11 Dezember 2020

Mal wieder das Thema Armut …

Geld

Leute, ich gebe es auf! Es hört mir eh keine zu und wenn mir Mal wer zuhört, dann kommt die Antwort, dass ich das doch gar nicht so sehen kann, weil ist halt nicht so schlimm. Doch, verdammt noch Mal, ich kann es so sehen, weil ich es selbst erlebt habe! Und nein, ich will nicht in andere Länder schauen, in denen die Armut noch viel schlimmer ist. Ja, es gibt sie, es gibt Länder, wo Menschen verhungern, weil WIR verdammt noch einmal nichts an unserem Wirtschaftssystem ändern wollen und weil WIR auch nichts von unserem Wohlstand abgeben möchten! Ganz im Gegenteil, unser Wohlstand basiert zu großen Teilen auf der Ausbeutung dieser Länder, also hört verdammt noch einmal auf damit, mich auf diese Länder hinzuweisen, solange ihr nicht bereit seid anzuerkennen, dass wir ein Teil des Problems sind!

Aber okay, fangen wir noch einmal von vorne an, weil Armut ist ja immer individuell und dafür kann ja kein anderer was. Sollen die sich halt in der Schule Mal ein wenig mehr anstrengen, dann schaffen sie es auch, die Armut hinter sich zu lassen! Genau, sie sollen sich in der Schule anstrengen, in der sie, weil sie sich bestimmte Statussymbole nicht leisten können, wegen ihrer Armut gemobbt werden. Sie sollen also an dem Ort gute Leistungen bringen, vor dem sie teilweise Angst haben, weil sie sich dort nicht mehr hintrauen und deswegen lieber zu Hause bleiben und den Unterricht schwänzen. Wo sie, wenn sie doch regelmäßig da sind, regelmäßig lernen müssen, dass ihre Beurteilung auch vom gesellschaftlichen Stand geprägt ist und sie halt im schlimmsten Fall nur eine Empfehlung für die Hauptschule bekommen, obwohl sie durchaus mehr leisten könnten. An diesem Ort sollen die sich dann mehr anstrengen, um der Armut zu entkommen?

Habe ich schon einmal erwähnt, dass ich eigentlich Koch werden wollte? Das war schon im Kindergarten mein Traumberuf, aber ich hatte da nie eine Chance. Warum? Weil ich mir die Ausrüstung gar nicht leisten konnte, die ich aber schon bei jedem Praktikum hätte haben sollen. Jetzt kommen sicher gleich wieder die, die mir sagen, dass das schon irgendwie gegangen wäre, ich nur halt an der richtigen Stelle hätte nach Unterstützung fragen müssen. Denkt ihr doch gerade, oder? Und ja, ihr habt bestimmt recht, irgendwo hätte es sicher Unterstützung gegeben, irgendwo hätte sich ein gebrauchtes Messerset auftreiben lassen, irgendwer hätte sicher auch die andere Berufskleidung bezahlt. Nur es ist immer wieder ein neuer Kampf, es fühlt sich immer wieder genauso scheiße an, um alles betteln zu müssen, um eventuell irgendwo Mal eine Chance zu bekommen! Ich habe dann eine kaufmännische Ausbildung gemacht, weil die Zugangskosten einfach geringer waren.

Ich kann übrigens Gedanken lesen: Ihr denkt gerade, dass ich die Schuld nur bei den anderen suche, weil ich versuche, hier gesellschaftliche Zusammenhänge zu beschreiben. Natürlich habe ich die Fehler selbst gemacht, habe mir Chancen verbaut, habe Türen für immer verschlossen. Natürlich, aber es gibt halt immer auch eine gesellschaftliche Komponente. Die Angst zur Schule zu gehen ist nicht eine individuelle Schuld, sich bestimmte Dinge nicht leisten zu können auch nicht! Das spielt halt immer mit rein, auch wenn das natürlich keiner hören will.

Zu günstige Lebensmittel?

