Svens kleiner Blog

Nicht wegen Geld, nicht wegen Ruhm, nicht wegen Aufmerksamkeit sondern einfach nur so ;-)

„Kommen Sie, kommen Sie schnell“, ruft er der Menge entgegen. „Pünktlichkeit ist heute gefragt“, sagt er, „wenn Sie das Haus noch sehen wollen.“

Das Haus? Ist es nicht schon viel zu spät dazu? Gesehen habe ich es schon oft, doch lange wird es wohl nicht mehr sein. Doch doch, es ist ein wirklich schönes Haus, von außen glänzt es sogar und es zieht wirklich viele Menschen an, aber im Inneren ist es nicht mehr als eine Hütte.
Pünktlichkeit könnte wohl schon zu spät sein, denn es krieselt im Fundament des Hauses. Ja, es wird täglich Beton hinein gepumpt, aber dieser schafft es nicht, das Fundament wieder zu stabilisieren.

„Ein schönes Gebäude, oder?“, fragt mich ein Tourist, der noch nie im Inneren des Hauses war. „Ich könnte mir durchaus vorstellen, in diesem Haus zu leben“, sagte er weiter. Ich lächel ihn an und frage: „Warum wollen sie in diesem Haus leben? Nur weil es von Außen so schön glänzt?“ Er schaut mich an, ist verblüfft, fragt mich, ob ich nicht selbst auch in diesem Haus leben wolle. „Hab ich schon“, antworte ich ihm. „Und warum jetzt nicht mehr?“, möchte der Tourist wissen. Ich deutete ihm, dass er sich doch auf die Bank setzen sollte, denn die Antwort würde etwas länger dauern.

„Warum ich nicht mehr in dem Haus lebe? Nun, es liegt wohl an der Hektik, die in diesem Haus herrscht. Es ist wohl die Tatsache, dass es darin durchaus schöne Dinge zu bestaunen gibt, aber sie sind halt tatsächlich nur dazu da, um sie zu bestaunen. Das Problem ist, dass nur wenige Hausbewohner diese Dinge überhaupt benutzen dürfen, die restlichen Bewohner aber müssen sich mit kleinen Appartments zufriedengeben, die nur das Nötigste beherbergen.“

Der Tourist machte große Augen. Er konnte nicht glauben, dass es in diesem wunderbaren Haus Appartments geben sollte, die nicht genauso schön sind.

„Aber das ist nicht das einzige Problem. Es sind nicht nur diese kleinen Appartments, die einem das Leben in diesem Haus so unangenehm machen, es sind auch die Geräusche. Das knarren in den Wänden und dann ist da noch das Fundament, das ständig mit Beton ausgebessert werden muss, ohne dass es irgendeine Verbesserung gibt. Und die Grundversorgung ist auch eher unzuverlässig in diesem Haus, allerdings nur in den kleinen Appartments. In den großen Wohnungen gibt es diese Probleme nicht und irgendwie gibt es dort auch nicht diese nervigen Geräusche, die in den kleinen Appartments zu hören sind.“

Der Tourist schaut mich an und fragt mich, warum die Menschen denn nicht einfach ausziehen, wenn das Gebäude denn innen gar nicht so schön ist?

„Nun, die Menschen glauben einfach nicht, dass es ein anderes Haus geben könnte, dass besser ist als das, in dem sie jetzt leben. Sie haben sich an das Haus gewöhnt, sie haben sich an die nervenden Geräusche gewöhnt und das Fundament macht ihnen auch keine wirklichen Sorgen, denn das droht nun schon so lange zu zerbröckeln, dass keiner mehr daran glaubt, dass das wirklich einmal kaputt gehen könnte. Die Menschen sind froh, dass sie überhaupt etwas haben, dass sie nur selten hungern müssen und das die Grundversorgung gegeben ist, auch wenn sie unzuverlässig ist.“

„Und warum bauen sich die Menschen nicht einfach ein neues Haus? Ein Haus, das auf einem stabilen Fundament steht und in dem es für jeden mehr gibt als diese kleinen Appartments?“ Eine interessante Frage, die der Tourist da stellt.

