer kenterte ihr Schiff, war plötzlich nicht mehr da. Svenja war jung, hatte noch genügend Kraft, und wenn Hilfe gekommen wäre, dann wäre sie sicher unter den wenigen Menschen gewesen, die hätten gerettet werden können. Aber die Hilfe kam nicht und irgendwann machte Svenja ihren letzten Atemzug, dann verließ sie die Kraft, dann verlor sie den Mut und dann sank sie auf den Grund des Meeres, zusammen mit ihrem Traum und der Hoffnung und den Geschichten der alten Frau, die sie erzählen wollte. Und vor ihr und nach ihr versanken weitere 399 Träume, sanken auf den Grund des Meeres. Vierhundert versunkene Träume.

26 Juni 2014

Buchidee: Kochen mit Helga

Ich war letztens in der Kaufhalle unterwegs und hatte mal wieder eine Buchidee. Der Titel ist „Kochen mit Helga“ und hier könnt ihr jetzt mal die ersten beiden Abschnitte lesen. Ob es ein vollständiges Buch wird, werden wir sehen – eventuell nutze ich den November. Allerdings werde ich es diesmal dann nur als E-Book veröffentlichen.

Kennengelernt habe ich Helga in der Kaufhalle, in welcher ich mir mal wieder Mate-Nachschub kaufen musste. Ein Leben ohne Mate ist in unserer heutigen Zeit ja nicht mehr vorstellbar, besonders dann nicht, wenn einem die Folgen bekannt sind, welche durch Mate-Entzug entstehen.

Helga schlich mit ihrem Einkaufswagen durch die Gänge der Kaufhalle. Sie blieb vor dem frischen Gemüse stehen und schloss immer mal wieder die Augen, so als ob sie in Erinnerungen schwelgen würde. Dasselbe machte sie vor der Fleischabteilung und vor dem Käsestand. In ihren Einkaufswagen landete allerdings nichts von diesen Waren, dort landeten nur Wurstwaren, die im Preis reduziert waren, ein billiges Weisbrot und im Preis reduziertes Dosengemüse.

Ein wenig amüsiert über diese Beobachtung, machte ich mich damals auf dem Weg in die Getränkeabteilung, um mir meine Ration Mate in den Einkaufswagen zu stellen. Danach ging es zur Kasse, damit ich meine Beute bezahlen kann. Dort sah ich Helga wieder, wobei ich damals ihren Namen natürlich noch nicht kannte. Weil ich ziemlich neugierig bin, sprach ich Helga auf ihr Verhalten von vorhin an und Helga antwortete mir gerne, denn Helga war ein sehr kommunikativer Mensch. Sie nutzte jede Möglichkeit, die sich ihr bot, um sich mit anderen Menschen zu unterhalten – und diesmal bot ich ihr diese Gelegenheit.

Helga war damals schon 70 Jahre alt. Sie ist einige Jahre vorher in Rente gegangen und bekam von dieser nur relativ wenig, obwohl sie ihr ganzes Leben lang gearbeitet hatte. Sie kannte viele alte Menschen, denen es so geht und die deswegen ihre sozialen Kontakte abgebrochen hatten. Helga wollte das aber nicht, weswegen sie täglich unterwegs war, auch wenn sie ziemlich wenig Geld zur Verfügung hatte. Für Spaziergänge brauchte Helga kein Geld und Menschen, die sich mit ihr unterhielten, fand sie auch fast immer. Oft waren es auch dieselben Menschen, mit denen Helga ins Gespräch kam.

Heute hatte sie eigentlich nur vor Einkaufen zu gehen. Doch nachdem ich sie angesprochen hatte, nahm sie natürlich die Chance wahr, auch mit mir in ein längeres Gespräch zu kommen. Sie erzählte mir, dass sie tatsächlich tief in Erinnerungen versunken war, in Erinnerungen an das gute Essen, dass sie früher mit ihren Freunden gegessen hat und welches sie sich jetzt nicht mehr leisten konnte. Ihre Rente war dafür nicht groß genug und das meiste ging schon für die Miete drauf. Auch für Strom ging immer mehr Geld weg, weswegen sie nur beim Essen sparen konnte.

Ich lud Helga damals auf eine Tasse Kaffee ein, weil wir das rege Treiben an der Kasse aufhielten.

 

Kapitel 2

 

Einen Tag später saß ich wieder in meinem Büro. Ich arbeite in einer großen Bank und verdiene dadurch auch jede Menge Geld. Viel mehr Geld, als ich im Monat ausgeben kann.

Ich saß also in meinem Büro und musste an Helga denken, die jetzt garantiert wieder auf einen ihrer Streifzüge durch die Stadt war. Am Tag zuvor erzählte sie mir, dass sie sich ihren Ruhestand anders vorgestellt hatte. Eigentlich wollte sie viel mit ihren Freunden machen, doch ihre Freunde waren jetzt entweder viel in der Welt unterwegs, weil sie eine gute Rente hatten, oder sie haben sich zurückgezogen, weil sie, genau wie Helga, nur eine geringe Rente erhielten. Auch Helga wollte durch die Welt reisen, sie wollte den Planeten kennenlernen, auf dem sie ihre Lebenszeit verbrachte, nur leider reichte ihre Rente nicht dafür. Aber Helga wollte sich auch nicht in ihrer Wohnung verstecken, weswegen sie das Beste aus der Situation machte. Sie freute sich darüber, dass sie ein Dach über dem Kopf hatte, sie im Winter nicht frieren musste und das sie sich auch den Strom noch leisten konnte. Helga erzählte mir stolz, dass sie auch einen Internetanschluss hat, den sie abends gerne nutzt, um im Internet mit anderen Menschen zu schreiben.

