30 Juli 2018

Habt ihr es dann endlich?

Na, habt ihr es dann endlich? Habt ihr alle möglichen Vergleiche und Witze über Menschen gemacht, die in der ehemaligen DDR gelebt haben? Habt ihr auch den letzten Zweifel daran beseitigt, dass der Rassismus und Menschenhass nur von den Ostdeutschen kommt?

Jetzt mal ehrlich, wundert ihr euch wirklich, dass die Teilung in den Köpfen immer noch vorhanden ist? Glaubt ihr wirklich, dass ihr das mit eurer Arroganz, eurer “Siegermentalität” überwinden könnt? Dieses Getue vom gönnerhaften Wessi, der die Ostdeutschen ja nur aus Mitleid aufgenommen hat und der dafür so viele Opfer bringen musste? Dieses permanente “Ihr-müsst-uns-dankbar-sein”? Ohne überhaupt ein wenig zu reflektieren, dass die Ostdeutschen auch eine Menge verloren haben und sie ebenfalls teuer für die Wiedervereinigung bezahlt haben! Klar wurden da aus zwei Staaten ein Staat. Natürlich gab es da unterschiedliche Systeme für die soziale Absicherung, die irgendwie miteinander vereint werden mussten. Klar haben die Ostdeutschen nicht in das westdeutsche System eingezahlt, solange es die DDR noch gab, aber ist das ein Grund, dauerhaft dieses Überhebliche an sich zu haben, ständig irgendeine Dankbarkeit einzufordern? Und ganz ehrlich, macht diese Arroganz den Rassismus erträglicher, der derzeit in der Gesellschaft immer mehr zum Vorschein kommt?

In der Diskussion immer unerwähnt bleibt, dass die Treuhand das Volksvermögen der ehemaligen DDR zu Geld gemacht hat. Niemand erwähnt die vielen westdeutschen Investoren, die in den neuen Bundesländern Unternehmen aufgekauft haben, um diese dann langsam aber sicher abzuwickeln. Die Menschen, die mit dem neuen Wirtschaftssystem überhaupt nicht klar gekommen sind, die dachten, dass alles besser wird und sich deswegen überschuldet und am Ende dann alles verloren haben, was sie sich irgendwie aufgebaut hatten. Der Verlust der eigenen Identität, die Herabwürdigung der eigenen Lebensleistung, weil diese ja in der DDR erbracht wurde und nicht in der BRD. Darüber diskutieren wir nicht!

Wenn ich mir die Diskussion so ansehe, dann könnte mensch glauben, dass die ehemaligen Bürger der DDR nur genommen haben, aber selbst nichts gegeben oder verloren hätten. Sie haben aber eine ganze Menge verloren!

Wenn wir über den Rassismus in den neuen Bundesländern reden, der absolut Scheiße und erschreckend ist, dann sollten wir vielleicht auch einmal überlegen, ob diese Überheblichkeit und diese Siegermentalität der Westdeutschen nicht eine Ursache dafür ist. Ob die andauernde Abwertung der Lebensleistung, die großen Verluste nach der Wiedervereinigung, die Perspektivlosigkeit, die die blühenden Landschaften gebracht haben, nicht eine Erklärung für diesen Fremdenhass sein könnten. Wenn wir das in unsere Überlegungen mit einfließen lassen, dann könnten wir eventuell auch eine Lösung für das Problem finden, dann könnten wir den Rechtspopulisten eine positive Erzählung entgegen setzen, die dann aber auch die Lebensleistung dieser Menschen respektiert und sie nicht andauernd abwertet. Oder glaubt ihr wirklich, dass ihr mit diesen ständigen Anfeindungen eine solidarische Gesellschaft schaffen könnt, die offen ist für alle? Glaubt ihr wirklich, dass ihr mit ständigen Abwertungen die Menschen in den neuen Bundesländern weltoffener macht?

Sind wir doch ehrlich, ihr fühlt euch besser, wenn ihr den Rassismus von euch wegschieben könnt. Es ist so, wie mit der Armut, oder? Ihr denkt euch: “Natürlich gibt es auch bei uns Rassismus, aber der in den neuen Bundesländern von den Ostdeutschen, der ist doppelt so schlimm wie unser eigener.”? Oder liege ich da falsch? Ist es nicht derselbe Erklärungsversuch, wie bei der Armut, die natürlich in Deutschland vorhanden ist, aber die nicht wirklich schlimm ist, weil sie in Afrika ja mindestens zehnmal so schlimm ist? Ist es nicht so, dass ihr euch mit diesen vergleichen besser fühlen wollt, weil im Vergleich zu anderen ist es ja gar nicht so schlimm? Denkt doch einfach mal darüber nach, bevor ihr dann wieder die nächste Abwertung raus haut und damit die Spaltung noch tiefer macht.

