Juli 3 2018

Das Meer

Wenn es still daliegt, es nur leichte Wellen schlägt, es ruhig eine Decke über all das legt, was sich in ihm verbirgt, dann sieht das Meer Kilometerweit gleich aus, friedlich. Es hat aber auch eine andere Seite, die Stürmische, das alles verschlingt, wenn es die Chance dazu bekommt.

Ich wohne gar nicht am Meer, ich wohne in Berlin, weit weg vom Meer. Den weiten blauen Horizont, den habe ich bisher nur selten gesehen. In Spanien für ein paar Wochen und in Dänemark. Und doch ist es so faszinierend, so verlockend, so geheimnisvoll. Unter seiner Oberfläche versteckt es Welten voller Schönheit. Schönheit, die wir nicht verstehen, weil wir sie nicht sehen und greifen können. Deswegen zerstören wir diese Welten, nutzen sie als großen Müllplatz, fordern Gesetze, um es zu ändern, ändern aber nichts, ohne Gesetze.

Das Meer verspricht Freiheit, kann es aber nicht halten, weil es kein Lebensraum für uns Menschen ist. Es kennt keine Grenzen und grenzt dennoch ab. Es versperrt den Zugang zu Wohlstand und es schützt den Wohlstand. Ungewollt! Das Meer kennt diese Begriffe nämlich nicht. Das Meer hat keine Werte, kennt kein Gut und auch kein Böse. Es gibt Leben und es nimmt Leben.

Der Mensch kennt Werte, er gibt sich Werte, er besteht auf Werte, um diese Werte dann regelmäßig zu vergessen. Er lässt diese Werte im Meer ertrinken, weil er nicht unter die Oberfläche sieht, weil er nicht die vielen faszinierenden Welten sieht, die dort auf dem Meer zusammen mit den Werten ertrinken. Der Mensch sieht nicht, was er nicht sieht. Er sieht nur seinen eigenen Egoismus, verliert dabei die Menschlichkeit, schmeißt sie ins Meer, wie den Plastikmüll und wundert sich dann, wenn es irgendwann als etwas giftiges zurückkommt. Eine Welle voller Gift und Hass!

Das Meer ermöglicht Leben. Es bringt die Voraussetzungen für all das Leben auf unserem Planeten. Das Meer versteckt Welten, es trennt Welten und verspricht dennoch Freiheit. Das Meer ist wie das Leben, denn auch wenn es an der Oberfläche gleich aussieht, so verstecken sich doch darunter so viele verschiedene, faszinierende Welten, wie sich auch in jedem Lebewesen faszinierende Welten unter der Oberfläche verstecken.

Beitrag zur Blogparade „Europa und das Meer“

Juni 27 2018

Gedanken zur Bloggerwelt – #WirLiebenBlogs

Blogs, Blogs,Blogs – früher gab es so viele davon, früher hatte ich in meinem Feedreader täglich mehrere hundert Artikel. Nein, nicht alle haben mich interessiert, aber einige waren schon dabei. Artikel, die mir einen neuen Blick auf ein Thema erlaubten oder mir neue Aspekte näher brachten. Ist jetzt aber auch schon wieder länger her, inzwischen gibt es sehr viel mehr Artikel, die einfach nur noch Klicks bringen sollen, die keine neuen Aspekte beleuchten, keine spannenden Diskussionen ermöglichen. Die Blogs in meinen Feedreader sind zum größten Teil Mainstream geworden. Oder es gibt sie gar nicht mehr! Viele Blogs, in denen schöne Diskussionen möglich waren, haben ihre Pforten geschlossen, nicht erst durch die DSGVO, sondern schon vorher. Vieles hat sich in die sozialen Netzwerke verlagert, ist dadurch unsichtbar geworden, obwohl die meisten ja denken, dass dadurch die Reichweite steigt, dass die eigene Meinung sichtbarer wird.

#WirLiebenBlogs

Meinung sichtbar machen, dass geht immer noch am besten mit Blogs. Die Meinung ist auch noch ein paar Tage oder Wochen später auffindbar und die Kommentare – die geführten Diskussionen – auch. Soziale Netzwerke sind schnelllebig, sie verschlingen die Meinungen, behalten sie in ihrer Blase und nicht einmal dort kommen sie bei allen an. Und Meinungen werden dort auch nur sehr oberflächlich behandelt. Es ist halt kein Blogartikel, es ist meist nur ein kurzes Statement, keine Auseinandersetzung mit den eigenen Gedanken, sondern nur ein niederschreiben von den derzeitigen Eindrücken.

Mir fehlen inzwischen echt die Blogs, in denen sich Menschen mit ihren Meinungen auseinandersetzen, sie eine Grundlage geben, über die dann Diskutiert werden, ja auch mal gestritten werden kann. Der fünfzigste Artikel im Feedreader, der nur einen kurzen Klick für den Blog generieren möchte, inspiriert leider auch nicht wirklich, selbst noch Zeit ins bloggen zu stecken. Es wird also Zeit, neue Blogs zu finden. Blogs, in denen noch über die eigene Meinung nachgedacht wird. In meinem Feedreader gibt es diese nämlich nicht mehr.

Und doch ist die Aktion #WirLiebenBlogs dazu da, Blogs zu empfehlen, und so möchte ich wenigstens die empfehlen, die ich noch gerne lese. Blogs, in denen es immer noch um den Menschen dahinter geht und nicht um die Werbung unter dem Artikel.

Da ist die Claudia von der Sammelmappe, die uns in ihrem Blog an ihren Gedanken und Eindrücken teilhaben lässt.

Dann der Thomas von Wildbits, der dort ebenfalls einen Einblick in sein Leben, in seine Gedanken zulässt und zusätzlich auch Texte aus seinem Autorenleben veröffentlicht.

