2 Juni 2021

02.06.2021: Ein Stück Papier

Auf dem Bild ist ein Absatz aus einem anderen Blogartikel zu sehen.

In meinem Lebens-ABC-Artikel „I wie Impetus“ habe ich in einem kurzen Abschnitt eine Begebenheit aus dem Jahr 2001 erwähnt. Es war kein Nebensatz, aber häufig sind es die kleinen Nebensätze, die kaum Beachtung finden, obwohl sie eine lange Periode eines Lebens prägen können. Dieser kleine Nebensatz bei mir war die Empfehlung einer Pädagogin, die mich in einem Grundausbildungslehrgang ein Jahr lang begleitete und mir in einem entscheidenden Augenblick meines Lebens half, indem sie an meine Fähigkeiten glaubte und die mir dadurch die Tür zu meiner Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel öffnete.

Wenn ich heute über meine Ausbildung spreche, dann spreche ich nicht wirklich darüber, dass sich mir dadurch eine Welt voll mit Möglichkeiten eröffnete. Ich werte sie sogar manchmal ab, weil ich im Kontext der Ausbildung auch immer erzähle, dass ich eigentlich Koch werden wollte und ich diese Ausbildung nur gemacht habe, weil ich als Koch keinen Ausbildungsbetrieb gefunden habe. In Wirklichkeit war diese Ausbildung aber meine größte Chance, die Türen, die zu diesem Zeitpunkt verschlossen waren, weit zu öffnen. Türen, die ich selbst verschlossen habe, weil ich die Schule nie so ernst genommen habe, wie ich sie hätte nehmen sollen, weil die Schule für mich ein Angstort und kein Lernort war und weil es dort eigentlich auch keine Menschen gab, die wirklich an mich geglaubt haben, hauptsächlich aber, weil ich selbst den leichteren Weg gegangen bin und der hieß, dem Angstort Schule fernbleiben. Ich könnte hier jetzt sogar behaupten, dass ich eigentlich gar kein so schlechter Schüler war, weil ich nur noch die beiden letzten Zeugnisse aus dieser Zeit besitze, aber da ich meine Potenziale nicht genutzt habe, brachte mir das nicht wirklich was!

Der Wendepunkt in meinem Leben war dann tatsächlich der Grundausbildungslehrgang, den ich zwischen 2000 und 2001 machte und vor allem dieses Stück Papier, welches mir die Tür zu meiner Ausbildung öffnete. Hätte die Pädagogin damals nicht an mich geglaubt, hätte sie mir nicht bestätigt, dass mein Leistungsniveau in Deutsch auf dem Level ist, welches als Mindestvoraussetzung für die Ausbildung gesetzt war, dann hätte sich mein Leben komplett anders entwickelt. Wahrscheinlich hätte ich nie eine Ausbildung gemacht, hätte mich mit Aushilfsjobs über Wasser gehalten oder wäre sogar ganz in Hartz4 abgerutscht. Das hätte passieren können, wenn die Person nicht an meine Fähigkeiten geglaubt hätte.

Tatsächlich habe ich dann auch in den sechs Halbjahren, die meine Ausbildung dauerte, sechsmal die Note 3 in Deutsch auf dem Zeugnis bekommen, also die Note, die als Mindestzugangsvoraussetzung für die Ausbildung galt. Stellt euch vor, welche Note ich hätte haben können, wenn meine Rechtschreibung und Grammatik damals nicht so grauenvoll gewesen wäre! Ausdruck, das Verstehen von Texten und auch Lesen waren nie wirklich ein Problem, aber Rechtschreibung und Grammatik versauten mir so einige Noten, und zwar nicht nur im Fach Deutsch.

Ohne diesen einen Zettel, diesem Brief, den die Pädagogin an das Oberstufenzentrum geschrieben hat, hätte ich wohl auch nie meinen Realschulabschluss bekommen – so hieß der Abschluss damals noch – und ich hätte auch nie mein Abitur nachholen können. All diese Türen wurden mir durch eine Person eröffnet, die einfach so Vertrauen in meine Fähigkeiten hatte, ein Vertrauen, welches mir selbst damals fehlte, nachdem ich bis zu diesem Punkt in meinem Leben nicht wirklich viel auf die Reihe gebracht hatte.

Okay, mein Leben ist auch heute noch ein Chaos, aber doch ein wunderschönes Chaos, auch wenn ich auf den anderen sozialen Kanälen immer mal wieder jammere, weil es ein wunderschönes Chaos am Rande des Existenzminimums ist, aber wo würde ich stehen, wenn ich diese Pädagogin nie getroffen hätte? Was würde ich heute machen? Wahrscheinlich hätte ich schon längst aufgegeben! Nein, wenn ich so überlege, dann möchte ich mir gar nicht vorstellen, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich diesen Menschen nicht getroffen hätte. Viel interessanter wäre es zu wissen, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich diesen Menschen schon sehr viel früher getroffen hätte, aber auch das ist eigentlich unwichtig, denn wichtig ist, dass ich diesen Menschen überhaupt getroffen habe!