3 Juli 2018

Das Meer

Wenn es still daliegt, es nur leichte Wellen schlägt, es ruhig eine Decke über all das legt, was sich in ihm verbirgt, dann sieht das Meer Kilometerweit gleich aus, friedlich. Es hat aber auch eine andere Seite, die Stürmische, das alles verschlingt, wenn es die Chance dazu bekommt.

Ich wohne gar nicht am Meer, ich wohne in Berlin, weit weg vom Meer. Den weiten blauen Horizont, den habe ich bisher nur selten gesehen. In Spanien für ein paar Wochen und in Dänemark. Und doch ist es so faszinierend, so verlockend, so geheimnisvoll. Unter seiner Oberfläche versteckt es Welten voller Schönheit. Schönheit, die wir nicht verstehen, weil wir sie nicht sehen und greifen können. Deswegen zerstören wir diese Welten, nutzen sie als großen Müllplatz, fordern Gesetze, um es zu ändern, ändern aber nichts, ohne Gesetze.

Das Meer verspricht Freiheit, kann es aber nicht halten, weil es kein Lebensraum für uns Menschen ist. Es kennt keine Grenzen und grenzt dennoch ab. Es versperrt den Zugang zu Wohlstand und es schützt den Wohlstand. Ungewollt! Das Meer kennt diese Begriffe nämlich nicht. Das Meer hat keine Werte, kennt kein Gut und auch kein Böse. Es gibt Leben und es nimmt Leben.

Der Mensch kennt Werte, er gibt sich Werte, er besteht auf Werte, um diese Werte dann regelmäßig zu vergessen. Er lässt diese Werte im Meer ertrinken, weil er nicht unter die Oberfläche sieht, weil er nicht die vielen faszinierenden Welten sieht, die dort auf dem Meer zusammen mit den Werten ertrinken. Der Mensch sieht nicht, was er nicht sieht. Er sieht nur seinen eigenen Egoismus, verliert dabei die Menschlichkeit, schmeißt sie ins Meer, wie den Plastikmüll und wundert sich dann, wenn es irgendwann als etwas giftiges zurückkommt. Eine Welle voller Gift und Hass!

Das Meer ermöglicht Leben. Es bringt die Voraussetzungen für all das Leben auf unserem Planeten. Das Meer versteckt Welten, es trennt Welten und verspricht dennoch Freiheit. Das Meer ist wie das Leben, denn auch wenn es an der Oberfläche gleich aussieht, so verstecken sich doch darunter so viele verschiedene, faszinierende Welten, wie sich auch in jedem Lebewesen faszinierende Welten unter der Oberfläche verstecken.

Beitrag zur Blogparade „Europa und das Meer“

14 Juni 2018

Kriegsschauplatz Straßenverkehr

Der Straßenverkehr in Berlin ist ein Kriegsschauplatz. Dieser Satz liegt mir jetzt schon mehrere Wochen auf der Zunge und ich wollte schon lange einen Artikel dazu schreiben. Ein Kommentar im Tagesspiegel ist es jetzt, der aus dem passiven Wollen ein aktives Schreiben macht. Deswegen, weil der Kommentar nur eine Facette des Problems aufgreift, der durchaus richtig ist, aber eben vieles ausblendet.

Ich bin Fußgänger, Radfahrer und ab und an auch Autofahrer in Berlin. Ich bekomme aus allen drei Perspektiven mit, wie sich andere Verkehrsteilnehmer benehmen und wie wichtig es dadurch wird, nicht immer auf sein Recht zu bestehen, weil das sonst zu Unfällen führen würde. Wenn ich an einer Ampel zum Beispiel langsamer anfahre, weil ich sehe, dass dort noch jemand unbedingt abbiegen muss, obwohl seine Ampelphase schon längst wieder auf Rot ist. Der Autofahrer neben mir aber nur noch Routinen ablaufen lässt, bei Grün voll beschleunigt und den Unfall mit dem Abbieger dann nur mit sehr viel Glück verhindern kann. Dann sehe ich da diesen Kriegsschauplatz. Der eine will ein wenig Zeit sparen und Riskiert dabei sein Leben und das Leben eines anderen und eben dieser andere will unbedingt auf sein Recht bestehen, und riskiert dadurch ebenfalls sein Leben.