Die Verena von flying thoughts gehört auch in diese Reihe. Sie bloggt über ihr Leben, über ihre Hobbys, ihr Studium und zusätzlich auch über Bücher. Auch ihr Blog gehört zu den wenigen, die nicht darauf aus sind, Klicks zu generieren, sondern um dem Leben eine Struktur zu geben.

Die Gitte hat ihren Blog schreibnudel, dem ich auch schon ewig folge. Hier geht es ums Schreiben. Viele gute Tipps, von denen ich auch schon einige umgesetzt habe. Und ja, hier geht es natürlich auch darum, die eigenen Dienstleistungen zu verkaufen, aber das ist ja nichts negatives.

Das sind die Blogs, die ich euch empfehlen möchte. Ich folge noch ein paar Blogs mehr und nicht auf alle, die ich hier jetzt nicht erwähnt habe, trifft das zu, was ich in den Zeilen vor den Empfehlungen geschrieben habe, aber es ist ja im Leben immer so, dass eine Auswahl getroffen werden muss.

Juni 14 2018

Kriegsschauplatz Straßenverkehr

Der Straßenverkehr in Berlin ist ein Kriegsschauplatz. Dieser Satz liegt mir jetzt schon mehrere Wochen auf der Zunge und ich wollte schon lange einen Artikel dazu schreiben. Ein Kommentar im Tagesspiegel ist es jetzt, der aus dem passiven Wollen ein aktives Schreiben macht. Deswegen, weil der Kommentar nur eine Facette des Problems aufgreift, der durchaus richtig ist, aber eben vieles ausblendet.

Ich bin Fußgänger, Radfahrer und ab und an auch Autofahrer in Berlin. Ich bekomme aus allen drei Perspektiven mit, wie sich andere Verkehrsteilnehmer benehmen und wie wichtig es dadurch wird, nicht immer auf sein Recht zu bestehen, weil das sonst zu Unfällen führen würde. Wenn ich an einer Ampel zum Beispiel langsamer anfahre, weil ich sehe, dass dort noch jemand unbedingt abbiegen muss, obwohl seine Ampelphase schon längst wieder auf Rot ist. Der Autofahrer neben mir aber nur noch Routinen ablaufen lässt, bei Grün voll beschleunigt und den Unfall mit dem Abbieger dann nur mit sehr viel Glück verhindern kann. Dann sehe ich da diesen Kriegsschauplatz. Der eine will ein wenig Zeit sparen und Riskiert dabei sein Leben und das Leben eines anderen und eben dieser andere will unbedingt auf sein Recht bestehen, und riskiert dadurch ebenfalls sein Leben.

Oder ich stehe mit dem Fahrrad an der roten Ampel und schaue allen anderen Radfahrern dabei zu, wie sie eben diese rote Ampel ignorieren. Und das machen sie nicht nur, wenn sie alleine auf dem Fahrrad sind, nein, sie machen es auch, wenn noch ein Kindersitz am Fahrrad montiert ist, in dem dann meist auch ein Kind sitzt. Und es sind nicht nur rote Ampeln, es sind auch die Situationen, wo unbedingt noch vor einer Straßenbahn die Schienen überquert werden müssen.

Oder ich stehe als Fußgänger an der Ampel, habe eigentlich schon Grün und kann dennoch nicht über die Straße gehen, weil es da Radfahrer gibt, die selbst dann nicht abbremsen, wenn andere Vorrang haben.

Was nutzen mehr Warnsignale, wenn sie ignoriert werden?

Ich könnte noch vieler solcher Dinge aufzählen. Dinge, die mich Kopfschüttelnd zurück lassen, weil diese Ignoranz und diese Selbstsucht mich irritiert. Es geht meist um ein paar Sekunden, die diese Menschen schneller sind. Für ein paar Sekunden riskieren diese Menschen ihr ganzes Leben. Ein paar Sekunden schneller, wenn alles gut läuft und ein paar Jahrzehnte weniger Lebenszeit, wenn es dann doch schief geht. Da werden Ampeln ignoriert, Vorfahrtregeln missachtet und andere Menschen gefährdet, nur weil dadurch ein paar Minuten Zeit eingesparrt werden können.

Und dann ist halt die Frage, was mehr Warnsignale bringen sollen, wenn sie am Ende eh ignoriert werden?

Mehr Sicherheit würden sie nur bedeuten, wenn sie respektiert werden. Wenn sich alle Verkehrsteilnehmer an die Regeln halten, wenn Menschen konzentriert und achtsam am Straßenverkehr teilnehmen und auch die Rechte der anderen Verkehrsteilnehmer respektieren. Dann würden sie mehr Sicherheit bedeuten.

Und auch ohne neue Signale könnte mehr Achtsamkeit für mehr Sicherheit sorgen. Wenn ich als Radfahrer zum Beispiel weiß, dass LKWs einen toten Winkel haben, dann ist es eben sicherer an der Ampel hinter dem LKW zu bleiben, besonders dann, wenn dieser auch noch signalisiert, dass er abbiegen möchte. Dann muss ich halt im Notfall noch eine zweite Rotphase abwarten, aber dafür habe ich dann noch ein paar Jahrzehnte meines Lebens vor mir. Der Zeitgewinn, für den wir dort unser Leben riskieren, ist meist marginal.

