Svens kleiner Blog

Nicht wegen Geld, nicht wegen Ruhm, nicht wegen Aufmerksamkeit sondern einfach nur so ;-)

Das Lied könnt ihr auch kaufen, zum Beispiel hier bei Amazon (Amzon-Partnerlink):

Es ist schwer über Flucht zu schreiben, wenn selbst keine Fluchterfahrungen gesammelt wurden.

Du sitzt vor dem Fernseher, siehst zu, wie die Menschen fliehen, trinkst dabei eine Limonade, isst vielleicht etwas, verstehst aber eigentlich gar nicht, was die Menschen dort gerade durchmachen. Du bist halt selbst noch nicht geflohen, hast selbst noch nicht deine Heimat verlassen müssen.

Du sitzt also vor deinem Fernseher, siehst die Menschen flüchten und gehst dann unbeeindruckt an deinen Kühlschrank, weil du Hunger hast und sich dort etwas zum Essen befindet. Dann setzt du dich hin, schaltest den Fernseher aus und nimmst ein Buch zur Hand. Eine Liebesgeschichte, mit der du es dir gemütlich machst auf deiner Couch. Die Heizung, die du angedreht hast, sorgt für ein warmes Zimmer und das Dach über deinem Kopf schützt dich vor dem Regen, der draußen gerade vom Himmel auf die Bäume und Straßen fällt.

Auf die Bäume und Straßen, auf denen gerade die geflüchteten Menschen unterwegs sind. Menschen, die nicht einfach an den Kühlschrank gehen können, wenn sie Hunger haben. Menschen, die nicht einfach die Heizung aufdrehen können, wenn ihnen kalt ist. Menschen, die nicht vor Regen geschützt sind, weil sei kein Haus haben, weil sie kein Dach haben.

Nach einiger Zeit legst du dein Buch zur Seite. Du hast genug gelesen. Du gehst in dein Bad, drehst das Wasser auf, erst das Heiße und dann das Kalte. Das Kalte solange, bis die Temperatur des Wassers stimmt. Du steckst den Stöpsel in den Abfluss, gibst etwas von deinem Schaumbad in das Wasser und freust dich auf die Entspannung.

Die geflüchteten Menschen laufen weiter durch den Regen, nass bis auf die Haut, vollkommen durchfroren. Ein warmes Bad wird ihnen auch heute wieder verwehrt bleiben. Nicht einmal waschen werden sie sich können, weil es kein Bad gibt, in dem sie sich waschen könnten, weil das wenige saubere Wasser zum trinken gebraucht wird. Sie laufen durch die Gegend, weit entfernt von ihrer Heimat. Einer Heimat, die durch einen Krieg zerstört wurde. Oder eine Heimat, in der sie hungern müssen, weil sie nicht dort keine Chance haben, sich etwas zum Essen zu kaufen, weil sie dort nichts haben, weil dort viele nichts haben und die Zukunft auch keine Besserung verspricht. Oder weil sie Verfolgt werden, da sie einer Minderheit angehören, oder weil sie einen anderen Glauben haben, oder eine andere sexuelle Orientierung. Oder, oder, oder.

Mit verschrumpelter Haut verlässt du die Wanne. Du trocknest dich ab, siehst dir bequeme Kleidung an und setzt dich wieder auf die Couch. Noch eine halbe Stunde willst du in deinem Buch lesen, bevor du in dein Bett gehst.

Mit feuchter Kleidung auf der Haut suchen die geflüchteten Menschen sich ein Nachtlager. Einen Ort, an dem sie sich für ein paar Stunden von ihren Strapazen erholen können. Sie werden wahrscheinlich wieder nicht viel Schlaf bekommen, weil sie viel zu viel Angst vor dem Schlafen haben. Es ist nicht nur das Misstrauen, es sind auch die Alpträume, die Alpträume von Gewalt, von Bomben oder der Verfolgung. Es sind auch die Schmerzen, die die Erholung erschweren.

 

Der Text „Flucht“ entstand im Rahmen der Blogparade #Fluchtgeschichten.

Cover #Ebookfuerfluechtlinge von Amazon

Amazon-Partnerlink

Es ist da! Das #ebookfuerfluechtlinge kann jetzt, zumindest bei Amazon, gekauft werden – für 2,99 Euro. In den nächsten Tagen ist es sicher auch in den anderen E-Book-Stores erhältlich, also auch in dem, in den ihr euch eure E-Books kauft, also haltet die Augen auf und kauft das E-Book.

