Svens kleiner Blog

Nicht wegen Geld, nicht wegen Ruhm, nicht wegen Aufmerksamkeit sondern einfach nur so ;-)

Es ist schwer über Flucht zu schreiben, wenn selbst keine Fluchterfahrungen gesammelt wurden.

Du sitzt vor dem Fernseher, siehst zu, wie die Menschen fliehen, trinkst dabei eine Limonade, isst vielleicht etwas, verstehst aber eigentlich gar nicht, was die Menschen dort gerade durchmachen. Du bist halt selbst noch nicht geflohen, hast selbst noch nicht deine Heimat verlassen müssen.

Du sitzt also vor deinem Fernseher, siehst die Menschen flüchten und gehst dann unbeeindruckt an deinen Kühlschrank, weil du Hunger hast und sich dort etwas zum Essen befindet. Dann setzt du dich hin, schaltest den Fernseher aus und nimmst ein Buch zur Hand. Eine Liebesgeschichte, mit der du es dir gemütlich machst auf deiner Couch. Die Heizung, die du angedreht hast, sorgt für ein warmes Zimmer und das Dach über deinem Kopf schützt dich vor dem Regen, der draußen gerade vom Himmel auf die Bäume und Straßen fällt.

Auf die Bäume und Straßen, auf denen gerade die geflüchteten Menschen unterwegs sind. Menschen, die nicht einfach an den Kühlschrank gehen können, wenn sie Hunger haben. Menschen, die nicht einfach die Heizung aufdrehen können, wenn ihnen kalt ist. Menschen, die nicht vor Regen geschützt sind, weil sei kein Haus haben, weil sie kein Dach haben.

Nach einiger Zeit legst du dein Buch zur Seite. Du hast genug gelesen. Du gehst in dein Bad, drehst das Wasser auf, erst das Heiße und dann das Kalte. Das Kalte solange, bis die Temperatur des Wassers stimmt. Du steckst den Stöpsel in den Abfluss, gibst etwas von deinem Schaumbad in das Wasser und freust dich auf die Entspannung.

Die geflüchteten Menschen laufen weiter durch den Regen, nass bis auf die Haut, vollkommen durchfroren. Ein warmes Bad wird ihnen auch heute wieder verwehrt bleiben. Nicht einmal waschen werden sie sich können, weil es kein Bad gibt, in dem sie sich waschen könnten, weil das wenige saubere Wasser zum trinken gebraucht wird. Sie laufen durch die Gegend, weit entfernt von ihrer Heimat. Einer Heimat, die durch einen Krieg zerstört wurde. Oder eine Heimat, in der sie hungern müssen, weil sie nicht dort keine Chance haben, sich etwas zum Essen zu kaufen, weil sie dort nichts haben, weil dort viele nichts haben und die Zukunft auch keine Besserung verspricht. Oder weil sie Verfolgt werden, da sie einer Minderheit angehören, oder weil sie einen anderen Glauben haben, oder eine andere sexuelle Orientierung. Oder, oder, oder.

Mit verschrumpelter Haut verlässt du die Wanne. Du trocknest dich ab, siehst dir bequeme Kleidung an und setzt dich wieder auf die Couch. Noch eine halbe Stunde willst du in deinem Buch lesen, bevor du in dein Bett gehst.

Mit feuchter Kleidung auf der Haut suchen die geflüchteten Menschen sich ein Nachtlager. Einen Ort, an dem sie sich für ein paar Stunden von ihren Strapazen erholen können. Sie werden wahrscheinlich wieder nicht viel Schlaf bekommen, weil sie viel zu viel Angst vor dem Schlafen haben. Es ist nicht nur das Misstrauen, es sind auch die Alpträume, die Alpträume von Gewalt, von Bomben oder der Verfolgung. Es sind auch die Schmerzen, die die Erholung erschweren.

 

Der Text „Flucht“ entstand im Rahmen der Blogparade #Fluchtgeschichten.

Vor ein paar Wochen schrieb ich hier, dass wir doch einmal ein EBook machen sollten, dessen Erlöse dann den geflüchteten Menschen zugute kommen. Ausgangspunkt war hier die Aktion #BloggerfuerFlüchtlinge, die in der Zwischenzeit eine Menge Geld für geflüchtete Menschen sammeln konnten. Respekt dafür.