Vorbild sein

Im Artikel geht es um die beiden Kinder, die innerhalb eines Tages in Berlin ihr Leben verloren haben. Das ist schrecklich! Aber schrecklich ist eben auch, dass das durch Fehlverhalten verursacht wird, welches ihnen täglich von den vermeintlich erwachsenen Verkehrsteilnehmern vorgelebt wird. Wie sollen Kinder das richtige Verhalten im Straßenverkehr erlernen, wenn sich ansonsten kein Verkehrsteilnehmer an die Regeln hält? Wie sollen Kinder sich fehlerfrei im Straßenverkehr verhalten, wenn sie an jeder Ampel sehen, wie andere Verkehrsteilnehmer bei Rot über die Ampel fahren oder gehen? Das funktioniert nicht! Nur dann funktioniert es eben auch dann nicht, wenn es mehr Warnsignale gibt.

Es ist schrecklich, dass dieser Krieg von Egoisten meist unschuldige Opfer fordert. Kindern kann kein Vorwurf gemacht werden, wenn sie sich von den Erwachsenen ein fehlerhaftes Verhalten abschauen. Erwachsene sind Vorbilder für Kinder und sie sollten sich eben auch so verhalten. Dieser Egoismus, der da im Straßenverkehr gelebt wird, der ist eben nicht nur für einen selbst schädlich, er ist es meist auch für die schwächsten Verkehrsteilnehmer, nämlich für die Kinder.

Juni 7 2018

Die Angst läuft mit bei Läuferinnen

Lauftraining

Vor einigen Wochen gab es auf Twitter die Diskussion, wie sich Läufer beim Laufen verhalten sollen, wenn sie hinter einer Läuferin her laufen. Inzwischen gibt es auf einem großen Läufermagazin sogar eine Umfrage dazu und auch ich habe in den letzten Wochen viel darüber nachgedacht. Wahrscheinlich zu viel, wahrscheinlich auch, weil ich Kurzgeschichten schreibe und meine Phantasie da immer gleich eine Geschichte daraus macht.

Es gibt ja verschiedene Möglichkeiten, die zur Diskussion standen. Zum einen das flotte Überholen der Läuferin, dann das ändern der eigenen Laufstrecke, oder eben das langsamere Laufen, damit die Läuferin Abstand gewinnt. Ich bin tatsächlich zu dem Schluss gekommen, dass das alles keine brauchbaren Lösungen sind. Warum, das schreibe ich jetzt in den folgenden Absätzen. Eventuell sollten Menschen, die eh schon zu viel Angst haben, hier nicht weiter lesen, denn ich möchte nicht, dass ihr euch dann überhaupt nicht mehr zu eurem Lauftraining traut.

Langsamer laufen oder die eigene Strecke verändern

Fangen wir mit diesen beiden Punkten an. Im ersten Moment hören sich beide super an und könnten wahrscheinlich auch dafür sorgen, dass sich die Läuferinnen besser fühlen, aber ich finde, dass das zu kurz gedacht ist. Denn auf dem zweiten Blick verlieren die Läuferinnen dadurch die Kontrolle über die Situation, weil sie nämlich gar nicht wissen, was die Läufer da tatsächlich machen. Wer sagt denn, dass sie wirklich ihre Laufstrecke ändern? Niemand! Genauso könnten sie eine Abkürzung nehmen und an einer unübersichtlichen Stelle warten. Was ebenso für Läufer gilt, die sich zurückfallen lassen.

Hinzu kommt, dass sich die Läuferin denken könnte, dass die Situation dadurch beendet ist und sie sich – so wie ich es ab und an tue – in ihren Gedanken verliert und die Strecke dadurch nicht mehr mit voller Achtsamkeit beobachtet. Das führt dazu, dass der Überraschungsmoment für den möglichen Täter wieder größer wird, das Risiko der Gegenwehr also abnimmt.

Überholen

Bliebe noch das Überholen. Das ist allerdings nur möglich, wenn der Läufer tatsächlich schneller ist als die Läuferin. Ist nicht immer der Fall, aber wenn, dann hätte die Läuferin die Situation zumindest solange unter Kontrolle, wie sie den Läufer vor sich sieht. Problematisch wird es aber dann, sobald der Läufer aus dem Blickfeld verschwindet, denn dann gilt wieder all das, was ich im ersten Punkt schon angesprochen habe. Und ich vermute sogar, dass Männer, die wirklich etwas vorhaben, auf eben diesen Überraschungseffekt setzen und sie deswegen eher die Situation erst einmal entspannen.

Es gibt meiner Meinung nach keine wirkliche Lösung, es gibt scheinbare Sicherheit, aber wirklich gelöst werden könnte das Problem nur, wenn wir in der Gesellschaft endlich soweit kommen, dass Läuferinnen vor Läufern keine Angst haben, das Frauen keine Ängste mehr vor Männern haben, weil es eine emanzipierte Gesellschaft ist, in der alle Menschen gleichberechtigt miteinander Leben, in der sexualisierte Gewalt der Vergangenheit angehört.

Was also tun?

Ich weiß es nicht. Ich bin wirklich überfragt! Ich kann die Ängste von Läuferinnen verstehen, aber es gibt keine Lösung, die dieses Ängste abschalten wird. Wichtig wäre vielleicht, dass wir Männer nicht die Temposteigerungen der Läuferinnen mitmachen, das wir einfach normal weiterlaufen.

Ich habe bisher meistens das Tempo verringert, wenn ich nicht überholen konnte und werde dies wohl auch weiterhin tun, aber wie oben schon erwähnt, es ist wohl eher eine Scheinsicherheit. Doch solange es hilft, die Ängste von Läuferinnen ein wenig zu lindern, ist es angebracht und schadet mir nicht.

Mai 7 2018

Das ist dann eben so!