Oder ich stehe mit dem Fahrrad an der roten Ampel und schaue allen anderen Radfahrern dabei zu, wie sie eben diese rote Ampel ignorieren. Und das machen sie nicht nur, wenn sie alleine auf dem Fahrrad sind, nein, sie machen es auch, wenn noch ein Kindersitz am Fahrrad montiert ist, in dem dann meist auch ein Kind sitzt. Und es sind nicht nur rote Ampeln, es sind auch die Situationen, wo unbedingt noch vor einer Straßenbahn die Schienen überquert werden müssen.

Oder ich stehe als Fußgänger an der Ampel, habe eigentlich schon Grün und kann dennoch nicht über die Straße gehen, weil es da Radfahrer gibt, die selbst dann nicht abbremsen, wenn andere Vorrang haben.

Was nutzen mehr Warnsignale, wenn sie ignoriert werden?

Ich könnte noch vieler solcher Dinge aufzählen. Dinge, die mich Kopfschüttelnd zurück lassen, weil diese Ignoranz und diese Selbstsucht mich irritiert. Es geht meist um ein paar Sekunden, die diese Menschen schneller sind. Für ein paar Sekunden riskieren diese Menschen ihr ganzes Leben. Ein paar Sekunden schneller, wenn alles gut läuft und ein paar Jahrzehnte weniger Lebenszeit, wenn es dann doch schief geht. Da werden Ampeln ignoriert, Vorfahrtregeln missachtet und andere Menschen gefährdet, nur weil dadurch ein paar Minuten Zeit eingesparrt werden können.

Und dann ist halt die Frage, was mehr Warnsignale bringen sollen, wenn sie am Ende eh ignoriert werden?

Mehr Sicherheit würden sie nur bedeuten, wenn sie respektiert werden. Wenn sich alle Verkehrsteilnehmer an die Regeln halten, wenn Menschen konzentriert und achtsam am Straßenverkehr teilnehmen und auch die Rechte der anderen Verkehrsteilnehmer respektieren. Dann würden sie mehr Sicherheit bedeuten.

Und auch ohne neue Signale könnte mehr Achtsamkeit für mehr Sicherheit sorgen. Wenn ich als Radfahrer zum Beispiel weiß, dass LKWs einen toten Winkel haben, dann ist es eben sicherer an der Ampel hinter dem LKW zu bleiben, besonders dann, wenn dieser auch noch signalisiert, dass er abbiegen möchte. Dann muss ich halt im Notfall noch eine zweite Rotphase abwarten, aber dafür habe ich dann noch ein paar Jahrzehnte meines Lebens vor mir. Der Zeitgewinn, für den wir dort unser Leben riskieren, ist meist marginal.

Vorbild sein

Im Artikel geht es um die beiden Kinder, die innerhalb eines Tages in Berlin ihr Leben verloren haben. Das ist schrecklich! Aber schrecklich ist eben auch, dass das durch Fehlverhalten verursacht wird, welches ihnen täglich von den vermeintlich erwachsenen Verkehrsteilnehmern vorgelebt wird. Wie sollen Kinder das richtige Verhalten im Straßenverkehr erlernen, wenn sich ansonsten kein Verkehrsteilnehmer an die Regeln hält? Wie sollen Kinder sich fehlerfrei im Straßenverkehr verhalten, wenn sie an jeder Ampel sehen, wie andere Verkehrsteilnehmer bei Rot über die Ampel fahren oder gehen? Das funktioniert nicht! Nur dann funktioniert es eben auch dann nicht, wenn es mehr Warnsignale gibt.

Es ist schrecklich, dass dieser Krieg von Egoisten meist unschuldige Opfer fordert. Kindern kann kein Vorwurf gemacht werden, wenn sie sich von den Erwachsenen ein fehlerhaftes Verhalten abschauen. Erwachsene sind Vorbilder für Kinder und sie sollten sich eben auch so verhalten. Dieser Egoismus, der da im Straßenverkehr gelebt wird, der ist eben nicht nur für einen selbst schädlich, er ist es meist auch für die schwächsten Verkehrsteilnehmer, nämlich für die Kinder.

7 Mai 2018

Das ist dann eben so!

