Svens kleiner Blog

Nicht wegen Geld, nicht wegen Ruhm, nicht wegen Aufmerksamkeit sondern einfach nur so ;-)

Es ist nicht einfach zu akzeptieren, dass mein Neffe jetzt einfach weg ist. Auch wenn er jetzt Beerdigt wurde, wenn es endgültig ist, ist es nicht einfach. Wie schön wäre es doch, wenn die Zeit zurückgedreht werden könnte. Einfach zurück zu dem Moment, wo er seine Wohnung verlässt. Ihm einfach die Hand auf die Schulter legen, ihn festhalten, ihn einfach ganz fest drücken, ihm sagen, dass er nicht allein ist, ihn einfach mitnehmen und das Seil einfach wegwerfen.

Verdammt wäre das schön, aber was wäre dann? Was würde das kosten? Wie würde es sich auf die Zukunft auswirken? Würde es ihn wirklich retten? Oder würde es einfach nur den Zeitpunkt verschieben, an dem wir ihn dann doch verlieren?

Wir können die Zeit nicht zurückdrehen, wir müssen mit dem Leben leben, welches wir haben und irgendwie ist das ja auch okay so. Schmerz gehört zum Leben dazu, und wie zufrieden wären wir mit dem Leben, dass wir uns nach unseren Vorstellungen zusammengebaut haben, mit dem Wissen, was wir falsch gemacht haben? Würden wir nicht bei jedem Versuch Fehler machen, würde es nicht bei jedem Versuch Momente geben, die wir ändern wollen? Würden wir aus dem ändern dann überhaupt noch heraus kommen? Wahrscheinlich nicht! Deswegen ist das Akzeptieren wohl besser, auch wenn es schwerer ist. All die Momente, all die Fehler, all die Verluste und Gewinne, die Tränen und das Lachen, all das, was wir erlebt haben, macht uns doch erst zu dem, was wir sind. Würden wir daran was ändern, wären wir ganz wer anderes, nicht mehr wir, wollen wir das wirklich?

Es ist nicht einfach zu akzeptieren, aber es gehört zum Leben. Ich werde noch mehr Menschen verlieren, die ich Liebe. Es wird immer wieder wehtun, jedes Mal werde ich mir wünschen, dass ich es ändern kann, aber jedes Mal werde ich mir dann auch sagen, dass das nicht gut wäre, weil ich nun einmal das bin, was ich Erlebt und Gefühlt habe und nicht das, was ich mir irgendwie zusammenbaue.

Es ist jetzt zwei Wochen her! Zwei Wochen, in denen ich mich mit Arbeit ablenke, um mir nicht andauernd dieselben Fragen zu stellen. Mein Körper merkt das natürlich, mir ist das bewusst. Mir ist bewusst, dass meine Rückenschmerzen ein Signal sind, aber ich muss noch durchhalten, ich muss mich noch bis Dienstag ablenken.

Am Mittwoch heißt es dann Abschied nehmen. Abschied von einem Menschen, der 21 Jahre lang Teil meines Lebens war. Nicht durchgehend, ist klar, aber er war mein Neffe. Nein, er ist mein Neffe, tief im Herzen wird er weiterleben, wird er bei uns bleiben, auch wenn ich ihn am Mittwoch ein letztes Mal sehen werde. Zumindest hier auf der Erde, denn auch wenn ich nicht daran Glaube, ausschließen, dass es nach dem Leben doch noch etwas gibt, können wir alle nicht.

Das Leben geht weiter!

Die Welt dreht sich weiter! Ich habe es jetzt zwei Wochen erleben dürfen. Zwei Wochen, in denen ich viel geweint habe. In denen ich aber auch gelacht hab, in denen ich weiter gearbeitet habe, in denen ich weiter in Büchern gelesen habe. Die Zeit bleibt nicht stehen, die Erde hört nicht auf sich zu drehen. Ich weiß, dass sind Banalitäten die jeder kennt, die nie irgendwer angezweifelt hat, aber sie werden einem noch einmal bewusster, wenn ein geliebter Mensch viel zu früh geht.

Zumindest hat aber in den letzten beiden Wochen das Wetter gestimmt. Grau und regnerisch. Natürlich kam auch mal die Sonne durch, so wie ich gelacht habe, hat auch der Himmel ab und an mal gelacht. Ich hoffe, dass er auch am Mittwoch lacht. Lacht, weil er jetzt eine wundervolle Seele mehr hat. Eine Seele, die ihm sehr viel Freude bringen wird, eine Seele, die sich selbst befreit hat, befreit von der Verzweiflung und Einsamkeit. Dort, wo sie jetzt ist, wenn es sie denn gibt, wird sie sicher fröhlich sein, auch wenn wir hier alle traurig darüber sind, dass sie gegangen ist.