Hach, ich bin ja schon wieder voll mit Wut über diese Gesellschaft. Über Menschen, die meinen das sie für eine weltoffene Gesellschaft stehen, am Ende des Tages aber doch nur ihre Privilegien durch Abschottung und nationalem Getue verteidigen wollen. Menschen, die zwar meinen, dass die Menschen- und Bürgerrechte wichtig sind, aber eben nur für Menschen aus der westlichen Wertegemeinschaft und die ansonsten diese Menschen- und Bürgerrechte mit den Füßen treten. Leute die meinen, dass es keine Solidarität zwischen geflüchteten Menschen geben kann, dass die Fluchterfahrung, die all dieses Menschen teilen, nicht zu einer solchen Solidarisierung führen kann. Die der Meinung sind, dass der Rechtsstaat schon immer richtig handelt und für die es “eben so ist”, wenn Menschen in ihr Leid zurück geschickt werden, weil sie hier nicht als geflüchteter Mensch anerkennt werden.

Schon die Annahme, dass jeder Beschluss, den eine Behörde fällt, schon seine Richtigkeit haben wird, ist zum kotzen, aber noch mehr kotzt mich an, wenn dann auch noch das Demonstrationsrecht – welches nicht an die Staatsangehörigkeit gebunden ist – kriminalisiert werden soll. Eine Solidarisierung mit dem betroffenen Menschen, die aus dem Wissen entstanden ist, dass das jederzeit einem selbst passieren kann. Eine Reaktion, die eben auch Menschlichkeit zeigt, die einen solchen Sturm der Entrüstung in den deutschesten Wassergläsern auslöst. Sie beweist eben, dass diese Werte, die durch die Besitzer dieser deutschesten Wassergläser unbedingt verteidigt werden müssen, keinen wirklichen Wert haben. Aber das ist dann eben so!

Leute, ja, versumpft doch in eurem Menschenhass, aber steht eben dazu, wenn euch das Ladenöffnungszeitengesetz wichtiger ist als Menschenrechte. Sagt es doch, wenn es euch Scheißegal ist, welches Schicksal die Menschen in ihrem Land ereilt, sobald sie dorthin abgeschoben sind. Steht doch dazu, dass ihr euren Wohlstand verteidigen wollt und euch deswegen die Ausbeutung, die in anderen Ländern eben viel Leid und Gewalt mit sich bringt, egal ist. Hört auf zu sagen, dass ihr gegen die Todesstrafe seid, dann aber konsequent Abschiebungen fordert für Menschen, die hier in Deutschland straffällig geworden sind, die aber in ihrem Land durch Folter, Gewalt und eben dem Tod bedroht sind. Eine Abschiebung ist dann eben nichts anderes als diese Todesstrafe. Und nein, das bedeutet nicht, dass diese Menschen nicht bestraft werden sollen, aber wer auf Menschenrechte steht, der wird einsehen, dass diese Bestrafung dann eben nicht die Abschiebung sein kann. Ist so!

Aber es ist doch eh nur ein Alibi für euch. Jeder geflüchtete Mensch der straffällig wird, ist für euch ein Vorwand, um zu pauschalisieren. Wenn einer straffällig wird, dann werden potentiell alle straffällig. Und es ist auch egal, warum er straffällig wird, ob es vielleicht einen Zusammenhang zwischen der Perspektivlosigkeit gibt, die ja nicht verschwindet, sobald diese Menschen hier sind. Dann ist eine internationalistische und solidarische Gesellschaft eben sofort gescheitert, dann ist der Ruf nach geschlossenen Grenzen ganz schnell wieder da, dann wird den Vorurteilen gefrönt und jeder, der sich gegen diese Vorurteile stellt, der ist dann eben auch ein “Volksfeind”. Und wenn es dann eben doch mal wieder ein Deutscher ist, der für eine Gewalttat verantwortlich ist, dann ist die Herkunft auf einmal nebensächlich, dann ist es ein Einzelfall, ein individuelles versagen und beweist ja sowieso überhaupt nichts. Ist eben so!

Wenn euch euer Wohlstand aber so wichtig ist, wenn ihr die Ausbeutung in anderen Ländern, die Armut, die Gewalt, den Hunger und all die vielen anderen Fluchtgründe nicht anerkennt, dann hört auf mit der Heuchelei und kauft eure Waren bei Amazon. Dann hört auf davon zu sprechen, dass ihr Arbeitsbedingungen besser gestalten wollt. Dann hört auf über die Ausbeutung in der westlichen Welt zu jammern. Ja, das gehört alles zusammen! Eine bessere Welt gibt es nur dann, wenn es allen Menschen in dieser Welt besser geht. Das wird aber nicht gelingen, solange wir uns in unserem nationalen Gedankengut abschotten. Eine bessere Welt, in der Menschen nicht fliehen müssen, in der jeder dort leben kann, wo es ihm gefällt, ist nur dann möglich, wenn wir nicht die Kosten für unseren Wohlstand externalisieren. Doch genau das machen wir, solange wir nur an den eigenen Wohlstand denken und uns die Lebensbedingen – die eben auch Fluchtursachen sein können – in anderen Ländern egal sind. Und ja, das ist dann eben so!

