23 September 2021

Ich war dann doch wählen

Auf dem Bild ist eine Tasse mit Gesicht zu sehen und fünf verschiedene Wahlplakate

Ich war dann jetzt doch wählen! Nicht, weil ihr mich davon überzeugt hättet, dass das Wählen irgendwas bringt, sondern weil ich heute sehr aggressiv wurde, als sich kurzzeitig andeutete, dass ich am Sonntag nicht einmal die theoretische Möglichkeit hätte, an der Wahl teilzunehmen. Ich werde nämlich am Wahlwochenende arbeiten, hatte mir aber die Möglichkeit offen gelassen, gleich zur Öffnung der Wahllokale doch meine Kreuze machen zu können. Die Möglichkeit verschwand heute für einen kurzen Augenblick und ich war ziemlich sauer darüber.

Wenn mich das jetzt schon sauer macht, wie hätte ich dann die nächsten vier beziehungsweise fünf Jahre damit leben sollen? Also bin ich heute spontan ins zuständige Wahlamt gegangen und habe dort meine Stimmen abgegeben. Mit großer Wahrscheinlichkeit habe ich sogar gültig gewählt, zumindest dann, wenn ich nicht doch irgendwo aus Versehen zwei Kreuze in einer Spalte gemacht habe.

Ich habe mich mit meiner Zweitstimmer übrigens nicht für eine der Parteien entschieden, die derzeit im Bundestag beziehungsweise im Abgeordnetenhaus von Berlin sitzen. Das wird einige ärgern, besonders dann, wenn jetzt am Sonntag doch die CDU/CSU knapp gewinnen sollte, aber ich halte nicht viel vom taktischen Wählen. Wenn ich eine Partei wähle, dann weil ich ihr vertraue oder weil ich zumindest bereit bin, ihr einen Vertrauensvorschuss zu geben. Ebenfalls muss diese Wahl mit meinen Grundsätzen, Einstellungen, Werten und roten Linien zusammenpassen. Das trifft in dieser Gesamtheit auf keine der Parteien zu, die im Bundestag oder im Abgeordnetenhaus vertreten sind.

Natürlich ist mir bewusst, dass sich meine Entscheidung auch darauf auswirken kann, wer am Ende regiert. Aber wenn es weiterhin eine konservative Mehrheit gibt, dann sind hier die Wählenden eben dieser konservativen Parteien in der Verantwortung, ebenso wie die Parteien selbst, die nämlich dafür verantwortlich sind, wenn Wählende kein Vertrauen in diese haben.

Natürlich werden es sich die Parteien wieder einfach machen, werden – wenn der Politikwechsel scheitert – die Wähler*innen von Kleinstparteien wieder in der Verantwortung sehen. Sollte der Politikwechsel gelingen, dann werden die Wählenden der Kleinstparteien dafür verantwortlich sein, dass die Parteien in den Koalitionsverhandlungen nur schlechte Kompromisse machen werden. Was nicht angesprochen werden wird, ist die Verantwortung der Parteien selbst, der Vertrauensverlust, die schlechte Politik, die miesen Kompromisse, die verpasste Chance, 2013 schon eine Rot-Rot-Grüne Regierung zu bilden.

Egal, wenn es nach der Wahl einen Schuldigen braucht, mache ich das als Wähler einer Kleinstpartei gerne. Ich kann mich aber nach der Wahl weiterhin im Spiegel anschauen, weil ich nicht aus taktischen Gründen irgendeine Partei gewählt habe, sondern eine Partei, der ich mit gutem Gewissen einen gewissen Vertrauensvorschuss geben konnte.