Zwei Wochen ist es jetzt her, und doch noch immer nicht greifbar. Zwei Wochen, in denen ich mich mit Arbeit abgelenkt habe, um mir nicht andauernd dieselben Fragen zu stellen …

Abschied von Eric

Mein Dank für das Bild geht an @antiglitzerfee

Aktuell ist es ja so: Um zu verdrängen was passiert ist, will mein Gehirn irgendwelche Verschwörungstheorien erfinden. Es fragt mich – obwohl mein Gehirn und Ich ja eins sind – ob das wirklich freiwillig war, oder ob da nicht jemand Druck ausgeübt hat, damit mein Neffe diesen Weg geht. Ich weiß, dass ist total blöd, aber es ist halt so: Wenn ich wüsste, dass das nicht freiwillig war, würden die Fragen verschwinden und ich hätte eine Person, die ich Hassen könnte. Es wäre einfacher, auch wenn die Trauer natürlich dieselbe wäre.

Es ist leider nicht so, auch wenn mein Verstand gerne wollte, dass es so ist. Es gibt niemanden, den ich dafür Verantwortlich machen kann und das ist so verdammt schwer.

Eine andere Verschwörungstheorie von meinem Gehirn ist ja, dass das alles gar nicht stimmt, das es nur ein übler Scherz ist. Ich wäre so dankbar, wenn es nur ein Scherz wäre. Natürlich ein scheiß Scherz, aber der Mensch wäre wenigstens noch da. Aber es ist natürlich kein übler Scherz! Niemand würde auf die Idee kommen, so einen Scherz zu machen. Aber wirklich glauben wird mein Verstand das wohl erst, wenn ich Abschied nehmen konnte, wenn ich meinen Neffen gesehen habe.

Nur dann wird es auch endgültig, dann kann ich mich nicht mehr hinter solchen Dingen verstecken. Ich glaube, dass das noch einmal verdammt hart wird, wenn ich dann wirklich Abschied nehmen muss, für immer. Das wird noch einmal ein zweiter Schlag ins Genick werden, das wird die Fassung, die ich langsam wieder zurück gewinne, wieder zum verschwinden bringen. Damit muss ich Leben, denn nicht hingehen, keinen Abschied zu nehmen, wäre falsch, auch wenn es schwer ist, auch wenn es endgültig ist.

Meine Welt ist kaputt! Plötzlich! Ohne Vorwarnung! Zersprungen in tausend Teile. Neunhundertneunundneunzig dieser Teile werde ich wieder zusammensetzen können, doch ein Teil wird für immer fehlen. Dieses Teil werde ich nur mit Erinnerungen füllen können, mit schönen Erinnerungen. Sie werden nicht ausreichen, um die Leere zu füllen, die das fehlende Stück hinterlässt, aber sie werden die restlichen Teile zusammen halten.

Die Welt ist kaputt, weil plötzlich jemand fehlt, der nicht fehlen darf. Der jetzt noch nicht fehlen darf! Einfach weg, für immer.

Scherben auf fegen, Scherben zusammen kleben, fein säuberlich, damit die Bruchkanten nicht all zu deutlich zu sehen sind. Doch diese Eine, diese fehlende Scherbe, sie wird immer daran erinnern, sie wird immer dafür sorgen, dass die Welt nie wieder so sein wird, wie sie vorher war.

Es ist kein Knochenbruch, der einfach so heilt, der irgendwann vergessen ist. Keine Narbe, die einem zwar auch an etwas erinnert, aber die doch auch für Heilung steht. Es ist ein riesiges Loch, eine Lücke, die immer bestehen bleibt, die nicht ersetzt werden kann, egal wie viel Haut oder Knochen jemand an diese Stelle transplantiert.

Es ist jetzt, als ob ich das Laufen neu lernen muss. Das Laufen in dieser Welt, die nicht mehr so ist, wie sie sein soll, obwohl sie für die meisten Menschen immer noch so ist, wie sie auch vor dem Anruf war. Weitermachen, nachdem alles kaputt ist, weitermachen, reparieren, Tränen als Kleber, Erinnerungen als Ersatz für das, was nicht mehr gemeinsam erlebt werden kann. Viel zu wenige Erinnerungen. Zusammenhalt, keine Vorwürfe, nicht noch einmal die Welt von jemanden zertreten, keine Wut, nur Erinnerungen und Tränen. Nur Liebe und Familie, kein Hass, keine Ausgrenzungen. Nur so kann die Welt wieder stabil werden, auch wenn ein Stück fehlt.