Und hört mir auf mit der Silvesternacht in Köln. Was hat die denn bewiesen? Doch nur, dass es auf der ganzen Welt Arschlöscher gibt! Hört doch auf dies zu instrumentalisieren. Hört auf damit beweisen zu wollen, wie rückständig alle Männer in anderen Gesellschaften doch sind und das nur diese der Grund sind, warum sich Frauen nicht mehr alleine auf die Straßen trauen. Damit wollt ihr doch nur die eigene Gesellschaft glorifizieren, die allerdings noch lange nicht so Fortschrittlich ist, wie ihr glaubt. Klar, rein rechtlich gibt es eine Gleichstellung zwischen Mann und Frau, aber in der Gesellschaft herrscht diese Gleichstellung noch lange nicht. Und deswegen müssen so viele Frauen auch immer noch Gewalterfahrungen in ihren Beziehungen zu Männern machen und Abwertungen ertragen – mit Beziehungen meine ich jetzt nicht nur den festen Partner. Dazu braucht es nicht die geflüchteten Männer, dass schaffen die Männer, die in unserer Gesellschaft sozialisiert wurden, schon ganz alleine. Und wenn Frauen darauf hinweisen, dann leben diese deutschen Männer eben ihre Gewaltphantasien aus, erheben Vergewaltigungen zu einem Zuchtmittel und zeigen damit, was sie unter Gleichberechtigung in dieser Gesellschaft verstehen. Wir müssen uns da moralisch auf keinen Sockel stellen, solange in unserer Gesellschaft der Mann die Frau immer noch unterdrückt, solange in der Gesellschaft immer noch das Verhalten als legitim angesehen wird, dass vor ein paar Jahrzehnten auch gesetzlich noch legitimiert war. Durch dieses Verhalten entsteht die Angst bei den Frauen, durch die Gewalterfahrungen, durch die erlebten Abwertungen, dazu brauchte es die Silvesternacht in Köln gar nicht.

Lebt also eure Menschenfeindlichkeit, tretet Menschenrechte mit den Füßen, solange es nicht eure sind, werft eure moralischen Werte über Board, solange es eben nur “die Anderen” betrifft. Ja, das ist dann eben so, aber hört auf mit der Heuchelei, hört auf euch dann noch von der blauen Partei abzugrenzen, wenn ihr deren Botschaften doch eigentlich ganz okay findet, solange diese Botschaften eben nur “die Anderen” betreffen. Das ist dann eben so!

Mai 2 2018

Gesprächsfetzen aus der Stadt: Obdachlosigkeit

Ich fahre ja öfter mal S-Bahn in Berlin und es ist eher schwierig, dabei nicht auch ein paar Gespräche mitzubekommen. So auch gestern, als ich mir noch ein paar Getränke für den Tag besorgen musste.

Die Situation: Wie eigentlich in jeder S-Bahn, war auch in dieser S-Bahn wieder ein Mensch ohne Obdach, der sich von den Menschen im Zug eine kleine Spende erhoffte. Ich möchte kurz anmerken, dass ich natürlich auch nicht jedem Obdachlosen etwas geben kann, aber aus dieser Situation heraus entstand dann folgendes Gespräch zwischen ein paar Studentinnen:

„Ich gebe ja keinem Obdachlosen Geld. Wenn ich einem etwas gebe, dann muss ich ja allen etwas geben.“

„Stimmt, aber ein wenig Mitleid habe ich ja schon mit denen.“

„Manchmal gebe ich denen direkt etwas zu Essen, aber einer hat es mal abgelehnt, der hat dann auch den Euro nicht verdient.“

„Ja, und es gibt ja auch so viele Möglichkeiten, um aus der Obdachlosigkeit zu entkommen …“

Hier musste ich dann weg hören, denn in diesen Momenten möchte ich immer die Frage stellen, wie diese vielen Möglichkeiten denn aussehen. Sicher, es gibt Hilfe, aber um aus der Wohnungslosigkeit zu entkommen braucht es mehr und es braucht eben individualisierte Hilfe. Bei einigen mag es reichen, eine neue Wohnung zu organisieren. In den meisten Fällen braucht es aber mehr, braucht es psychologische Unterstützung, braucht es Menschen, die zuhören können, braucht es auch Zeit und Geduld. Und es ist eben auch gar nicht so einfach, eine Wohnung zu bekommen, weil diese nämlich entweder zu teuer sind oder weil eben noch Mietschulden vorhanden sind. Ich könnte sicher noch ein wenig mehr aufzählen, aber ich will es jetzt dabei belassen. Aber eins noch, der Spruch: „In Deutschland muss niemand Obdachlos sein!“ ist einfach nur falsch. Es gibt weder genügend Unterkünfte für obdachlose Menschen, noch gibt es genügend günstigen Wohnraum.

Es gäbe aber auch noch andere Dinge an dem Gespräch, über die Diskutiert werden könnte. Zum Beispiel, warum wir nicht einzelnen Menschen etwas geben können. Niemand verlangt, dass jeder einzelne jedem obdachlosen Menschen etwas gibt, sondern es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, allen obdachlosen Menschen zu helfen. Wenn also jeder ein wenig gibt, dann ist auch jedem obdachlosen Menschen geholfen.

Und warum sollte jemand, der Hilfe in Naturalien ablehnt, nicht doch den Euro verdient haben? Vielleicht hat er Mensch Allergien und muss deswegen genau wissen was in den Lebensmitteln ist. Oder er hat einfach eine Phobie davor. Ich kann zum Beispiel auch nicht aus einer Flasche trinken, aus der vor mir schon jemand getrunken hat (also direkt, Flasche am Mund). Oder Besteck, dass vor mir schon wer anderes hatte. So sind wir Menschen und darauf kann dann nicht mit einer solchen Pauschalisierung geantwortet werden.

Mai 1 2018

Kampfruf 2018

„Mit Furcht und Befremdung beobachten wir die wachsende Politik der Abschottung und das Erstarken der Nationalstaaterei. Wir solidarisieren uns mit allen Menschen, die im Austausch mit Menschen und Kulturen aus der ganzen Welt eine Chance für eine positive gesellschaftliche Entwicklung sehen und fordern dazu auf, den eingeschlagenen Weg der Abschottung zu verlassen, um den Weg für eine internationalistische und solidarische Gesellschaft ohne Grenzen zu ermöglichen.“

Na, wer unterschreibt?