Sie sagte mir, dass es ihr doch noch ziemlich gut ginge. Schließlich musste sie noch nicht zur Tafel gehen, um sich Lebensmittel zu holen und sie musste auch nicht auf der Straße leben. Helga war auch nicht neidisch auf ihre Freunde, die jetzt durch die Welt reisten. Sie gönnte ihnen jede Reise, schließlich hätten auch ihre Freunde vorher hart gearbeitet und ab und zu dachten sie sogar an Helga und schickten ihr eine Postkarte oder ein Souvenir.

Dass sie aber nicht mehr so kochen konnte, wie sie es früher getan hatte, das machte Helga doch ziemlich traurig.

14 Mai 2014

Kurzgeschichte: Erinnerungen

Erinnerungen

Erinnerungen

Es ist kurz vor 22 Uhr. Gerade ist ein Kinofilm zu Ende gegangen und die Menschen verlassen das Gebäude. Ich beobachte sie, sehe sie lächelnd durch die Straßen ziehen. Einige küssen sich, andere gehen zum Dönerstand, um sich etwas zu trinken zu kaufen.

Sie merken nicht, dass ich sie beobachte, denn ich sitze hier in meinem Taxi, ich warte auf sie, auf die Paare, die schnell nach Hause wollen, die Paare, die ihrem Abend noch einen erotischen Ausklang geben wollen. Sie bemerken mich nicht, weil es mein Job ist, hier zu sein.

Und ich merke nicht, dass sich ein Paar in meine Richtung bewegt. Sie hat rote Rosen in der Hand, welche sich, durch den sanften Wind, hin und her bewegen. Er hat eine Bierflasche in der Hand, die sich, angetrieben durch seine Hand, zu seinem Mund bewegt. Sie stiegen ein, ohne sich zu unterhalten – schweigend. Er sagt mir kurz, wo sie hin wollen und dann schweigen sie wieder.

Drückendes Schweigen, welches Erinnerungen in mir weckt. Erinnerungen an damals, als ich noch 20 war und meine erste Beziehung gerade auf ihr Ende zusteuerte. Sie hieß Susi, vier Jahre lang waren wir damals schon zusammen. Eine lange Zeit, in welcher wir uns weiterentwickelt haben – weiterentwickelt und voneinander weg. Damals kamen auch wir aus einem Kino, hatten uns nach der Vorstellung gestritten und wollten nur noch schnell nach Hause – weg vom Kino und weg vom Streit.

Wir stiegen in ein Taxi und achteten dabei ebenfalls nicht auf den Taxifahrer. Auch wir schwiegen, waren mit uns selbst beschäftigt und wussten nicht, dass wir nie wieder miteinander sprechen würden. Plötzlich ist da eine rote Ampel, quietschende Reifen, ein Knall. Sie war sofort tot, schwieg für immer…

Ein Knall holt mich in die Realität zurück. Es ist der Blumenstrauß, der gerade gegen die Laterne knallt.

13 Dezember 2012

Blogger-Adventskalender: Türchen 13

13. Türchen des Blogger-Adventskalenders

13. Türchen des Blogger-AdventskalendersNachdenkend gehe ich durch die nächtliche Stadt. Überall sind Lichter, welche die Nacht, die Läden und die Marktbuden erhellen. Auf dem Weihnachtsmarkt hört man glückliche Kinder, die sich in Fahrgeschäften vergnügen. Weihnachtsmusik verfolgt mich, bohrt sich tief in meine Gedanken. Es geht um die Weihnachtsbäckerei, um den Schnee, um Liebe und Zuneigung und um den Zusammenhalt der Familie – Nächstenliebe wird auf einmal großgeschrieben.

Langsam gehe ich von Bude zu Bude. Vor einem Stand mit kandierten Obst entdecke ich ein Kind, dass die kandierten Äpfel mit großen Augen ansieht. Die Mutter steht daneben, sieht, wo der Blick des Kindes hinfällt und dann kann ich Traurigkeit in ihrem Gesicht erkennen. Sie kniet sich zu ihrem Kind hinunter, flüstert ihm was ins Ohr und auch in seinem Gesicht flackert kurz Traurigkeit auf. Beide gehen sie weiter, aber schon kurze Zeit später kann man wieder Fröhlichkeit im Gesicht des Kindes erkennen, das Gesicht der Mutter hingegen bleibt von Traurigkeit erfüllt.

Auch ich gehe weiter, bleibe mit meinen Gedanken aber bei der Mutter mit ihrem Kind. Wahrscheinlich wird sie es schwer haben, dem Kind ein Weihnachtsgeschenk zu kaufen. Wahrscheinlich wird es was Kleines sein und wahrscheinlich wird das Kind kurz traurig sein, sich dann aber über das Geschenk freuen. Und dann Frage ich mich, ob das Weihnachten ist?