Es ist so traurig zu wissen, dass es viele Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene gibt, die diesen Menschen nie treffen, die es auch nicht aus eigener Kraft schaffen, den Wendepunkt im Leben herbeizuführen und die so nie die Chance bekommen, ihre Potenziale zu entfalten und zu nutzen. Es ist so schade, dass Schule immer noch ein Angstort für einige Schüler*innen ist, weil sie dort keine positiven Erfahrungen sammeln können, weil es dort niemanden gibt, der an sie glaubt, der sie unterstützt, der sie in die richtige Richtung stupst. Wäre es nicht schön, wenn es für alle diesen einen Zettel geben würde, der das Leben in eine positive Richtung dreht?

Ich habe die Person, die mir damals all die Türen geöffnet hat, heute in einem sozialen Netzwerk gefunden und ich musste ihr sofort eine längere Nachricht schreiben, einfach, um mich zu bedanken, auch wenn es schon 20 Jahre her ist, auch wenn es etwas ist, was andere wahrscheinlich schon längst vergessen hätten, aber für mich war es tatsächlich der Wendepunkt im Leben, der mir so viel ermöglicht hat. Dafür musste ich einfach noch einmal Danke sagen, auch weil ich damals ja nicht wusste, wie wertvoll diese Person für mein weiteres Leben war.

Wie sieht es denn bei euch aus? Hattet ihr auch so einen Menschen, der euer Leben in eine positive Richtung gestupst hat, der an euch geglaubt hat, der ein Grundvertrauen in eure Fähigkeiten hatte? Wenn ja, schreibt doch auch darüber, gerne hier in den Kommentaren oder in eurem Blog. Vielleicht ist ja so ein Blogartikel dann das Stück Papier, welches das Leben eines anderen Menschen ändert, die Inspiration für ein Umdenken.

2 Juni 2012

Andere von sich überzeugen und so neue „Freunde“ finden.

Beim feel-better-blog gibt es derzeit eine Blogparade, in welcher es darum geht, wie man selbst andere für die eigene Sache begeistern kann. Das ist eine interessante Frage, auch weil ein Blog ja auch eine eigene Sache ist, für die man andere begeistern möchte – schließlich möchte man ja gelesen werden. Wirkliche Gedanken habe ich mir darüber noch gar nicht gemacht, aber da ich am Mittwoch ja auch beim LearnTank war, und es dort einen Vortrag gab, den ich ebenfalls sehr interessant fand und der irgendwie zu diesem Thema passt, möchte ich jetzt doch mal ein wenig was zu dieser Blogparade schreiben.

Im Vortrag beim LearnTank ging es um Vertrauen, welches Blogger brauchen, damit sie gelesen werden. Es ging darum, dass Blogger Freunde brauchen und irgendwie stimmt das ja auch. Ich könnte noch so viel im Blog schreiben, ohne Freunde und Vertrauen würde das wohl keiner lesen. Doch wie versuche ich, Vertrauen zu schaffen? Wie schaffe ich es, neue „Blog“-Freunde zu finden?

Zum einen glaube ich, dass es wichtig ist, in seinen Blogartikeln immer ehrlich zu sein. Wenn ich eine bestimmte Meinung habe, dann sollte ich sie auch wieder geben – auch wenn dadurch vielleicht der Ein- oder Andere Leser abgeschreckt wird. Ich habe lange versucht, solche Themen nur selten zu verbloggen, was hauptsächlich meine politischen Überzeugungen angeht. Doch irgendwann ist mir aufgefallen, dass ich dadurch auch viele andere Blogartikel nicht schreiben kann. Deswegen verschrecke ich jetzt lieber einige Leser, als auf meine politische Meinung zu verzichten.
Ich glaube aber inzwischen auch, dass die politische Meinung zu meinem Blog dazugehört. Ich beschränke mich ja nicht auf bestimmte Themen, sondern ich schreibe meine Meinung zu allem, was mich interessiert. Ebenso glaube ich, dass man dadurch Vertrauen aufbauen kann und vielleicht auch Freunde findet, die eben nicht derselben Meinung sind, deswegen aber doch gerne den Blog lesen.

Als anderen wichtigen Punkt, um Vertrauen zu schaffen und um andere von meiner Sache zu begeistern, ist mir das Kommentieren auf anderen Blogs sehr wichtig. Wenn ich nur in meiner eigenen kleinen Welt leben würde, würde ich wohl niemanden von mir überzeugen können. Nein, es ist wichtig seine Meinung auch auf anderen Blogs zu vertreten, und inzwischen ist mir das Kommentieren sogar wichtiger geworden, als eigene Blogartikel zu schreiben.
Wenn ich Kommentiere, dann versuche ich nicht nur irgendwelche Totschlag-Argumente zu bringen, sondern ich versuche Argumente zu bringen, die eventuell neue Aspekte in die Diskussion bringen. Natürlich weiß ich nicht alles, aber das behaupte ich auch nicht. Ich glaube, das ist ebenso ein wichtiger Punkt, um Vertrauen aufzubauen und um andere von der eigenen Sache zu begeistern. Wer sich immer hinstellt und sagt, die eigene Meinung ist die Einzige, die tatsächlich richtig ist, der macht sich damit keine Freunde. Wenn man aber auf die Argumente der anderen eingeht und versucht, mit eigenen Argumenten neue Aspekte einzubringen, wird das auf Dauer die Anderen auch überzeugen.