April 29 2018

Kurze Momente: Der stürmische Tag

Es gibt ja diese Momente im Leben, die schnell wieder vergessen werden, weil sie eben auch nicht so wichtig sind, die einem dann aber plötzlich wieder einfallen. Viele Jahre später erst, in einem stillen Moment, bei einer Dokumentation, beim Lesen oder aber auch, wenn es keinen speziellen Grund dafür gibt.

Eben fiel mir ein Moment in meinem Leben ein, welcher schon mindestens 24 Jahre zurück liegt. Damals ging ich noch in die Grundschule und es war ein ziemlich stürmischer Tag in Berlin. An diesem Tag war ich auf dem Weg von der Grundschule nach Hause, vorher machte ich mit meinem damaligen Schulfreund aber noch einen kurzen Stopp in der Kaufhalle. Nein, einen Stopp im Supermarkt, denn darauf bestand die Verkäuferin damals. Kaisers, um es ganz genau zu sagen. Die Kaufhallen – und ja, in der DDR nannten wir die so – waren damals, kurz nach der Wiedervereinigung, ja irgendwie alle Kaisers oder eben Plus. Beide Marken gibt es ja inzwischen nicht mehr. Schon interessant, was in 24 Jahren so passiert.

Aber zurück zum Moment, der mir gerade durch den Kopf ging. Es war damals ein stürmischer Tag, wie ich oben eben schon erwähnte und ich hatte mir gerade in der Kaufhalle etwas zum naschen gekauft. Als ich die Kaufhalle verließ, wurde ich von irgendeinem Dachteil der Kaufhalle am Oberschenkel getroffen. Eine ziemlich schmerzhafte Angelegenheit, aber eine wirklich große Verletzung hatte ich dadurch nicht davon getragen, eine kleine Prellung, die noch ein paar Tage schmerzte, aber ich war weder beim Arzt, noch musste mich wer aus der Kaufhalle abholen. Allerdings musste ich seinerzeit in der Kaufhalle ein paar Minuten bleiben, wahrscheinlich um sicherzustellen, dass auch wirklich nichts passiert war.

Warum mir dieser Moment gerade jetzt wieder in den Kopf kommt? Nun, ich habe gerade so eine Art Dokumentation über den Rettungsdienst in Großbritannien gesehen und da wurde eine Frau bei einem Sturm von einem Stück Holz erschlagen. Die Frau war eine Verkäuferin und machte gerade Pause, als sie dieser kurze Augenblick aus dem Leben riss. Und da fiel mir dieser eine Moment von vor 24 Jahren wieder ein. Ein bisschen mehr Wind, ein anderer Winkel und dann hätte mich dieses Dachteil auch am Kopf treffen können. Es kann manchmal so schnell gehen, einfach so.

Die Kaufhalle selbst gibt es übrigens auch nicht mehr. Das Gebäude wurde vor kurzem abgerissen. Ein weiterer Ort meine Jugend, der verschwunden ist. Der nächste Ort, der nicht mehr für Erinnerungen sorgen kann. Aber ich habe ihn überlebt, immerhin hätte an diesem stürmischen Tag – wie mir erst jetzt wirklich bewusst wird – mein Leben ein Ende finden können.

Januar 6 2018

Störungsmeldung ( @o2de )

Da ich ja bei o2 anscheinend nur eine Störungsmeldung per Telefon aufgeben kann, welches aber nicht funktioniert, weil die ja Festnetz auf VoIP umgestellt haben, werde ich es auf diesen Weg machen. Klar hätte ich auch ein Handy, um bei o2 anzurufen, aber ich finde es schon eine Frechheit, dass o2 das zur Voraussetzung bei einer DSL-Störung macht. Es gibt Menschen, die haben tatsächlich nur einen Festnetzanschluss und können auch nicht so einfach auf das Handy eines Freundes zugreifen, auch wenn o2 das vorschlägt. Anscheinend sind die Twittermitarbeiter auch so isoliert von ihren anderen Kollegen, dass diese keinerlei Störungsmeldungen weitergeben können. Kurz gesagt, seit Weihnachten kann ich – zum wiederholten Male – mein Internet und mein Festnetz nicht wirklich nutzen. Es ist immer mal für fünf Minuten da, dann wieder für 10 Minuten weg, dann mal wieder da, dann mal für mehrere Stunden weg und so weiter.

Fehlerbeschreibung:

 

LEDs am Router gehen aus und zwar alle, bis auf die Power und WLAN-LED. Irgendwann synchronisiert sich der Router dann wieder mit der DSL-Leitung, um dann, wenn es Lust hat, wieder für ein paar Minuten online zu gehen. Oder eben auch nicht, denn oftmals schafft der Router die Synchronisierung nicht. Ab und an leuchten dann auch mal zwei LEDs Rot, meist kurz bevor der Router dann mal wieder für ein paar Minuten online ist.

Dieses Phänomen tritt jetzt nicht zum ersten Mal auf, sondern in regelmäßigen Abständen. Zwischendurch habe ich dann immer ein paar Wochen ruhe, um dann wieder für zwei, drei Wochen meinen Anschluss wieder nicht nutzen zu können. In der Anfangszeit habe ich dies auch regelmäßig der Hotline gemeldet, aber eine Lösung wurde nie gefunden. Es wurde die Geschwindigkeit reduziert, der Port neu gestartet, als es noch Alice war, wurden mir mehrere Modems zugeschickt und so weiter und so fort. Nach der Umstellung auf VoIP ist es aber eben noch schlimmer geworden. Die Ausfälle treten öfter und länger auf und es ist halt eben auch so, wenn die Internetleitung nicht da ist, geht auch das Festnetz nicht mehr.