Kurze Zeit später komme ich an einem Kaufhaus vorbei. Hier streitet sich eine Jugendliche mit ihren Eltern. Es geht wohl um das Geschenk, welches die Eltern hier im Kaufhaus erwerben möchten. Es geht darum, dass das Geschenk wohl noch nicht teuer genug ist und das die Jugendliche wohl etwas will, was noch einmal doppelt so teuer ist.
Und dann muss ich daran denken, dass ich in meiner Jugendzeit nicht einmal wusste, was ich unterm Baum finden würde. Es blieb ein großes Geheimnis bis zur Bescherung und das war es, was den Reiz von Weihnachten ausgemacht hat. Sicher war ich auch vorher schon neugierig, habe versucht herauszufinden, welche Geschenke denn unterm Weihnachtsbaum auf mich warteten, aber erfahren haben ich es immer erst unterm Weihnachtsbaum. Es war nicht immer das, was ich mir gewünscht hatte, aber es war immer schön und ich war nach der Bescherung immer glücklich über das Geschenk.
Inzwischen waren die Eltern des Mädels verschwunden und das Mädel selbst telefonierte mit ihrem Handy. Jetzt hörte sie sich wieder glücklich an, obwohl sie eben noch sagte, dass sie nie mehr glücklich sein würde, wenn sie nicht das teurere Geschenk bekommt. Wahrscheinlich wird sie ihren Willen bekommen haben und unterm Weihnachtsbaum wird das liegen, was sie sich schon immer gewünscht hat.

Spontan zähle ich mein letztes Kleingeld – mein letztes Geld. Es sind noch fünf Euro. Ich steuere auf den Stand zu, vor dem das Kind stand, und kaufe einen leuchtend roten kandierten Apfel. Ich lasse ihn einpacken und schlendere weiter über den Markt in dieser nächtlichen Stadt. Am Ende der Straße entdecke ich das Kind mit seiner Mutter, ich laufe zu ihm, spreche kurz mit der Mutter und gebe dem Kind den leuchtenden Apfel. Ich sehe die großen leuchtenden Augen des Kindes und sage mir, das ist Weihnachten.

Langsam wird es ruhig in der nächtlichen Stadt. Einige Marktbuden werden bereits geschlossen und die Lichter gehen aus. Einige werden natürlich die ganze Nacht über brennen, wodurch die Stadt nicht ganz von der Dunkelheit umhüllt wird.

Auch ich gehe weg vom Markt, ich bin noch auf der Suche. Durch die Löcher in meinen Schuhen strömt die Kälte immer deutlicher hinein, wodurch meine Füße schmerzen. Es wird Zeit, einen Unterschlupf für die Nacht zu finden, auch wenn der die Kälte nicht vertreiben wird.

30 Minuten später stehe ich vor einem alten Schuppen. Die Tür ist zwar abgesperrt, aber durch ein nicht verriegeltes Fenster komme ich dennoch hinein. Ich nehme meinen Schlafsack, breite ihn in einer Ecke aus, wo gerade noch soviel Platz ist, damit mein Schlafsack und ich dort hineinpassen, und lege mich hin. Ich gehe davon aus, dass der Besitzer in der Nacht nicht mehr in den Schuppen kommen wird und somit wird er gar nicht bemerken, dass ich hier war.

Ich schlafe ein, doch schon kurze Zeit später werde ich von einem Geräusch geweckt. So schnell, wie ich nur kann, stehe ich auf und packe meine Sachen. Vor mir steht ein älterer Mann. Er lächelt mich sanft an und sagt, dass ich keine Angst haben muss. Er ist der Besitzer des Schuppens und er sagt, dass ich ruhig die Nacht im Schuppen verbringen dürfe. Er habe eben nur etwas abgestellt und mich in der Ecke liegen sehen. Deswegen wollte er einen Heizlüfter aus dem Schrank holen, wobei er dieses Geräusch gemacht hätte.

Ich legte meinen Schlafsack wieder hin und er stellte den Heizlüfter in meine Nähe. Dann steckte er den Stecker in die Steckdose und schaltete den Heizlüfter ein. Sofort umgab mich eine wohlige Wärme, die die Kälte erst aus meinen Kleidern und dann aus meinem Körper vertreibt.

Während ich die Wärme genieße, sagt mir der ältere Mann, dass ich am nächsten Morgen doch noch auf ein Frühstück vorbeikommen soll. Dann verabschiedet er sich von mir und ich bedanke mich noch schnell bei ihm. Während er durch die Tür geht, sagt er noch, dass das doch der Sinn von Weihnachten ist. An diesen Tag sollte man doch Wärme und Vertrauen verschenken.

Das nächste Türchen findet ihr Hier, Hier oder Hier.

9 Oktober 2012

Warum ist das Eichhörnchen vom Baum gefallen?

Eichhörnchen

EichhörnchenEs war einmal ein Eichhörnchen, welches sich auf die Reise in ein fremdes Land begab. Als es langsam auf den Winter zuging, machte sich das Eichhörnchen auf die Suche nach einem geeigneten Baum, um dort seine Nester zu bauen.

