23 Oktober 2020

Wir Behinderer

Baumstamm auf dem Weg

Heute Morgen fuhr ich mit dem Rad zu einem Auftraggeber. An einer Ampel überquerte ein blinder Mensch die Straße, und ich musste sofort an die Blogparade von blindleben denken, in der es um Begegnungen mit blinden Menschen ging.

Ich stand da also mit dem Fahrrad an der – für mich roten – Ampel und wartete, bis der Mensch die Straße überquert hatte. Ich beobachtete ihn dabei und dann fiel mein Blick auf die eigentlich viel zu hohen Bordsteinkanten, die schon für sehende Fußgänger und Radfahrer gefährlich sind. Am liebsten hätte ich ihn vor der Gefahr gewarnt, aber mir ist schon bewusst, dass blinde Menschen diese Gefahren sehr gut ohne Warnung meistern und so war es dann natürlich auch in diesem Fall.

Ich bin immer wieder fasziniert davon, wie blinde Menschen sich in der Stadt zurechtfinden. Fasziniert auch, weil all die Stadtdesigner, die Planer und wer für die Gestaltung der Stadt so verantwortlich ist, sich nicht wirklich darum kümmern, wie Menschen, die von der gesetzten gesellschaftlichen Norm abweichen, damit klarkommen. Wir Menschen, die irgendwie dieser Norm entsprechen, sind da doch irgendwie Behinderer! Wir behindern mit unserer Fixierung auf den Norm-Menschen Menschen, die eben nicht dieser Norm entsprechen. Wir behindern sie, schränken sie in ihrem Bewegungsradius ein, weil wir uns nicht bewusst sind, dass die Welt, die wir schaffen, für viele eben keine Barrierefreie Welt ist.

Meine Kontakte mit blinden Menschen sind tatsächlich auf diese zufälligen Begegnungen beschränkt. Ich sehe sie, wie sie sich souverän durch die Fußgängerzone bewegen. Und es sind ja nicht nur blinde Menschen, die sich souverän durch unsere NORMalo-Welt bewegen, obwohl wir NORMalos sie behindern, weil wir mit unserer Ausrichtung Behinderer sind.

Als ich meine Oma damals mit ihrem Rollstuhl durch die Gegend geschoben habe, damit sie weiterhin an der frischen Luft unterwegs sein kann, war jeder Bordstein ein Hindernis. Ein Hindernis für mich! Wie geht es da Rollstuhlfahrern, die keine Hilfe haben? Und es sind ja nicht nur Bordsteinkanten, es sind ja auch Geldautomaten, die viel zu hoch hängen, Waschbecken, die nicht erreichbar sind und viele andere Dinge, über die wir als NORMalos gar nicht nachdenken, weil sie unserer Norm entsprechen.

14 Dezember 2014

Wie rufen Gehörlose eigentlich den Notarzt?

Barriere

Barriere

Wie rufen gehörlose Menschen eigentlich den Notarzt? Wie Allarmieren stumme Menschen die Feuerwehr? Habt ihr euch diese Frage eigentlich schon mal gestellt?

Für uns, die wir sowohl Hören wie auch sprechen können, ist das ja eine relativ einfache Angelegenheit. Wir greifen zum Telefon, geben die 110 oder die 112 ein und schon ist der Notruf abgesetzt. Aber für Gehörlose und Stumme ist das eben nicht so einfach. Sie könnten zwar auch Anrufen, aber wie sollten sie der Gegenstelle vermitteln, was ihr anliegen ist? Wie kann eine Schwangere zum Beispiel den Notarzt rufen, wenn sie gar nicht sprechen kann?

Ich muss ehrlich sein, ich habe mir bisher noch gar keine Gedanken darüber gemacht, weil es für mich etwas Selbstverständliches ist, aber es ist eben nicht für alle selbstverständlich. Mir ist das erst durch einen Tweet auf Twitter aufgefallen, indem nämlich über die nicht flächendeckend vorhandene Möglichkeit gemeckert wurde, einen Notruf per SMS abzusenden. Ich habe dann kurz einmal nach dem Thema gegooglet und auf der ersten Seite nur eine Möglichkeit für Österreich gefunden, aber nicht für Deutschland.

In einem Artikel konnte ich auch nachlesen, dass das System mit der SMS auch einige Nachteile mit sich bringt, denn die Nothelfer könnten nicht einfach eine Rückfrage stellen, wenn etwas unklar ist. Außerdem könnten SMSen auch verspätet ankommen, was in einem Notfall nicht wirklich glücklich wäre. Aber wenn die SMS so unzuverlässig ist, was bleibt dann noch? Eine Mail? Würde wahrscheinlich dieselben Probleme aufwerfen, wie eine SMS. Faxen? Nun, nicht jeder hat ein Faxgerät zu Hause und ganz ehrlich, inzwischen ist das Fax wohl auch dermaßen veraltet, dass es nur noch in seltenen Fällen zum Einsatz kommt.

Am besten wäre wahrscheinlich eine Art Livechat, über den Gehörlose und Stumme Kontakt zur Notrufzentrale aufnehmen können. Die technische Realisierung ist hier sicher eine Herausforderung, denn der Livechat muss ja, ohne dass ich erst kompliziert eine Auswahl treffen muss, in der richtigen Notrufzentrale eingehen. Es wäre nämlich ein wenig blöd, wenn ich in München einen Krankenwagen brauche, aber mit der Notrufzentrale in Kiel verbunden wäre – auch dass könnte wieder lebenswichtige Minuten kosten.

Eine Umsetzung als App für Smartphones und Tablets wäre wahrscheinlich auch gut, wobei ich natürlich nicht weiß, ob jeder Gehörlose ein solches Gerät besitzt. Aber das ist natürlich kein Grund, eine solche Umsetzung nicht zu realisieren, denn wenn auch nicht alle davon profitieren, so profitieren viele davon und dies könnte dazu beitragen, eine Welt mit weniger Barrieren zu erschaffen.