Hach, ich bin ja schon wieder voll mit Wut über diese Gesellschaft. Über Menschen, die meinen das sie für eine weltoffene Gesellschaft stehen, am Ende des Tages aber doch nur ihre Privilegien durch Abschottung und nationalem Getue verteidigen wollen. Menschen, die zwar meinen, dass die Menschen- und Bürgerrechte wichtig sind, aber eben nur für Menschen aus der westlichen Wertegemeinschaft und die ansonsten diese Menschen- und Bürgerrechte mit den Füßen treten. Leute die meinen, dass es keine Solidarität zwischen geflüchteten Menschen geben kann, dass die Fluchterfahrung, die all dieses Menschen teilen, nicht zu einer solchen Solidarisierung führen kann. Die der Meinung sind, dass der Rechtsstaat schon immer richtig handelt und für die es “eben so ist”, wenn Menschen in ihr Leid zurück geschickt werden, weil sie hier nicht als geflüchteter Mensch anerkennt werden.

Schon die Annahme, dass jeder Beschluss, den eine Behörde fällt, schon seine Richtigkeit haben wird, ist zum kotzen, aber noch mehr kotzt mich an, wenn dann auch noch das Demonstrationsrecht – welches nicht an die Staatsangehörigkeit gebunden ist – kriminalisiert werden soll. Eine Solidarisierung mit dem betroffenen Menschen, die aus dem Wissen entstanden ist, dass das jederzeit einem selbst passieren kann. Eine Reaktion, die eben auch Menschlichkeit zeigt, die einen solchen Sturm der Entrüstung in den deutschesten Wassergläsern auslöst. Sie beweist eben, dass diese Werte, die durch die Besitzer dieser deutschesten Wassergläser unbedingt verteidigt werden müssen, keinen wirklichen Wert haben. Aber das ist dann eben so!

Leute, ja, versumpft doch in eurem Menschenhass, aber steht eben dazu, wenn euch das Ladenöffnungszeitengesetz wichtiger ist als Menschenrechte. Sagt es doch, wenn es euch Scheißegal ist, welches Schicksal die Menschen in ihrem Land ereilt, sobald sie dorthin abgeschoben sind. Steht doch dazu, dass ihr euren Wohlstand verteidigen wollt und euch deswegen die Ausbeutung, die in anderen Ländern eben viel Leid und Gewalt mit sich bringt, egal ist. Hört auf zu sagen, dass ihr gegen die Todesstrafe seid, dann aber konsequent Abschiebungen fordert für Menschen, die hier in Deutschland straffällig geworden sind, die aber in ihrem Land durch Folter, Gewalt und eben dem Tod bedroht sind. Eine Abschiebung ist dann eben nichts anderes als diese Todesstrafe. Und nein, das bedeutet nicht, dass diese Menschen nicht bestraft werden sollen, aber wer auf Menschenrechte steht, der wird einsehen, dass diese Bestrafung dann eben nicht die Abschiebung sein kann. Ist so!

Aber es ist doch eh nur ein Alibi für euch. Jeder geflüchtete Mensch der straffällig wird, ist für euch ein Vorwand, um zu pauschalisieren. Wenn einer straffällig wird, dann werden potentiell alle straffällig. Und es ist auch egal, warum er straffällig wird, ob es vielleicht einen Zusammenhang zwischen der Perspektivlosigkeit gibt, die ja nicht verschwindet, sobald diese Menschen hier sind. Dann ist eine internationalistische und solidarische Gesellschaft eben sofort gescheitert, dann ist der Ruf nach geschlossenen Grenzen ganz schnell wieder da, dann wird den Vorurteilen gefrönt und jeder, der sich gegen diese Vorurteile stellt, der ist dann eben auch ein “Volksfeind”. Und wenn es dann eben doch mal wieder ein Deutscher ist, der für eine Gewalttat verantwortlich ist, dann ist die Herkunft auf einmal nebensächlich, dann ist es ein Einzelfall, ein individuelles versagen und beweist ja sowieso überhaupt nichts. Ist eben so!