Eichhörnchen haben mehrere Nester, da sie öfter kleine Untermieter bekommen. Diese Untermieter mag das Eichhörnchen natürlich nicht, weswegen es dann auch zwischen den Nestern wechselt, wenn diese Untermieter zu Besuch kommen.

Als das Eichhörnchen einen Passenden, wenn auch unbekannten, Baum gefunden hatte, begann es sofort mit dem Nestbau. Das Eichhörnchen wusste ja nicht, welches Wetter es zu erwarten hat, da es neu war in diesem Land. Somit wusste das Eichhörnchen natürlich auch nicht, ob die Winter hier sehr kalt sind, oder ob es einen eher milden Winter erwarten dürfte.

Während das Eichhörnchen Material suchte, um seine Nester zu bauen, probierte es auch hier und da die unbekannten Früchte, die es überall fand – natürlich erst, nachdem es andere Tiere gefragt hatte, ob diese Früchte giftig wären. Die meisten Früchte schmeckten den Eichhörnchen nicht wirklich, weswegen es sich entschied, seinen Wintervorrat nur mit bekannten Früchten aufzubauen, welche das Eichhörnchen auch schon gefunden hatte.

Am Abend hatte das Eichhörnchen die ersten beiden Nester fertig und entschloss sich, sich einen gemütlichen Abend zu gönnen. Dazu sammelte es ein paar bekannte Früchte ein und auch eine rote Frucht, die es erst vor einer halben Stunde gefunden hatte und die ihm von anderen Tieren empfohlen wurde. Es hatte die Frucht auch schon probiert und empfand den Geschmack sehr wohltuend, weswegen es diese Frucht für die erste Nacht in seinen neuen Nestern unbedingt auch haben wollte.

Als das Eichhörnchen mit dem Sammeln fertig war, begab es sich in eines seiner zwei neuen Nester und begann damit, sich einen Früchtesalat zuzubereiten. Mit diesem legte es sich gemütlich in das andere Nest und mampfte den gesamten Früchtesalat auf. Danach wurde das Eichhörnchen ziemlich müde, worüber das Eichhörnchen schon verwundert war. Es machte sich aber keine Sorgen, sondern dachte sich, dass das auf die schwere Arbeit zurückzuführen ist, welche das Eichhörnchen am Tag geleistet hatte.

Mitten in der Nacht wachte das Eichhörnchen aber auf einmal auf. Es fühlte sich so komisch, so locker und leicht. Und obwohl es wusste, dass es ein Eichhörnchen ist, dachte es, dass es ein Flughörnchen ist, und es fühlte den Zwang, dass es sofort durch die Gegend fliegen müsste. So begab sich das Eichhörnchen aus seinem Nest, setzte sich auf einen Ast, breitete die Arme aus und sprang ab.

Natürlich konnte das Eichhörnchen nicht fliegen, und so landete es sehr unsanft auf dem Waldboden. Es sah einige andere nachtaktive Tiere, die sich über das Eichhörnchen lustig machten, und es war auch selbst ziemlich verwirrt. Nachdem es sich kurz in alle Richtungen umgeschaut hatte, entschloss das Eichhörnchen sich wieder in sein Nest zu legen und zu schlafen.

Am nächsten Tag wurde das Eichhörnchen von einem anderen Nager geweckt. Das Eichhörnchen hatte Kopfschmerzen und war immer noch verwirrt über das, was es in der Nacht gemacht hatte. Der andere Nager fragte, ob das Eichhörnchen von den roten Früchten gegessen hätte, was das Eichhörnchen bestätigte. Darauf hin erzählte der Nager, dass die Frucht zwar nicht giftig ist, es sich aber um eine Droge handelt, welche bei jedem Tier anders wirkt. Einige Tiere bekommen Alpträume davon, andere werden ziemlich locker und erleben einen sehr angenehmen Tag. Das Eichhörnchen sollte sich also keine größeren Gedanken mehr über die vergangene Nacht machen. Außerdem sollte es die roten Früchte am besten nicht mehr essen, auch wenn sie durchaus lecker sind. Das Eichhörnchen bedankte sich für die Info und machte sich danach sofort wieder daran, noch zwei weitere Nester zu bauen. Außerdem sammelte es viele bekannte Früchte, um seinen Wintervorrat aufzubauen – um die roten Früchte machte das Eichhörnchen aber einen großen Bogen, obwohl sie schon ziemlich lecker waren.

Diese Geschichte entstand aus der Frage, welche von der Schreibnudel gestellt wurde: „Warum ist das Eichhörnchen vom Baum gefallen?