Der Tag nach dem Anruf ist der Tag, an dem die bohrenden Fragen kommen. Hättest du es merken können? Hättest du es verhindern können? Hättest du es bemerken müssen?

Ich bin mir sicher, dass sich diese Fragen alle Angehörigen stellen. Fragen, auf die es keine Antworten gibt, auf die es nie Antworten geben wird. Der Mensch, der sie beantworten könnte, lebt nicht mehr. Er kann nicht mehr sagen, warum er diesen Weg gewählt hat. Er kann nicht mehr sagen, wie wir ihm hätten helfen können.

Sicher ist, dass der Entschluss nicht von jetzt auf gleich kam. Sicher ist auch, dass wir uns diese Gedanken viel zu spät machen. Warum haben wir eigentlich so wenig Zeit für einen Menschen, den wir lieben? Warum leben wir aneinander vorbei und nicht miteinander? Es waren ja nur ein paar Kilometer, vielleicht zehn oder zwölf. Warum sind wir, warum bin ich nicht mehrmals in der Woche zu ihm gefahren? Warum habe ich meinen kleinen Eric allein gelassen?

Der Tag danach ist der Tag, an dem du auf die Straße gehst und dich fragst, warum die anderen nicht genauso traurig sind wie du. Der Tag danach ist der Tag, an dem du die Menschen nicht ertragen kannst, die sich liebevoll Küssen, die Lachen und sich rege unterhalten. Warum geht es den Menschen nicht so wie dir, warum trauern sie nicht, wo doch gerade ein wundervoller Mensch diese Erde verlassen hat?

Klar, mein Verstand kennt die Antwort. Mein Verstand weiß, dass diese Menschen es gar nicht wissen, dass sie es gar nicht wissen können und das sie, wenn sie es wüssten, nicht so trauern könnten, wie wir, weil sie diesen wundervollen Menschen gar nicht kannten. Aber mein Herz kann das nicht verstehen. Mein Herz will, dass auch diese Menschen traurig sind, mein Herz will, dass auch sie um diesen wundervollen Menschen trauern, um den Menschen, den wir verloren haben. Und mein Herz tut weh, wenn diese Menschen nicht trauern, wenn diese Menschen sich küssen oder wenn diese Menschen einfach so lachen, wo lachen und küssen in dieser Situation doch total unangemessen ist.

Der Tag danach ist der Tag, an dem du verstehst, dass du diesen wundervollen Menschen nie wieder lachen sehen wirst. Der Tag, an dem du begreifst, dass du viel zu wenig Zeit mit diesem Menschen verbracht hast und das du wahrscheinlich auch einen Teil der Schuld daran trägst, dass er diesen Weg gewählt hat. Du begreifst, dass du nie erleben wirst, wie sich dieser Mensch das erste Mal richtig verliebt, wie er Vater wird, wie er sich eine Zukunft aufbaut.

Der Tag danach ist der Tag, an dem du die ganze Zeit mit den Tränen kämpfen musst. An dem dich die Erinnerungen überwältigen, weil du so viele gemeinsame Erlebnisse mit diesem Menschen hast, weil dein Gehirn nicht will, dass zu diesen Erlebnissen keine mehr dazu kommen, weil es will, dass die Zeit zurück gedreht wird, damit du es ändern kannst, damit du ihn abfangen kannst, ihn davon abhalten kannst. Aber der Verstand weiß natürlich auch, dass dieser Entschluss viel länger gereift ist, dass du viel weiter zurück in die Vergangenheit müsstest, um den Weg zu ändern, den dieser geliebte Mensch einschlägt.

Am Tag danach bist du einfach nur hilflos. Du möchtest Dragonball schauen, in der Hoffnung, dass der geliebte Mensch dazu kommt und mit dir zusammen Dragonball schaut. Du möchtest ein Buch kaufen, in der Hoffnung, dass du es dem geliebten Menschen schenken kannst. Aber das ist nicht möglich, er wird mit dir nie wieder Dragonballs schauen, du wirst ihm nie wieder ein Buch schenken können. Und dann kommen die Tränen, sie kommen immer wieder. Sicher, sie vergehen irgendwann, die Trauer wird irgendwann vergehen, der Schmerz wird irgendwann nachlassen, aber die Erinnerungen, die werden bleiben. Die Schönen und die Schmerzlichen. Der Tag danach ist einfach nur scheiße, und die Tage danach werden es auch sein.

Wenn ein Mensch sich entscheidet seinem Leben freiwillig ein Ende zu setzen, muss es schlimm in ihm ausgesehen haben. Nein, das ist nicht Feige, es gibt keine Vorwürfe, die irgendwer diesem Menschen machen kann. Es ist auch keine Wut vorhanden, es ist einfach nur Trauer.