Ihr wisst gar nicht, wovon ihr hier eigentlich rede? Vor ein paar Wochen machte ich den Vorschlag, dass wir im Rahmen der Aktion #BloggerfuerFluechtlinge doch auch ein E-Book erstellen könnten, dessen Erlöse dann zu hundert Prozent den geflüchteten Menschen zu Gute kommen. Diese Idee hat sich dann Ines von @DieHöragenten geschnappt und das Ergebnis ist jetzt im Handel erhältlich.

Mein Dank geht hier an die 13 Autoren, die ihre Kurzgeschichten für diese Projekt kostenlos zur Verfügung gestellt haben, er geht aber auch an Ines, die mit dem Projekt die meiste Arbeit hatte und im Hintergrund ihre Kontakte hat spielen lassen, damit das E-Book zum E-Book wird. Ich finde das Klasse und nun lasst uns den Weg noch weiter gehen und das E-Book bei Amazon und in all den anderen E-Book-Stores unter die Top100 bringen. Vielleicht schaffen wir auch den ersten Platz – dafür müssen wir aber soviel Werbung wie möglich für das Buch machen und Bewertungen in den E-Book-Stores sind auch immer wichtig – und hier meine ich ehrliche Bewertungen, alles andere würde nämlich genau das Gegenteil bewirken.

Also los, lasst es uns rocken. Es wird jetzt übrigens Winter, da ist jeder Cent, der den geflüchteten Menschen zur Verfügung steht, wichtig werden. Das die Politik das nicht schafft, beweist sie derzeit täglich.

Weitere Stores:

 

 

 

Hach, die letzten Tage habe ich viel gearbeitet. Umso mehr freue ich mich, dass sich unter dem Hashtag #BloggerfuerFluechtlinge inzwischen Blogger gefunden haben, die sich dem Thema Flucht stellen und sich mit geflüchteten Menschen beschäftigen. Viel mehr noch, über Betterplace haben diese Blogger eine Sammlung gestartet und schon über 10.000,- Euro eingesammelt. KLASSE.

Vierhundert versunkene Träume

 

Nun kam mir die Idee, dass wir auch ein E-Book gestalten könnten, dessen Erlöse dann komplett für geflüchtete Menschen verwendet werden. Die Idee kam mir, weil ich vor einiger Zeit ein paar kurze Geschichten zu dem Thema geschrieben habe, die hier auch im Blog zu finden sind. Eine davon hatte den Titel “Vierhundert versunkene Träume”, der sich auch gut als Titel für das E-Book eignen würde. Nur, die paar Geschichten, die ich zum Thema geschrieben habe, reichen natürlich noch nicht für ein E-Book, und deswegen dachte ich mir, dass das eine Geschichtensammlung wird, zu der jeder Blogger seine Geschichte beisteuern kann. Es müssen ja nicht vierhundert Geschichten sein, aber wenn sich einige Blogger finden, dann könnte eine schöne Sammlung zusammenkommen.

Ich habe natürlich keine Ahnung, wie das mit dem Verkauf dann funktioniert. Wobei ich damit nicht meine, wie es bei den verschiedenen E-Book-Shops hochgeladen wird, denn das funktioniert super einfach mit BookRix. Ich meine damit, wer als Verkäufer des E-Books eintritt. Wahrscheinlich müsste das ein Verein machen, damit die Einnahmen nicht in die Einkommenssteuererklärung müssen. Aber ich glaube, dafür würde sich sicher eine Lösung finden lassen.

Dann bliebe natürlich noch das Cover, dass gestaltet werden müsste. Aber ich will noch nicht über den zweiten Schritt nachdenken, bevor der erste Schritt getan ist. Und dieser erste Schritt ist, euch zu Fragen, was ihr von dieser Idee haltet. Ob ihr eventuell sogar mitmachen würdet, oder ob ihr die für totalen Unsinn haltet. Also traut euch und hinterlasst eure Meinung in den Kommentaren.