3 April 2012

Lernen ist schwer…

Lernen ist schwer. Ihr wisst sicher was ich meine, wenn ich diesen Satz schreibe. Ich gehe sogar weiter, denn lernen ist unmöglich. Zumindest, wenn man es in den eigenen vier Wänden machen soll. Kaum sitzt man am Schreibtisch und hat das Heft mit der zu lösenden Aufgabe vor sich liegen, fällt einen auf einmal ein Schrank auf, den man schon mindestens 10 Jahre nicht mehr beachtet hat. 10 Jahre ist eine lange Zeit, und so kommt es, dass der Schrank auf einmal interessanter ist, als das Heft mit der Aufgabe, welche man eigentlich lösen sollte. Wir können das Heft mir der Aufgabe auch gerne gegen Vokabeln auf Karteikarten austauschen, es bleibt dasselbe, der Schrank ist interessanter. Was verbirgt sich wohl in diesem Schrank, den wir 10 Jahre nicht mehr angesehen haben? Wahrscheinlich könnte man ihn mal wieder entrümpeln, um für die vielen Hefte einen Platz zu finden, wo sie sicher sind, wenn wir einmal nicht lernen müssen. Wir gehen also zum Schrank, der bedeutend wichtiger ist, als das Lernen und öffnen ihn. Wahrscheinlich hätten wir den Schrank gar nicht beachtet, wenn wir nicht hätten lernen müssen und er wäre weitere 10 Jahre unbeachtet gewesen. Was natürlich gut für die kleinen Monster gewesen wäre, die sich in den letzten 10 Jahren darin versteckt hatten, aber das ist ein anderes Thema.

Wir öffnen also den Schrank und finden viele interessante Dinge. Zum Beispiel den Brief von einer Person, die wir schon jahrelang (also mindestens 10 Jahre) nicht mehr gesehen haben. Erinnerungen werden wach und diese brauchen ihren Platz, an Lernen ist jedenfalls erst einmal nicht zu denken.

Oder man findet eine alte Kassette, die man schon mehrere Jahre (und mit mehreren Jahren sind mindestens 10 gemeint) nicht mehr gehört hat. Zufällig findet man auch den Walkman, mit dem man die Kassette jetzt hören kann und es werden Erinnerungen wach, die natürlich ihren Platz brauchen. Zum Lernen ist jedenfalls kein Platz vorhanden.

Nach der Kassette fallen einen dann Fotos in die Hand. Fotos, die man schon längere Zeit nicht mehr angesehen hat (und mit längere Zeit meine ich natürlich mindestens 10 Jahre). Erinnerungen werden wach, die natürlich ihren Platz brauchen. Zum Lernen fehlt natürlich weiterhin der Platz.

Inzwischen sind vier Stunden vergangen, die Sonne (wir haben Sommer) verschwindet langsam, aber es ist noch genügend Licht da, um ohne Licht am Schreibtisch zu sitzen, und zu lernen.

Wir gehen also zum Heft mit der Aufgabe die wir lösen sollen, welches wir inzwischen mit Vokabeln auf Karteikarten ausgetauscht haben, und wollen nun endlich anfangen mit dem Lernen. Da fällt unser Augenmerk auf eine Pflanze. Eine Pflanze, die nur noch lebt, weil sich abwechselnd die Katze und deine Mutter darum gekümmert haben. Sie sieht nicht mehr gut aus, die Pflanze, und eigentlich müsste man etwas machen, damit es der Pflanze wieder gut geht.

Wir gehen also zum Computer, rufen Google auf und geben ein „Wie rette ich meine Pflanze“. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, um was für eine Pflanze es sich da eigentlich handelt. Man sucht also bei Google ein Pflanzenlexikon, in welchem man dann die Pflanze identifizieren kann, indem man Bilder studiert. Nach zwei Stunden, draußen ist es inzwischen dunkel geworden, findet man die Pflanze, und kann nun bei Google nach Tipps suchen, wie man die Pflanze retten kann. Nach einer weiteren Stunde hat man sich dann genügend Wissen über die Pflanze angelesen, und beschließt, sie gleich am nächsten Tag zu retten.
Zufrieden schaltet man den Computer aus und geht sich danach die Zähne putzen, bevor man sich dann ins Bett legt und zufrieden einschläft.

Am nächsten Morgen wacht man schweißgebadet auf, weil man von seiner Aufgabe im Heft geträumt hat, welche man durch Vokabeln auf Karteikarten ausgetauscht hat. Man fragt sich, wie die anderen es immer schaffen, diese Dinge pünktlich fertigzubekommen, während man selbst aufs Frühstück verzichten muss, damit man, auf dem Weg zur Klausur, wenigstens noch ein wenig Lernen kann.

17 Januar 2012

Brief an das Leben – Teil 1

Hallo Leben,

ich schreibe dir diesen Brief, weil du auch mal einen erhalten solltest. Ich weiß zwar nicht, ob man
sich bedanken sollte, dass du in uns bist oder ob man sich eher beschweren sollte. Auf jeden Fall gibt es dich und durch dich gibt es mich.
Irgendwann steigt alles, was lebt, in diesen Zug ein, in deinen Zug, der aber immer nur in eine Richtung fährt, ein zurück gibt es nicht. Eigentlich bist du ja egoistisch, Leben, denn du fährst nur dort lang, wo du lang fahren willst, und du hältst nur dort an, wo du anhalten möchtest.
Tja Leben, manchmal überlegt man sich die Notbremse zu ziehen und einfach aus zusteigen, aber selbst da machst du nicht mit, denn egal wo man aussteigt, man ist immer am Ziel, dort wo der Zug eh hin wollte. Das ist echt gemein von dir, warum lässt du den Zug dann eigentlich so lange fahren?

Früher muss der Zug schneller gefahren sein, denn früher sind die Menschen nicht so alt geworden wie heute, aber früher hattest du wohl auch noch nicht so eine Last mit dir zu tragen. Oder bist du einfach nur aus dem Takt gekommen? Durch die vielen Aufenthalte, die du einlegen musstest, um die ganzen Leute aussteigen zu lassen, die den Zug verlassen mussten, weil andere nicht wollten, das sie weiter in diesen Zug mitfahren sollten.