Ich habe gehofft, niemals einen solchen Text schreiben zu müssen. Jetzt muss ich es, einfach um irgendwas zu tun. Ich muss es, weil die Gedanken, die mir seid dem Anruf durch den Kopf gehen, raus müssen. Ein Anruf, der das eigene Leben für immer verändert, es wird nie wieder so sein, wie es vor dem Anruf war. Schon deswegen nicht, weil ein Mensch aus meinem Leben verschwunden ist, einfach so, unerwartet.

Wäre es ein Unfall gewesen oder eine Krankheit, durch die dieser Mensch gestorben wäre, es wäre was anderes. Die Trauer wäre wahrscheinlich dieselbe, aber sie wäre dieselbe auf eine andere Art und Weise. Es war aber kein Unfall, es war ein Selbstmord – so sieht es zumindest derzeit aus. Und ein Selbstmord hinterlässt eine Leere, die andere Arten des Sterbens nicht hinterlassen. Auch die Frage, warum? Eine Frage, die wahrscheinlich nie wirklich beantwortet wird, die aber bleibt und die für Selbstvorwürfe sorgt und wahrscheinlich auch für Vorwürfe an andere.

Nein, ich möchte nicht über Vorwürfe schreiben. Du kannst niemanden Vorwürfe machen, auch dann nicht, wenn du dir die Frage nach dem warum stellst. Das wäre falsch, das würde andere Menschen verletzen und das würde auch die Frage danach aufwerfen, warum du selbst nicht geholfen hast, wenn du diese Probleme gesehen hast. Natürlich machst du dir Gedanken, aber es sind alles nur Spekulationen, es ist nichts greifbares, es ist eine Fragen, die sich vor die Leere stellt, die dich angrinst und die dir dann wieder den Blick auf diese Leere freigibt.

Diese Leere ist sofort da, und sofort ist auch diese Frage da. So war es zumindest bei mir, als ich heute den Anruf bekam, dass sich mein Neffe umgebracht hat.

Ich bin zusammen mit ihm aufgewachsen! Wir haben damals zusammen Dragenballs geschaut, er wusste immer besser Bescheid als ich. Ich habe ihn aus dem Kindergarten abgeholt, war bei seiner Einschulung dabei. Dann der Tag, an dem er von einem Auto angefahren wurde. Zuerst der Schock, dann schnell die Erleichterung, es war nur ein Beinbruch. Nur, denn es war nichts, woran er hätte sterben können. Ich habe ihn aufwachsen sehen und jetzt soll er plötzlich nicht mehr da sein, nur noch sein Körper.

Ich weiß noch, wie er mit einem Marmeladengesicht durch die Wohnung rannte und dabei lachte, wie er mit der Katze spielte – die Anfang des Jahres auch gestorben ist. Wie sie ihn an hüpfte und ihn fangen wollte. Sein lachen, seine Freude. Alles nicht mehr da!

Da war der Tag, an dem er in die Oberstufe kam. Ich sollte ihn damals hinbringen, ich habe ihn auch hingebracht, aber wir sind leider ein paar Minuten zu spät gekommen, weswegen es im Sekretariat gleich erst einmal gemecker gab. Aber er hat die Schule gemacht, hat sein Fachabitur gemacht und war auch im Studium verdammt gut. Ich war so stolz auf ihn und jetzt ist er einfach nicht mehr da!

Keiner wird mir sagen können warum. Warum er freiwillig gegangen ist.

Ja, der Kontakt war in letzter Zeit eher spärlich. Er hatte sein Handy kaum an, sodass er kaum telefonisch erreichbar war. Das letzte Mal habe ich ihn im Januar gesehen, er war bei uns, hat mit uns zusammen Silvester gefeiert. Hätte ich es da sehen können? Hätten wir da schon sehen MÜSSEN, dass er unglücklich ist? Das er mit seinem Leben nicht zufrieden ist?

Da sind sie wieder, diese Fragen. Es wird keine Antworten darauf geben. Was bleibt, ist die Trauer um einen wundervollen Menschen. Einen Menschen, der als Kind soviel Energie und Freude ausgestrahlt hat, von dem ich gedacht habe, dass er es weit im Leben bringt. Jetzt hat er einen anderen Weg eingeschlagen. Ein Weg, der ihn hoffentlich Glücklich macht, wenn es denn nach dem Leben tatsächlich noch etwas geben sollte. Ein Weg, der hier viele Menschen traurig zurück lässt. Sein Weg. Mach’s gut Eric. Solange wir Leben, solange werden wir dich nicht vergessen.