Update 26.08:

 

Nachdem ich gestern den Artikel hier spontan veröffentlicht habe, hat sich schon ein wenig was getan. Den Erstellung und den Vertrieb des E-Books würden die Höragenten übernehmen, die eventuell dann auch die Geschichten vertonen würden. Ich habe heute schon mit Ines von den Höragenten telefoniert und ich glaube, dass kann eine super Sache werden. Als Einsendeschluss für die kurzen Geschichten haben wir uns den 11.09.2015 gedacht. Danach würden wir gemeinsam die Geschichten sichten und den nächsten Schritt gehen.

Achso, die Geschichten müssen sich nicht unbedingt mit Flucht beschäftigen. Es können Liebesgeschichten sein, kleine Krimis oder Horror. Das sind natürlich nur Beispiele, lasst euch nicht einschränken in euren Ideen.

 

Seit einigen Jahren schreibe ich hier unregelmäßig über geflüchtete Menschen, ich schreibe nicht nur, ich kotze mich aus über die Menschenfeindliche Stimmung in unserem Land, darüber, dass wir vergessen, welche Verantwortung wir gegenüber den geflüchteten Menschen haben. Was mich in dieser Zeit immer irritiert hat, ist, dass die großen Blogs, also die, die eine sehr große Reichweite haben, meist über das Thema geschwiegen haben. Ich war erschüttert, wie wenige der großen Blogger sich für dieses Thema interessiert haben, wie viele lieber über Katzen gebloggt haben, oder über andere Dinge, die durchaus auch wichtig sind, die aber eben nichts gegen diese Menschenfeindlichkeit bewirkten, die sich in unserem Land breit macht.

Inzwischen brennen in Deutschland wieder Unterkünfte für geflüchtete Menschen. Geflüchtete Menschen werden in Deutschland mit Hass begrüßt, die Politiker geben diesem Hass Nahrung, indem sie abwertend von Wirtschaftsflüchtlingen reden, von Sozialschmarotzern, die nur unser Geld haben wollen. Es sind dieselben Politiker, die sich dann darüber wundern, dass die Mitte der Gesellschaft so rassistisch ist und die alles dafür tun, um die Stimmung gegenüber geflüchteten Menschen noch mehr aufzuheizen. Und was machen die großen Blogger? Sie machen nichts, sie schreiben weiter über Katzen und über Themen, die nichts gegen die Menschfeindlichkeit bewirken.

Warum? Ich verstehe dieses Schweigen nicht. Liegt es daran, dass diese Blogger angst davor haben, dass sie dadurch Leser verschrecken könnten? Fürchten sie, dass sie dadurch an Reichweite verlieren? Wenn ja, warum? Brauchen diese Blogger wirklich rassistische Leser? Bringen die mehr Geld?

Ich weiß es nicht! Ich weiß aber, dass ich es schrecklich finde, dass die großen Blogs kaum etwas zu diesem Thema schreiben. Sie hätten die Reichweite, sie könnten sich gegen den Rassismus stellen, der sich in der Gesellschaft eingenistet hat, sie könnten ein Zeichen setzen, doch sie nutzen diese Chance nicht. Sie schreiben nicht über die Menschen, die während ihrer Flucht ihr Leben verloren haben. Sie schreiben nichts über die Fluchtgründe, über das Elend, die Not, das Leid oder die Armut. Nichts über die Ausbeutung, über Kriege und Verfolgung. Sie schweigen darüber, vielleicht aus Angst davor, eine Position beziehen zu müssen.

Wenn ich mir überlege, wieoft ich auf Twitter schon geblockt wurde, weil ich darauf hingewiesen habe, dass ein Tweet ziemlich rassistisch war. Wenn ich mich an die Diskussionen erinnere , in denen ich am Ende persönlich angegriffen wurde, weil ich die geflüchteten Menschen verteidigt habe. Für meinen Blog war das wahrscheinlich nicht immer gut, aber hey, auf Arschlöcher kann ich gerne verzichten. Und wenn ich, weil ich meine Meinung vertrete, nur 10 Leser im Blog habe, dann ist das eben so. Wichtig ist doch, dass ich mich wohl fühle, dass ich zu meiner Meinung stehe, dass ich eine Position bezogen habe. Schweigen kann die Welt nicht verbessern. Blogger, die Position beziehen, die aufhören zu schweigen, können das. Große Blogs, die eine große Reichweite haben, können das noch mehr.

Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann wäre das, dass die großen Blogger in Deutschland endlich Position beziehen. Gerne auch mit Katzencontent …

Blogs, die was zu sagen haben …

 

Jamila, ein junges Mädchen vom afrikanischen Kontinent. Sie ist gerade erst 15 und doch schon so erwachsen. Sie ist auf der Suche nach ihrem Platz in dieser Welt, einen Ort, an dem sie keinen Hunger erleiden muss, einen Platz, an dem sie sich sicher fühlt. Jamila möchte eine Ausbildung machen, möchte Arbeiten, will Geld verdienen. Das Mädchen kennt keinen Neid, freut sich darüber, dass es anderen Menschen gut geht, aber es möchte sich seinen Teil von diesem Wohlstand erarbeiten, möchte niemanden etwas wegnehmen. Wenn Jamila in Afrika die Möglichkeit dazu hätte, würde sie es dort tun – nein, sie wird es dort tun, sobald sie genügend Geld verdient hat, um dort etwas aufzubauen. Und wenn es mit dem Geld nicht klappt, dann möchte sie wenigstens genügend Bildung erwerben, um diese dann an andere afrikanische Kinder weiterzugeben, damit die etwas aufbauen können, in ihrem Land, welches auf dem afrikanischen Kontinent liegt.

Jamila möchte hier nicht weg. Sie liebt dieses Land, sie liebt die Natur, die Landschaften. Hier hat sie ihre Wurzeln, hier hat sie ihre Familie, aber hier muss sie eben auch ständig mit ihrem Hunger leben. Und dann diese Gewalt. Nein, die meisten Menschen sind nicht Böse, da ist sich Jamila sicher, es sind die Umstände, die sie zu dem machen, was sie inzwischen sind. Wenn die Menschen nicht ständig hungern müssten, obwohl sie so viel arbeiten, dann wären sie friedlicher, dann würden sie sich nicht mit Gewalt das holen müssen, was sie zum Leben brauchen. Jamila weiß, wo das Geld ist, das hier fehlt. Es ist dort, wo die Rohstoffe hingehen, die hier abgebaut werden und für die nur wenig Geld gezahlt wird.

Jamila würde gerne Politik machen, aber das ist in ihrem Land kaum möglich. Wenn es möglich wäre, würde sie vieles in ihrem Land ändern, sie würde dafür sorgen, dass es den Menschen gut geht, aber ihr fehlt das Geld, um hier Politik machen zu können. Und den Menschen in ihrem Land fehlt die Bildung, um etwas ändern zu können. Und genau deswegen möchte sie nach Europa. Sie möchte Geld verdienen und sie möchte Wissen sammeln und mit beiden möchte sie zurück in ihr Land.

Schauen wir mal, wo Jamila gerade ist, schauen wir mal, wie weit sie schon ist, ob sie Europa schon erreicht hat:

„Jamila, wo bist du gerade?“

„Ich bin hier, siehst du mich?“

„Jamila, ich sehe viel Wasser, sehr viel Wasser, aber dich sehe ich nicht. Wo ist denn dein Boot?“

„Mein Boot ist gesunken. Es waren wohl zu viele Menschen drauf, aber ich bin hier, schau einmal genau hin. Ich schwimme hier, siehst du mich? Ich versuche es weiterhin, versuche nach Europa zu kommen.“

„Jamila, Europa ist noch viel zu weit weg. Da ist doch nirgendwo Land, da ist nur Wasser, überall Wasser um dich herum.“

„Ja, sehr viel Wasser. Salziges Wasser. Aber ich muss schwimmen. Was sollte ich auch sonst tun? Hier ist kein Schiff, das mir zur Hilfe kommt, hier ist niemand, also muss ich schwimmen. Schwimmen und hoffen, dass ich das Land erreiche.“

„Aber Jamila, so weit kann doch keiner schwimmen! Es ist viel zu weit weg!“

„Ich muss, oder soll ich Aufgeben? Wenn ich nicht mehr schwimme, gehe ich unter, und wenn ich untergehe, kann ich nichts mehr ändern. Und es gibt viel zu ändern. In Europa, in Afrika, überall. Ich muss nach Europa kommen und dort komme ich nur hin, wenn ich schwimme.“
„Es muss doch irgendwo ein Schiff sein, Jamila, irgendwo muss es doch Hilfe für dich geben. Ich würde dir so gerne helfen, aber ich kann nicht. Warum kann ich dir nicht helfen, Jamila?“