Und irgendwann stellt sich dann eben eine Resignation ein. Irgendwann habe ich einfach keine Lust mehr, die Hotline anzurufen. Schon deswegen nicht, weil o2 ja auch gerne mal einen dafür bestraft, wenn mensch die Leute in der Hotline auf einen Fehler in einer Rechnung hinweist.

o2 sieht die ständigen Verbindungsabbrüche im System und könnte somit von selbst auf diese Probleme reagieren. o2 hat sogar meine Handynummer, um sich im Notfall, wenn sie mich denn wirklich zur Problemlösung brauchen, bei mir zu melden. Aber o2 weiß eben halt auch, dass ich nicht viel machen kann, dass ich meine Gebühren auch dann bezahlen muss, wenn o2 die Leistung nicht erbringt, für die ich Zahle. o2 weiß halt, dass sie am längeren Hebel sitzen.

Nein, ich mache mir keine Hoffnungen, dass es bei einem anderen Anbieter besser wird, dennoch bin ich jetzt gewechselt, weil es einfach am Ende bedeutend günstiger wird und die Technologie auch eine andere ist. Ein alter ADSL-Anschluss wird jetzt in einen VDSL-Anschluss umgewandelt, was vielleicht die ständigen Ausfälle ein wenig minimiert. Hätte o2 keine „Fair-Use-Regelung“, hätte ich das vielleicht schon vor Monaten bei o2 selbst gemacht, aber eine solche Regelung unterstütze ich nicht. Bis der Wechsel abgeschlossen ist, werde ich aber wohl damit leben müssen, dass ich von zu Hause nicht anständig arbeiten kann, weil solange der Fehler in meiner Internetleitung wohl weiterhin vorhanden sein wird, weil o2 diesen eben nicht behebt.

Dezember 20 2017

Blog Adventskalender 2017 – 20.Söckchen

Immer, wenn sich bei mir eine Socke vom Blog Adventskalender befindet, schreibe ich eine Kurzgeschichte für euch. Dieses Jahr habe ich lange überlegt und erst heute Nacht auf dem Heimweg von einer Weihnachtsfeier kam mir die Idee für die diesjährige Kurzgeschichte. Deswegen muss ich euch heute mit einem Entwurf dieser Geschichte überraschen, was ihr an der ein oder anderen Stelle beim lesen wahrscheinlich bemerken werdet. Die Protagonistin der Geschichte ist dabei nicht neu, es gab bereits eine Kurzgeschichte mit ihr auf diesem Blog. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und noch vier entspannte Tage bis Heiligabend.

Am Ende war mir nur noch kalt. Ich schwamm und schwamm doch überall war nur Wasser. Kaltes Wasser. Salziges Wasser. Und dann war das Wasser komplett um mich herum. Unten nur Dunkelheit und oben das Licht, dass sich im Wasser brach. Und dann nur noch schwarz. Schwarz und kalt.

Als ich aufwachte, lag ich in einem großen Bett. Ich hatte einen roten Schlafanzug an und lag in einem warmen weichen Bett. Wo war ich? Wurde ich doch noch gerettet, oder bin ich im tiefen Meer, irgendwo zwischen Afrika und Europa, ertrunken? Ja, ich war auf dem Meer, ich wollte nach Europa, doch dann ging mein Boot unter. Daran kann ich mich erinnern. Auch daran, dass mich am Ende die Kraft verließ. Ja, ich musste gestorben sein und dieses Bett hier, dass befindet sich bestimmt auf einer riesigen Wolke.

Ich stand auf und ging zum Fenster. Draußen war alles weiß, ich musste also wirklich auf einer Wolke sein. Oder war das etwa Schnee? Davon gehört hatte ich bereits, aber gesehen hatte ich noch nie welchen. War ich vielleicht doch in Europa? Wurde ich vielleicht doch noch gerettet?

Nachdem ich das Fenster nicht öffnen konnte, ging ich zur Tür, die sich ohne Probleme öffnen lies. Es war eine schwere Holztür und davor lag ein langer Flur, der zu einer Treppe führte. Ich ging langsam zur Treppe, lauschte den Geräuschen, die aus der unteren Etage kamen und folgte diesen. Unten an der Treppe lag ein riesiger Saal, in dem viele kleine Leute hin und her huschten.

„Jamila, du bist wach?“, fragte mich auf einmal eine Stimme hinter mir. Ich drehte mich um und da stand plötzlich ein dicker alter Mann hinter mir. Er hatte einen langen weißen Bart, hinter dem sich ein Lächeln versteckte. Außerdem hatte er einen roten Mantel, eine rote Hose und schwarze Schuhe an. Ich fragte mich, woher er meinen Namen wusste. Alles, was ich dabei hatte, ist mit dem Boot untergegangen. Mit dem Boot, dass uns nach Europa bringen sollte. Zum Schluss hatte ich nur noch die Sachen, die ich am Körper trug und da war garantiert nichts dabei, auf dem mein Name stand.

„Wir dachten schon, dass du ewig schlafen würdest“, sagte der alte Mann weiter. „Aber jetzt bist du ja wach und du musst einen riesigen Hunger haben. Also komm, ich bringe dich in die Küche, wo du erst einmal ordentlich etwas zum Essen bekommst.“ Mit diesen Worten drehte er sich um und ging zu einer Tür.

„Worauf wartest du, Jamila? Dort an der Treppe bekommst du bestimmt nichts zwischen die Zähne.“

Zögerlich ging ich auf diesen Mann und die Tür zu. Eigentlich sollte ich wohl Angst haben, aber dieser Mann strahlte soviel Wärme und Fröhlichkeit aus, dass ich diese Angst nicht hatte. Ich ging mit ihm durch die Tür und wir standen gemeinsam in einer große und warmen Küche, in der gerade eine alte Frau dabei war, Essen zu machen.

„Schau mal Sandra, wen ich dir mitbringe.“, sagte der alte Mann zu der Frau.