Tja, auch jetzt hältst du ziemlich oft noch zwischen durch an, weil Menschen, welche eigentlich eine ganz andere Endstation hatten, jetzt schon aussteigen, ja du hast recht, Menschen sind heutzutage sehr flexibel geworden. Manche steigen freiwillig aus, andere müssen aussteigen, weil sie dazu genötigt werden. Und du? Du schaust dir das einfach so an! Ist dein Zug denn schon so überfüllt, dass du Menschen los werden musst? Oder hast du einfach gar nicht mehr die Macht etwas dagegen zu tun? Hat der Mensch etwa kein Respekt mehr vor dir und du musst dich verstecken, dass sie dich nicht irgendwann mal in einen Käfig sperren? Tja Leben, ich glaube da bist du manchmal selbst dran schuld, hast du den Menschen doch soviel Platz gelassen um sich zu entwickeln.

Hey Leben, warum fährt dein Zug eigentlich durch so viele hässliche Gegenden? Warum sieht man in letzter Zeit so viel Kummer und Leid? Musst du gerade auf einem Nebengleis fahren, weil das Hauptgleis kaputt ist und repariert werden muss? Wann biegen wir denn dann wieder auf das Hauptgleis ab?

Naja Leben, ich weiß das Du versuchst es jedem Recht zu machen, aber darunter leiden leider auch sehr viele, doch was könntest du schon anders machen? Lass sie doch einfach das machen was sie wollen, oder meinst du, dass es dann alles aus dem Ruder läuft? Vielleicht hast du recht und es muss einfach so sein. Deswegen bin ich doch zum Entschluss gekommen mich zu bedanken, schließlich sitze ich hier wohl in der 1. Klasse in deinen Zug. Mir geht es eigentlich gut, natürlich sind auch wir durch dunkle Tunnel gefahren und auch ich habe Orte gesehen, die mir nicht gefallen haben. Aber im Großen und Ganzen geht es mir gut, nicht so wie den Leuten in der zweiten oder dritten Klasse. Naja, wo sollten die Leute auch hin, ist doch in der 1.Klasse deines Zuges gar nicht so viel Platz.

Leben, vielleicht schickst du mir ja mal ein paar Antworten, von mir bekommst du auf jeden Fall noch mehr Briefe. Habe ich dir doch noch so vieles zu schreiben, was in diesen ersten Brief gar nicht rein passt.

So das soll es auch erst mal gewesen sein, ich freue mich auf eine schnelle Antwort von dir

Liebe Grüße,

Sven

Bereits 2004 in meinem Forum veröffentlicht.

11 Dezember 2011

Blog Adventskalender 2011 – 11. Söckchen

11. Söckchen
11. Söckchen

Heute ist der 11.Dezember und somit Zeit für das 11.Türchen des Blogger-Advent-Kalenders Es ist das erste Mal, das ich dran teilnehme und ich hoffe, dass euch die Kurzgeschichte gefällt, die ich für euch geschrieben habe.

Als der Weihnachtsmann Weihnachten verschlief.. .

„Und wenn das fünfte Lichtlein brennt, dann hat der Weihnachtsmann verpennt.“, so heißt es in einem Weihnachtsgedicht. Und tatsächlich gab es einmal ein Weihnachtsfest, an dem der Weihnachtsmann verschlafen hatte. Das ist schon sehr lange her, und natürlich erinnert sich heute auch keiner mehr daran, wofür der Weihnachtsmann verantwortlich ist.

Damals hatte der Weihnachtsmann sehr viel um die Ohren, denn es war mal wieder Krieg auf Erden und auch die Pest verbreitete Leid und Schrecken auf der ganzen Welt. Täglich starben irgendwo auf der Welt Menschen, darunter auch viele Kinder. Für den Weihnachtsmann bedeutete das, dass er täglich sein großes Weihnachtsbuch aktualisieren musste. Dafür brauchte er manchmal den ganzen Tag und die ganze Nacht, sodass er keinen regelmäßigen Schlaf bekam. Computer gab es damals noch nicht, auch nicht beim Weihnachtsmann, weswegen es immer sehr lange dauerte, um das Weihnachtsbuch aktuell zu halten. Das ganze Jahr über musste der Weihnachtsmann die Namen der Kinder streichen, welche durch den Krieg oder durch die Pest ums Leben gekommen sind. Außerdem musste er die Adressen der Kinder aktualisieren, die durch den Krieg oder durch die Pest ihre Eltern verloren hatten und deswegen in ein Waisenhaus gekommen sind.
Natürlich musste er auch noch das Spielzeug kontrollieren, welches von seinen Helfern produziert wurde und auch die Rentiere brauchten seinen Zuspruch, damit sie am 24.12 auch bereit waren, seinen schweren Schlitten zu ziehen.