„Weil du nicht hier bist, weil du kein Boot hast, und wenn du eines hättest, dann wärst du immer noch nicht hier. Und hier ist auch kein anderes Schiff und deswegen muss ich weiter schwimmen und hoffen.“

„Jamila, wo bist du? Ich kann dich nicht mehr sehen, nur noch Wasser… – Jamila?“

Jamila ist fort! War sie dort überhaupt? Schwamm sie eben wirklich dort auf dem Wasser, war sie da? Ja, Jamila war dort, nun ist sie fort, für immer. Jamilia, auf hebräisch bedeutet das „Die den Frieden bringt“ – Jamila ist ertrunken, vor der Küste des Friedensnobelpreisträgers. Wer bringt jetzt den Frieden? Den Frieden nach Afrika, den Frieden unter die Menschen? Jamila kann es nicht mehr, sie musste sterben, weil Europa Angst davor hat, den Wohlstand zu teilen. Den Wohlstand, der zum Teil auch aus Afrika stammt.

Vierhundert Menschen! Vierhundert Menschen, die, wenn wir genauer hinsehen, gerade um ihr überleben kämpfen. Sie treiben auf dem Meer, ihr Boot ist gekentert, keine Hilfe weit und breit. Sie kämpfen, wollen weiter, wollen hier nicht sterben. Sie haben noch Träume, sie haben Familie und sie tragen Verantwortung für diese Familie. Vierhundert Menschen! Die Herkunft ist egal, die Religion ist egal, wichtig ist nur, dass es Menschen sind. Wichtig ist, dass sie Träume haben, dass sie in ein anderes Leben flüchten wollen, dass sie die Hoffnung für Menschen sind, die sie zurücklassen mussten. Vierhundert Menschen!

Dort, ein Mädchen, vielleicht 18 Jahre alt. Sie sieht noch gut aus, könnte es schaffen, wenn Hilfe unterwegs wäre. Sie schwimmt noch, hat noch keine Probleme damit, sich über Wasser zu halten. Ist das noch ein Lächeln, das über ihr Gesicht huscht? Ist das noch Hoffnung? Glaubt sie, dass noch alles gut wird?

Als sie vor mehreren Wochen ihr Heimatdorf verließ, hatte sie große Pläne. Sie wollte raus aus der Armut, wollte in eine andere Welt. Sie wollte gar nicht viel, sie wollte lernen. Mehr wollte sie nicht! Sie wollte Wissen sammeln, wollte Studieren, wollte Geld verdienen, damit sie den Menschen in ihrem Dorf helfen kann. Sie wollte Hoffnung in ihr Dorf bringen, wollte beweisen, dass sie nicht hungern müssen, dass es ihnen genauso gut gehen kann, wie den Menschen in der Welt, in die sie fliehen wollte.

Sie wollte nicht viel? Doch, sie wollte viel! Sie wollte die Welt verändern, wollte Ungerechtigkeiten benennen und sie abschaffen. Obwohl sie in einem kleinen Dorf lebte, konnte sie lesen und schreiben. Und sie las viel. Viel über die Welt, in die sie fliehen wollte und über die Möglichkeiten, die sie hätte, um dort die Welt zu verändern. Ihr war bewusst, dass sie noch viel lernen musste, um überhaupt eine Chance zu haben und ihr war bewusst, dass sie kämpfen musste, um ihre Ziele zu erreichen.

Wollen wir ihr einen Namen geben, denn sie hat einen Namen verdient. Nicht irgendeinen, nicht einen, den wir nicht aussprechen können, weswegen wir ihn schnell wieder vergessen. Geben wir ihr einen Namen, wie er in Europa oft zu hören ist. Nennen wir sie Svenja.

Svenja entschied sich vor vielen Wochen, ihr Dorf zu verlassen. Die Entscheidung fiel ihr nicht leicht, denn sie verließ nicht nur die Armut, die dort herrschte, sondern auch ihre Familie und Freunde. Sie verließ all die Menschen, mit denen sie aufgewachsen ist, mit denen sie viel gelacht hat und auch viel geweint. Sie verließ die Welt, in der sie aufgewachsen ist und die sie geprägt hat. Sie verließ den Ort, an dem sie viele Sonnenauf- und Untergänge erlebt hat, an dem sie sooft die Sterne beobachtet und ja, an dem sie auch das erste Mal geküsst hat. Svenja machte sich diese Entscheidung nicht leicht, aber der Hunger, den sie in ihrem Dorf oft erleben musste, stärkte sie. Nein, nicht nur der Hunger, auch die Gewalt, die in ihrem Land herrschte und die auch vor ihrem Dorf keinen Halt machte, half ihr dabei, diese Entscheidung zu treffen. Sie zog also los, um diese andere Welt zu erreichen, von der sie schon soviel gelesen hatte.