Zurück zum EBook. Die Idee ist nicht im Sande verlaufen, sondern befindet sich jetzt schon in der Endphase. 11 Autoren haben bisher ihre Geschichten zur Verfügung gestellt, 194 Seiten sind es insgesamt. Es wird also ordentlich was zum Lesen geben. Jetzt fehlt eigentlich nur noch das Cover, der Titel des Buches und der Preis. Achja, meine Geschichten fehlen auch noch, ich bin mir nur nicht sicher, ob meine drei Kurzgeschichten überhaupt noch in das EBook passen, aber das werde ich, sobald ich endlich die Ines von den Höragenten getroffen habe, geklärt haben.

Aber das ist dann auch erst die erste Phase. Dannach kommt dann der schwierige Part, nämlich das EBook auch erfolgreich zu vermarkten. Aber ich bin mir sicher, dass wir das auch hinbekommen werden.

Ich würde mich so freuen, denn als ich das letzte Mal bei der Unterkunft für geflüchtete Menschen war, gab es da Kinder, die gerne mit meinem Fahrrad gefahren wären. Mein Fahrrad war natürlich viel zu groß für die, aber vielleicht führt ja das EBook dazu, dass diese Kinder bald mit einem Fahrrad durch die Gegend fahren können. Wobei das natürlich nicht das nötigste ist, aber wenn es ein Erfolg wird, dann bleibt vielleicht genügend Geld für so etwas übrig 🙂 .

Vierhundert Menschen! Vierhundert Menschen, die, wenn wir genauer hinsehen, gerade um ihr überleben kämpfen. Sie treiben auf dem Meer, ihr Boot ist gekentert, keine Hilfe weit und breit. Sie kämpfen, wollen weiter, wollen hier nicht sterben. Sie haben noch Träume, sie haben Familie und sie tragen Verantwortung für diese Familie. Vierhundert Menschen! Die Herkunft ist egal, die Religion ist egal, wichtig ist nur, dass es Menschen sind. Wichtig ist, dass sie Träume haben, dass sie in ein anderes Leben flüchten wollen, dass sie die Hoffnung für Menschen sind, die sie zurücklassen mussten. Vierhundert Menschen!

Dort, ein Mädchen, vielleicht 18 Jahre alt. Sie sieht noch gut aus, könnte es schaffen, wenn Hilfe unterwegs wäre. Sie schwimmt noch, hat noch keine Probleme damit, sich über Wasser zu halten. Ist das noch ein Lächeln, das über ihr Gesicht huscht? Ist das noch Hoffnung? Glaubt sie, dass noch alles gut wird?

Als sie vor mehreren Wochen ihr Heimatdorf verließ, hatte sie große Pläne. Sie wollte raus aus der Armut, wollte in eine andere Welt. Sie wollte gar nicht viel, sie wollte lernen. Mehr wollte sie nicht! Sie wollte Wissen sammeln, wollte Studieren, wollte Geld verdienen, damit sie den Menschen in ihrem Dorf helfen kann. Sie wollte Hoffnung in ihr Dorf bringen, wollte beweisen, dass sie nicht hungern müssen, dass es ihnen genauso gut gehen kann, wie den Menschen in der Welt, in die sie fliehen wollte.

Sie wollte nicht viel? Doch, sie wollte viel! Sie wollte die Welt verändern, wollte Ungerechtigkeiten benennen und sie abschaffen. Obwohl sie in einem kleinen Dorf lebte, konnte sie lesen und schreiben. Und sie las viel. Viel über die Welt, in die sie fliehen wollte und über die Möglichkeiten, die sie hätte, um dort die Welt zu verändern. Ihr war bewusst, dass sie noch viel lernen musste, um überhaupt eine Chance zu haben und ihr war bewusst, dass sie kämpfen musste, um ihre Ziele zu erreichen.

Wollen wir ihr einen Namen geben, denn sie hat einen Namen verdient. Nicht irgendeinen, nicht einen, den wir nicht aussprechen können, weswegen wir ihn schnell wieder vergessen. Geben wir ihr einen Namen, wie er in Europa oft zu hören ist. Nennen wir sie Svenja.

