August 18 2018

Meine Gedanken zu: #MenAreTrash – Männer sind Abfall

„Provozieren, aber richtig!“, ist der Titel eines Workshops, in dem es um provokative Moderation geht. Provozieren, dass will auch der Hashtag #MenAreTrash in den sozialen Medien, nur macht er das auch wirklich? Tatsächlich habe ich kein Problem damit, wenn Frauen ihre Erfahrungen mit Männern genau so kanalisieren. Selbst wenn ich ein Problem damit hätte, bliebe die Frage, warum gerade ich Bewerten sollen könnte, wie Frauen mit ihren Erfahrungen umzugehen haben? Wenn Frauen meinen, dass Männer Abfall sind, dann sollen sie das gerne kundtun. Sie sollen ihre Wut aufschreiben, ihn in die Welt des Internets schicken, sich mit anderen Austauschen, die das genauso sehen. Nur, wenn dem so ist, warum schreibe ich dann hier meine Gedanken auf?

Weil ich den Hashtag auf der anderen Seite dann eben doch für Kontraproduktiv halte. Nicht, weil ich den Frauen ihre negativen Erfahrungen absprechen möchte, sondern weil er eine Debatte um das Thema erschwert. Sicher werden jetzt einige Denken oder auch sagen, dass dieser Hashtag nicht zur Debatte gedacht ist, dass die Männer einfach mal zuhören sollen, sie den Erfahrungen der Frauen Aufmerksamkeit schenken sollen. Nur, wenn wir ehrlich sind, gehen die Botschaften, die transportiert werden sollen, sehr schnell unter. Der Hashtag allein löst bei vielen schon einen abwehrenden Reflex aus. Die Botschaften werden vielleicht noch gelesen, aber eben nicht verstanden, weil darüber gar nicht nachgedacht wird. Nachgedacht wird, wie dieser Hashtag abgewehrt werden kann! Diese Abwehr lässt sich unter dem Hashtag wunderbar beobachten. Der Hass, der da losgelassen wird, macht es unmöglich, überhaupt noch die Tweets zu finden, die eine Botschaft enthalten, für die dieser Hashtag eigentlich erfunden wurde. Tatsächlich gibt es unter dem Hashtag mehr Tweets, die den Hashtag entweder verteidigen oder ihn ablehnen. Da ist dann die Frage, wie du als unbeteiligter Dritter, der dem Hashtag gegenüber weder Pro noch Contra eingestellt ist, dann noch die Botschaften finden sollst, die der Hashtag eigentlich übermitteln möchte? Die Tweets also, die am Ende doch ein Nachdenken auslösen und zu einer Debatte führen könnten?

Abgesehen davon, und auch wenn immer wieder betont wird, dass es hier nicht um das Individuum geht, ist dieser Hashtag natürlich auch verletzend. Am Ende sind wir alle Menschen mit Gefühlen. Und wenn Gefühle verletzt werden, dann ist eine konstruktive Debatte oder eben nur ein konstruktives Zuhören schon fast ausgeschlossen. Darüber sollten wir uns bewusst werden, auch dann, wenn wir provozieren möchten. Die Provokation soll ja am Ende irgendwas bewirken, sie soll konstruktive Prozesse auslösen, die die Gesellschaft verbessern und die Gleichberechtigung von Frau und Mann befördern. Ob das mit verletzenden Provokationen funktioniert, wage ich dann eben doch zu bezweifeln. Allerdings finde ich eben auch, dass Männer da auch einfach mal ihre Eitelkeiten zu Hause lassen könnten, sie ihre abwehrende Reaktion einfach mal zurückhalten sollten, um so den Botschaften – die transportiert werden sollen – auch eine Chance zu geben, beim Empfänger anzukommen.