Wenn euch euer Wohlstand aber so wichtig ist, wenn ihr die Ausbeutung in anderen Ländern, die Armut, die Gewalt, den Hunger und all die vielen anderen Fluchtgründe nicht anerkennt, dann hört auf mit der Heuchelei und kauft eure Waren bei Amazon. Dann hört auf davon zu sprechen, dass ihr Arbeitsbedingungen besser gestalten wollt. Dann hört auf über die Ausbeutung in der westlichen Welt zu jammern. Ja, das gehört alles zusammen! Eine bessere Welt gibt es nur dann, wenn es allen Menschen in dieser Welt besser geht. Das wird aber nicht gelingen, solange wir uns in unserem nationalen Gedankengut abschotten. Eine bessere Welt, in der Menschen nicht fliehen müssen, in der jeder dort leben kann, wo es ihm gefällt, ist nur dann möglich, wenn wir nicht die Kosten für unseren Wohlstand externalisieren. Doch genau das machen wir, solange wir nur an den eigenen Wohlstand denken und uns die Lebensbedingen – die eben auch Fluchtursachen sein können – in anderen Ländern egal sind. Und ja, das ist dann eben so!

Und hört mir auf mit der Silvesternacht in Köln. Was hat die denn bewiesen? Doch nur, dass es auf der ganzen Welt Arschlöscher gibt! Hört doch auf dies zu instrumentalisieren. Hört auf damit beweisen zu wollen, wie rückständig alle Männer in anderen Gesellschaften doch sind und das nur diese der Grund sind, warum sich Frauen nicht mehr alleine auf die Straßen trauen. Damit wollt ihr doch nur die eigene Gesellschaft glorifizieren, die allerdings noch lange nicht so Fortschrittlich ist, wie ihr glaubt. Klar, rein rechtlich gibt es eine Gleichstellung zwischen Mann und Frau, aber in der Gesellschaft herrscht diese Gleichstellung noch lange nicht. Und deswegen müssen so viele Frauen auch immer noch Gewalterfahrungen in ihren Beziehungen zu Männern machen und Abwertungen ertragen – mit Beziehungen meine ich jetzt nicht nur den festen Partner. Dazu braucht es nicht die geflüchteten Männer, dass schaffen die Männer, die in unserer Gesellschaft sozialisiert wurden, schon ganz alleine. Und wenn Frauen darauf hinweisen, dann leben diese deutschen Männer eben ihre Gewaltphantasien aus, erheben Vergewaltigungen zu einem Zuchtmittel und zeigen damit, was sie unter Gleichberechtigung in dieser Gesellschaft verstehen. Wir müssen uns da moralisch auf keinen Sockel stellen, solange in unserer Gesellschaft der Mann die Frau immer noch unterdrückt, solange in der Gesellschaft immer noch das Verhalten als legitim angesehen wird, dass vor ein paar Jahrzehnten auch gesetzlich noch legitimiert war. Durch dieses Verhalten entsteht die Angst bei den Frauen, durch die Gewalterfahrungen, durch die erlebten Abwertungen, dazu brauchte es die Silvesternacht in Köln gar nicht.

Lebt also eure Menschenfeindlichkeit, tretet Menschenrechte mit den Füßen, solange es nicht eure sind, werft eure moralischen Werte über Board, solange es eben nur “die Anderen” betrifft. Ja, das ist dann eben so, aber hört auf mit der Heuchelei, hört auf euch dann noch von der blauen Partei abzugrenzen, wenn ihr deren Botschaften doch eigentlich ganz okay findet, solange diese Botschaften eben nur “die Anderen” betreffen. Das ist dann eben so!

2 Mai 2018

Gesprächsfetzen aus der Stadt: Obdachlosigkeit

Ich fahre ja öfter mal S-Bahn in Berlin und es ist eher schwierig, dabei nicht auch ein paar Gespräche mitzubekommen. So auch gestern, als ich mir noch ein paar Getränke für den Tag besorgen musste.

Die Situation: Wie eigentlich in jeder S-Bahn, war auch in dieser S-Bahn wieder ein Mensch ohne Obdach, der sich von den Menschen im Zug eine kleine Spende erhoffte. Ich möchte kurz anmerken, dass ich natürlich auch nicht jedem Obdachlosen etwas geben kann, aber aus dieser Situation heraus entstand dann folgendes Gespräch zwischen ein paar Studentinnen:

„Ich gebe ja keinem Obdachlosen Geld. Wenn ich einem etwas gebe, dann muss ich ja allen etwas geben.“

„Stimmt, aber ein wenig Mitleid habe ich ja schon mit denen.“

„Manchmal gebe ich denen direkt etwas zu Essen, aber einer hat es mal abgelehnt, der hat dann auch den Euro nicht verdient.“

„Ja, und es gibt ja auch so viele Möglichkeiten, um aus der Obdachlosigkeit zu entkommen …“