Svenja entschied sich vor vielen Wochen, ihr Dorf zu verlassen. Die Entscheidung fiel ihr nicht leicht, denn sie verließ nicht nur die Armut, die dort herrschte, sondern auch ihre Familie und Freunde. Sie verließ all die Menschen, mit denen sie aufgewachsen ist, mit denen sie viel gelacht hat und auch viel geweint. Sie verließ die Welt, in der sie aufgewachsen ist und die sie geprägt hat. Sie verließ den Ort, an dem sie viele Sonnenauf- und Untergänge erlebt hat, an dem sie sooft die Sterne beobachtet und ja, an dem sie auch das erste Mal geküsst hat. Svenja machte sich diese Entscheidung nicht leicht, aber der Hunger, den sie in ihrem Dorf oft erleben musste, stärkte sie. Nein, nicht nur der Hunger, auch die Gewalt, die in ihrem Land herrschte und die auch vor ihrem Dorf keinen Halt machte, half ihr dabei, diese Entscheidung zu treffen. Sie zog also los, um diese andere Welt zu erreichen, von der sie schon soviel gelesen hatte.

Sie machte sich auf den Weg, auf dem Svenja viele andere Menschen kennenlernte. In den Wochen, die sie bis zum Meer brauchte, lernte sie eine alte Frau kennen, bei der sie übernachten durfte. Sie war zu diesem Zeitpunkt schon eine Woche unterwegs, hatte wenig geschlafen und mehr als einmal musste sie sich vor Männern in Sicherheit bringen, die nichts Gutes von ihr wollten. Nach dieser Woche hatte Svenja schon viel von ihrem Mut verloren. Sie dachte daran, wieder umzukehren, wieder in ihr Dorf zu gehen, zurück zu ihren Freunden und zu ihrer Familie. Scheitern, hatte ihr Vater ihr gesagt, scheitern sei nichts Schlimmes, denn scheitern können nur die Menschen, die etwas gewagt haben. Sie hätte also in ihr Dorf zurückkehren können, ohne das ihr irgendwer Vorwürfe gemacht hätte. Aber Svenja hielt durch und sie traf diese alte Frau, bei der sie übernachten durfte. Und sie blieb dort nicht nur eine Nacht, sie blieb dort fünf Nächte. Sie half der Frau bei ihrer Arbeit. Svenja holte Wasser aus dem Brunnen, der sich in der Nähe der Hüte befand. Sie sammelte die Eier der Hühner ein, die der alten Frau gehörten und sie übernahm viele andere Arbeiten. Im Gegenzug bekam sie Essen, Trinken und eine Schlafstelle. Aber das Wichtigste, was sie bekam, waren die vielen Geschichten, die die alte Frau jeden Abend erzählte. Geschichten, die Svenja wieder neuen Mut gaben und die sie in der anderen Welt, in die sie gerade flüchtete, anderen Menschen erzählen wollte, um diesen Menschen Mut zu machen. Denn, wie sie von der alten Frau erfuhr, es gab auch in dieser Welt Menschen, die Mut brauchten, weil es ihnen nicht so gut ging, weil auch sie in Armut lebten. Als sie weiterzog, wünschte ihr die alte Frau viel Glück. Sie hoffte, dass Svenja sie nicht so schnell vergisst und das sie sich vielleicht noch einmal wiedersehen, auch wenn der alten Frau bewusst war, dass ihr Leben nur noch eine kurze Zeitspanne hatte.

Svenja ging weiter, begegnete auf ihrer Reise einen jungen Mann. Doch, sie verliebte sich in ihn, jedoch war der Wunsch, in die andere Welt zu gelangen, stärker und so ließ sie den jungen Mann, nach einigen Tagen, zurück. Für Liebe hatte sie auch in der Welt hinter dem Meer noch genügend Zeit.

Sie erreicht das Meer, schaffte es auf ein Schiff, das noch 399 andere Menschen nach Europa bringen sollte und sie freute sich darauf, in Europa zu lernen.

Gewiss hätte Svenja es schaffen können. Sie war eine starke Frau, gerade erst 18 Jahre alt. Sie hätte viel zu erzählen gehabt, hätte vielleicht sogar ein Buch schreiben können, mit dem sie vielleicht sogar viel Geld verdient hätte. Aber auf dem offenen Meer kenterte ihr Schiff, war plötzlich nicht mehr da. Svenja war jung, hatte noch genügend Kraft, und wenn Hilfe gekommen wäre, dann wäre sie sicher unter den wenigen Menschen gewesen, die hätten gerettet werden können. Aber die Hilfe kam nicht und irgendwann machte Svenja ihren letzten Atemzug, dann verließ sie die Kraft, dann verlor sie den Mut und dann sank sie auf den Grund des Meeres, zusammen mit ihrem Traum und der Hoffnung und den Geschichten der alten Frau, die sie erzählen wollte. Und vor ihr und nach ihr versanken weitere 399 Träume, sanken auf den Grund des Meeres. Vierhundert versunkene Träume.