„Ah, unser junger Gast ist ja endlich wach! Worauf sie wohl Hunger hat?“, sagte die Frau, die mich mit einem dicken Lächeln begrüßte.

„Wir sollten ihr vielleicht zeigen, was wir so in unserm Kühlschrank verstecken, oder was meinst du?“, sagte der alte Mann zur Frau, die mich daraufhin mit einer leichten Umarmung zum Kühlschrank schob. Sie öffnete die Tür und ich erschrak vor der großen Auswahl, dir dort drin zu finden war. Es war dort soviel drin, dass die Entscheidung schwer fiel, jedoch fand ich, dass so ein Stück Torte ziemlich passend war. Ich nahm es mir und setzte mich an den Tisch, der ebenfalls in der Küche stand.

Der alte Mann setzte sich ebenfalls an dich Tisch und lächelte mich an.

„Na Jamila, du wunderst dich wahrscheinlich darüber, dass ich deinen Namen kenne. Wahrscheinlich fragst du dich auch, wo du hier überhaupt bist und wie du hier her kommst. Was ich dir versichern kann, ist, dass du hier nicht im Himmel bist. Du bist dort auf dem Meer nicht gestorben. Wobei du schon ganz viel Glück hattest, dass ich mich gerade dort in der Gegend aufgehalten habe. Aber eigentlich bin ich gerade sehr unhöflich, denn obwohl ich genau weiß, wer du bist, weißt du noch gar nicht, wer ich bin. Mein Name ist Santa. Wahrscheinlich kennst du mich nicht, obwohl ich auch bei einigen Kindern in Afrika ziemlich bekannt bin.“

Santa? Wie Santa Claus? Der Weihnachtsmann? Meine Verwunderung war mir wohl ins Gesicht geschrieben, denn der alte Mann nickte mir kurz zu. In unserem Dorf feierten wir kein Weihnachten, aber ich wusste, dass es das Weihnachtsfest in der christlichen Welt gab und ich wusste auch, worum es dort ging. Aber natürlich glaubte ich nicht an den Weihnachtsmann. Für mich war es nie so wirklich verständlich, warum es im Jahr nur drei Tage für Nächstenliebe und Besinnlichkeit geben sollte. Warum nur drei Tage, um mit der Familie zusammen zu sein?

„Ja genau, ich bin dieser Santa Claus, über den du gerade Nachdenkst und nein, ich kann natürlich keine Gedanken lesen, es sei denn, sie sind jemanden – so wie dir gerade – ins Gesicht geschrieben.“

Wow! Ist er sich sicher, dass er keine Gedanken lesen kann?

Aber wenn es wirklich Santa Claus ist, wenn es ihn wirklich gibt, warum kommt er dann nicht zu allen Kindern auf dieser Welt? Warum kann er seinen Weihnachtszauber nicht einsetzen, um diese Welt besser zu machen? Kaum hatte ich das Gedacht, hatte ich es auch schon ausgesprochen.

Der Weihnachtsmann sah mich ernst an und sagte:

“Nun, dass ich Geschenke bringe, ist eher eine Deutung der Menschen. Wie sollte ich das auch machen? Ich bin viel mehr der Gedanke. Der Gedanke an Besinnlichkeit und Frieden, der in jedem Menschen steckt. Ich bin die Hoffnung auf eine bessere Welt, auf etwas Glück für jeden Menschen auf dieser Welt. Ich bin nicht das Konsumfest, dass in vielen Ländern auf dieser Welt gefeiert wird, nicht die drei Feiertage, die sich die Menschen geben, um Zeit mit ihrer Familie zu verbringen, damit sie diese dann wieder ein ganzes Jahr ignorieren können. Ich bin die Hoffnung der Menschen, die zusammen mit Jesus geboren wurde, die gewachsen ist, um den Menschen Mut zu machen. Ich bin der Funken, der die Welt tief in den Herzen der Menschen zum leuchten bringt, der Kindheitserinnerungen weckt und zeigt, dass es eine Welt geben kann, in der es weniger Sorgen und sehr viel mehr Glück für alle gibt. Und nur, weil du ganz viel davon in deinem Herzen trägst, nur deswegen konnte ich dich dort im Meer leuchten sehen. Nur deshalb konnte ich dich Retten. Jamila, du bist die, die den Frieden bringt, du bist die, die mich aus dem finsteren Verlies holen kann. Dem Verlies, dass die Menschen in ihren Herzen um mich herum gebaut haben.

Wenn du willst, Jamila, dann bist du der Mensch, der die Hoffnung zurückbringen kann. Die Hoffnung für all die Menschen auf der Welt, die derzeit auf der Flucht sind. Die Hoffnung auf ein besseres Leben für alle. Für die Menschen, die sich im Trott der Welt verlaufen haben. Die sich verlaufen haben in diese Konsumwelt, in der es nur wenigen wirklich gut geht. Wenn du das willst, dann helfe ich dir auch dabei. Aber erst später, denn jetzt musst du erst einmal wieder zu Kräften kommen und dein eigenes Glück finden. Und ich bin der, der dir die Hoffnung dafür gibt.”

Diese Antwort machte mich sprachlos, weswegen ich mich erst einmal weiter mit meinem Stück Kuchen beschäftigte.

Ich bin Jamila.

Ich bin die, die den Frieden in die Welt bringt.

Wie ihr sicher merkt, hat diese Kurzgeschichte ein offenes Ende. Es wird also mit sehr großer Wahrscheinlichkeit noch eine Fortsetzung geben. Eine Fortsetzung des Blog Adventskalenders gibt es auf jeden Fall. Das Söckchen von Morgen findet ihr hier, oder hier, oder vielleicht auch hier.