Hier musste ich dann weg hören, denn in diesen Momenten möchte ich immer die Frage stellen, wie diese vielen Möglichkeiten denn aussehen. Sicher, es gibt Hilfe, aber um aus der Wohnungslosigkeit zu entkommen braucht es mehr und es braucht eben individualisierte Hilfe. Bei einigen mag es reichen, eine neue Wohnung zu organisieren. In den meisten Fällen braucht es aber mehr, braucht es psychologische Unterstützung, braucht es Menschen, die zuhören können, braucht es auch Zeit und Geduld. Und es ist eben auch gar nicht so einfach, eine Wohnung zu bekommen, weil diese nämlich entweder zu teuer sind oder weil eben noch Mietschulden vorhanden sind. Ich könnte sicher noch ein wenig mehr aufzählen, aber ich will es jetzt dabei belassen. Aber eins noch, der Spruch: „In Deutschland muss niemand Obdachlos sein!“ ist einfach nur falsch. Es gibt weder genügend Unterkünfte für obdachlose Menschen, noch gibt es genügend günstigen Wohnraum.

Es gäbe aber auch noch andere Dinge an dem Gespräch, über die Diskutiert werden könnte. Zum Beispiel, warum wir nicht einzelnen Menschen etwas geben können. Niemand verlangt, dass jeder einzelne jedem obdachlosen Menschen etwas gibt, sondern es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, allen obdachlosen Menschen zu helfen. Wenn also jeder ein wenig gibt, dann ist auch jedem obdachlosen Menschen geholfen.

Und warum sollte jemand, der Hilfe in Naturalien ablehnt, nicht doch den Euro verdient haben? Vielleicht hat er Mensch Allergien und muss deswegen genau wissen was in den Lebensmitteln ist. Oder er hat einfach eine Phobie davor. Ich kann zum Beispiel auch nicht aus einer Flasche trinken, aus der vor mir schon jemand getrunken hat (also direkt, Flasche am Mund). Oder Besteck, dass vor mir schon wer anderes hatte. So sind wir Menschen und darauf kann dann nicht mit einer solchen Pauschalisierung geantwortet werden.

1 Mai 2018

Kampfruf 2018

„Mit Furcht und Befremdung beobachten wir die wachsende Politik der Abschottung und das Erstarken der Nationalstaaterei. Wir solidarisieren uns mit allen Menschen, die im Austausch mit Menschen und Kulturen aus der ganzen Welt eine Chance für eine positive gesellschaftliche Entwicklung sehen und fordern dazu auf, den eingeschlagenen Weg der Abschottung zu verlassen, um den Weg für eine internationalistische und solidarische Gesellschaft ohne Grenzen zu ermöglichen.“

Na, wer unterschreibt?

29 April 2018

Kurze Momente: Der stürmische Tag

Es gibt ja diese Momente im Leben, die schnell wieder vergessen werden, weil sie eben auch nicht so wichtig sind, die einem dann aber plötzlich wieder einfallen. Viele Jahre später erst, in einem stillen Moment, bei einer Dokumentation, beim Lesen oder aber auch, wenn es keinen speziellen Grund dafür gibt.

Eben fiel mir ein Moment in meinem Leben ein, welcher schon mindestens 24 Jahre zurück liegt. Damals ging ich noch in die Grundschule und es war ein ziemlich stürmischer Tag in Berlin. An diesem Tag war ich auf dem Weg von der Grundschule nach Hause, vorher machte ich mit meinem damaligen Schulfreund aber noch einen kurzen Stopp in der Kaufhalle. Nein, einen Stopp im Supermarkt, denn darauf bestand die Verkäuferin damals. Kaisers, um es ganz genau zu sagen. Die Kaufhallen – und ja, in der DDR nannten wir die so – waren damals, kurz nach der Wiedervereinigung, ja irgendwie alle Kaisers oder eben Plus. Beide Marken gibt es ja inzwischen nicht mehr. Schon interessant, was in 24 Jahren so passiert.

Aber zurück zum Moment, der mir gerade durch den Kopf ging. Es war damals ein stürmischer Tag, wie ich oben eben schon erwähnte und ich hatte mir gerade in der Kaufhalle etwas zum naschen gekauft. Als ich die Kaufhalle verließ, wurde ich von irgendeinem Dachteil der Kaufhalle am Oberschenkel getroffen. Eine ziemlich schmerzhafte Angelegenheit, aber eine wirklich große Verletzung hatte ich dadurch nicht davon getragen, eine kleine Prellung, die noch ein paar Tage schmerzte, aber ich war weder beim Arzt, noch musste mich wer aus der Kaufhalle abholen. Allerdings musste ich seinerzeit in der Kaufhalle ein paar Minuten bleiben, wahrscheinlich um sicherzustellen, dass auch wirklich nichts passiert war.