Ansonsten beweist dieser Hashtag wieder einmal wunderbar, wie einige Männer versuchen Frauen und dessen Erfahrungen zu unterdrücken, wie Männer also genau das tun, was ihnen vorgeworfen wird. Und dann darf jeder halt auch einmal darüber nachdenken, ob der Hashtag dann nicht doch auf einige Männer zutrifft …

Juni 7 2018

Die Angst läuft mit bei Läuferinnen

Lauftraining

Vor einigen Wochen gab es auf Twitter die Diskussion, wie sich Läufer beim Laufen verhalten sollen, wenn sie hinter einer Läuferin her laufen. Inzwischen gibt es auf einem großen Läufermagazin sogar eine Umfrage dazu und auch ich habe in den letzten Wochen viel darüber nachgedacht. Wahrscheinlich zu viel, wahrscheinlich auch, weil ich Kurzgeschichten schreibe und meine Phantasie da immer gleich eine Geschichte daraus macht.

Es gibt ja verschiedene Möglichkeiten, die zur Diskussion standen. Zum einen das flotte Überholen der Läuferin, dann das ändern der eigenen Laufstrecke, oder eben das langsamere Laufen, damit die Läuferin Abstand gewinnt. Ich bin tatsächlich zu dem Schluss gekommen, dass das alles keine brauchbaren Lösungen sind. Warum, das schreibe ich jetzt in den folgenden Absätzen. Eventuell sollten Menschen, die eh schon zu viel Angst haben, hier nicht weiter lesen, denn ich möchte nicht, dass ihr euch dann überhaupt nicht mehr zu eurem Lauftraining traut.

Langsamer laufen oder die eigene Strecke verändern

Fangen wir mit diesen beiden Punkten an. Im ersten Moment hören sich beide super an und könnten wahrscheinlich auch dafür sorgen, dass sich die Läuferinnen besser fühlen, aber ich finde, dass das zu kurz gedacht ist. Denn auf dem zweiten Blick verlieren die Läuferinnen dadurch die Kontrolle über die Situation, weil sie nämlich gar nicht wissen, was die Läufer da tatsächlich machen. Wer sagt denn, dass sie wirklich ihre Laufstrecke ändern? Niemand! Genauso könnten sie eine Abkürzung nehmen und an einer unübersichtlichen Stelle warten. Was ebenso für Läufer gilt, die sich zurückfallen lassen.

Hinzu kommt, dass sich die Läuferin denken könnte, dass die Situation dadurch beendet ist und sie sich – so wie ich es ab und an tue – in ihren Gedanken verliert und die Strecke dadurch nicht mehr mit voller Achtsamkeit beobachtet. Das führt dazu, dass der Überraschungsmoment für den möglichen Täter wieder größer wird, das Risiko der Gegenwehr also abnimmt.

Überholen

Bliebe noch das Überholen. Das ist allerdings nur möglich, wenn der Läufer tatsächlich schneller ist als die Läuferin. Ist nicht immer der Fall, aber wenn, dann hätte die Läuferin die Situation zumindest solange unter Kontrolle, wie sie den Läufer vor sich sieht. Problematisch wird es aber dann, sobald der Läufer aus dem Blickfeld verschwindet, denn dann gilt wieder all das, was ich im ersten Punkt schon angesprochen habe. Und ich vermute sogar, dass Männer, die wirklich etwas vorhaben, auf eben diesen Überraschungseffekt setzen und sie deswegen eher die Situation erst einmal entspannen.

Es gibt meiner Meinung nach keine wirkliche Lösung, es gibt scheinbare Sicherheit, aber wirklich gelöst werden könnte das Problem nur, wenn wir in der Gesellschaft endlich soweit kommen, dass Läuferinnen vor Läufern keine Angst haben, das Frauen keine Ängste mehr vor Männern haben, weil es eine emanzipierte Gesellschaft ist, in der alle Menschen gleichberechtigt miteinander Leben, in der sexualisierte Gewalt der Vergangenheit angehört.

Was also tun?

Ich weiß es nicht. Ich bin wirklich überfragt! Ich kann die Ängste von Läuferinnen verstehen, aber es gibt keine Lösung, die dieses Ängste abschalten wird. Wichtig wäre vielleicht, dass wir Männer nicht die Temposteigerungen der Läuferinnen mitmachen, das wir einfach normal weiterlaufen.

Ich habe bisher meistens das Tempo verringert, wenn ich nicht überholen konnte und werde dies wohl auch weiterhin tun, aber wie oben schon erwähnt, es ist wohl eher eine Scheinsicherheit. Doch solange es hilft, die Ängste von Läuferinnen ein wenig zu lindern, ist es angebracht und schadet mir nicht.