Sie machte sich auf den Weg, auf dem Svenja viele andere Menschen kennenlernte. In den Wochen, die sie bis zum Meer brauchte, lernte sie eine alte Frau kennen, bei der sie übernachten durfte. Sie war zu diesem Zeitpunkt schon eine Woche unterwegs, hatte wenig geschlafen und mehr als einmal musste sie sich vor Männern in Sicherheit bringen, die nichts Gutes von ihr wollten. Nach dieser Woche hatte Svenja schon viel von ihrem Mut verloren. Sie dachte daran, wieder umzukehren, wieder in ihr Dorf zu gehen, zurück zu ihren Freunden und zu ihrer Familie. Scheitern, hatte ihr Vater ihr gesagt, scheitern sei nichts Schlimmes, denn scheitern können nur die Menschen, die etwas gewagt haben. Sie hätte also in ihr Dorf zurückkehren können, ohne das ihr irgendwer Vorwürfe gemacht hätte. Aber Svenja hielt durch und sie traf diese alte Frau, bei der sie übernachten durfte. Und sie blieb dort nicht nur eine Nacht, sie blieb dort fünf Nächte. Sie half der Frau bei ihrer Arbeit. Svenja holte Wasser aus dem Brunnen, der sich in der Nähe der Hüte befand. Sie sammelte die Eier der Hühner ein, die der alten Frau gehörten und sie übernahm viele andere Arbeiten. Im Gegenzug bekam sie Essen, Trinken und eine Schlafstelle. Aber das Wichtigste, was sie bekam, waren die vielen Geschichten, die die alte Frau jeden Abend erzählte. Geschichten, die Svenja wieder neuen Mut gaben und die sie in der anderen Welt, in die sie gerade flüchtete, anderen Menschen erzählen wollte, um diesen Menschen Mut zu machen. Denn, wie sie von der alten Frau erfuhr, es gab auch in dieser Welt Menschen, die Mut brauchten, weil es ihnen nicht so gut ging, weil auch sie in Armut lebten. Als sie weiterzog, wünschte ihr die alte Frau viel Glück. Sie hoffte, dass Svenja sie nicht so schnell vergisst und das sie sich vielleicht noch einmal wiedersehen, auch wenn der alten Frau bewusst war, dass ihr Leben nur noch eine kurze Zeitspanne hatte.

Svenja ging weiter, begegnete auf ihrer Reise einen jungen Mann. Doch, sie verliebte sich in ihn, jedoch war der Wunsch, in die andere Welt zu gelangen, stärker und so ließ sie den jungen Mann, nach einigen Tagen, zurück. Für Liebe hatte sie auch in der Welt hinter dem Meer noch genügend Zeit.

Sie erreicht das Meer, schaffte es auf ein Schiff, das noch 399 andere Menschen nach Europa bringen sollte und sie freute sich darauf, in Europa zu lernen.

Gewiss hätte Svenja es schaffen können. Sie war eine starke Frau, gerade erst 18 Jahre alt. Sie hätte viel zu erzählen gehabt, hätte vielleicht sogar ein Buch schreiben können, mit dem sie vielleicht sogar viel Geld verdient hätte. Aber auf dem offenen Meer kenterte ihr Schiff, war plötzlich nicht mehr da. Svenja war jung, hatte noch genügend Kraft, und wenn Hilfe gekommen wäre, dann wäre sie sicher unter den wenigen Menschen gewesen, die hätten gerettet werden können. Aber die Hilfe kam nicht und irgendwann machte Svenja ihren letzten Atemzug, dann verließ sie die Kraft, dann verlor sie den Mut und dann sank sie auf den Grund des Meeres, zusammen mit ihrem Traum und der Hoffnung und den Geschichten der alten Frau, die sie erzählen wollte. Und vor ihr und nach ihr versanken weitere 399 Träume, sanken auf den Grund des Meeres. Vierhundert versunkene Träume.