„Ich vermute, dass die Menschen einfach Angst davor haben, das alte Haus abzureißen. Sie müssten ja dann erst einmal das aufgeben, was sie jetzt haben, um dann das Haus total neu aufzubauen. Es gibt sicher einige Menschen, die dazu durchaus willens wären, aber dieser Wille schwindet natürlich umso mehr, umso größer die Appartments werden. Und die Menschen, die in diesem Haus eine Wohnung besitzen, die sind auf jeden Fall gegen einen Abriss des Hauses. Nicht nur, weil sie am meisten zu verlieren hätten, sondern auch, weil sie danach kleinere Wohnungen hätten, wenn der Platz neu aufgeteilt wird. Sie würden also mehr verlieren als die anderen, dafür aber weniger zurück bekommen und deswegen versuchen sie alles, um die Mehrheit der Bewohner auf ihrer Seite zu bekommen. Und genau deswegen wird kein neues Haus gebaut, weil es Bewohner gibt, die das alte Haus nicht aufgeben möchten.“

Der Tourist schmunzelt mich an. Er meint, dass er wohl verstanden hat, was dort in diesem Haus los ist. Natürlich möchte er jetzt nicht mehr in diesem Haus leben, auch wenn es von Außen natürlich immer noch wunderschön aussieht. „Aber“, sagt er, „der Rasen vor dem Haus, das ist schon englischer Rasen, oder?“

„Ja“, sagte ich, „der Rasen vor dem Haus ist tatsächlich englischer Rasen und es ist ein schöner Ort, um sich zu entspannen. Allerdings bestehe halt immer die Gefahr, dass das Haus einbricht und dann wäre von diesem englischen Rasen auch nicht mehr viel zu sehen.“

Der Tourist verabschiedete sich, ging weiter, schüttelte noch einmal mit dem Kopf, und kaufte sich dann Zuckerwatte, von der er sich genüsslich kleine Stücke in den Mund schob.





8 Comments

  1. Ich muss ja jetzt schon ein wenig schmunzeln. Diese Kurzgeschichte hat tatsächlich meine drei vorgeschlagenen Worte enthalten! Super gelöst und du hast eine meiner Grundängste sehr gut durch das Haus symbolisiert. Etwas Altes aufzugeben um etwas neues daraus zu machen, wenn sich das Alte bewährt? In dir schlummert ein großer Schreiber. 🙂

    Liebe Grüße
    Henrik

  2. Alex (186 comments)
    10:26 on April 24th, 2015

    Ja, eine gute Geschichte. Interessant geschrieben und… war Zuckerwatte eines der Wörter die es einzubinden galt?
    Habe noch ein kleines Fehlerchen entdeckt: „Ich lächel ihn an und frage“, lächele wäre grammatisch wohl richtig.
    Du wolltest Meinungen zu deinen Texten und wie man sieht, passt das ja jetzt! 🙂
    Angenehmes Wochenende.

  3. Sven (68 comments)
    10:30 on April 24th, 2015

    Ja, Zuckerwatte war eines der Dinge, die ich einbinden musste. Würdest du wohl auch die anderen beiden finden? 😉

  4. Alex (186 comments)
    10:37 on April 24th, 2015

    Der englische Rasen?

  5. Sven (68 comments)
    11:40 on April 24th, 2015

    Warum denn ausgerechnet der?

  6. Alex (186 comments)
    12:25 on April 24th, 2015

    Was sollte denn sonst der genaue Anreiz daran sein, gerade einen ENGLISCHEN Garten zu erwähnen?! 🙂 Na, lag ich falsch?

  7. Sven (68 comments)
    21:39 on April 24th, 2015

    Ja, „englischer Rasen“ ist auch eines der drei Begriffe. Aber es wäre auf jeden Fall so eine Frage gekommen, es wäre vielleicht nicht unbedingt der englische Rasen gewesen, aber es hat schon seine Berechtigung.

  8. Alex (186 comments)
    08:32 on April 25th, 2015

    Klar, hat es seine Berechtigung und rundet die Sache an sich auch ab, aber die Betonung auf Englisch war eben zu sehr platziert. Daher habe ich mittlerweile schon 2 von 3! 🙂
    Angenehmes Wochenende.

CommentLuv badge

Kommentarlinks könnten nofollow frei sein.