Es war also eine sehr harte Zeit für den Weihnachtsmann und so geschah es, das er am 23.12 einschlief. Er fiel in einen so tiefen Schlaf, dass auch seine Helfer nicht genug Lärm machen konnten, um ihn zu wecken. Sie versuchten es mit Trommeln und mit Trompeten. Sie ließen Luftballons und Raketen knallen, doch all das half nichts, der Weihnachtsmann erwachte nicht aus seinem tiefen Schlaf. Erst am späten Abend des 24. Dezember wachte der Weihnachtsmann wieder auf, natürlich war es inzwischen viel zu spät, um die Geschenke noch rechtzeitig zu verteilen.
Die Zeit konnte der Weihnachtsmann nicht zurückdrehen, obwohl er über Zauberkräfte verfügt. Deswegen überlegte er angestrengt, wie er die Weihnachtsgeschenke doch noch rechtzeitig zum Heiligabend ausliefern konnte. Er hätte natürlich die Geschenke auch einfach am 25. Dezember verteilen können, aber das war ihm dann doch zu peinlich und außerdem hatte er Angst, dass die Menschen dadurch noch die letzte Hoffnung auf Frieden verlieren würden. Er hatte schon mit seinem Zauber versucht Frieden auf die Welt zu bringen, aber so stark waren seine Kräfte leider nicht, und so konnte er nur darauf hoffen, dass die Menschen den Frieden irgendwann selbst finden würden. Wenn jetzt noch der Heiligabend ausfallen würde, könnte diese Hoffnung in weite ferne rücken.

Dann kam ihm eine Idee! Fast alle Monate im Jahr hatten mindestens 30 Tage, nur der Februar tanzte mit seinen 28 Tagen aus der Reihe. So beschloss er, dem Februar einen neunundzwanzigsten Tag zu geben. Es hätte natürlich blöd ausgesehen, wenn nur dieses eine Jahr einen Februar mit neunundzwanzig Tagen hätte. Da er aber nicht einfach jedes Jahr um einen Tag verlängern konnte, entschied er sich dafür, jedes vierte Jahr um einen Tag zu verlängern. Damit hatte er dann auch noch ein zweites Problem gelöst, welches ihn schon seit vielen Jahrhunderten quälte. Denn alle vier Jahre trafen sich der Osterhase, der Nikolaus und der Weihnachtsmann, um gemeinsam im warmen Meer zu schwimmen und sich über die Feiertage auszutauschen. Dieser Tag fehlte ihn aber immer in der Weihnachtsvorbereitung, was den Weihnachtsmann jedes Jahr aufs Neue ärgerte. Nun konnte er einfach den 29. Februar für dieses Treffen nutzen.

So belegte er die Menschen mit einem Zauber, damit diese sich an den 29. Februar erinnern konnten, den es bisher noch gar nicht gab. Der Zauber bewirkte auch, dass es für die Menschen den 29.Februar schon immer gab. Nun musste er nur noch die ganzen Kalender austauschen, die es auf der Erde gab. Das machte er, während er die Geschenke auslieferte. Damit hatte er seinen Fehler wieder ausgebessert und er rettete damit auch die Hoffnung der Menschen, die nur wenige Wochen später im Frieden leben durften.
Allerdings gab es ein paar Menschen, bei denen der Zauber des Weihnachtsmannes nicht wirkte. Diese Menschen versprachen dem Weihnachtsmann aber, die Geschichte niemanden zu erzählen. Es hielten sich auch alle an dieses Versprechen, nur einer entschied sich, diese Geschichte aufzuschreiben. Da inzwischen aber alle Menschen aus dieser Zeit gestorben sind, weiß niemand, ob diese Geschichte auch wahr ist. Nur der Weihnachtsmann weiß, ob sich das Ganze so zugetragen hat, und ob er wirklich einmal das Weihnachtsfest verschlafen hat. Selbst seine Helfer können sich nicht mehr an diese Geschichte erinnern, denn dazu liegt sie schon viel zu weit in der Vergangenheit.

Morgen geht es weiter mit dem 12.Türchen des Blogger-Advents-Kalenders. Das Türchen findet ihr vielleicht auf dem meinungs-blog, oder auf gregel.com oder auf timotime.de.

24 April 2011

Ein seltsamer Montag – Kurzgeschichte

Ich werde diesen Montag wohl nie vergessen. Es war ein ganz normaler Montag, wie immer stand ich um sechs Uhr auf und schaltete den Computer an. Dieser startete ganz normal, doch als ich meine tägliche Dosis Nachrichten konsumieren wollte, ging überhaupt nichts. Mein Browser öffnete keine einzige Internetseite, mein Feed-Reader blieb leer und auch mein E-Mail-Eingang blieb verschont. Eigentlich schön, aber ich ging davon aus, dass mein Internet eine Störung hatte, weswegen ich den Computer wieder ausschaltete und mich auf den Weg zu meiner Bank begab. Ich brauchte unbedingt die Kontoauszüge, welche ich mir im Internet ja nicht holen konnte.

