Svens kleiner Blog

Nicht wegen Geld, nicht wegen Ruhm, nicht wegen Aufmerksamkeit sondern einfach nur so ;-)

„Entschuldigen Sie, natürlich finde ich es scheiße das Menschen sich Wohnraum nicht mehr leisten können, aber daran bin doch ich nicht Schuld und nein, es gibt natürlich auch kein Recht darauf, dass sich die Stadt nicht verändert. Schuld ist doch nur der Vermieter und nicht ich, obwohl ich es bin, der die hohen Mieten zahlt und ich auch bereit bin, diese hohen Mieten zu zahlen. Und warum sollte ich den Vermieter an sein soziales Gewissen erinnern? Dafür ist doch die Politik da! Und alle, die dies eben doch tun, tun dies nur aus Eigennutz …“

Nein, das ist natürlich nicht meine Meinung, so liest sich allerdings die Kolumne von Özlem Topcu, welche in der „Zeit“ veröffentlicht wurde. Sie spricht von autoritären und selbstgerechten Protest der linksautonomen Szene gegen die Gentrifizierung. Davon, dass der Zorn die falschen trifft, die Menschen die „hart Arbeiten“, um sich ihr Auto und ihre Wohnung finanzieren zu können. Was bedeutet das? Das die, die mit den steigenden Mieten nicht mehr mithalten können und deswegen aus ihrem sozialen Umfeld vertrieben werden, nicht „hart Arbeiten“? Ist diese Aussage in sich nicht schon wieder selbstgerecht?

Es gibt viele Menschen, die arbeiten genauso hart oder noch sehr viel härter als Frau Topcu, können sich aber die hohen Mieten nicht leisten, geschweige denn von einem Auto. Menschen, die Jahrzehnte in einem Kiez gelebt haben, ihn teilweise mit geprägt haben, ihn zu dem gemacht haben, was er ist und die dann verdrängt werden, weil es andere Menschen gibt, die bereit sind eine bedeutend höhere Miete zu zahlen, um ein Teil von diesem Kiez zu werden, den die Menschen, die verdrängt werden, aufgebaut haben.

Ja, diese Bereitschaft höhere Mieten zu zahlen, ist Teil des Problems. Frau Topcu macht es sich zu einfach, wenn sie fordert, dass die Politik die Vermieter an ihr soziales Gewissen erinnern soll. Frau Topcu selbst muss dies tun! Frau Topcu natürlich nicht allein, sondern alle, die in der Lage sind solch hohe Mieten zu zahlen. Erst wenn die Bereitschaft sinkt, immer höhere Mieten zu zahlen, erst dann wird ein Prozess der Veränderung starten. Die Politik kann natürlich mit dem Zeigefinger auf den Vermieter zeigen, nur den wird es kaum interessieren, solange es Mieter gibt, die bereit sind, noch höhere Mieten zu zahlen.

Frau Topcu vergisst also, dass sie Teil des Problems ist, und als Teil des Problems, bekommt sie natürlich auch den Protest gegen Gentrifizierung zu spüren. Nicht, weil sie „so hart arbeitet“, sondern weil sie bereit ist, so hohe Mieten zu bezahlen. Sie könnte dies aber ändern. Wenn sie bereit wäre, sich mit den Menschen zu solidarisieren, die aus ihrem sozialen Umfeld verdrängt werden sollen. Wenn sie wirklich der Meinung ist, dass etwas gegen diese Verdrängung gemacht werden muss, dann muss sie dies auch Zeigen. Sie wird dann auch sehr schnell verstehen, dass sie nicht zum Gegenstand des Protestes wird, weil sie ein wenig mehr Geld verdient, sondern weil sie eben bereit ist, Menschen zu verdrängen. Der Protest entsteht nicht, weil die Menschen vor Neid schäumen, er entsteht, weil die Menschen ihr zu Hause verlieren, ihr soziales Umfeld. Dies ist Frau Topcu aber anscheinend nicht wirklich bewusst, denn wenn dem so wäre, würde sie nicht versuchen, den Protest durch eine Neiddebatte zu delegitimieren.

Vielleicht sollte sich Frau Topcu einmal darüber Gedanken machen, ob es nicht falsch ist, den Forderungen der Vermieter nachzukommen, nur weil sie es kann. Vielleicht sollte sie sich einmal überlegen, ob sie diese Spirale nicht durchbrechen möchte und kann, indem sie sich eine Grenze bei der Miethöhe setzt und sie eben nicht in den Szene-Bezirk zieht, wenn die Vermieter dort mehr verlangen als sie bereit ist zu bezahlen. Wenn niemand mehr bereit ist, immer höhere Mieten zu zahlen, dann wird der Vermieter sich dem Markt sehr schnell anpassen müssen, was bedeutet, dass er seine Mietpreise nach unten korrigieren muss. Nur so kann der Prozess der Verdrängung durchbrochen werden – die Politik selbst kann da relativ wenig machen.





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