Mai 2 2016

Wenn Provokation nervt – Kritische Gedanken zu „Das Schweigen der Männer“

Friedliche Idylle

Es gibt ja so Bücher, die benutzen bestimmte Aussagen und Sprüche, um den Leser zu provozieren. Es gibt aber auch Bücher, die benutzen diese Aussagen und Sprüche viel zu oft, sie wollen wahrscheinlich auch provozieren, aber durch die Häufigkeit der Wiederholung, wird es dann einfach nur noch nervig. Auf „Das Schweigen der Männer“ trifft der zweite Fall zu – jedenfalls bei mir, obwohl ich gerade einmal die Hälfte des Buches gelesen habe.

Dasa Szekely, die Autorin des Buches, möchte den männlichen Leser anscheinend bei der Ehre packen, nein, eigentlich bei den Eiern, denn die werden auf den ersten hundert Seiten sehr oft erwähnt. Der eine Mann hat „zu viele Eier“, der andere Mann „zu wenige Eier“ und den, der genau die „richtige Anzahl von Eiern“ hat, den sucht sie in ihrem Buch. Variiert wird diese Aussage dann noch mit dem Spruch von „kastrierten Männern“.

Ganz ehrlich, wenn das ein, zwei, vielleicht auch drei Mal im Buch vorkommt, dann ist das Okay, dann wird es das Ziel der Provokation erreichen, aber so ist es ja leider nicht. Es wird eher als eine Art Kategorie für Männer genutzt und genau das finde ich schwierig, besonders weil es dazu beiträgt, dass sich Geschlechterrollen weiterhin in der Gesellschaft durchsetzen. Waren es aber nicht genau diese Geschlechterrollen, die wir endlich durchbrechen wollten? Wie soll das gelingen, wenn Dasa Szekely Männer wieder in genau drei Schubladen steckt? Schublade eins für die Männer, die ihrer Meinung nach zu wenig Eier haben, Schublade zwei für die, die zu viele Eier haben und die dritte Schublade für die, die genau richtig viele Eier haben. Was soll diese Kategorisierung? Aber nehmen wir an, dass diese Kategorisierung eine Berechtigung hat, ist diese dann nicht von Mensch zu Mensch individuell und kann sehr stark variieren und werden die Kategorien nicht schon dadurch wieder hinfällig?

Aber Dasa Szekely reicht diese erste Kategorisierung nicht. Sie zeigt auf den folgenden Seiten noch eine andere Beschriftung für die Schubladen, in die Männer gesteckt werden können. Da ist der Old-School-Mann, der Patriarch, der moderne Despot, der ewige Junge, der zahnlose Tiger und der alte Wolf. Die einen haben zu viele Eier, die anderen zu wenige und die, mit der richtigen Anzahl an Eiern, die sucht Dasa Szekely noch.

Fördert dieses Schubladendenken die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau? Fördert ein solches zuweisen von Rollenbildern die Akzeptanz von Menschen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugeordnet fühlen? Menschen, denen bestimmte die Label „männliche Eigenschaft“ oder „weibliche Eigenschaft“ egal sind? Ich vermute, dass wird eher nicht der Fall sein.

Was ist Reife?

 

„Ein reifer Mensch übernimmt Verantwortung für sich selbst, seine ihm Anvertrauten und die Gesellschaft. Es ist weitestgehend autonom in Bezug auf seine Entscheidungen, die auf seinen ethischen Grundsätzen basieren. Seine Werte verleihen ihm die nötige Stabilität, engen ihn aber keineswegs derart ein, dass er sich nicht mehr bewegen kann. Ein reifer Mensch ist insofern gleichermaßen ausreichend stabil und flexibel. Je nach Kontext ist er entweder seiner selbst oder seiner Meinung sicher, bezieht, wenn nötig, Position und reagiert flexibel auf die unterschiedlichsten Gegebenheiten und Situationen.“

Zitat aus dem Buch „Das Schweigen der Männer“ von Dasa Szekely – Seite 41
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Ich stellte oben die Frage, was Reife ist. Dasa Szekely hat eine klare Definition von Reife, diese habe ich euch oben wiedergegeben. Ja, sie hört sich schon ganz Vernünftig an, diese Definition, aber halt, was sind autonome Entscheidungen? Ist es tatsächlich unreif, wenn ich mich mit anderen Menschen berate, bevor ich eine Entscheidung treffe? Es könnte ja schließlich sein, dass sich meine Entscheidung auf andere Menschen auswirkt.