Bei meiner Bank angekommen, schauten mich die Mitarbeiter der Bank, welche um diese Uhrzeit eigentlich noch gar nicht hier sein dürften, verdutzt an. Noch bevor sie irgendwas sagen konnten, schob ich meine Bankkarte in den Kontoauszugsdrucker, der mir aber nur antwortete, dass keine Daten vorhanden seien. Keine Daten? Ich hatte in diesen Monat doch noch gar keine Kontoauszüge geholt, was eigentlich bedeutet, dass sehr viele Daten vorhanden sein müssten. Ich ging also zu den Bankangestellten, um mir von diesen Antworten zu holen. Diese konnten mir allerdings nur mitteilen, dass derzeit keine Kundendaten vorhanden sind. Es wisse noch niemand, was in dieser Nacht passiert ist, allerdings sind derzeit alle Daten verschwunden. Die Techniker seien gerade dabei, die Backups zu bergen und in das System einzuspielen, das könnte aber noch ein paar Tage dauern.

Ein Blick in meine Geldbörse verriet mir, dass ich eigentlich noch Geld holen müsste. Da dies bei dieser Bank derzeit nicht möglich war, ging ich gleich weiter zu einer anderen Bank, bei der ich noch ein weiteres Konto besaß. Aber auch hier gab es genau dasselbe Problem. Die Kundendaten seien über Nacht gelöscht wurden und nun sei man dabei, die Backups wieder einzuspielen.

Für mich bedeutete das, dass ich derzeit nicht an mein Geld kam. Jetzt musste ich mir für die nächsten Tage wohl etwas einfallen lassen, wenn das mit den Backups denn wirklich so lange dauern sollte. Wie sollte ich einkaufen gehen? Wie meine Miete überweißen? Bei diesem Stichpunkt fiel mir ein, dass ich auch noch einmal bei meiner Wohnungsbaugesellschaft vorbei gehen müsste. Bei der letzten Betriebskostenabrechnung gab es einige Dinge, die ich mir nicht ganz erklären konnte, weswegen hier ein klärendes Gespräch notwendig war, bevor ich die zusätzlichen Kosten bezahlen würde, wenn sie denn berechtigt waren.

Da ich meine Buchführung derzeit nicht machen konnte, und auch der Einkauf derzeit nicht möglich war, da ich kein Geld hatte, entschloss ich mich dieses Gespräch direkt hinter mich zu bringen. Inzwischen war es auch schon neun Uhr, sodass die Wohnungsbaugesellschaft auch schon Sprechzeiten hatte.

Doch auch dort konnten mir die Berater derzeit nicht helfen, denn die Wohnungsbaugesellschaft hatte derzeit keinen Zugriff auf die Mieterdatenbank, es schiene geradeso, als ob alles gelöscht wäre. Die IT-Techniker seien aber dran, es könnte aber einige Tage dauern, bis die Daten wieder verfügbar wären. Meine Beraterin schrieb sich meinen Namen und meine Telefonnummer auf, und versprach mir, mich sofort anzurufen, sobald die Daten wieder verfügbar wären.

Unverrichteter Dinge ging ich wieder nach Hause, um mich hier dann wenigstens um die Kundenpflege zu kümmern. Auf meinem PC waren noch alle Daten vorhanden, so auch die Telefonnummern, die Anschrift, die Mahnungen, halt alles, was zu einem Unternehmen dazugehört. Es wäre allerdings viel zu schön gewesen, wenn denn wenigstens die Telefone gehen würden. Weder die Handys noch die Festnetztelefone funktionierten und ich hatte mich schon gewundert, warum mein Handy heut den ganzen Tag nicht geklingelt hatte.

Am Nachmittag kam dann meine Mutter vorbei. Auch sie hatte dieselben Probleme wie ich, sie konnte weder Geld abheben, somit nicht einkaufen gehen, niemanden anrufen und deswegen hatte sie sich entschlossen, mich zu besuchen. Wir fragten uns, wie es wohl weitergehen würde, wenn die Daten nicht wieder hergestellt werden könnten. Wie sollte ich nachweisen, wie viel Geld ich noch auf meinem Konto hatte? Wie sollte ich überhaupt etwas nachweisen und wie sollten die anderen mir etwas nachweisen? Wären wir dann alle schuldenfrei?

Während wir so diskutierten, schaltete meine Mutter das Fernsehen ein. Auch hier gab es wohl Probleme, aber ein eingeschränktes Programm konnte man inzwischen wieder senden. Von überall auf der Welt kamen dieselben Meldungen, überall seien die Daten nicht verfügbar und das Internet sei wohl vollkommen gelöscht.

Das Internet gelöscht? Ist das denn überhaupt möglich?

Die Regierungen aller Länder saßen derzeit in Krisensitzungen, denn es mussten schnell Lösungen gefunden werden. Derzeit hatten wohl nur sehr wenige Leute noch Bargeld zur Verfügung, die Vermögen, welche in irgendwelchen Computern standen, sind derzeit nicht abrufbar, weswegen der größte Teil der Bevölkerung ohne Geld sei. Die Banken sollten jetzt ermitteln, wie lange sie wohl bräuchten, bis die Daten wieder verfügbar sind. Erst dann könnten die Regierungen einen Notfallplan erarbeiten, um die Bevölkerung zu versorgen.

Den restlichen Tag verbrachten wir mit irgendwelchen Brettspielen, da wir nicht wirklich etwas zu tun hatten. Meine Mutter ging gegen 22 Uhr wieder nach Hause und ich legte mich ins Bett. Ich hoffte, dass am nächsten Tag wieder alles beim Alten sein würde, denn was wäre, wenn das nicht der Fall sein würde?