Wenn ihr dann Menschen verurteilt, die sich halt wirklich nur das billigste Fleisch leisten können, die sich wahrscheinlich nicht einmal das kaufen, was sie gerne essen würden, sondern das, was sie sich leisten können, dann ist das auch immer wieder heftig zu lesen. Nein, die Ausrede, dass ihr ja die anderen meint, die gilt dann einfach nicht. Natürlich kaufen auch Menschen günstige Lebensmittel, die sich eigentlich teurere Lebensmittel leisten könnten, aber ganz ehrlich, auch das hängt mit unserem Wirtschaftssystem zusammen. Ein System, welches immer neue Bedürfnisse weckt und bei dem sich Menschen immer wieder neu entscheiden müssen, wie sie ihre finanziellen Mittel aufteilen wollen. Wenn diese dann bei Lebensmitteln sparen können und dies auch tun, dann kann ich auch diese Entscheidung verstehen, auch wenn es natürlich kontraproduktiv ist!

Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt, und doch gibt es viele Hunderttausende Menschen, die sich ihre Lebensmittel von den Tafeln holen müssen! Menschen, die ohne diese gespendeten Lebensmittel überhaupt keine Chance hätten, sich Nahrung und eine Wohnung leisten zu können. Da muss ich mich nicht über Menschen lustig machen, die günstige Lebensmittel kaufen, auch wenn die Herstellung dieser Lebensmittel unter katastrophalen Zuständen passiert. Wahrscheinlich habe ich schon viel zu oft erwähnt, dass wir eine Verbesserung in diesen Bereichen nur hinbekommen, wenn wir es schaffen, dass jeder Mensch auf dieser Erde – also nicht nur in Deutschland – ein vernünftiges, lebenswertes Leben mit positiven Zukunftsperspektiven führen kann. Das wird im Kapitalismus nicht möglich sein, da Kapitalismus auf Ausbeutung aufbaut, aber solange wir im Kapitalismus leben, muss irgendwie jeder überleben können und das halt notfalls auch, indem er viel zu günstige Lebensmittel kauft.

Und Fleisch ist hier jetzt nur ein Beispiel, damit mir jetzt niemand kommt und sagt, dass die Menschen dann halt auf Fleisch verzichten müssen. Dasselbe gilt für viele andere Lebensmittel auch, bei vielen anderen Lebensmitteln sind die Zustände auch nicht besser. Erntehelfer, die nicht einmal den Mindestlohn bekommen, Kleinbauern, die von ihrer Arbeit kaum leben können und vieles mehr. Überall gilt, dass die Preise für Lebensmittel wohl deutlich steigen müssten, damit die Erzeuger auch fair am Gewinn beteiligt werden könnten. Dabei müssen aber halt auch die Menschen mit gedacht werden, die in Armut leben oder von Armut bedroht sind.

Arm dran? Selbst schuld? Warum du dein Schicksal nicht selbst in der Hand hast. | Der rote Faden
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Also gar nichts tun?

Doch! Aber nicht immer gegen Menschen, die dafür nicht wirklich was können. Die Ausbeutung von Natur, Tier und Mensch werden wir nur dann überwinden können, wenn wir den Kapitalismus überwinden. Das wird ein langer Weg, denn als Erstes müssen wir die Gesellschaft radikal demokratisieren. Die Wirtschaft, die Schule, jeder Lebensbereich, jede Institution muss radikal demokratisiert sein, damit Entscheidungen zum Umbau der Gesellschaft getroffen werden können. Bis dahin können wir sicher Verbesserungen erreichen und es ist natürlich auch weiterhin wichtig und notwendig die Missstände aufzuzeigen, aber wer mit dem Finger auf Menschen zeigt, die sich bestimmte Lebensweisen (noch) nicht leisten können, der wird diese Menschen nicht als Partner im Kampf gegen die Missstände gewinnen können. Dasselbe gilt für Kleidung, für Elektroartikel und für alle anderen Konsumgüter.

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Verfasst 11. Dezember 2020 von Sven in category "Dies und Das", "Erlebnisse und Gedanken

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