Warum mir dieser Moment gerade jetzt wieder in den Kopf kommt? Nun, ich habe gerade so eine Art Dokumentation über den Rettungsdienst in Großbritannien gesehen und da wurde eine Frau bei einem Sturm von einem Stück Holz erschlagen. Die Frau war eine Verkäuferin und machte gerade Pause, als sie dieser kurze Augenblick aus dem Leben riss. Und da fiel mir dieser eine Moment von vor 24 Jahren wieder ein. Ein bisschen mehr Wind, ein anderer Winkel und dann hätte mich dieses Dachteil auch am Kopf treffen können. Es kann manchmal so schnell gehen, einfach so.

Die Kaufhalle selbst gibt es übrigens auch nicht mehr. Das Gebäude wurde vor kurzem abgerissen. Ein weiterer Ort meine Jugend, der verschwunden ist. Der nächste Ort, der nicht mehr für Erinnerungen sorgen kann. Aber ich habe ihn überlebt, immerhin hätte an diesem stürmischen Tag – wie mir erst jetzt wirklich bewusst wird – mein Leben ein Ende finden können.

30 September 2017

Ein Jahr ist es jetzt her …

Es ist jetzt ein Jahr her. Vor einem Jahr bist du freiwillig von uns gegangen, hast uns hier alleine gelassen. Für mich ist es immer noch nicht greifbar! Ich sehe dich immer noch, wie du hier mit uns Dart spielst, wie du die Pfeile mit so viel Kraft auf die Dartscheibe wirfst, sodass ich denke, dass da gleich ein Loch in der Dartscheibe und der Tür ist. Mich verfolgt das Bild, wie du im Sarg liegst, du dich nicht bewegst. Das letzte Bild von dir, bevor du für immer verschwunden bist.

Das Bild passt nicht! Es ist für mich nicht in Einklang zu bringen mit dem Jungen, der mit Marmelade im Gesicht fröhlich am Tisch sitzt und strahlt, der mit mir Dragonballs schaut. Du bist weg, ich weiß es und doch will ich es auch nach einem Jahr nicht glauben. Auch nach einem Jahr sitze ich da und muss mir die Tränen aus dem Gesicht wischen, wenn ich an dich denke. Jeder Gedanke an dich tut weh, weil du fehlst, weil du nicht mehr da bist und weil es niemanden gibt, dem ich dafür die Schuld geben kann.

365 Tage bist du jetzt weg. Du hast dich davon gestohlen, einfach so! Nein, ich kann dir dafür keine Vorwürfe machen. Du hast das ja nicht gemacht, weil du anderen weh tun wolltest. Du bist gegangen, weil das Leben dir Schmerzen bereitet hat. Warum genau, das werden wir nie erfahren. Hättest du uns nicht wenigstens einen Hinweis hinterlassen können? Einen Abschiedsbrief? Ein paar Worte, warum du gegangen bist? Ein paar Worte, die das Begreifen leichter gemacht hätten? Die am Anfang vielleicht noch mehr Schmerz verursacht hätten, die aber dabei geholfen hätten, zu verstehen, warum du gegangen bist?

Du bist gegangen! Heimlich, still und leise hast du uns hier vor einem Jahr alleine gelassen. Und wir? Wir mussten weitermachen, das Leben weiterleben – mussten Funktionieren! Verdammt, um zu Funktionieren musste ich dich verdrängen, musste ich die Gedanken an dich verdrängen. Jeder Gedanke an dich brachte auch Tränen mit, Tränen, die ein weiter so verhindert hätten.

Wenn es nach dem Leben weitergeht, dann hoffe ich, dass du deinen Frieden gefunden hast. Ich hoffe wirklich, dass es dir gut geht auf deiner Wolke. Ich hoffe, dass du dich von den Qualen, die dir das Leben bereitet haben muss, befreien konntest und du glücklich bist, wenn es denn nach dem Leben doch weitergehen sollte. Wenn nicht, dann bist du auf jeden Fall befreit von dem, was dich kaputt gemacht hat.