Und sind Werte nicht immer so etwas wie rote Linien, die ein Mensch nicht überschreiten möchte? Sind sie dann nicht schon per Definition einengend? Wäre eine Bewegung nicht auch immer eine Veränderung der eigenen Werte? Und wenn ja, wie können diese Werte, die ständig durch Bewegung verändert werden könnten, Stabilität bieten?

Was ist eigentlich mit älteren Menschen, die auf bestimmte Situationen und Gegebenheiten nicht flexibel reagieren können? Sind die unreif? Und überhaupt, könnte dieses „Flexibel“ nicht sogar dazu führen, dass wir die Stabilität unserer Werte untergraben und wir so unser stabiles Wertegerüst zum einstürzen bringen?

Ich finde diese Definition etwas schwammig, vielleicht will ich sie auch schwammig finden, vielleicht habe ich – durch die ersten 40 Seiten des Buches, schon eine zu große Distanz zum Buch aufgebaut.

Wer waren diese Vorkriegsväter?

 

Die Autorin nimmt auch immer wieder Bezug auf die Vorkriegsväter, gemeint sind also die Männer, die vor dem ersten und zweiten Weltkrieg Kinder erzogen haben. Diese haben den Jungen der Nachkriegsgeneration gefehlt, so ihre Aussage. Soweit gehe ich sogar noch mit, aber warum sollte die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau heute schon weiter sein, wenn diese Väter ihre Söhne hätten erziehen können? Dieser Zusammenhang ergibt sich mir noch nicht. Waren die Männer vor den Kriegen schon weiter in Sachen Gleichberechtigung? Oder hat nicht gerade das fehlen dieser Männer dazu geführt, dass sich die Frauen emanzipieren konnten, weil sie nicht mehr durch das „Familienoberhaupt“ unterdrückt werden konnten? Und was ist mit den Kriegen, die es vor den beiden Weltkriegen gab? Haben die Männer, die in diesen Kriegen gestorben sind, ihren Söhnen nicht auch gefehlt? Und wenn ja, welche Auswirkungen hatte dieses Fehlen auf die Vorkriegsväter?

Ich kann also tatsächlich mit diesem Bezug nicht viel anfangen. Was ich nicht bestreite, ist, dass der Krieg für ALLE die ihn erleben mussten, ein traumatisierendes Erlebnis war, aber das daraus „das Schweigen der Männer“ entstanden sein soll, das wage ich dann doch zu bezweifeln. Besonders fehlt hier der Beweis, dass die Vorkriegsmänner weniger geschwiegen haben.

Natürlich hat Dasa Szekely recht, wenn sie sagt, dass Gleichberechtigung nur dann erreicht werden kann, wenn beide Seiten miteinander reden. Diese Kommunikation wird aber schon durch die Schubladen erschwert, die sie für Männer entwirft. Diese werden nämlich den vielen unterschiedlichen Facetten und Eigenschaften der Menschen nicht gerecht und die Vorkriegswerte, die die Unterdrückung der Frauen über Jahrhunderte gefördert haben, sind auch nicht das, was Jungen oder Männer als Leitbild brauchen – ja, sie brauchen nicht einmal die Rituale, die die westliche Gesellschaft und die Unterdrückung der Frau ebenso gefördert haben.

Dieser Artikel gibt jetzt noch kein vollständiges Bild über das Buch wieder, dieses kann er auch nicht vermitteln, denn ich habe das Buch noch nicht vollständig gelesen. Es ist erst einmal nur eine Aufarbeitung meiner kritischen Gedanken, die – und das möchte ich betonen – noch keineswegs gefestigt sind. Ebenso möchte ich anmerken, dass das Buch durchaus auch Aspekte angesprochen hat, denen ich positiv gegenüber stehe. Einen vollständigen Lesebericht findet ihr dann auf lesensiegut.de.