Die Erinnerungen an dich werden nie vergehen, ich hoffe nur, dass sie irgendwann nicht mehr so wehtun. Ich hoffe, dass ich mich irgendwann an dich erinnern kann ohne dabei Tränen wegwischen zu müssen. Das ich die schönen Erinnerungen an dich genießen kann, ich vielleicht auch wieder über diese lachen kann. Ein Jahr ist dafür allerdings zu kurz, zwei Jahre wahrscheinlich auch, aber auch wenn es wehtut, ich werde weiterhin an dich denken.

30 Juni 2017

Saubere Lappen

“Könnten Sie mir bitte einen Lappen geben?”
“Klar”
“Nein, keinen der schon im Klo benutzt wurde. Hören Sie, keinen, der schon im Klo war …”

Klar, keiner der schon im Klo war, denke ich mir. Aber was denkt dieser Mensch eigentlich von mir? Das ich ihm einen Lappen gebe, den ich schon im Klo verwendet habe? Klar, könnte ich machen, aber das wäre ja zu meinem Nachteil, denn ich müsste dann wohl danach die Küche komplett desinfizieren, müsste den Kaffeevollautomaten mehrmals reinigen und desinfizieren, damit die nächsten Gäste nicht durch irgendwelche Keime krank werden. Aber anscheinend denkt dieser Mensch, dass mir das nicht Bewusst ist, oder egal, oder beides. Mir sind meine Gäste aber nicht egal, sie sollen sich wohlfühlen und nicht krank werden, sollen Spaß haben, sich auch entspannen können.

Eigentlich hätte ich große Lust unfreundlich zu werden, aber auch dieser Mensch ist ein Gast bei mir, auch er soll sich wohlfühlen und so bleibt dann halt einfach nur freundlich zu bleiben und dem Menschen einen Lappen zu geben – einen sauberen natürlich, einen, der in seinem Leben als Lappen noch nie Kontakt mit einer Toilette hatte, der schon immer und ewiglig für den Einsatz in der Küche gedacht war und ist.

Denken aber darf ich mir meinen Teil, darf mir Gedanken darüber machen, wie dieser Mensch über mich denkt. Anscheinend denkt er, dass ich Blöd bin, so zumindest kommt seine Aussage bei mir an. Ist das eigentlich schon eine gut versteckte Beleidigung? Eigentlich sind es schon jetzt viel zu viele Gedanken, die ich mir über diesen Menschen mache, aber so funktioniert Kommunikation. Eventuell war es nicht einmal böse gemeint, war es nur Verunsicherung, weil der Standort der Lappen eventuell blöd gewählt ist. Aber dennoch ist es ärgerlich, denn natürlich sind die Lappen sauber, sind sie gut und sicher Verstaut.

“Natürlich gebe ich ihnen einen sauberen Lappen …”, sage ich noch, und schon ist die Situation auch wieder beendet, das Nachdenken aber noch nicht.

5 Juni 2017

Lesbos – Blackbox Europa

WOW! Nachdem ich knapp 90 Minuten mit den Tränen gekämpft habe, war das der erste Gedanke, der mir in den Kopf kam. Einfach nur WOW. Nein, es war kein WOW-Thema, um das es gestern in der Box im „Deutsches Theater Berlin“ ging.

„Lesbos – Blackbox Europa“ heißt das Stück, welches ich mir angesehen habe. Der Name verrät schon, worum es geht. Es geht um die geflüchteten Menschen, es geht um Flucht, um Europa, um Menschlichkeit oder eben um Unmenschlichkeit. Es geht um Träume, um versunkene Träume.

Das Publikum sitzt auf Hockern in einem rechteckigen Raum. Die Sitze, die es in der Box durchaus gibt, sind durch eine Leinwand verdeckt. Während des Stücks werden die Wände mit Bildern angestrahlt und die Darsteller erzählen von ihren Erfahrungen, die sie auf Lesbos gemacht haben oder auf der Flucht, denn einer der Darsteller ist selbst nach Europa geflohen.

Das Stück macht betroffen. Von Betroffenheit können sich die Menschen, die auf der Flucht vor unmenschlichen Zuständen in diesen unmenschlichen Zuständen landen, nichts kaufen. Ihr Leben wird nicht besser dadurch! Es ist dieses Ungreifbare, dieses nichts ändern können, weil die Mehrheit der Menschen oder zumindest die Mehrheit der Politiker, die es ändern könnten, nichts ändern wollen. Es ist die Verteidigung des eigenen Wohlstandes gegen die Menschlichkeit.

All das deute ich natürlich rein in das Stück. Vieles davon sind einfach nur meine Gedanken.